1./2. 1. 2015 - Insel Chiloe

Wir ließen es ruhig angehen an diesem Neujahrsmorgen und genossen erst einmal das Frühstück. Wir entschieden uns der Insel Chiloe einen Besuch ab zu statten. Die Isla Grande de Chiloe ist die zweitgrößte Insel des Kontinents. In geschichtlicher und kultureller Hinsicht haben die Insulaner einen steten Unabhängigkeitsgeist gegenüber dem Kernland und der Zentralregierung bewiesen (Lonely Planet). Ancud, eine Stadt an der Nordküste der Insel sollte unser Ziel sein. Bis dahin waren aber noch einige Kilometer zu fahren und eine Fährpassage war auch noch zu nehmen, so dass wir erst am Nachmittag in diesem kleinen Fischerort eintrafen. Im zweiten Hostel hatten wir Glück und konnten ein Doppelzimmer für eine Nacht bekommen. Es lag sehr schön gelegen mit Blick auf die Ancud vorgelagerte Meeresbucht.

Der verbleibende Nachmittag des Neujahrstages lud dazu ein, auf einen Spaziergang durch die Stadt zu gehen. Dazu bot das Hostel einen Routenvorschlag durch die Straßen der Stadt an. Die wichtigsten Punkte der knapp 50.000 Einwohner zählenden Stadt waren auf diesem Weg zu sehen. Zunächst stachen uns die mit Holzschindeln verkleideten traditionellen Häuser ins Auge. Es schien einen kleinen Wettbewerb der Hauseigentümer zu geben, denn kein Haus glich dem Anderen. Es gab ganz unterschiedliche Holzschindelzuschnitte, die wiederum unterschiedliche Muster auf die Fassaden der Häuser zauberten. Dazu kam die unterschiedliche farbliche Bemalung der Fassaden oder einfach mal das Natur belassene Holz.

Im Geschäftszentrum der Stadt ruhte natürlich an diesem Feiertag das öffentliche Leben, so das wir den kulinarischen Inselkracher, den schmackhaften "Curanto-Eintopf" aus den Zutaten Mies- und Venusmuscheln, Hühner-und Schweinefleisch sowie drei verschiedenen Kartoffelsorten nicht probieren konnten. Auch am Minihafen gab es keine Fischer, die ihren Fang feil boten. Die Fischerboote lagen sicher vertäut am Kai und warteten auf ihre nächste Fangfahrt.

Wir hatten unseren Rundgang beendet und es war Zeit in der Küche des Hostels das Dinner zu zubereiten. Ein kleiner Abendspaziergang um den Hauptplatz der Stadt rundete den Tag ab. 

Am nächsten Tag durfte bei der Rückreise nach Puerto Montt nichts schiefgehen, denn Peggy flog am späten Nachmittag zunächst nach Santiago und von da weiter nach Deutschland. Für mich stand das nächste Abenteuer, das Befahren der Carretera Austral an.

Die Rückfahrt mit der Fährpassage über den Canal de Chacao verliefen glatt, so dass wir am Nachmittag noch Zeit hatten der Innenstadt von Puerto Montt einen Besuch ab zu statten und mein Gepäck zur Bleibe für die nächste Nacht zu bringen, denn ich hatte mich entschieden, das Leihauto schon einen Tag früher zurück zu geben. Da wir sowieso zum Flughafen mussten, konnte ich mir diesen Weg einen Tag später sparen. Es würde sicher ein öffentlicher Bus nach Puerto Montt fahren.

Dann war leider die Zeit des Abschiednehmens gekommen. Wie immer möchte man diesen Moment, so lange wie möglich hinaus schieben. Aber irgendwann muss man dann schmerzlich von einander lassen. Etwas später beginnt dann wieder die Vorfreude auf des nächste Wiedersehen.

Ich fuhr mit dem Bus zurück nach Puerto Montt, erledigte noch einige Besorgungen und packte meine Sachen für den morgigen Start ins neue Abenteuer. 

3. 1. 2015 - Carretara Austral ein neues Abenteuer beginnt - 1. Tag

9 Uhr wollte ich startklar sein, 10.13 Uhr rollte ich vom "Hof". Ich hatte noch keine Erfahrungen mit dem Packen der Radtaschen, der Regensäcke und des Anhängers. Am Ende konnte ich alles am Fahrrad und auf dem Anhänger unterbringen und sicher "vertäuen". Jedoch gab es vorher beim montieren der Anhängerkupplung ein Werkzeugproblem. Ich hatte zwar einen 15-er Schlüssel aber mit diesem konnte ich das Winkelstück nicht festbekommen. Ein Maulschlüssel musste her. Der Hauseigentümer, seine Großeltern waren aus der Schweiz und Deutschland in Chile eingewandert, konnte mit einem verstellbaren Maulschlüssel helfen. Genau das richtige Werkzeug für diesen Zweck.

Unter leicht ungläubigen Blicken rollte ich den Berg zum Stadtzentrum hinunter. Dort startet am Ufer der Bahia Puerto Montt die Carretera Austral die nach ca. 1200 km in Villa O´Higgins endet und dabei einen riesigen Teil des Chilenischen Patagoniens zugänglich macht. Mit Patagonien ist es wie mit Lappland in Europa, keiner kennt die Grenzen ganz genau. Einer üblichen Beschreibung nach beginnt Patagonien südlich einer Linie zwischen Puerto Montt (Chile) und San Carlos de Briloche (Argentinien) und reicht bis nach Feuerland im Süden des Kontinents. Die Straße führt durch Nationalparks, vorbei an Gletschern und schneebedeckten Gebirgskämmen. Dabei säumen nicht wenige Wasserfälle, Seen und auch Fjorde den Weg. Diktator Augusto Pinochet hatte das aufwendigste Projekt Chiles des 20. Jahrhunderts im Jahre 1976 angeschoben. Selbst heute ist man noch nicht fertig mit diesem Straßenbauprojekt, da immer wieder Streckenabschnitte entschärft und sicherer gebaut werden. Außerdem wird dieses aufwendige Straßenbauprojekt mit ihrer Asphaltierung fortgeführt. (Dirk Heckmann, Outdoor, Chile: Carretera Austral - Die Traumstraße im Süden Chiles)

Ich habe die Bewältigung dieser Straße als eine Herausforderung in mein Reiseprogramm aufgenommen. Wohl wissend, dass ich bisher keinerlei Erfahrungen mit längeren Radreisen und schon gar nicht in einer so ausgesetzten Landschaft hatte, wollte ich mich unbedingt dieser Aufgabe stellen. Der Erfolg dieser Unternehmung würde von vielen Faktoren, wie Gesundheit, Material, Wetter, Fährverbindungen, Motivation und Durchhaltevermögen. Mit den "Beißerqualitäten" hatte ich bei "Multidaywanderungen" schon genügend Erfahrungen gesammelt. Bei den anderen Faktoren benötigte ich auch etwas Glück. Sei es drum, man ist auch etwas "seines Glückes eigner Schmied". 

Ich war jetzt jedenfalls mit dem Rad + Anhänger unterwegs und die ersten 46 km auf asphaltiertem Untergrund bis zur 1. Fähre in La Arena ließen sich auf der Küsten nahen Straße sehr gut fahren. Probleme zeigten sich bei bergan Strecken, denn das Gefährt war im ersten Gang bei wenig Fahrt nicht gerade aus zu steuern. Immer wieder bekam ich einen Schlenker nach rechts oder links. Auch musste ich ab und an vom Rad herunter, da ich die Last pedalierender Weise nicht schaffte und satt dessen mein Gefährt die letzten Meter hinauf schob. Ich schaffte so in den ersten 4 h zwischen 10 und 12 km pro Stunde. Das gute daran, ich war wesentlich schneller als zu Fuss unterwegs, das Schlechte daran, ich schaffte die zulässige Höchstgeschwindigkeit innerhalb der Ortschaften (50 km pro h) nicht einmal annähernd.

Die Fähre von La Arena nach Puelche verkehrt alle 30 Minuten und stellt eine willkommene Ruhepause dar. Der Blick in den Estuario Reloncavi Fjord auf Schnee bedeckte Berggipfel war schon einmal sehenswert. Als Tagesetappen hatte ich mir 60 km vorgestellt. Da aber im Ort Hornopiren eine Unbekannte, in Form einer 2. Fährpassage lauerte, deren Abfahrtszeit ich nicht kannte, wollte ich noch einige Kilometer mehr als die vorgenommenen 60 schaffen, um am nächsten Tag ein kleineres Pensum zu haben. Ich wusste nur, dass die Fähre von Hornopiren nach Galeta Gonzalo ausschließlich im Januar und Februar täglich betrieben wurde und 9 Uhr in Galeta Gonzalo startete und 15 Uhr ab Hornopiren zurück fuhr (D. Heckmann, Chile: Carretera Austral ....."). 

Noch immer hatte ich mit dem Markenzeichen der Carretera Austral, einer Schotterpiste, nichts zu tun, denn die Straße war weiterhin asphaltiert. Allerdings wurde es ab dem Küstenörtchen Contao "haarig", denn die Straße bog ins Innere der Halbinsel ab. Das hatte zur Folge, dass einige heftige Anstiege zu bewältigen waren. Jetzt wurde aus Fahrradfahren eine neue Raddisziplin, Fahrradwandern. Ich musste mich mächtig ins Zeug legen um die steilsten Passagen schiebender Weise mein Gespann noch oben zu bekommen. Diese Kraftakte zehrten an meiner Motivation. Da es aber hier und da auch einige Abfahrten gab, konnte ich mich auf diesen auch wieder etwas erholen. Nach der längsten dieser Abfahrten war hinter einer Brücke der Spass endgültig vorbei, denn die Schotterstraße begann. Augenblicklich wurde mir bewusst, dass alles was vorher war, absoluter Fahrradspass war.

Jetzt kam ich wesentlich langsamer voran und die "Eierei und Schlingerei" nahmen sprunghaft zu. Zwar war die Schotterpiste fest, aber lose Steine unterschiedlicher Größen lagen überall über die Straße verteilt. Erschwerend kam hinzu, dass die steileren bergan Passagen weiterhin das Übergewicht hatten und das Schieben des Gespanns nun nicht mehr so einfach ging, denn ich musste das Rad ziemlich senkrecht halten, da ansonsten   die Reifen über die losen Steine rutschten und das Fahrrad umkippte. Ich konnte es wegen der Last der Packtaschen nicht mehr halten. Manchmal schaffte ich keine 50 m am Stück und musste immer wieder Erholungspausen einlegen. Wenn das die "richtige Carretera Austral" war, dann würde es mit "Radeln und Chillen" nichts werden, denn ich müßte ca. 8 Uhr am Morgen starten und bis 20 Uhr durchziehen, um die 60 Tageskilometer auch nur annähernd zu schaffen. Halte ich das nicht durch, dann bekomme ich ein Zeitproblem, denn ich will Anfang Februar in Argentinien ankommen.

Aber vielleicht konnte ich ja mit den Abfahrten den Zeitverlust bei den bergan Strecken wieder etwas ausgleichen? Um das heraus zu bekommen, hatte ich alsbald Gelegenheit dazu. Die Abfahrt war nicht lang und ich bremste gelegentlich um das Tempo raus zu nehmen. Ich fuhr in der Mitte der Straße. Durch die Löcher in der Straße entwickelte sich langsam eine Schlingerfahrt. Als das Tempo zu schnell wurde schwebte ich mehr durch die Löcher, denn der Hänger nahm seine eigenen Löcher und warf mich noch weiter hin und her. Ich zog die Bremsen sachte an, dann noch wie die alte Bäääänert´n den "Einkaufsbeute am Lenker, bekam einen neuen Schlenker und versuchte diesen aus zu gleichen. Dabei geriet ich in die Mitte der rechten Spur auf losen Sand. Dort drehte es mir den Lenker nach links, die Augen traten aus den Augenhöhlen hervor. Ich versuchte gerade aus zu steuern, hatte aber eine zu große Schräglage. Den Rest erledigte die Schwerkraft. Es war der bisher schwerste Sturz den ich die letzten 8 Jahre auf einem Fahrrad hinbekommen hatte. Ich "bremste" mit der linken Körperseite. Knie, Ellbogen und vor allem der Handrücken der linken Hand bekamen ihr "Fett" ab. Nach der ersten Bestandsaufnahme waren an Körperschäden nur Hautabschürfungen zu beklagen. Alle wichtigen "Funktionsteile" waren heil geblieben. Glück gehabt. Die Blutungen auf dem Handrücken bekam ich mit Hilfe eines kalten und glasklaren Gebirgsbaches in den Griff. Ich weiß, das sollte man nicht tun, aber die Wunden waren nun sauberer als ohne und durch die Kälte des Wassers ließen die Blutungen schnell nach. Von nun an hielt ich mich auch bergab an Schrittgeschwindigkeit, denn ich hatte die "Bergab-Lektion" der Carretera Austral inzwischen begriffen. Das war gut so, denn ich musste an diesem Tag noch weitere zwei mal unverhofft vom Rad, da mir der Lenker im losen Gravel wegrutschte. Da ich nicht zu schnell war, blieb ich auf den Füßen. Nur das Rad lag jedesmal lang. Mittlerweile zeigte die linke Packtasche auch schon deutliche Spuren und war nun nicht mehr wasserdicht. 

Auch meine Hose hatte einige Schäden abbekommen. Liebe Peggy schau doch bitte einmal bei Intersport nach, ob du noch eine McKinley (du weist schon welche) für mich bekommst, denn meine jetzige taugt nach dem Sturz höchstens noch zum Holz hacken. Wenn ja, bringe sie zu unserem nächsten Date bitte mit nach Patagonien.
Mit der Asphaltierung der Carretera Austral haben sich die Chilenen ein sehr ehrgeiziges Projekt vorgenommen. Aber die Arbeiten werden sehr eifrig voran getrieben. Begünstigend wirkt ein stabiles Wirtschaftswachstum welches eine ständige Verbesserung der Infrastruktur zur Folge hat. Dabei geht zwar der ursprüngliche Charakter der Carretera Austral verloren, aber mir hilft im Moment jeder asphaltierte Kilometer.

Inzwischen war ich an einer sehr langen Baustelle angekommen und entschied mich noch so lange weiter zu radeln, bis dieser Baustellenbereich geschafft war. Unterwegs traf ich einen jungen Chilenen, der neben der Straße sein Zelt aufgebaut hatte. Für mich kein guter "Zeltplatz" für die Nacht, zu laut und zu staubig. Ich wollte einen besseren Platz finden. Am Rio Cisnes hatte ich Glück. Ein kleiner Fußballplatz bot noch ebene Wiesenfläche für mein Zelt direkt neben einer Feinssand-Sandbank des glasklaren Rio Cisnes. Wenn das mal kein Glückstreffer war, aber ich hatte heute schon genug gelitten. Wegen der fortgeschrittenen Stunde (21.30 Uhr) und meiner körperlichen Schwäche fiel das "Warmessen" aus. Es gab nur Brot mit Avocado, Gurke und Käse. Danach krabbelte ich in mein Zelt und schlief die ganze Nacht fest und seelenruhig.

Tagesleistung: 78 km

4.1.2015 - Carretera Austral - 2. Tag

Nach einem Bad im kalten Wasser des Rio Cisnes bereitete ich mir mein Frühstück. Der Platz war wirklich schön. Die Strömungsgeräusche des Wasser und die Vögel flogen von Baum zu Baum. Das einzige was störte waren sporadisch vorbei fahrende Fahrzeuge und ihre Staubfahnen die sie erzeugten.

Dann ging es wieder auf Tour, denn ich wollte, wenn alles klappte, heute noch eine Fähre in Honorpiren erwischen, obwohl ich die Abfahrtszeiten der Fähre nicht kannte. Ich wusste nicht einmal, ob die Fähre überhaupt fuhr. Da es ohne Fährverbindung keine Möglichkeit gab, weiter nach Süden voran zu kommen bliebe mir nur der Rückweg nach Puerto Montt mit einem anschließenden Neustart der Tour diesmal über die Insel Chiloe. Da ich den jungen Chilenen gestern befragte, ob die Fähre in Hornopiren arbeitete und er dies bestätigte, aber deren Abfahrtszeiten nicht kannte, war ich guter Dinger, dass ich weiter nach Süden voran kam. Die Schotterstraße erforderte wieder meine ganze Aufmerksamkeit, denn weitere schwere Stürze wollte ich nicht riskieren. Ich fuhr also auch bergab sehr langsam. Trotzdem passierte es, dass ich mal einen Schlenker erwischte und mir am Straßenrand der Lenker wegdrehte. Da ich nicht so schnelle unterwegs war, fiel nur das Fahrrad um, denn wenn die Schwerkraft der Gepäcktaschen erst einmal wirkt, dann kann ich das Rad nicht mehr halten. Demzufolge bremste meistens die linke Radtasche. Die zeigte jetzt schon deutliche Spuren ihrer Bremsversuche und war dadurch auch nicht mehr wasserdicht.

Endlich hatte ich die Halbinsel durchradelt und sah das Meer wieder. Nun ging es wieder auf Meeresspiegel hinab, aber immer schön sachte. Nach einer steilen Abfahrt, die ich fast in Schritttempo befuhr erreichte ich meinen Zielort. Von weiter oben sah ich schon den Fähranleger. Noch eine kurze Schuckeltour über den groben Straßenbelag und ich war 12 Uhr bereit für die Fähre. Leider konnte ich keinen Hinweis entdecken, wann die Fähre fuhr - ich checkte es einfach nicht. Ich las in meinem Reiseführer das die umgebenden Berge der Bucht ein tolles Bergpanorama geben. Weiter entfernt war der perfekte Kegel des Vulcano Hornopiren zu entdecken - ich checkte es immer noch nicht. Später nutzte ich die Gelegenheit um im Mercado nach Trinkwasser zu fragen. De Verkäuferin fragte ich, wann denn die Fähre fuhr. Sie plapperte in spanisch auf mich ein, dass ich gar nichts mehr verstand und die Karte holen musste. Mit der Karte als Diskussionsgrundlage bestätigte sie mir, dass die Fähre in Honorpiren abfahren würde, aber wir in diesem Moment nicht in Hornopiren waren, sondern erst in Pichicolo, eine Bucht gleich 15 km vor Hornopiren. Jetzt erst checkte ich es. Was so alles unter "Sauerstoffdefizit" und monotonem Pedalieren alles so passierte. Ich schaute auf meine Uhr: 13 Uhr, ob ich die Fähre noch erwischen kann?

Ich trat kräftig in die Pedalen, das Sauerstoffdefizit war sehr hoch, es gab glücklicherweise nur einen Weg und ich musste mich nicht noch auf Abzweigungen konzentrieren. Begünstigend kam auch noch hinzu, dass es Rückenwind gab, mehrheitlich bergab ging einige wenige Teilstücken bereits asphaltiert waren. Den Oberkörper tief, die Schweißperlen tropften im Sekundentakt, holte ich alle "Körner" aus mir heraus. Endlich ich kann den Fjord sehen, jetzt nur noch schnell die richtige Straße zum Fähranleger finden und dann habe ich vielleicht noch mal Schwein gehabt. In 90 Minuten habe ich diese Strecke bewältigt. Man bedenke bei der Zeit, dass der überwiegende Teil über eine Schotterstraße führte.

Ja, es liegt eine Fähre am Steg, jetzt nur noch jemand fragen, wo man die Tickets bekommt. Ein Mann in Warnweste schien mir aussagekräftig zu sein. Er zeigte auf einen geschlossen Schalter und meinte: "Morgen früh um 8 Uhr kann man wieder Tickets für die Fähre nach Galeta Gonzalo kaufen. Ach ja, sie geht nicht direkt dahin, sondern man müsse noch eine zweite Fähre nehmen. Diese erreicht man nach einer 10 km Fahrt quer über die Peninsula Huequi. Na prima, ich hatte das letzte aus der "Maschine herausgeholt und nun stockte der Reisefortschritt gewaltig. Diese Schiff an der Rampe war keine öffentliche Fähre, darauf wurden nur Fahrzeuge mit Wassertanks verladen. "Kein Schaden so groß, es ist immer ein Vorteil dabei", mein Vorteil bestand jetzt darin einen langen"arbeitsfreien" Nachmittag vor mir zu haben.

Ein kleines Mädchen begegnete mir auf der Suche nach einer Campmöglichkeit. Sie fragte mich ob ich einen Campingplatz suchte. Ich nickte und sollte ihr folgen. Es ging "schnurstracks" zu Mama, die mir im Garten des Anwesens den Platz für mein Zelt zeigte. Das macht 2.000 Chl. $ incl. WC und heißer Dusche, überdachtem Pavillion mit Tisch und Stühlen. Wie lange wird das noch so billig sein?

Die Sonne tauchte den Ort in ein helles Licht aber Rauchschwaden verdunkelten den Horizont. Ich glaubte zunächst, der Vulcano Hornopiren hatte eine Filiale mitten auf dem Marktplatz eröffnet. Als ich dem Ort des Geschehens näher kam, sah ich den Massenauflauf von Schaulustigen, Männern in Schutzkleidung mit Wasserschläuchen und jede Menge Technik. Ein Supermercado brannte soeben nieder. Da das beliebteste Baumaterial Holz ist, galt das Hauptaugenmerk der Bomberos (Feuerwehrleute) ein Übergreifen der Flammen zu verhindern.

Am Abend reisten dann noch zwei Weitradler auf dem privaten Minizeltplatz an. Einer von ihnen war Holger aus Deutschland. Er hatte die Distanz Puerto Montt - Hornopiren locker an einem Tag bewältigt, wofür ich 1,5 Tage benötigte. Allerdings war er mit wesentlich weniger Gepäck auf der Strecke.

Tagesleistung: 27 km

5.1.2015 - Carretera Austral - 3. Tag

Pünktlich 8 Uhr, wie mir der Mann am Fähranleger tags zuvor geraten hatte, stand ich nicht am Ticketkiosk. Denn erst 8.22 Uhr war ich da und stand dann in einer langen Schlange. Nach 40 Minuten Anstehen hielt ich ein Fährticket für 5.000 Chl. Pesos nach Caleta Gonzalo in meinen Händen. Es sah alles danach aus, dass ich eine  Schlüsselstelle der Carretera Austral am 3. Tag meiner Tour meistern konnte. D. h. ich wußte noch nicht, wie ich die zweite kürzere Fährpassage bewältigen würde, denn die Fährpassage nach Caleta Gonzalo war dreigeteilt. 1. Teil - Fähre von Hornopiren durch den Lanual Cholgo und weiter durch den Fiordo Comau Leptepu bis zum nördlichen Eingang in den Parque Pumalin. 2. Teil - Von dort 10 km weiter mit dem Fahrrad bis zum Fiordo Renihue. 3. Teil - Dann die zweite Fährpassage bis zum Zielort Galeta Gonzalo. Das Problem dabei waren die 10 km. Würde ich sie in der Zeit schaffen, die ausreichte um vor der Abfahrt der zweiten Fähre an zu kommen?

Die Motorfahrzeuge rollten von Bord und wir Radler mussten warten, bis auch wir den Wink zum Losfahren bekamen. In der Hoffnung nach 10 km nicht an einem leeren Fähranleger zu stehen legte ich mich ins Zeug. Für eine Schotterstraße lies sich dieser Abschnitt sehr gut fahren und ich staunte nicht schlecht, dass noch eine lange Schlange an wartenden Motorfahrzeugen da stand. Da die zweite Fähre kleiner war als die erste, konnten ja auch noch nicht alle Fahrzeuge weg sein. Manchmal macht man sich Gedanken über Dinge, die es nicht Wert sind. 
Als diese Fährpassage geschafft war begann mein "Arbeitstag" erst so richtig. 

Das nächste Zwischenziel war der Küstenort Chaiten. Über 50 km vom Fähranleger entfernt war es nicht mein Tagesziel bis dahin zu radeln, denn es waren nur noch wenige Stunden bis zum Sonnenuntergang. Da ich mir allerdings ein Tageslimit von ca. 60 km auferlegt hatte, wollte ich noch einige Kilometerchen schaffen, um denn irgendwo wild zu campen, denn ich hatte ja erst 10 km an diesem Tag zurück gelegt. Meine Mitradler Ignacio aus Chile, Raul aus Spanien und Holger aus Deutschland überholten mich nach ihrem "Kaloriennachfüllstop", da ich ja an jedem Hügel aus dem Sattel musste um das Gespann nach oben zu schieben. Nützte alles nichts, ich hatte mich damit abgefunden langsamer voran zu kommen, als anderer Radler.

Der Tag neigte sich dem seinem Ende entgegen, ich kam gut voran, denn die Straße lies sich recht gut fahren und ich fasste den Entschluss doch noch bis Chaiten zu fahren, denn dort gab es ein Hostel. Ein Fährmann gab mir auf der Fähre den Tip in Chaiten nach der Hospedaje Rita Gutierres zu fragen, denn jeder würde sie dort kennen. Ich würde wahrscheinlich nicht vor Mitternacht dort eintreffen, aber mit etwas Glück könnte ich noch dort unter kommen. 

Der Entschluss war gefasst und ich gab weiterhin Gas. Dann entwickelte sich so etwas wie ein "Lauf". Das Gespann funktionierte einfach super. Meine Motivation war da, es lies sich ganz gut fahren, Fahrrad und Anhänger funktionierten prächtig und es ging fast von allein voran. Wenn dann noch von den entgegen kommenden Fahrzeugen ein anerkennendes Hupen und ein Händegruß kommen oder gar bei einem LKW die Scheibe runter ging und die Hand mit dem nach oben zeigenden Daumen heraus kam, dann gibt es niemand der dieses Dreiergespann in seinem Lauf hätte aufhalten können.

Ich befand mich gerade in der Nähe des Vulkan Chaiten. Der Wald und die Landschaft hatten während des Ausbruches mächtig gelitten und an einer Brücke war der "Lauf" aus dem "Nichts" heraus plötzlich beendet. Mein Hinterrad hatte einen Platten. In wenigen Minuten würde das Tageslicht gänzlich verschwunden sein. Na prima, Schlauchwechsel in der Nacht hatte ich aber auch noch nicht. Nützte alles nichts, es gab aber erst einmal einen Kaloriennachschub, denn mit vollem Magen ist die Stimmung in dieser Situation erheblich besser und die Stirnlampe würde ich sowieso benötigen. Ich wechselte den Schlauch, der Reifen schien noch in Ordnung zu sein und baute alles wieder funktionstüchtig zusammen. Nun erst recht, jetzt wollte ich es wissen und unbedingt bis Chaiten durch fahren. Der erste Bremsversuch nach dem Losfahren, ups, das Rad bremst ja kaum. Ich hatte am Hinterrad vergessen die Bremsen wieder ein zu stellen. Also das Gepäck wieder runter vom Gepäckträger. Das Werkzeug heraus gekramt. Nach einigen Handgriffen war das Problem auch wieder erledigt und es konnte weiter gehen. 

Nach 2 Uhr erreichte ich Chaiten und irrte durch die Straßen. Ein Hostel fand ich leider nicht. Dann die Entscheidung, "Vorwärts, wir fahrn zurück". Ich hatte auf dem Weg in den Ort am Meeresufer schon nach möglichen Campstellen Ausschau gehalten. Zu einer dieser Plätze ging es wieder zurück. 3 Uhr lag ich dann im Zelt und hatte mein Tageswerk mit einer "Gewalttour" vollbracht. 

Am 2. Mai 2008 begann sich das Leben der ca. 4000 Einwohner abrupt zu ändern. Der 10 km entfernte Volcano Chaiten, den niemand auch nur ansatzweise auf der Liste gefährlicher Vulkane hatte brach aus und schleuderte einen Monat lang gewaltige Aschemengen aus. Über eine 20 km hohe Rauch- und Aschesäle wurde ca. 1 Kubikkilometer Vulkanasche in die Atmosphäre geschleudert und es wurden Flutwellen ausgelöst. Alle Einwohner des Ortes und in 50 km Entfernung zum Vulkan wurden evakuiert. Es entstanden erhebliche Schäden an der Verkehrsinfrastruktur und den Häusern der Einwohner. Tausende Nutztiere kamen ums Leben. Eigentlich sollte dieser Ort aufgegeben werden, aber die Einwohner kamen/kommen nach und nach wieder zurück und bauen ihre Häuser und Grundstücke wieder auf.

Tagesleistung: 67 km

6.1.2015 - Diesmal liege ich schon 21.20 Uhr in der Daunentüte - 4. Tag

Und das kam so: Nach 9 Uhr krabbelte ich aus dem Zelt. Fast 6 h Schlaf das sollte reichen. Meine Zeltnachbarn, Shawn aus Irland mit seiner Freundin aus Polen saßen schon beim Frühstück. Sie wollten von Chaiten mit der Fähre auf die Insel Chiloe übersetzen.

Fü mich gab es heute eine große Portion Frühstücks-Poridge. Danach klebte ich noch einen Flicken auf meinen defekten Fahrradschlauch und radelte gegen 11.45 Uhr zum Supermercado. Dieser zeigte sich sehr übersichtlich eingeräumt, so dass ich nur meine Brot und Keksbetände auffüllte. Tr4inkwasser gab es an einem öffentlich zugänglichen Wasserhahn. 12.15 Uhr rollte ich auf einer perfekt asphaltierten Straße. Es gab Rückenwind, so dass man die leichte Steigung der Straße nicht wirklich spürte, die zunächst durch das sehr breite Tal des Rio Negro führte. Es ging flott vor ran im 5./6. Gang. Sensationell, nach einer Stunde hatte ich 20 km weg geputzt. In der zweiten Stunde kamen ein paar Steigungen hinzu, so dass ich nur 17 km schaffte. In zwei Stunden fast 2/3 meiner selbst gesetzten Tageskilometer-Vorgabe. Die Straße war noch bis Kilometer 45 asphaltiert. Nach der Hängebrücke über den Rio Velcho am Lago Velcho war dann wieder Schluss mit lustig, denn es begann eine schlimme Gravel Road. Viele große Kiesel lagen über die gesamte Straße verteilt und machten die Fahrt sehr langsam. Ich fühlte mich in eine andere Welt versetzt. Eben noch mit "ICE-Geschwindigkeit" unterwegs und jetzt im "Schneckentempo". So rum machte das keinen Spass, auch wenn es nur noch 15 Kilometer bis zum Puente El Ventisquero waren, wo eine interessante Campingmöglichkeit sein sollte. Von diesem Punkt konnte man über einen 90-minütigen Zustieg durch dichten Regenwald an einen Talgletscher gelangen. 

Es war schon nach 18 Uhr, die letzten 15 km hatten mich schwer geschafft, da sich die Schotterstraße sehr schwer fahren lies, so dass ich mich entschied, den Gletscher aus zu lassen. In einer halb fertigen Holzhütte baute ich mein Zelt und meine "Küchernzeile" auf. Das hatte den Vorteil, dass ich das Überzelt nicht benötigte, denn ich stand ja im Trockenen, wenn das Dach dicht war? Zum Dinner gab es Reis mit Pilzsoße und Champions. 
Im eiskalten Gletscherfluss spülte ich dann den Tagesschweiß ab. Meine Füsse standen kurz vor der Erfrierung, so dass ich immer wieder ans Ufer aus dem Wasser springen musste.  

Tagesleistung: 52 km

7.1.2015 - Ich komme nicht so recht vorwärts - 5. Tag

Noch vor 7 Uhr bin ich schon auf den Beinen. Ich hatte mich entschlossen einen 90-minütigen Trail zur Gletscherzunge zu gehen, ich am Abend zuvor viele Leute zurück kommen sah und ein deutsches vom Weg durch den Wald schwärmte. 

Recht hatten sie, denn der Wald strotzte nur so von üppigem Grün. Manchmal war das Unterholz so dicht über den schmalen Trail gewachsen, dass man nur in der gebückten Haltung voran kam. Es gab auch lichte Stellen, dort wuchsen an den Stämmen der Bäume, oder auch mal herunter hängend von den Ästen rote Blüten. Ein absoluter Hingucker. Von der Gletscherzunge selbst hatte ich nur ca. 5 Bilder geschossen, aber in diesem außertropischen Regenwald der Westseiten fand ich vielleicht die 5-fache Anzahl an Motiven. Erst gegen 10 Uhr war ich zurück.

Gepäck verdichten, Frühstück zu bereiten und verspeisen, das dauert seine Zeit, denn ich war erst 12.20 Uhr auf der Strecke und 10 km später waren über 3 h vergangen. 4 km nach dem Tagesstart mit mehr bergauf als bergab oder eben war das Tal zu ende und ich musste die Passhöhe Cuesta Moraga auf 630 m Höhe überwinden. Da ich das gesamte Gespann nach oben schieben musste, nahm dieser Abschnitt ewig kein Ende. Als ich dann nach einer gefühlten Ewigkeit kraft- und saftlos die Passhöhe erreichte, musste ich feststellen, dass die Schotterstraße aufgegrubbert war. Über die ganze Breite der Straße hinweg lagen größere und kleinere Steine. Es gab kaum festgefahrene Stellen. Es war unmöglich das Rad "laufen" zu lassen. Ich "stand" förmlich auf den Brermsen um nicht zu schnell zu werden. Es half alles nichts, zwei Abwürfe bis zum Ort Villa Santa Lucia habe ich hinbekommen. Einmal flog ich auf den Seitenstreifen und einmal legte ich eine Bauchlandung hin. Jetzt war auch das rechte Knie offen und hatte seine Erinnerung an die Carretera Austral ab bekommen. 

Am Supermercado war eine gute Gelegenheit frisches Brot zu holen und eine heiße Geflügelbrühe zu schürfen. Als ich 17 Uhr weiter radelte, hatte ich mein Tagespensum schon auf 18 km geschraubt. 60 km wollte ich pro Tag schaffen. Wie das gehen sollte, wusste ich in dem Moment wirklich nicht. Aber irgend wie geht es immer weiter, denn am Ortsende von Villa Santa Lucia traf ich auf eine asphaltierte Carretera Austral. Die Straßenbauarbeiten waren noch nicht abgeschlossen. Das war mir herzlich egal, so lange ich Asphalt unter meinen Rädern hatte. Nach 19 Uhr traf ich dann bei Gegenwind in dem 30 km entfernten Miniörtchen Villa Vanguardia ein. Da die Carretera Austral in diesem Bereich durch das Tal des Rio Frio führt, ging es ordentlich bergab. Auf Asphalt konnte ich die Räder laufen lassen und schaffte dann noch 48 Tageskilometer. Am Ortsrand fand ich einige Möglichkeiten mich auszubreiten. Deshalb ließ ich es nicht darauf an kommen, die 60 Tageskilometer doch noch zu schaffen, denn morgen war auch noch ein Tag. Wenn ich zeitiger starten kann als heute, kann ich vielleicht wieder etwas mehr als 60 km schaffen?

Tagesleistung: 48 km 

8.1.2015 - "Es ist Wahnsinn, warum schickst du mich durch die Hölle,......" - 6. Tag

Dabei hat niemand von mir verlangt die Carretera Austral von Anfang bis zum Ende mit dem Fahrrad ab zu fahren.Ich habe mir diesen Wahnsinn ganz alleine ausgedacht, obwohl ich wusste, was das für ein schwieriges Unternehmen dass ist.

Kurz nach dem Tagesstart, den ich an diesem Tag schon 10.05 Uhr hinbekommen hatte, war Schluss mit lustig, sprich: asphaltierter Straße und ich war zurück in der harten Wirklichkeit der Carretera Austral. Diese bestand aus einem ewigen Auf und Ab, auch wenn es in einem Flusstal tendenziell immer bergab oder bergauf geht, je nachdem in welcher Richtung man fährt. Für die 5 jungen Franzosen die mir alsbald entgegen kamen, ging es tendenziell bergauf und für mich, der nach Süden fuhr, ging es tendenziell bergab. Ich berichtete davon, dass mir die großen Flussschotter auf der Straße ordentlich Probleme bereiteten und ich bergab sehr langsam fahren muss. Der eine Franzose gab mir den Tip mit mehr Speed die Abfahrten herunter zu fahren. Ich brauchte nur meine linke Hand an zu schauen. So endete mein erster Versuch mit mehr Speed über die Flussschotter zu fahren.

Die Carretera Austral hat nicht auf allen Streckenabschnitten diese großen Flussschotter über die gesamte Strasse verteilt. Manchmal ist sie auch richtig fest gefahren. Allerdings ist das in den Kilometer langen Baustellenbereichen nie der Fall, da die Strasse dann häufig schon für den Teerauftrag vorbereitet ist. D. h. die Strasse ist verbreitert worden, die Entwässerung ist drin, der Unterbau ist komplett und die Höhenunterschiede im Straßenverlauf wurden ausgeglichen. Da die Asphaltschicht noch nicht drauf war, nimmt der Unterbau natürlich durch den Verkehr wieder Schaden, so dass Löcher entstehen und die Flussschotter über die ganze Straße  diesen verteilt werden. Der Horror für Radfahrer. Die Reisegeschwindigkeit sinkt bei diesen Verhältnissen rapide ab. Fast 37 km "rubbelte" ich bis La Punta  über solche Strassen. Halt, stimmt nicht. An jedem steileren Abschnitt musste ich raus aus dem Sattel und schieben. Ich benötigte geschlagene 6 h für diese Strecke, nur unterbrochen von Trink- und Pullerpausen und zwei kleinere Reparaturpausen. Das entsprach einem Kilometerschritt von ca. 6 km pro Stunde. Das schafft man ohne Gepäck auch zu Fuss. Damit war klar, mein Tagesziel von ca. 60 km war nur über die Zeit zu erreichen.

Und dann die Überraschung, begann ein asphaltierter Streckenabschnitt. Aber zuvor habe ich mich in der Ortschaft La Junta zum Supermercado durchgefragt um Kalorien nach zu schieben. Es gab Queso und frisches Pan (Käse und Brot)-lecker. Habe beim Käse gleich noch mal Nachschlag geholt für die kommenden Tage. Ein junges Fräulein sprach mich auf den Stufen zum Supermercado sitzend an, ob ich allein unterwegs sei und in welche Richtung ich fahren würde. Als sie hörte, dass ich nach Villa O´Higgins dem Ende der Carretera Austral und dann weiter nach Argentinien wollte, konnte sie das kaum glauben. 

17.30 Uhr rollte ich dann aus dem kleinen Örtchen auf einer frischen Asphaltstrasse dahin und ich kam sehr gut voran. Allerdings hatte ich mich schon wieder einmal selbst unter Druck gesetzt, denn es war "Gruselwetter", es setzte wieder Regen ein und ich hatte keine Lust bei Zelten im Regen. Deshalb wollte ich es noch bis nach Puyuhuapi am gleichnamigen Fjord schaffen. Dort gab es die Möglichkeit Hostels zu finden. Allerdings waren bis dahin noch mal 47 km. Ich brauchte etwas Glück in Form einer nicht zu schlechten Carretera Austral. Einen Vorteil hatte ich, denn die Straße führte entlang der Flussläufe Rio Padena, Rio Rissopatron und später zum Fiordo Puyuhuapi tendenziell bergab. Aber was heißt "tendenziell bergab": bei einem Wechsel von Auf und Ab sind die berab Passagen etwas länger als die bergauf Passagen. Mit dem Asphalt hatte es sich schon bald wieder erledigt, aber ich war immer noch im Baustellengebiet. Das bedeutete, es lagen wieder große Flussschotter über die Straße verteilt und das Vorankommen gestaltete sich wieder sehr viel schwieriger. 

Durch dieses Wechselspiel der Fahrbahnbeläge fährt man auf der Carretera Austral durch ein  ständiges emotionales Gebirge mit sehr "tiefen Tälern" und "sehr hohen Bergen". Die Spanne reicht von "zu tote betrübt" bis "himmelhoch jauchzend", wenn es von einem schwierigen Streckenabschnitt plötzlich auf Asphalt weiter geht und dazu auch noch schöne lange Abfahrten dabei sind. Mal glaubt man das Tagesziel zu erreichen und mal denkt man darüber nach, die "Brocken" hin zu schmeißen" und die Tour sofort ab zu brechen. Dazu kommen die über Stunden anhaltenden Kraftanstrengungen , die mich jeden Tag an meine physischen Grenzen führen um das Dreigespann Mensch-Fahrrad-Fahradwagen+Gepäck voran zu bringen. Kommen dann noch solche "Überraschungen" wie Stürze oder Raddefekte hinzu, muss man auch mental einiges ab können. Mir hilft dann immer die "Stepp by Stepp-Strategie", die ich mir bei schwierigen Multiday-Trails angeeignet habe. Halte nicht nach dem Zielort Ausschau, sondern nach dem jeweiligen Etappenziel. Man fühlt sich einfach besser, wenn man viele kleine Etappenziele nach einander bewältigt, als am Ende des Tages fest zustellen: "verdammt, ich bin dem Zielort kaum näher gekommen, dabei habe ich mich so geschunden".

Mittlerweile war ich im Parque Nacional Queulat angekommen. Der Regen hatte zu genommen, die Sicht auf die umgebende Bergwelt nicht vorhanden und über die gesamte Länge am endlos langen Lago Risopatron mächtige Erdarbeiten an der Carretera Austral im Gange. Bei dem schweren Gerät was dort zu Gange war, um die Straße zu verbreitern und aus zu bauen, würde es mich nicht wundern, wenn die Durchfahrt am Tag zeitweise blockiert wäre. Ich war außerhalb der Dienstzeit in diesem Abschnitt unterwegs und ärgerte mich über die schlechten Straßenbedingungen und dass der See doch nun endlich mal zu Ende sein könnte. Dabei ist der See so herrlich an zu sehen. Die Berge auf der Gegenseite spiegelten sich im ruhigen Wasser. Ich hatte keinen Blick dafür, die Wolken hingen tief, es war alles grau in grau und es regnete ohne Unterlass. Jetzt wo ich darüber berichte, freue ich mich, "so zügig" vorangekommen zu sein, denn es hätten auch mal ein paar Stunden Wartezeit dabei sein können und das noch im Regen - unerträglich.

Als die Dämmerung abgeschlossen war sah ichnach einem 12-stündigen "Arbeitstag" in der Ferne die Lichter von Puyuhuapi aufleuchten. Ich glaube in diesem Moment haben auch meine Augen geleuchtet. Am Hostal Alemana dann allerdings die bittere Pille: "Wir sind ausgebucht". Die Eignerin hatte Mitleid mit mir und gab mir noch einige Tips, wo ich wegen eines Bettes nachfragen konnte. Als ich schon am Abfahren war, rief sie mir hinter her. Sie säße mit einem Freund zusammen, der das Hotel "La Casa de Otto" betreibt und noch ein Zimmer frei hatte. Ich willigte sofort ein, denn ich wollte einfach nur ein trockenes Plätzchen für die Nacht.

Ihr müsst jetzt nicht denken, dass mein spanisch so gut sei. Nein, es wird auch deutsch gesprochen in Puyuhuapi. 1935 wurde der Ort durch vier junge Sudetendeutsche gegründet. Deren Nachfahren leben noch heute in dem Ort.
Ach ja, mittler Weile weiß ich auch, dass das Klima in der Region feucht-gemäßigt ist und pro Jahr ca. 3500 mm pro Quadratzentimeter Niederschlag fällt. Das macht diesen Ort zu einem der Niederschlags reichsten Orte in ganz Chile. Allerdings führt dieses Klima zu einer sagenhaft dichten und immergrünen Vegetation. Vielleicht sollte ich noch einmal hierher zurück kommen wenn es nicht regnete?  

Tagesleistung: 90 km

9.1.2015 - Ist Mogeln erlaubt auf der Carretera Austral - 7. Tag

Mit dem in den Tag starten hatte ich mir Zeit genommen, einige Besorgungen im Supermercado erledigt, meine Sachen weiter trocknen lassen. Erst kurz nach 12 Uhr ging es dann los. Die Straße führte immer noch entlang des Parque Nacional Queulat und nach 20 km gab es einen Eingang in den Park mit einem Zeltplatz, Panoramablick und Wanderwegen zu einem hängenden Gletscher. Dies lies ich mir natürlich nicht entgehen, erst recht wenn die Witterung mit viel Sonnenschein einen Blick auf den Gletscher gestattet. 

Zuvor fuhr noch Alonso (29 jähriger Spanier) auf mich auf und wir fuhren gemeinsam zum Parkeingang. Von ihm erfuhr ich noch, dass es vor dem Pass und nach dem Pass zwei große Baustellen an der Carretera Austral gibt, die jeden Tag zwischen 13 und 17 Uhr für den öffentlichen Verkehr geschlossen sind. Na da war es ja nicht so schlimm, wenn ich mir erst mal den Gletscher gönnte.

Am Parkeingang waren für Ausländer erst einmal 4.000 chl. Pesos fällig. Dann bereitete ich mir eine überreichliche Portion Reis zu und hielt erst einmal "Mittags-Siesta". Der Rest kam in die Vorratsbox für das Dimmer. Die 90-Minuten Wanderung zum First Class-Aussichtspunkt lies ich aus und nahm nur den Panoramablick auf den hängenden Gletscher mit, der absolut sehenswert und Fotogen ist. Aber die Entfernung zur Gletscherzunge ist doch noch recht groß, aber trotzdem ein "Hingucker". In einem kleinen Informationszentrum konnte man an Fotos gut das Abschmelzen dieses Gletschers nachvollziehen. Ja, auch hier macht sich die globale Erwärmung sehr deutlich an den Gletschern bemerkbar.  

17.30 Uhr ging dann meine Fahrt weiter und ich gelangte recht bald an einen Seitenfjord (Seno Queulat). Dort begann jedoch der Baustellenabschnitt. Die Arbeiten waren noch voll im Gange, aber man wird Stück für Stück vorbei gelotst. Hier sind Spezialisten am Werk die verdammt schweres Gerät einsetzen um den Straßenverlauf zu verbreitern. In Deutschland wahrscheinlich undenkbar, hier grüßt man freundlich zurück oder ruft:"Que tal?". Da bedankt man sich durch Handzeichen, wenn man den großen LKW´s Platz macht oder wartet. Wird im Gegenzug aber auch mal zuerst durchgelassen. Es ist ein Geben und nehmen und dass im Baustellenbereich wo mit Dynamit gearbeitet wird, grobes Material anfällt und bewegt wird, geht das alles ziemlich entspannt zu. 

Ich bin immer froh, wenn ich einen solchen Baustellenbereich passiert habe und alles glatt gegangen ist. Die letzte Möglichkeit einen Zeltplatz im Nationalpark zu nutzen habe ich großzügig ausgelassen, da ich unbedingt noch ein Stück bis zur Passhöhe (538 m) bewältigen wollte, denn auf der anderen Seite wartete noch ein Baustellenabschnitt bei dem ich tags darauf zwischen 13 und 17 Uhr nicht in der Warteschleife stehen wollte. Als ich am Talende war und die Passstraße mit Serpentinen weiter hinauf führte, war die Zeit der Dämmerung schon angebrochen, aber wegen der dichten Vegetation am Straßenrand gab es keine Möglichkeit sein Zelt auf zu bauen. Ich ging das Wagnis ein und begann den Aufstieg im Wahrsten Sinne des Wortes, denn ich musste fast ausschließlich mein Gespann da hinauf schieben. Hinter jeder Serpentine musste ich erneut feststellen, dass es auch weiterhin keine Möglichkeit gab ein Zelt zu stellen. 

Es wurde dunkler und Dunkler und ich machte mich mit dem Gedanken vertraut, auch bei Dunkelheit weiter zu schieben, nötigenfalls bis zur Passhöhe, obwohl die Möglichkeiten einen Platz für mein Zelt zu finden in der Dunkelheit nicht besser wurden. Ich zog sogar die Möglichkeit in Betracht weit außen in einer Serpentine zu zelten. Verwarf aber den Gedanken wieder, da es mir zu gefährlich erschien, denn es konnte ja mal einer die Kurve nicht so richtig hinbekommen, dann fährt er mitten durch mein Zelt. Soll sehr ungesund sein. Nun begann es auch noch zu regnen.

Kurz vor der 11. Serpentine hielt ein Chilene mit seinem Pickup und fragte ob er mich mitnehmen solle. Man hat ja so seinen Ehrgeiz, die Carretera Austral aus eigener Kraft zu bewältigen. Aber, in ein paar Minuten würde es dunkel sein, der Regen würde nicht zu meiner Erheiterung beitragen, eine Campmöglichkeit war weit und breit nicht in Sicht - da lag die Hemmschwelle das Angebot anzunehmen sehr niedrig. Was sollte an dieser Stelle der falsche Ehrgeiz?

Wir wuchteten das Fahrradgespann auf die Ladefläche und schon saß ich in der warmen Fahrerkabine. Es ging noch weit nach oben und auf der anderen Seite steiler bergab, dann kam die zweite Baustelle mit schwierigen Fahrbahnbedingungen. Der chilenische Fahrer Luis (26 Jahre) nahm jedes Hindernis nicht gerade im Schongang. Er sprach nur spanisch und trotzdem konnten wir einiges über und berichten. Ich machte ihm begreiflich, dass ich nicht bis nach Coyhaique mitfahren will und er mich am nächsten Camping absetzten könnte. Ab dem Abzweig nach Puerto Cisnes war die Straße nun wieder asphaltiert, aber es gab kaum einen Ort, geschweige denn einen Zeltplatz. Auch in Villa Amenqual fand sich keine Campmöglichkeit. Erst an der Laguna de las Torres gab es einen Zeltplatz. Wir luden meine Ausrüstung ab und verabschiedeten uns.

Tagesleistung: eigene Kraft - ca. 43 km; Pickup - 50 km

10.1.2015 - Ein sehr später Tagesstart - 8. Tag

10 Uhr bin ich erst wach geworden, da war an diesem Tag ein großer Streckenfortschritt nicht mehr drin, denn erst musste der Bauch gefüllt werden und das Gepäck transportsicher verstaut werden. Das dauerte mindestens 2 h. Ich ließ es also gleich sehr ruhig angehen. Da es wieder einmal regnete, war es sehr gut, dass ich am Seeufer eine Hütte mit Sitzgelegenheit fand. Sogar das Zelt konnte ich zum Trocknen in der Hütte unter bringen. 
Das eine Zelt, welches ich bei der nächtlichen Suche nach einem geeigneten Plätzchen für mein Zelt schon gesehen hatte, gehörte zu Holger. Wir hatten unsere Zelte schon in einem privaten Vorgarten am Vorabend der Fährpassage in Hornopiren kennen gelernt. Er war viel schneller unterwegs als ich, verpflegte sich aber weitestgehend von dem, was die Ortschaften am Straßenrand her gaben. An diesem Tag waren es aber ohne Frühstück rund 50 km bis Villa Manihuales. Ich bot ihm an, für ihn eine Portion Poridge mit zu zu bereiten. Er nahm denkend an. Mit ordentlich Kalorien im Magen startete er in seinen Radlertag, der sich immer noch nicht entscheiden konnte, ob er trocken oder nass werden wollte. Ich setzte mich an mein Tagebuch und lies den Regen-Regen sein.

15.30 Uhr hatte sich der Regen erledigt, aber der Rückenwind blieb. Noch dazu folgte die Carretera Austral entlang einiger Flusstäler mehrheitlich bergab. Da die Straße asphaltiert war und sehr ordentliche Abfahrten dabei waren, kam ich mit Tempo in den Gegenhang und insgesamt sehr gut voran. Einige bergan Fahrten musste ich jedoch aus dem Sattel heraus und mein Gespann noch oben schieben. Der Ort Villa Manihuales war mein Ziel. Nach 3,5 h hatte ich den Ort erreicht und suchte zunächst nach einem Mercado der auch Pan (Brot, ähnlich einem großen Brötchen bei uns) verkaufte. Mit Hunger im Bauch schießt man schnell übers Ziel hinaus und der Verkäufer staunte nicht schlecht, dass ich 10 Stück verlangte. Gurke, Tomate und Käse rundeten das Vorabendessen vor dem Laden ab. 

Die nächste Aufgabe bestand darin, eine Bleibe (Platz für mein Zelt) für die nächste Nacht zu finden. Einen Zeltplatz gab es in der Nähe des Ortes nicht und viele Kilometer wollte ich nicht mehr schruppen. Das Problem an der Carretera Austral ist, dass es große Farmbereiche rechts und links der Straße gibt, die auch für das Campen geeignet wären. Jedoch stehen sehr oft Tiere auf den Weiden und die Straße ist komplett von Weidezäunen begrenzt.

Ich fand eine Weide ohne Tiere und ohne Behausung der Farmerfamilie in unmittelbarer Nähe. Es gab auch eine Einfahrt die mit Stacheldraht gesichert war. Es kam sogar noch besser, denn das Tor war nur mit einem Strick gesichert und ein Weg führte in eine Senke, so dass ich nicht von überall gesehen werden konnte. Da es in reichlich 90 Minuten dunkel sein würde vergriff ich mich noch einmal an den Brötchen und verzog mich danach ins Zelt, denn ich wollte am nächsten Morgen früh starten, um nicht doch noch dem Eigentümer in die Hände zu fallen und die folgende Tagesetappe bot mit etwas mehr als 80 km nichts für nur eine "Pobacke".

Tagesleistung: ca. 54 km

11.1.2015 - Eine harte Fahrt bis zum "Bergfest-Etappenort" Coyhaique - 9. Tag

8.18 Uhr hatte ich das Weidezauntor hinter mir geschlossen und saß im Sattel auf dem Weg nach Coyhaique. Das Tal des Rio Manlguales weitete sich und die umgebenden Berge reichten nur wenig über die Baumgrenze hinaus. Nach einigen Kilometern musste ich mich entscheiden, denn es gab zwei Wege nach Coyhaique. Die 72 km lange ausgebaute Straße mit befestigtem Belag, oder 62 km auf einer Schotterpiste (später erfuhr ich, dass diese Strecke bei Regen durch lehmige Abschnitte nicht möglich war zu fahren). Auf Schotter hatte ich keinen "Bock", den bekomme ich noch zur Genüge. Also wählte ich den längeren Weg und setzte mich weiterhin dem Gegenwind aus.  Immer mehr Wolken schoben sich aus Richtung Pazifik heran und bildeten bald eine dichte Schichtwolkendecke. Wenn daraus denn anfänglich sehr kleine und wenige Regentropfen fallen, weiß ich, wie ich darauf reagieren muss, denn ganz allmählich werden die Tropfen zahlreicher und größer. Das bedeutet schon mal langsam daran denken die Regensachen über zu streifen und die Ausrüstung möglichst regendicht verpacken, denn daraus entwickelt sich ein lang anhaltender Landregen. Wie gedacht so kam es.

Die Betonstraße lies sich im kurvenreichen welligen Auf- und Ab gut fahren und 11.05 hatte ich die Kreuzung der Straße nach Puerto Aysen erreicht. Puerto heißt eigentlich Hafen, jedoch ist der Fluss seit dem Ausbruch des Vulcano Hudson 1991 stark verlandet. Der eigentliche Hafen liegt jetzt 17 km weiter westlich in Puerto Chacabuco am Fiordo.Aysen (Outdoor, Chile: Carretera Austral ...). Dort könnte man auch sein Carretera Austral Abenteuer beenden und mit der Fähre weiter reisen. Ich ließ den durchaus lohnenswerten Abstecher nach Aysen aus und bog Richtung Coyhaique ab. Immer noch waren es 48 km bis dahin. Gut, dass ich so zeitig gestartet war, dann musste ich nicht fürchten, wieder kurz vor Ultimo nach einem Hostel suchen zu müssen, denn bei diesem Wetter wollte ich nicht ins Zelt.

Der Regen nahm weiterhin an stärke zu und der Grad meiner Durchnässung auch. Im Bushäuschen an den Cascadas de las Virgen (zwei Wasserfälle direkt an der Straße) hatte ich erst einmal ein Dach über dem Kopf und hielt Mittagsrast. Viele vorbei fahrende Autos hupten und man konnte glauben man sei selbst gemeint. Jedoch galt die Huperei der Virgen de la Cascada. Die Fahrer erhoffen sich Schutz auf ihrem weiteren Weg von dieser Heiligenfigur.

Es machte keinen Sinn auf eine Wetterbesserung zu warten ich musste wieder in das "Schmuddelwetter". Regen, Kälte und die noch zu fahrenden Kilometer bauten mich nicht gerade auf. Selbst die Topographie der Straße führte im Tal des Rio Simpson moderat bergan. Einzig der Wind war mein Verbündeter, denn den hatte ich jetzt von hinten. 

Als am östlichen Rand der Reserva Nacional Rio Simpson der liebliche Teil des Tales endete, war die Straße zu steil zum Pedalieren und ich wurde für lange Zeit zum "Fahradgespann-Wanderer", denn es ging von 173 m auf 454 m hinauf. In diesen Momenten, wenn es nicht so recht vorwärts geht, seht man sich mit einem Heißgetränk an einen warmen Kamin. Stattdessen schwitzte ich im kalten Regen.

Als die Abfahrt begann, konnte ich getrost den Aussichtspunkt auf die Stadt und deren Umgebung aus lassen, denn die tief hängenden Wolken versperrten den Blick. Gegen 16 Uhr erreichte ich das Stadtgebiet der Hauptstadt der XI. chilenischen Region und mit 45.000 Einwohnern größte Siedlung an der Carretera Austral. Ich war nun endlich nach 9 Tagen (10 Tage hatte ich geplant, wenn nichts außergewöhnliches passierte) in Coyhaique angekommen. Das waren 50% der gesamten Carretera Austral. Zwischenzeitlich plagten mich erhebliche Zweifel diesen Zwischenetappenort erreichen zu können. Jetzt war ich da und hatte mir eine Belohnung verdient, in Form eines Ruhetages.

In der Hospedaje Maria Ester bekam ich eine Absage aber in der Hosteria Coyhaique bekam ich ein Einzelzimmer zu einem günstigen Preis direkt neben zwei Supermärkten. Im Aufenthaltsraum stand ein kleiner Holzofen in dem ein Feuer loderte. Eine heiße Dusche und die Ofenwärme brachten mir allmählich eine gesunde Körperfarbe zurück.

Tagesleistung: 82 km

12.1.2015 - Ein Tag zum Chillen? - 10. Tag



13.1.2015 - Vorwärts Caballeros die Reise geht weiter - 11. Tag

Meistens kommt es anders als man denkt. 9 Uhr wollte ich starten, 10.18 Uhr rollte ich vom Hof des Hostels. Frühstück, Briefmarke versorgen, Brot holen und Gepäckstücke am Fahrrad und auf dem Anhänger transportsicher unter bringen, das dauert seine Zeit. Eine Baustelle am Ortsausgang, ein Kreisverkehr und ich hatte die Orientierung verloren, bog am Kreisverkehr verkehrt ab, sauste ins Tal des Rio Simpson (die richtige Straße verläuft auch im Tal des Rio Simpson, aber weiter oberhalb des Flusses) hinunter und auf der anderen Seite wieder Kräfte zehrend hinauf. Dumm nur, dass die Wolken aus den falschen Richtung kamen. Ich konsultierte die Karte und fragte einen Busfahrer. Beide bestätigten mir meinen Irrtum. Also Umkehren und alles wieder zurück. 1 h hatte mich dieser Irrtum gekostet und jede Menge Kraft. Zurück am Kreisverkehr drückte ich die Reset-Taste und alles begann von vorn. Vor mir fuhren vier Italiener. Mal war ich vorn, mal sie, je nachdem wie wir die Pausen abhielten. Am Tagesende kamen wir fast zur gleichen Zeit am Campingplatz an.

Man hatte ich einen "Schiss" vor dieser Etappe, denn am Tagesende wartete die mit 1120 m über dem Meeresspiegel höchste Stelle der gesamten Carretera Austral. Was Wunder wirkt ist die Sonne. Diese strahlte durch die weißen Quellwolken hindurch. Später lösten sich die Wolken fast vollständig auf. Das Gelände ging mehr auf als ab und bot schöne Ausblicke auf die umgebenden Berge. Darüber ragten noch die Schnee bedeckten Gipfel einer Andenkette. Was das ganze aber erst richtig angenehm machte war der legendäre patagonische Wind, zumindest könnte das ein "kleiner" Ableger gewesen sein, denn er blies von hinten. Ich konnte sogar mit Windunterstützung Hügel im 3. Gang hochfahren, wo ich normal im 1. Gang große Probleme hätte um voran zu kommen.

Immer wieder bot die Umgebung der Straße einen anderen Blickfang. Einmal waren es die Berge neben der Straße, ein Wasserfall oder der Blick kann über weite Täler in die Ferne schweifen. In dem kleinen Ort El Blanco geb ich mir vor dem Mate Museum eine längere Rast und schob erst einmal Kalorien nach. Das Mate-Trinken ist in Südamerika sehr weit verbreitet. Das Aufgussgetränk wird wird von den Blättern einer Stechpalmenart gewonnen. Getrunken wird es aus einem speziellen Trinkgefäß mit Hilfe einer Bombilla. Das ist ein Trinkhalm aus Metall, der am unteren Ende ein Sieb hat. Das Getränk regt die Verdauung an und beinhaltet vor allem Kalzium, Vitamine und Koffein. Das Mate-Trinken hat vor allem einen sozialen Stellenwert und es gibt feste Trinkregeln. Touristen wird etwas nachgesehen, wenn sie Fehler beim Mate-Trinken begehen (Chile: Carretera Austral ..... Dirk Heckmann).

Je näher ich der Reservas Nacional Cerro Castillo komme, desto öfter sind Anstiege zu bewältigen. Der kräftige Rückenwind hilft weiterhin dabei. Nach dem die Straße Richtung Balmaceda abzweigt geht es heftiger bergan zur Sache, denn der Aufstieg ins Gebirge auf 1120 m steht an. Was hatte ich für einen Respekt vor dieser bergan Fahrt. Da die Straße nicht so steil anstieg war sie gut im kleinsten Gang oder schiebend zu meistern. Nach einem langen Anstieg konnte ich an der Laguna Verde wieder etwas bergab rollen und an der Laguna Chiguay gab es einen Campingplatz (1030 m) mit Rangerstation. 

Ich hatte die höchste Stelle der Carretera Austral noch nicht erreicht, dafür blieb morgen noch genügend Zeit. Die Sonnenstrahlen erreichten noch den Talgrund, so dass ich in aller Ruhe mein Lager einrichten und mein Abendessen einnehmen konnte. Als die Sonne ging, kam die Kälte. Hier oben wird es schon in den Nächten etwas kälter.

Tagesleistung: 61 km

14.1.2015 - Ich erreiche bei 1120 m den höchsten Punkt der Carretera Austral - 12. Tag

Der Morgen war sehr frisch, denn die Sonne tastete sich nur langsam zum Talgrund vor. Als ich startklar war, kam der Ranger und kassierte noch schnell die Nutzungsgebühr von 5.000 chl. Pesos. Die Jagd nach dem Höchsten Punkt der Carretera Austral konnte beginnen. Zunächst war es wirklich eine Jagd, denn es ging rasant bergab. Eine schadhafte Stelle im Straßenbeton erkannte ich zu spät und bretterte voll hindurch. Ich hatte Glück, dass ich bei dieser Geschwindigkeit nicht ins Straucheln kam. Ein Sturz bei diesem Tempo,....? Später bemerkte ich, dass bei dieser "Ratterfahrt die Aufhängung vom Rücklicht auf einer Seite abgebrochen ist, denn ich hatte entlang dieser Aufhängung einen Spanngurt für mein Gepäck laufen.

Die Sonne meinte es heute perfekt mit mir, denn sie strahlte von einem makellos blauen Himmel herunter. Dazu die Berge des Naturreservats Cerro Castillo und die Kamera wurde gar nicht wieder eingepackt. Es lohnte sich nicht, denn an der nächsten Kurve kam das nächste Bergmotiv.

Die Straße schlängelte sich nun wieder bergan und die kahlen Berggipfel vor dem Portezuelo Ibanez leuchteten in den unterschiedlichsten Farben, von beige bis lila. 

Immer wieder machen Hinweisschilder auf die Anwesenheit einer seltenen Rotwildart aufmerksam. Das Huemul hat in diesem Naturreservat ein natürliches Verbreitungsgebiet. Die Jagd ist streng verboten. Das wissen die Tiere, denn eins kam mir am Straßenrand direkt entgegen. Es schien keine Angst vor mir zu haben und kam bis ca. 10 m an mich heran.

Nach der Passhöhe gab es die Belohnung, denn eine 6 km lange Abfahrt, die "Cuesta del Diablo" (Teufelsabfahrt) heißt, schloss sich an. Mitten drin der Aussichtspunkt mit gleichem Namen zeigte eine perfekte Panoramaansicht von den Bergen in das Tal des Rio Ibanez.

Tagesleistung: 50 km

15.1.2015 - Verluste, Verluste, Verluste.... - 13. Tag 

Gestern brach die Halterung meines Rücklichtes ab und heute hatte ich einen schwerwiegenden und einen weniger schwerwiegenden Verlust zu beklagen.

Eigentlich verlief alles ganz normal. Es schien ein sonniger Tag zu werden, als ich meine Nase aus dem Zelteingang schob. Morgentoilette, Frühstück bereiten, Sachen packen, dazwischen kamen die Schafe aus ihrem Gatter auf die Weide und die Schippchen folgten ihrer Mutterhenne auf der Suche nach Fressbarem, keine Spur von Hektik, alles war entspannt und das Frühstück schmeckte doppelt so gut im Schein der Morgensonne und beim beobachten der Schafe und Lamas auf der Weide.

Schon 9.15 Uhr war ich abfahrbereit, denn ich wußte, dass die Kilometer auf der Gravelroad nur über die Zeit zu schaffen waren. An die Belastung des Fahrens und Schiebens auf der unasphaltierten Carretera Austral hatte ich mich gestern schon wieder gewöhnen können und der Ärger über die schlechten Straßenverhältnisse war längst der Gelassenheit gewichen, eh nichts daran ändern zu können. Auch das ich nur kurz nach dem Tagesstart mein Gespann schon wieder den Berg hinaufschieben durfte, lies sich nur mit in die "Hände spucken" und "los gehts" erledigen.

Schon bald durfte ich von einem Aussichtspunkt auf die Laguna Verde blicken. Dieser Name wird sehr häufig vergeben. Sobald das Wasser grün leuchtet ist es ein Lago Verde, oder eine Laguna Verde. Sie kommen zig-fach in Chile vor.

Dann war auch dieser hüglige Abschnitt geschafft und ich hatte auf der Abfahrt ins Tal des Rio Ibanez einen phantastischen Panoramablick zu bestaunen. Diesem Tal folgte ich nun für längere Zeit am linken Talrand stromaufwärts. Kurz bevor die Straße dieses Flusstal verlässt, konnte ich den "Bosque Muerte" bestaunen. Dieser tote Wald geht auf den Vulkanausbruch des Vulcano Hudson im Jahre 1991 zurück. Er schleuderte 8 Kubik-Kilometer Vulkanasche in die Atmosphäre. Diese rieselte nach und nach wieder herunter und bildete bis zu mehrere Meter mächtige Ascheablagerungen. Dazu kam, dass diese Ablagerungen vom Niederschlag in die Bäche  und Flüsse gespült wurden und bei Hochwasser weiter transportiert wurden. In den flachen Flussniederungen wurden sie als Sandbänke auch weit vom Vulcan entfernt (50 km) wieder abgelagert. der Wald ist förmlich erstickt, lange nach dem der Vulkan seine "Muskeln" hat spielen lassen. Heute stehen nur noch die Baumgerippe im Schwemmland des Rio Ibanez.

Die Straße folgt jetzt einem Nebental und steigt erst einmal heftig an. Nach 5 h in Aktion eine gute Gelegenheit erst einmal zu verschnaufen und die Energiedepots zu füllen.

Beim bergan Schieben bemerkte ich mit Blick auf die Anhängerkupplung, dass die Schnellsicherung fehlte. wann ich sie verloren hatte, wusste ich nicht. Aber ich ging trotzdem die 100 m zum meinem Rastplatz zurück, in der Hoffnung sie auf diesem Stück wieder zu finden. Leider war dies ein Weg für umsonst. Was bedeutet dieser schwerwiegende Verlust für meine weitere Tour. Die Anhängerkupplung konnte nun unbemerkt vom Bolzen rutschen und der Anhänger sich vom Fahrrad lösen. Für diesen Fall hatte der Hersteller noch eine Fangsicherung vorgesehen, die den Anhänger am Fahrrad fest hielt, so dass er nicht in den Gegenverkehr gelangen konnte. Wie lange ich bereits ohne diese Schnellsicherung gefahren war, wusste ich nicht. Jedenfalls hielt die Anhängerkupplung gut auf dem Bolzen. Wenn ich also weiterhin den Anhängerschwerpunkt vor der Anhängerachse belassen würde, könnte ich weiter fahren, ohne ständig den Anhänger zu verlieren. Laufende Kontrollblicke auf die Anhängerkupplung bestätigten dann diese Vermutung zunächst beim bergan Schieben. Später klappte das auch während der Fahrt, da ich die Sicherungsleine auch etwas enger spannte.

Bei den Abfahrten und dem Gegenwind bemerkte ich die Kühle an meiner Stirn und vermisste erst jetzt mein Basecap. Es war wahrscheinlich durch den Wind vom Lenker herunter gerissen worden, denn am Lenker hing sie nicht mehr. Zu spät, aber diesen Verlust konnte ich verschmerzen.

Die Anhöhe hatte ich erklommen und kam gut auf der Straße voran. Die Straße war glatt, die feinen Teile vom Wind verblasen, große Gravel lagen kaum auf der Straße und Löcher hatten Seltenheitswert. Die beste Straßenqualität einer unasphaltierten Carretera Austral. Ich hatte ständig das Gefühl im Gegenwind zu fahren, obwohl ich schon mehrere Richtungswechsel an diesem Tag hatte. Das war das Einzige was mich störte. 

Leider zog es bei der Einfahrt ins Tal des Rio Murta immer weiter zu. Als die ersten Regentropfen fielen war es Zeit sich nach einer Campmöglichkeit um zu sehen. Ich enterte mit Sack und Pack ein verschlossenes Tor am Lago Cofre um nicht direkt neben der Straße mein Zelt aufbauen zu müssen. Schade, dass hätte ich mir ersparen können, denn es wäre noch gut eine Stunde Zeit zum Weiterfahren gewesen. Aber trockene Sachen sind mir wesentlich lieber als nasse Klamotten.

Tagesleistung: 50 km

16.1.2015 - Lago General Carrera - 14. Tag

Die Wolken hängen immer noch über den Bergen. Es regnet aber nicht mehr aus ihnen. Nachdem ich mein Gepäck samt Fahrrad wieder über das verschlossene Tor gehievt hatte, konnte die Tagesreise starten. Nach einer kurzen bergan Strecke ging es es erst einmal ordentlich bergab ins Tal des Rio Murta. Die Berghänge sind bis zur Baumgrenze dicht bewachen. Die Carretera Austral folgt lange dem Flusslauf und ich komme gut voran.

Kurz vor dem Abzweig zur Bahia Murta/Puerto Murta passiere ich das Schild mit der Aufschrift 800.000. Das bedeutet ich habe jetzt ca. 2/3 des Weges in den Beinen und in den Armen. An die Belastung und an das Geruckel beim Fahren über die Gravelroad habe ich mich nun gewöhnt. Das  fahren auf dieser Straße ist weiterhin sehr anstrengend. Das gilt bergan, denn da muss ich oft schieben, aber auch bergab, dort muss ich auf der Hut sein, um nicht wieder einen Sturz zu riskieren. Einziges Gegenmittel - Fahren mit angezogenen Bremsen.  

Nun ist es nicht mehr weit bis zum zweit größten See Südamerikas - dem Lago General Carrera. So heißt er zumindest in Chile. Das Nachbarland Argentinien hat ebenfalls einen großen Anteil an diesem See. Auf einen gemeinsamen Namen konnte man sich jedoch nicht einigen, denn in Argentinien heißt dieser See Lago Buenos Aires. Der See bedeckt eine Fläche von 1850 Quadratkilometern. Er breitet sich in einer Höhe von 217 m aus und misst als größte Tiefe 586 m. Entwässert wird er über den Lago Bertrand und den Rio Baker zum Südpazifik.

Die Carretera Austral führt an der Westseite des Sees entlang. Dort ist die Landschaft abwechslungsreich, denn die Ausläufer des Campo de Hielo Norte (Nördliches Eisfeld) reichen bis ans Seeufer heran. Eines der größten Eisfelder außerhalb der Polregionen schirmt den See vor den niederschlagsreichen Westwinden ab. So entsteht am See ein Mikroklima, welches niederschlagsärmer (800 mm/Quadratzentimeter) ist als im Rest des chilenischen Teils von Patagonien. In den Sommermonaten können die Temperaturen bis an die 30°C heran reichen.
Der Tourismus entwickelt sich zunehmend zu einer Einnahmequelle, so dass Viehzucht, Forstwirtschaft und Fischfang nicht mehr länger die einzigen Verdienstmöglichkeiten der Einwohner bleiben. (Chile: Carretera Austral....; Dirk Heckmann)

Je näher ich dem See komme, umso mehr lösen sich die Wolkenpakete auf und ab der Fahrt am Seeufer entlang durfte ich dann in der Sonne schwitzen, denn die Straße folgte in keinster Weise der Uferlinie auf gleicher Höhenlage. Die Ausblicke auf den See, das türkis blaue Wasser und die Gebirgshänge an den Seeufern, alles in feinstes Sonnenlicht getaucht, entschädigten aber für diese harte Antriebsarbeit.

Um an einen de luxe Campplatz für die bevorstehende Nacht heran zu kommen, musste ich wieder ein verschlossenes Tor entern. Auch dieses Grundstück schien zur Zeit nicht bewohnt zu sein, denn die Zufahrtswege waren dicht mit Gras bewachsen. So konnte ich die Abendsonne mit einem wunderen Ausblick direkt am See genießen.

Tagesleistung: 59 km
 
17.1.2015 - Schach,... aber nicht Schach matt! - 15. Tag

Schon kurz nach 6 Uhr trieb mich meine Blase aus dem Zelt. Gerade zur rechten Zeit, denn die aufgehende Sonne veranstaltete soeben ihr rötliches Sonnenaufgangsinferno am südöstlichen Himmel. Da sie noch hinter den Bergen der Reserva Nacional Lago Jeinemeni steckte, leuchtete sie nur die davor befindlichen dünnen Wolkenpakete an und das in den tollsten Sonnenaufgangsfarben. Zur rechten Zeit am rechten Ort. Nach einigen Minuten war dieses Farbenspektakel vorbei. Von Westen zogen neue Wolken heran, so dass die Sonne an diesem Tag keine Chance mehr hatte.

Ich war munter, das Zelt und das Gras waren trocken, deshalb ging ich gleich nahtlos zum Morgenprozedere über, denn ich wollte heute ein gutes Stück voran kommen. Vielleicht sogar bis Puerto Bertrand. Schon nach 8 Uhr stand ich mit Sack und Pack vor dem verschlossenen Tor. Wie entert man dieses Tor mit einem Fahrrad, Anhänger und jeder Menge Gepäck. Bei diesem Unternehmen entstand eine kleine lustige Bilderserie.

8.30 Uhr rollte ich dann von dannen und kurz vor dem Örtchen Puerto Rio Tranquillo kam mir auch schon das erste Bikerpärchen aus der Schweiz entgegen. Sie waren in El Chalten (Argentinien) gestartet, genau dort wo ich hin wollte. Wir tauschten noch einige Informationen über die jeweils vor uns liegende Strecke aus und kurz darauf fuhr ich in dem Touristen-Dörfchen ein. Ich wollte Brot kaufen, hatte aber im Supermercado kein Glück und die Panaderia fand ich nicht.

Puerto Rio Tranquillo wird in der Tourismusbranche am Lago General Carrera das bedeutenste Potential zu gesprochen. Die Cuevas de Marmol oder auch Catedral de Marmol (Mamorhöhlen) befinden sich unweit und Gletschertouren können im Valle Exploradores unternommen werden. Kühne Pläne weisen aus, dass die Straße bis zum Fjordgebiet weiter gebaut werden soll. Dann könnte die Laguna San Rafael mit ihrem Gletscher auch auf dem Landweg erreicht werden.

In einem munteren Auf- und ab setzte sich der Straßenverlauf fort und raubte mir schon am Vormittag ganz schön die Körner. Es ging bis auf 513 m hoch und es boten sich tolle Aussichten auf den See und die umgebende Bergwelt. 

Inzwischen hatte sich eine geschlossene Schichtwolkendecke gebildet und ich wartete auf die ersten Spritzer. Noch blieb es trocken und die ich konnte auch noch die ersten schneebedeckten Vorgipfel des Campo de Hielo Norte sehen. Diese zogen sich aber mehr und mehr zu. Als ich dann am Delta des Rio Leon in eine dunkle Wolkenwand hinein radelte, die ersten Regentropfen vielen, zog ich es vor mein Zelt aufzubauen und meinen Arbeitstag für heute zu beenden, obwohl es erst 13 Uhr war. Aber ich hatte keinen Bock darauf, aus Erfahrung wird man klug, mich und mein Gepäck erst richtig durchweichen zu lassen, da mein Regenschutz für das Gepäck auf dem Anhänger nicht 100%ig funktionierte. 

Es kam zwar dann nicht ganz so arg wie gedacht, aber ich lag erst einmal im Trockenen. Nach dem Regen gab es keine durchgreifende Wetterbesserung, denn es tröpfelte immer mal etwas mit Unterbrechungen weiter vom Himmel herunter. Blieb die Hoffnung auf den morgigen Tag, denn  die Aussicht ins Tal des Rio Leon zum nördlichen Eisfeld soll toll sein. Bisher konnte ich das nur erahnen.

Tagesleistung: 32 km

18.1.2015 - Man sieht sich immer 2 mal - 16. Tag

In der Nacht hatte es lange Zeit geregnet und nach dem Morgengrauen hingen die Wolken immer noch tief und grau in den Bergen drin. Aber es waren auch ein paar hellblaue Flecken zu erkennen. Eine Tendenz zur Wetterbesserung? Nach dem Frühstück waren die blauen Flecken verschwunden und ich würde mich wohl auf ein paar Spritzer auf der Fahrt einrichten müssen. Also alles möglichst regensicher verpacken. Kurz nach 9 Uhr war ich auf der Strecke. Heute wollte ich es bis Puerto Bertrand am Lago Bertrand schaffen. Das war kein unmenschlich langes Stück, aber man weiß ja nie was einen unterwegs alles aufhält oder sonstige Überraschungen passieren. Die reichlich 40 km sollten am frühen Nachmittag geschafft sein.

In einem weiten Bogen musste das Delta des Rio Leon umfahren werden und die Straßenarbeiter waren schon unterwegs. Mit einem Schiebeschild wurde die Straße jeweils halbseitig abgezogen. Das "Waschbrett" war danach oberflächlich verschwunden. Die "Waschbrettrücken" wurden abgehogbelt und das "Hobelgut" wurde in die "Waschbretttäler" geschoben. Letztere wurden aber nicht sonderlich stark verdichtet, so dass bald wieder Höhenunterschiede entstanden und das "Waschbrett" allmählich wieder wuchs. Sei es drum, ich hatte jedenfalls ein glattes Geläuf. Ab der Brücke über den Rio Leon war Schluß damit, da hatte mich der grobe und lose Gravel wieder, so wie man ihn sich nicht wünscht, denn das Fahren über dieses Material ist wirklich anstrengend und nicht leicht.

Als es wieder bergan ging hatte ich zumindest diesen Straßenbelag hinter mir. Vorwärts ging es trotzdem nicht so recht, da ich oft schieben musste. Dort wo es hinauf geht, geht es früher oder später auch wieder herunter. Das spart Kräfte, ist aber kein Selbstläufer, da man auch bergab stets vor plötzlichen Unebenheiten auf der Hut sein muss. Da ich kein Gepäck an der Vorderachse hängen habe, bekomme ich auch keinen Druck auf die Vorderachse und kann leichter stürzen. Deshalb hielt ich bei bergab Fahrten das Tempo mit den Bremsen immer unter Kontrolle.

Mittler Weile hatte ich auch die Regenkleidung übergestreift, denn es regnete mal wieder. Heute gab es kein Kneifen vor dem Regen, denn der Tag war noch lang und ich hoffte auf baldige Wetterbesserung. Diese trat allmählich auch ein, zuerst hörte der Regen auf, dann wurde die Sicht besser und zu guter letzt verzogen sich die Wolken und die Sonne trieb die Schweißperlen auf die Stirn. Da war ich aber meinem heutigen Etappenziel schon sehr nahe.

Zuvor hatte ich den Puente Desagüe Lago General Carrera überquert. Hier fließt der Lago General Carrera in den Lago Bertrand ab.

Nach diesem Punkt beginnt die Landschaft sich zu wandeln, weg von den dicht bewaldeten Berghängen (falls nicht schon abgeholzt) hin zu niedrigen Gehölzen und Büschen die viel Platz für nackten Fels ließen. Zwischendurch hatte sich die Aufhängung meiner Anhängerkupplung wieder mal gelockert. Da ich ja nicht das richtige Werkzeug hatte, war es schwierig diese wieder fest zu bekommen. Ob es mit diesem Werkzeugeinsatz zusammen hing, oder der Verschleiß sich bemerkbar machte, die "Defekthexe" suchte mich noch ein zweites mal an diesem Tag heim, denn jetzt funktionierten nur noch die ersten vier Gänge. Glück gehabt könnte ich rufen, denn die Gänge 5-8 benötigte ich auf der Gravelroad eh nicht.

Ich war immer noch auf der Suche nach Pan, damit ich endlich meinen Käse auch mit Brot essen konnte. Deshalb fuhr in den Ort Puerto Bertrand hinein. Vom oberen Ortsteil schickte man mich eine steile Straße hinunter in den unteren Ortsteil am Lago Bertrand. Der kleine Laden hatte leider geschlossen. Aber ich fand eine Campmöglichkeit bei einem alten Mann im Garten hinter seinem Haus direkt am sonnendurchfluteten Seeufer. Ich fragte ihn wo ich Wasser finde. Er zeigte auf die Regentonne. Ich meinte aber Trinkwasser. Das könne ich aus dem See nehmen, das sei sehr sauber und er nimmt das auch.

Genug gestrampelt für heute. Für den Rest des Tages wollte ich die warme Sonnenstrahlung nutzen um meine Regenkleidung zu reinigen, das Fahrrad zu putzen und kleinere Reparaturen durch zu führen. 

Ein guter Platz dafür war das Seeufer. Dort traf ich Ignacio, den jungen Chilenen wieder. Ihn hatte ich schon am ersten Abend am Straßenrand zeltend getroffen und am dritten Tag haben wir gemeinsam die Fährpassagen gemeistert. Er hatte mir dort schon einmal mit einem 15er Maulschlüssel ausgeholfen. Auch diesmal borgte er mir den Schlüssel. Die Gangschaltung habe ich nicht wieder hin bekommen. Es funktionieren aber noch die ersten 4 Gänge. Die Anhängerkupplung konnte ich wieder fest ziehen und das Vorderrad hat jetzt neue Bremsklötze. Die hatten sich auf den letzten knapp 900 km enorm abgearbeitet. Ich hoffe, das Fahrrad hat sich über diese liebevolle Zuwendung sehr gefreut und wird mich mit der "Defekthexe" nicht gleich wieder überraschen. Nach getaner Arbeit gönnte ich mir noch ein kühles Bad im Lago Bertrand.

Ja, auf der Carretera Austral sieht man sich mehrmals. Auch den deutschen Holger traf ich Tage später ein zweites mal. Dreimal traf ich sogar ein deutsches Ehepaar. Sie sind schon seit November von Arequipa (Peru) aus unterwegs nach Süden. Ich bin gespannt darauf, wen ich am Ende der Straße in Villa O´Higgins wieder treffe, falls ich es bis dahin schaffe? 

Wenn ich morgen Cochrane erreiche, sind es noch ca. 230 km bis zum Zielstrich. Dafür werde ich wohl noch einmal 4/5Tage benötigen.

Tagesleistung: 42 km

19.1.2015 - Die Königsetappe bei Kaiserwetter - 17. Tag

Ich kam erst 9.45 Uhr los, nach dem ich mich von Raul, meinem Gastgeber, verabschiedet hatte und im Laden neben an drei Pan (Brot, so etwa wie die Brötchen bei uns) orderte. 50 km bis zur 3000 Seelengemeinde Cochrane. Wenn alles gut lief, sollte ich das Ziel am vorgerückten Nachmittag erreichen und in einem Hostel noch ein Bett bekommen. Das Bett benötige ich nicht unbedingt, denn ich habe ja ein Zelt dabei. Aber eine Warme Dusche und WiFi sind doch ab und an eine schöne Ergänzung zum Campieren in der Natur. Außerdem muss ich im Supermercado meine Vorräte noch einmal auffüllen, für die letzten 4/5 Tage auf der Carretera Austral.

Das Wetter entwickelte sich bestens, denn die morgendlichen Wolken lösten sich mehr und mehr auf. Der Streckenverlauf bot schon von Beginn an etwas für`s Auge. Der Rio Baker ist der einzige Abfluss des Lago General Carrera-Lago Bertrand-Seensystems. Über den Rio Baker fließen 900 Kubikmeter Wasser pro Sekunde ab. Somit ist er der wasserreichste Fluss Chiles. Auf den ersten Kilometern folgte die Carretera Austral immer diesem blauen Band und es ergaben sich viele Möglichkeiten den Farbenmix Himmel-Wolken-Berge (teilweise mit Schneeresten oder Gletschern) und Vegetation auf´s Foto zu bannen. Das Einzige was mich störte, war der Straßenbelag, denn ich hatte es mal wieder mit "Waschbrett" zu tun. Das behagte meinem Anhänger ganz und gar nicht, denn er löste sich zweimal während der Fahrt aus der Kupplung. Die Stahlseilsicherung hielt ihn aber in der Spur, zwang mich aber zu noch langsamerem Fahren.

Nach 14 km erhielt das satte Blau des Rio Baker am Zusammenfluss mit dem Rio Nef eine schmutzigere Färbung, da der Rio Nef als Gletscherfluss eine milchgraue Komponente beisteuert. Trotzdem bot die vorüber ziehende Landschaft einen "Hingucker" nach dem Anderen.

Ab Kilometer 21 nahm der bisher wellige Straßenverlauf eine größere Steilheit bei den Aufstiegen und Abfahrten an. Teilweise mussten sogar einige Serpentinenkurven erklommen werden. Bei der ersten Abfahrt gab es einige Geräusche in der Hinterachsschaltung auch in den Gängen 1-4. Dann konnte ich nur mit großer Kraftanstrengung treten und zu guter letzt sprang die Kette vom Ritzel. Das Hinterrad bewegte sich nun nur noch ohne Kette, denn diese hatte keinen Platz mehr auf dem Ritzel. Den nächste halben Anstieg bewältigte ich noch schiebend, dann gab es erst einmal Kaloriennachschub und erst danach versuchte ich heraus zu finden, warum das Hinterrad Probleme bereitete. Es war kurz vor 13 Uhr und ca. die Hälfte des Weges nach Cochrane (25 km) geschafft.

Ohne das passende Werkzeug war es schwierig an den Kern des Dilemmas vor zu dringen. Letztendlich stellte sich dann heraus, dass sich das rechte Lager der Hinterradachse zerlegt hatte. Um das Rad wieder rollbar zu bekommen, entfernte ich die losen Lagerkugeln und deren verbogene Halterung. Damit war klar, ohne neues Lager war die Reise für das Fahrrad zu ende.

In Cohaique, dort kam ich schon vor 7 Tagen durch, gab es einen gut sortierten Fahradladen. Über 300 km entfernt von Cochrane. Eine Tagesreise mit dem Bus, ein Tag Reparatur und anschließend wieder ein Tag zu rück, falls es überhaupt so ein Lager gab? 3 Tage mit ungewissem Ausgang. Ich hatte mir schon vor meiner Radtour überlegt, dass das Rad in Patagonien bleibt, denn ich hatte es die letzten 8 Jahre sehr umfangreich genutzt. Allerdings glaubte ich, dass es im funktionstüchtigen Zustand einen neuen Besitzer finden könnte. Jetzt musste ich jemanden finden, der ein defektes Fahrrad wollte.

Das Hinterrad rollte wieder. Ich packte meine Sachen und schob mit dem Gespann los. Es folgten einige knackige bergan Stücken, die ich sowieso hätte schieben müssen. Auf den wenigen aber steilen Abfahrten lies ich mich auf dem Fahrrad sitzend nur hinunter rollen. 25 km fast ausschließlich zu Fuss. Es war 15 Uhr und ich rechnete mir aus, es noch vor Einbruch der Dunkelheit nach Cochrane zu schaffen. Allerdings wusste ich nicht, dass es weiterhin länger bergan als bergab ging. Ich hatte mächtig zu schuften. Die Wasserreserven schwanden mehr und mehr. Im Bereich der Reserva Nacional Lago Cochrane bewahrte mich ein kleines Rinnsal vor dem totalen Trinkwassserausverkauf. Ich hatte noch 250 ml in meiner Trinkflasche. Glück gehabt in dieser Pampa ähnlichen trockenen Umgebung.

Die Zeit schritt voran, aber das Ende der Tortour kam nicht in Sicht. Erst als die Straße sich vom Rio Baker entfernte um ins Tal des Rio Cochrane ab zu biegen, man ahnt es gewiss, durch einen kräftigen Anstieg, sah ich "Licht" am Horizont. 20.30 Uhr schob ich mein Gespann durch erstes urbanes Gebiet der Gemeinde Cochrane und kurz vor 21 Uhr hatte ich ein Bett im Hostel "El Fogon". Alles wird gut.

Tagesleistung: 50 km

20.1.2015 - "Das Wandern ist des Müllers Lust, ...." - 18. Tag

Meine Zeit auf und mit dem Fahrrad war definitiv abgelaufen. Ich schenkte es am Morgen Seniora A. A. Gonzales Montana, der Dame aus dem Hostel. Ob es die Hosteleignerin oder die Servicekraft aus dem Restaurant war, wusste ich nicht. Obwohl das Fahrrad nicht funktionstüchtig und kein Damenrad war, drückte sie mich erst einmal ab. Ich hoffte, sie könne es reparieren lassen.

Bisher war mir der Fahrradanhänger nebst meinem für die Carretera Austral nicht geeigneten Trekkingrades nicht sonderlich behilflich beim zügigen Vorankommen, denn alle Fahradwanderer/innen die ich traf, waren wesentlich schneller, leichter und sicherer unterwegs, als ich. Aber so schnell kann sich das Geschehen wandeln, denn was heute von Nachteil ist, kann morgen schon von Vorteil sein. Ich hatte nun kein Antriebsfahrzeug mehr, aber ich hatte einen zweirädrigen Fahrradanhänger, so dass ich mein Gepäck nicht selbst tragen musste. Nun versuchte ich mein Hab und Gut darauf unter zu bringen und verschnürte es kunstvoll. 

12 Uhr setzte ich mich, mit dem Anhänger im Schlepptau als kleine Zugmaschine in Bewegung, weiter in Richtung Villa O´Higgins. Für diesen Zweck hatte ich eine Deichsel an den Anhänger montiert, das Gewicht relativ gleichmäßig über der Radachse verteilt und einen Spanngurt über meine Schultern gelegt, so dass ich den Hänger leicht steuern konnte und wenn nötig die Last mit der gesamten Körperkraft ziehen konnte. Das funktionierte ganz gut. Bis die ersten Teile verrutschen, die Bananen im Dreck schliffen (zwei von diesen teuren Dingern konnte ich gleich entsorgen. Die Tomaten sammelte ich von der Straße wieder ein. Bis alles richtig saß, waren immer wieder Nacharbeiten fällig und ich kam so, zunächst nicht gerade zügig voran. Aber das Ganze funktionierte, denn ich konnte bergan Strecken bewältigen und hatte die Anhängerlast auch bergab im Griff. Zwar würden sich auf die Dauer wieder andere Muskeln mit Muskelkater melden, aber auch das ging vorüber und ich kam voran. 

In meinen kühnsten Träumen glaubte ich so 5 km pro Stunde schaffen zu können. Bei 230 ausstehenden Kilometern würde ich dafür ca. 8 Tage benötigen. Es blieb also genug Zeit um mein nächstes "Date" am 7. Februar in El Calafate (Argentinien) halten zu können. Aber schon nach dem ersten Tag musste ich feststellen, dass 6 h Wandern pro Tag nicht ausreichen, um 30 km zurück zu legen. Todmüde fiel ich nach dem Kalorienstopfen in den Schlaf.

Tagesleistung: ca. 21 km

21.1.2015 - Unterwegs auf "Schusters Rappen" - 19. Tag  

Gestern hatte ich mein Tageslimit nicht geschafft. Ich schob es auf den späten Tagesstart und die Schwierigkeiten mit der richtigen Verteilung und Befestigung meiner Gepäckstücke auf dem Anhänger. Heute sollte alles besser klappen und so kam ich schon 10.20 Uhr los. Der Weg führte hüglig durch das Tres Lagos genannte Gebiet. Am Ende dieses welligen Abschnittes "stürzte" die Carretera Austral von 460 m auf 130 m Meeresspiegelniveau die Cuesta Barrancos hinunter und ich hatte Mühe auf den steilen bergab Stücken den Anhänger hinter mir zu behalten.

Als dies geschafft war ging es angenehm flach weiter, allerdings zog sich die Strecke bis zu meinem Tagesziel am Puente Los Nadis wie Kaugummi. Kurz vor der Brücke über den Rio Nadis sah ich ein Zelt am Ufer stehen. Da war noch genügend Platz für men Zelt, so dass ich mich endlich, endlich "Ausspannen" konnte. Später stellte sich heraus, dass zu dem Zelt das französische Pärchen gehörte, denen ich schon vor Cochrane begegnet war und die heute schon im Laufe des Tages an mir vorbei gefahren waren.

Später kamen noch drei chilenische Jünglinge vorbei. Sie waren mit dem Auto unterwegs und hatten mich heute überholt. Sie wunderten sich, warum man sein Gepäck auf dieser Straße auf einem Fahrradanhänger zu Fuss transportiert. Dieses Fragezeichen auf ihrer Stirn konnte ich mit meiner Story "wegwischen". Es kam noch heraus, dass ihr Großvater aus Deutschland nach Chile kam und die 6 Brüder nur eine Schwester hatten. Sie kamen noch einmal zusammen mit ihrem Vater vorbei. Die Jungs trugen Namen wie Hermann, Kevin oder Gustavo.

Tagesleistung: 30 km

22.1.2015 - "Das Wunder von Bern, nein von Patagonien" - 20. Tag

Es ist 21 Uhr und ich bin in Villa O´Higgins, dem Ende der Carretera Austral. Wie, was jetzt, zu Fuss, unmöglich? Na klar unmöglich, denn mein Kilometerschnitt bewegte sich so um die 4 km pro Stunde. Mal was mehr, mal was weniger, je nach Streckenprofil, der Beschaffenheit der Straße, Anzahl und Ausdehnung der Fotostopps, Trinkwasserbeschaffung sowie Pausen und Päußchen. Bei einem Tagesziel von 30 km wird da schnell ein Fulltimejob daraus.

Bloß gut, dass die Witterung nun schon den dritten Tag in Folge auf "Kaiserwetter" geeicht ist. Ich komme schon gegen 9 Uhr in Tritt. Da die Sonne den breiten Talgrund längst erreicht hatte, sind die Plagegeister dieser Gegend auch schon rasend vor Wut, dass es nur einen Warmblüter auf der Straße gibt, den sie anzapfen können. Die Pferdebremsen machen mir das Leben schwer und lassen mich wild um mich fuchteln. Ein paar erwischen mich und ein paar erwische ich. Dabei könnte es doch so einfach gehen, denn der Weg fällt nicht wirklich schwer, schlängelt sich am linken Talrand leicht wellig dahin. Die Höhenrücken kann ich ohne ins Schwitzen zu geraten bewältigen und bei den "Abfahrten" schiebt die Last des Anhängers beherrschbar.

In meinem Rücken türmt sich der Cerro Barancos (2229 m) über die Schneegrenze auf. Seine Gipfelflanken zieren schneeweiße Gletscher. Wie fotografiert man eigentlich ins Gegenlicht, so dass die Sonne einen schönen "Stern" bildet und die Landschaft nicht ins konturenlose Schwarz abdriftet. Ich versuche es mit experimentieren. Da ich weiß, dass es von meinem heutigen Startpunkt bis zur Campingmöglichkeit am Lago Vargas 16 km sind, versuchte ich nicht so viele Fotostops zu machen, damit ich mal eine ungefähre Zahl für meinen Kilometerschnitt bekomme. Als nach über 4 h weit und breit immer noch nichts vom Lago Vargas zu sehen war, habe ich es aufgegeben, denn die Wunschvorstellung von 5 km/h war eh nicht mehr zu schaffen. Es gab Mittagsbrot, in langer Jacke und Wollmütze und das bei strahlendem Sonnenschein und Mittagshitze. So ließen sich aber die Pferdebremsen am ehesten beherrschen, in dem man ihnen wenig Angriffsfläche bot.

In westlicher Richtung kündigte sich schon seit dem späten Vormittag ein Witterungsumschwung an. Die "Wolkenwand war nun fast ran und der blaue Himmel würde sich in Kürze komplett verabschieden. Also weiter ging es auf Schusters Rappen. Nach ca. 20 km fuhr ein roter Pickup an mir vorbei und wenig später stoppte er und setzte einige Meter zurück. Als ich ran war, fragte der Fahrer, ob ich mitfahren wolle. Er wolle mit seiner Familie bis Puerto Tortel. Ich wollte nach Puerto Yungay. Bis zum Abzweig konnte ich also das Angebot annehmen. Felix, so hieß der Fahrer, und ich wuchteten den Fahrradanhänger auf die Ladefläche. Ich sprang in das Fahrzeug und los ging die Fahrt über die lupenreine Schotterstraße. Auch das Befahren mit einem Motorfahrzeug hat so seine Tücken, will man nicht jedes Schlagloch und "Waschbrett" mitnehmen. Nach ca. 40 Minuten waren diese 25 km erledigt und wir luden meinen "Sattelschlepper" wieder von der Pritsche herunter.

Allerdings war das Bild, was sich mir am Abzweig nach Puerta Yungay bot, nicht gerade Mut machend, denn es ging in Serpentinen steil bergan. Als von oben einige Radfahrer/innen herunterkamen und wir auf dem Weg nach oben heran waren, gab es ein "Biker meeting". Zwei deutsche Fahrerinnen gossen noch "Feuer" in die klaffende "Bergan-Wunde", denn sie meinten, es würde jetzt 5 km bergan gehen. "Na denn, man los" hier führt kein Weg daran vorbei. Ich sah es positiv, den ich war durch den "PKW-Lift" schon weiter, als aus eigener Kraft, auch wenn es noch 30 km bis zum Fähranleger waren und nicht wie in der Straßenkarte ausgewiesen, 17 km.

Obwohl es bergan ging, ist das tiefe Kerbtal des Rio Vagabundo im unteren Teil spektakulär. Am Ende des steilsten Anstieges befindet sich ein Denkmal, zu Ehren von drei Soldaten, die beim Bau der Straße an dieser Stelle ums Leben gekommen sind. Das es beim Bau der Straße Todesopfer zu beklagen gab, wunderte mich gar nicht, denn sie ist an vielen Stellen quasi aus dem Felsen "herausgehauen" worden. 

Der steilste Abschnitt war geschafft und ich hatte am Puente Vagabundo No. 2 frisches Flusswasser in meiner leeren Trinkflasche "nachgetankt". Mittlerweile war ich nicht mehr so ängstlich mit dem Trinkwasser aus klaren Bergflüssen oder -bächen, wenn keine Weidezäune zu sehen waren. Ich sparte mir dann die Desinfizierung mit Micropour-Wassertabletten. Das Wasser schmeckte einfach besser als mit diesen Tabletten. Weiter ging es nun nicht mehr so steil bergan und ich hatte gerade vor die Regensachen über zu streifen, da die ersten Regentropfen fielen, als ein roter Pickup vor mir hielt. Ratet mal wer aus dem Fahrzeug ausstieg und die Ladeklappe herunter lies. Es war Felix mit seiner Familie. Die Aussicht bis zum Ende der Carretera Austral zu fahren, hatte sie wohl auf halbem Weg nach Puerto Tortel umgestimmt. Wunder..., gibt es also doch nicht nur im Film, sondern auch im richtigen Leben.

Wenn wir jetzt noch die letzte Fähre nach Rio Bravo über den Fjordo Mitchell bekommen, dann hätte mir die Hilfsbereitschaft der Familie Mora aus Puerto Montt zwei Tage geschenkt, die ich meinen Anhänger nicht über eine staubige Schotterpiste "zerren" musste, obwohl die Fahrt nach Puerto Yungay in den höchsten Lagen spektakulär fast in "Griffweite" an den Altschneefeldern der umgebenden Bergwelt entlang führte. Allerdings ging es so steil wie bergan, auf der anderen Seite bis auf Meeresspiegelniveau hinunter. Das hätte mich auch vor Probleme gestellt, denn mein Anhängergewicht bringt bergab einiges an Schubkraft mit.

35 Minuten vor der Abfahrt der Fähre standen wir in der Reihe der bereits wartenden Fahrzeuge. Ob das reichen würde, um es noch auf die Fähre zu schaffen? Es reichte, denn als vorletztes Fahrzeug rollten wir rückwärts auf die Fähre, dann schloss sich die "Klappe". Das Gute an dieser Fähre ist, dass sie nichts kostet. Und was noch besser war, ich durfte weiterhin im Fahrzeug Platz nehmen und bis nach Villa O´Higgins mitfahren. Zwei weiteren "Hitchhikern" wurde gestattet mit zu fahren, allerdings auf der Pritsche. Das ist eine zugige und staubige Angelegenheit.

Als ich dann komfortabel im Fahrzeuginnenraum in der Staubfahne von drei vor uns fahrenden Motorrädern die Landschaft an mir vorüber ziehen sah, war ich plötzlich froh über diese "luxeriöse" Fügung, denn die Carretera Austral führt in ihrem südlichsten Teil durch absolutes Niemandsland. Dieser Teil Patagoniens ist sehr gering besiedelt, da die Landschaft nun wesentlich rauere Züge aufweist und die Winter ziemlich knackig sind. Mit den Gedanken daran noch weitere 4 Tage den Fahrradanhänger hinter mir her zu schleppen, war die Lust auf die Carretera Austral plötzlich wie weggeblasen und ich genoss den Blick aus dem PKW-Fenster. Die Carretera Austral hatte so viel Kraft gekostet, dass es mir nicht leid darum war, weitere Tage da draußen zu "verschenken", ich sehnte mich nach etwas Ruhe.

Plötzlich lag der Letzte der drei Motorradfahrer am Straßenrand. Felix hielt an und wir sprangen sofort aus dem Fahrzeug. Der Motorradfahrer stand aber schnell wieder und bestätigte uns dass er ok sei. Wir halfen ihm die schwere Maschine aufzurichten. Er startete die Maschine wieder und fuhr davon. Alles gut gegangen. Ein paar Kilometer weiter, ein PKW mit dem Heck auf dem Betonrand einer Minibrücke. Insassen waren keine mehr zu sehen. Hatten vielleicht auch Glück, dass sie mit dem Schrecken davon gekommen sind, aber ihren fahrbaren Untersatz mussten sie notgedrungen vorerst aufgeben. Genau wie der Jeep-Fahrer, von vor einer Woche, der es geschafft hatte sein Fahrzeug kopfüber in den Straßengraben zu legen. 

Die Carretera Austral ist beileibe keine Hochsicherheitsstraße. Jeder der sich auf sie begibt, sollte zumindest entfernt wissen, auf was er sich da einlässt, denn die Schotterpiste hat in ihren unterschiedlichen Ausprägungen unzweifelhaft ihre Tücken. Das gilt für 4-Radfahrzeuge und erst recht für Zweiradfahrzeuge. In besonderem Maße aber gilt das für Radfahrer, denn hier kommt die physische Komponente noch mehr zum Tragen. Wer diese Straße befahren will, sollte gut vorbereitet an den Start gehen und auch mental einiges "abkönnen". Hier werden Körper und Geist vor eine große Belastungsprobe gestellt, erst recht, wenn es eine Solotour ist. 

Meine Vorbereitung bestand im letzten Schuljahr darin, täglich (bis auf 5/6 Wochen im Jahr) 53 km hin- und zurück zur Arbeit zu radeln. Auch die kleinen, wenig beanspruchten Muskeln, haben sich bei meinem Tourstart in Puerto Montt schnell daran erinnert, so dass der "Muskelkater" gemäßigt ausfiel und schon gar keine Überreizung von Muskeln, Sehnen und Bändern auftrat.

Obwohl ich Villa O´Higgins nicht ausschließlich aus eigener Kraft "geschafft" habe, ist diese Tour ein absolutes Highlight meines zweiten Sabbatjahres und am ehesten mit meiner Begehung des  Northwest-Circle auf Stewart Island in Neuseeland (Januar 2011) zu vergleichen.

Tagesleistung: 20 km Wandern, 25 km "PKW-Lift", 4 km Wandern, 114 km "PKW-Lift"

23./24.1.2015 - Villa O´Higgins und Puerto Bahamondez

7.00 Uhr nicht aus dem Zelt springen und die morgendliche Routine abspulen. Nein noch ein wenig auf die Seite drehen und dann alles in Ruhe. Ich hatte mir einen Tag Auszeit verordnet. Obwohl ganz auf die "Faule Haut" wollte ich mich dann doch nicht legen, denn meine Weiterreise nach Argentinien musste organisiert werden und Wäsche waschen war auch mal wieder dran.

Nach einem ruhigen Start in den Vormittag ging ich dann in dem kleinen 1966 gegründeten Örtchen Villa O´Higgins, welches erst seit 1999 über die Carretera Austral mit der Außenwelt über die Straße verbunden ist, auf die Suche nach einer Agentur, mit deren Hilfe ich nach El Chalten in Argentinien (130 km entfernt) gelangen könnte. Bei diesem Rundgang bemerkte ich, dass in dem Ort keine übermäßige Hektik herrscht, wenn die Touristen abgereist sind und die neuen Touris noch nicht eingetroffen sind.

In einem Minibüro von "Robinson Crusoe" bin ich dann fündig geworden. Also es gab erst am Sonntag wieder eine Möglichkeit nach Puerto Candelario Mancilla zu gelangen, da die Samstagstour bereits ausverkauft war. 8 Uhr startet das Boot von Puerto Bahamondez (7 km von Villa O´Higgins entfernt). Man könne den Bus nehmen oder mit dem Fahrrad bzw. dem Auto dahin fahren. Kam alles nicht für mich in Frage, denn ich hatte einen Fahrradanhänger. Also werde ich zu Fuss dahin gehen. Dann geht es nur mit dem Boot weiter nach Süden über den Brazo Noreste, enen Seitenarm des Lago O´Higgins direkt bis Puerto Candelario Mancilla (44.000 chl.Pesos). Bleibt man auf dem Boot so fährt man über den Lago O´Higgins bis zum Ventisquero O´Higgins (Großer Gletscher) und steigt erst gegen 4.30 Uhr in Puerto Mancilla aus (70.000 chl. Pesos). Wenn ich schon einmal da bin, dann möchte ich auch diesen großen Gletscher "livehaftig" sehen, wie er in seinen recht üppigen Gletschersee "kalbt". Dabei stehen die Chancen das zu erleben gar nicht so schlecht, denn seine Gletscherfront ist 3 km lang und bis zu 80 m hoch. Er ist mit diesen Maßen einer der größten Gletscher der südlichen Hemisphäre.

Das Ticket in der Tasche ging es zurück zum Campingplatz um die schmutzige Wäsche mal wieder durch zu waschen. Die Sonne lies sich mehr und mehr blicken, so dass sich die Mitnahme der Kamera zum Mirador (Aussichtspunkt) auch lohnte. 

Am späten Nachmittag versuchte ich meine Verpflegung auf zu stocken. Frisches Obst oder Gemüse sind in den Mercados ein rarers Gut. Aber ich bekam in der Panaderia ordentlich backfrisches Brot. Am Abend gönnte ich mir in einem kleinen Restaurant einen Salatteller. Da liegen in den Mercados, wenn überhaupt, Zwiebeln und einige herunter gelumperte Möhren (ansonsten nur Dosengemüse) herum und dann bekommt man einen knackfrischen Blattsalat serviert. Das war es dann auch mit dem knackfrisch. Dabei waren noch drei halbe gekochte Eier, Oliven und ein anderes Gemüse (kannte ich nicht) aus der Dose und eine Zwiebel-Kräutersoße. Der Spaß kostete dann auch gleich umgerechnet über 10,-€. Ja, am Ende Chiles ist das Leben nicht gerade preiswert. Ich gönnte mir das aber mal, denn ich kam so auch an das WiFi heran, um mich auf dem Laufenden halten zu können. 

Dann war dieser "Ruhetag" auch schon fast Geschichte und ich krabbelte in das einzige Zelt auf dem gesamten Zeltplatz.

Schön in Ruhe setzte sich der nächste Tag fort, denn ich wollte erst am frühen Nachmittag starten und mein Hab und Gut nach Puerto Bahamondez ziehen. Die Letzten kleinen chilenischen Geldscheine investierte ich in frisches Brot, die "Nutella Südamerikas" - Dulce de Leche und ein schönes Stück Kuchen in dem WiFi-Restaurant vom Vortag. 2.000 chl. Pesos sollte das Stück kosten, 1.800 kratzte ich noch zusammen. Aber die Chefin lies Gnade vor Recht walten und brachte mir das ausgewählte Stück trotzdem.

14 Uhr war ich dann auf dem Weg zum "Hafen". Auf diesem nun wirklich letzten Stück der Carretera Austral fahren nun wirklich nicht mehr viele Fahrzeuge. Aber eins von den dreien, ein kleiner Transporter mit offener hoch umbauter Pritsche hielt an und fragte nach, ob ich zum Boot wolle. Ich nickte, Klappe auf, mein Anhängerfahrzeug drauf gehoben. Nun stand ich mit zwei weiteren Mitfahrern und einem Hund auf der Pritsche und hatte wieder einmal eine Mitfahrgelegenheit.

Die Straße führte nun über den Rio Mayer hinweg und ging dann in den Fels "gemeiselt" im Verlandungsbereich des des Lago O´Higgins entlang. Ich hielt Ausschau nach einem wilden Campplatz. Aber es war, wie in Fjord-Norwegen, da ist es auch schwierig geeignete Flecken zum "wilden Campen" zu finden.

100 m vor dem Minihafen gab es doch eine Ausbuchtung auf der ich mein Zelt platzieren konnte. Wie auf der Veranda saß ich anschließend mit einem "Traumblick" auf den Lago O´Higgins in meinem "Weihnachtscampingstuhl" und gönnte mir Brot mit einer dicken Schicht "Dulce de Leche".

Gegen 17.30 Uhr kam denn noch einmal etwas Leben an den "Landungsbrücken" auf, als das Boot mit den Tagestouristen, Wanderern und Radfahrern aus Argentinien kommend anlegte. Dann zog der Himmel sein regengraues Gewand an und schickte Windböen durch das Tal. Ich zog mich in mein "zu Hause" zurück und lag im Trockenen.

25.1.2015 - Durch das "Niemandsland" nach Argentinien

Doch zunächst war ich erst einmal der Tourist bevor ich zum Grenzgänger wurde. Als Tourist musste ich bis 8.30 Uhr am Anlegesteg sein. Das sollte doch zu schaffen sein. Da ich aber den 6 Uhr Wecker meiner Armbanduhr verpasste, wurde es ziemlich knapp, denn auf meinen Poridge wollte ich am Morgen vor der Abfahrt nicht verzichten. 8.25 Uhr waren alle Passagiere an Board, so dass das Boot von Robinson Crusoe-Deep Patagonia ablegte.

Zunächst Richtung Süden durch einen Nebenarm des Lago O´Higgins nach Puerto Candelario Manzilla. Die Fahrt fühlte sich an wie eine Fahrt durch einen norwegischen Fjord im Frühling. Rechts und links ragten die Bergkette steil in die Höhe und nicht selten bildeten Altschneefelder einen weißen Flickenteppisch auf dem blanken Felsgestein. Der Minihafen Candelario Manzilla liegt immer noch auf chilenischem Gebiet. Hier ging ein Teil der Touristen, alles Radler oder Wanderer mit Rucksack vom Boot. Auch mein Fahrradanhänger wurde über Bord auf den Steg gehoben. Als ich das vom Oberdeck sah, ging ich hinunter auf den Steg und hievte den Anhänger wieder an Bord, musste ihn aber gleich wieder herunter hieven, da alles hier bleiben sollte und das Personal darauf bis zur Rückkehr des Bootes am Nachmittag darauf aufpassen würde. Nur die Rucksäcke bleiben an Bord sicher verstaut.
Dann begann der zweite Tagesabschnitt, die Fahrt zum Big Glacier im Parque Nacional Bernardo
O´Higgins oder auch Campo de Hielo Sur. Das südliche Eisfeld ist die größte zusammenhängende vergletscherte Region auf dieser Erde außerhalb der Polregionen. Zahlreiche Gletscher fließen von diesem Eispanzer die Täler hinunter.

Leider zog sich der Himmel immer weiter mit Wolken zu, so dass es kein Traumwettertag wurde. Allerdings soll die blaue Färbung des Gletschereises besser bei bedecktem Himmel sichtbar werden. Je blauer das Gletschereis aussieht, desto weniger Sauerstoffeinschlüsse gibt es im Eis und desto älter ist es. Die Blaufärbung resultiert daraus das fast der gesamte Spektralbereich des  Tageslichtes vom Gletschereis absorbiert wird. Nur der blaue Spektralbereich wird reflektiert und kann vom Auge wahrgenommen werden.

In der Ferne tauchten schon die ersten Minieisberge auf. Später als die Gletscherfront schon zu sehen war, kamen noch größere hinzu. Wie eine Flotte trieben sie von Wind und Strömung angetrieben dahin und schienen uns Geleit zu geben. immer größer baute sich die Gletscherfront vor uns auf, aber 80 m, wie ich in einer Publikation las, waren nie und nimmer. Trotzdem wirkte sie mit ihren spitzen Graten wie ein Schutzwall für das Schloss von Väterchen Frost.

Bis ca. 200 m an den Gletscher heran steuerte der Kapitän das Boot und die Touris hatten eifrig zu tun um die Bilder ihres Lebens auf zu nehmen. Am Heck wurde das Beiboot zu Wasser gelassen und fuhr eine Runde um das Boot. Ich dachte so, naja, das muss ja auch mal von der Besatzung geübt werden. Herein kamen sie dann mit einigen Brocken Gletschereis. Und wieder lag ich mit meinen Gedanken dazu falsch, denn ich glaubte, dass Gletschereis würde für die "Snobs" an Bord, einen "Whisky on the Rocks" für "teuer viel Geld" verwendet, oder die Besatzung verschafft sich so einen kleinen Nebenverdienst. Nein, jeder volljährige Person auf dem Schiff wurde ein "Whisky on the Gletschereis-Rocks" gereicht. Jetzt durfte ich auch mal den versnobten Typen mimen und einen spezial Whisky mit Jahrtausende altem gefrorenen Wasser trinken. An diesem Glas hielt ich mich ziemlich lange fest. Neben meinem ersten Pisco Sour in Cusco (Peru) und der Pina Colada bei Eduardo auf San Christobal (Galapagos) war das wieder mal ein echtes Alkohol-Erlebnis auf dieser Reise.

Entweder lag es am aufgewühlten Lago O´Higgins oder am Whisky das Boot schaukelte ziemlich lebhaft auf den Wellen nach Candelario Mazilla zurück. Außerdem zog eine verdächtige Ruhe in der "Kajüte" ein, denn viele Passagiere hielten ei Schlummerstündchen ab. Gegen 17 Uhr legte das Boot am Steg an und ich suchte meine Gepäckstücke zusammen und verschnürte sie auf meinem Anhänger. Immer wieder musste ich Fragen zu dem Fahrradanhänger beantworten. 

Zunächst ging es zur chilenischen Passkontrolle ca 1 km weiter. Für mich begann nun wieder der Arbeitstag, denn das kleine Stück reichte schon wieder zum Anschwitzen. Und es sollte noch lebhafter kommen. Kurz nach 18 Uhr hatte ich den Ausreisestempel und begab mich noch auf den schweren Aufstieg, der für Rucksackwanderer ca. 1 h dauern sollte. Ich würde dafür wohl länger benötigen, da ich einen schweren zweirädrigen Karren hinter mir herzog. Was hatte ich nicht alles im Vorfeld über diesen Anstieg gehört, der so schwer werden würde. Klar ging der Weg ziemlich steil bergan und der Weg hatte von grobem Schotter über losen Kies und Sand einige Unannehmlichkeiten zu bieten. Ich hatte schwer zu schuften und kam dem Stillstand manchmal sehr nahe. Aber es ging nicht ausschließlich steil bergan. Es gab auch bergan Strecken zum ausruhen. Vielleicht war der Schock für die Radler größer, da sie ihr Rad lange zeit schieben mussten und nicht so recht voran kamen.

Nach einer reichlichen Stunde hielt ich Ausschau nach einem geeigneten Rastplatz für die kommende Nacht. Nachdem das Zelt stand bereitete ich mir noch ein üppiges Abendmahl, denn ich hatte extra von Villa O´Higgins eine Büchse Champions mitgeschleppt. Noch einen Tag sollten die nicht spazieren gefahren werden. Ich verschanzte mich mit meiner Küchenzeile hinter dem Zelt im Windschatten, denn die böigen Ableger des berüchtigten patagonischen Windes brachten mich ziemlich zum Frösteln. Ich war danach froh in den Schlafsack kriechen zu können.

26.1.2015 - Horror Trail, Horror Tour

Nichts ahnend welche Horror-Tour mich noch erwarten sollte, blickte ich am Morgen aus dem Zelt auf einen wenig bewölkten Himmel. Pünktlich zum Frühstück kletterte die Sonne über die Berggipfel und schickte ihre wärmenden Strahlen. 

Der Tagesplan bestand heute darin die Grenze nach Argentinien zu überqueren, an der Grenzstation am Nordufer des Lago del Desierto einen Einreisestempel zu holen und ein Boot zum Südufer des Sees zu bekommen. Die Abfahrtszeiten der Boote kannte ich nicht. Deshalb war ich schon gegen 9.30 Uhr auf der Strecke. Da ich noch einmal anhalten musste, da ich das Gepäck auf dem Anhänger schlecht verzurrt hatte, holte mich der Portugiese Jago ein. Er hatte am Lago O´Higgins in einem Hostel übernachtet, da er kein Zelt dabei hatte. Er arbeitete in der IT-Branche in Berlin, hatte seinen Job gekündigt und reiste 6 Monate durch Südamerika. Bei Kilometer 9 legte er eine Pause ein. Da ich die ersten 6 km ja schon am Vorabend hinter mich gebracht hatte, zog ich alleine weiter.

Obwohl der Weg von unterschiedlicher Qualität war, war es ein breiter Weg, der zur Erschließung dieser Gebiete angelegt wurde. Er führte sogar über einen kleinen Flugplatz, der wohl eher militärische Bedeutung hat oder hatte. Ich war mir nicht sicher, ob es am Nordende ebenfalls das Tor geöffnet war. Es gab einen Durchschlupf durch den Drahtzaun und kurz nach dem ich diesen passiert hatte kamen mir drei Reiter und ein Packpferd durch den Fluss entgegen. Er grüßte mich auf Deutsch, wohl in der Annahme, dass nur Deutsche so verrückt sein können, einen Fahrradanhänger durch Patagonien zu schleppen. Es war Peter van der Gugten aus der Schweiz mit seiner Begleiterin aus Deutschland und einem jungen Begleiter (könnte sein Sohn gewesen sein). Sie waren in El Calafate mit ihren Pferden gestartet und nun auf dem Weg zum chilenischen chilenischen Grenzposten um einen Ein- und Ausreisereisestempel zu bekommen. Noch am gleichen Tag ging es wieder zurück zum argentinischen Grenzposten und bekommen dort einen neuen Einreisestempel. Damit verlängert sich ihre Aufenthaltsgenehmigung wieder um drei Monate, denn sie wollen mit ihren Pferden noch bis San Carlos de Barriloche (Argentinien). Als ich erwähnte das ich Vorträge von Günter Wamser gesehen habe, der mit seinen Pferden von Ushuaia aus bis Mexiko geritten war und später mit anderen Pferden entlang der Continental Divide auch durch Nordamerika, meinte er, der Günter sei ein guter Freund von ihm. 

Immer wieder gab es kleine Anstiege, so dass ich den Pass immer noch nicht erreicht hatte. Kurz vor der chilenisch-argentinischen Grenze war es dann so weit, der Blick öffnete sich und viel in der Ferne auf das Granitmassiv des Fitz Roy und cerro Torre und was das tollste war,die Wolken schnitten die Spitzen dieser Berge nicht ab. Da stand der Mund wieder mal offen und mich zog es gleich noch mal so schnell in diese Richtung. Wenig später passierte ich dann die Grenze, die durch große Tafeln gekennzeichnet war.


Was dann begann, kann man nur mit dem Wort "Horrortrail" beschreiben, denn auf argentinischer Seite gab es nur einen Wildnistrail durch den Wald. Dieser unterlag keinerlei Pflege und führte über Stock und Stein. Ich hatte schwer zu kämpfen mit dem Anhänger überhaupt vorwärts zu kommen. Dabei wurde das Material auf das ärgste beansprucht ein Teil meines Rucksackes tauchte auch mal im Wasser oder Schlamm ein, oder schliff über große Steine hinweg. Die Regenplane hat es dabei schon mal sehr stark in Mitleidenschaft gezogen. Die hält keinen Regen mehr ab. Nach ca. 1,5 km Schwerstarbeit holte mich Jago wieder ein. Ich fragte ihn, ob er wisse wie lang der Trail bis zum See ist. Er meinte 5 km. Das war für mich das Signal eine andere Strategie zu verfolgen.  

Ich schulterte meinen Rucksack und Tagesrucksack, parkte den Anhänger und den Packsack mit der Verpflegung am Wegesrand und "stolperte" nun zügiger über den Trail. Jago holte ich wieder ein, passierte auch ohne Malheur einige "Selfemadebrücken" über Wasserläufe und ging auch durch Feucht- und Schlammgebiete nicht unter. Schließlich erreichte ich den Grenzposten am Seeufer und erledigte gleich die Einreiseformalitäten.

Ohne großes Zögern war ich wieder unterwegs zum Rest meiner Ausrüstung. Dabei war begegnete ich noch einmal 3 chilenischen Radfahrern, die Ihr Gepäck und die Fahrräder über diesen Trail hievten. Mit Sicherheit auch für Fahrradwanderer ein schweres Hindernis mit Schwerstarbeit, egal in welche Richtung man unterwegs ist. 
Nach knapp einer Stunde war ich wieder an meinem Trailer und verzurrte den Packsack mit der Verpflegung. Dann ging es für mich nun das dritte mal auf diese ca. 3,5 km Strecke. Der Anhänger war nun viel leichter und lies sich besser über die und an den Hindernissen vorbei manövrieren. da ich nicht wusste, wann das Boot zum Südufer des Lago del Desierto ablegte, gab ich Gas, benötigte aber doch wesentlich länger als ohne Gepäck. Als denn die Stelle mit dem Seeblick bis hinüber zum Fitz Roy-Massiv erreichte sah ich gerade das Boot ablegen. Es war kurz nach 17 Uhr. Als ich dann später den Grenzposten befragte, wann das nächste Boot geht, meinte dieser "Manjana, once horas" (Morgen, 11 Uhr). Gut dass es am Nordufer eine große Wiese gibt auf der man Zelten darf. Ich war nicht der Einzige, der das letze Boot verpasst hatte.


Wer weiß für was es gut ist, dass ich hie noch einen Zwischenstopp einlegen darf. Meine Kraftreserven waren für diesen Tag jedenfalls restlos aufgebraucht. Ich hatte immerhin 27 km abgespult.  

27.1.2015 - Ich bin in Argentinien aber immer noch in Patagonien

Für was es gut war, wusste ich schon nach dem Aufwachen und dem Blick aus dem Zelt auf das Fitz Roy Massiv, denn die Gipfel dieses Bergmassivs zeigten sich heute bei Sonnenaufgang fast im Ganzen, denn immer wieder zogen Wolken daran vorbei und die Situation änderte sich von Minute zu Minute. Je weiter der Morgen voran schritt, desto mehr lösten sich die Wolken auf, bis eines der schönsten Bergmassive dieser Welt im vollsten Sonnenlicht stand. Dafür hatte sich das Verpassen des letzten Bootes zum Südufer des Lago Desierto 100%ig gelohnt. Als die Sonnenstrahlen auch das gesamte Tal erreichten nahm ich noch ein erfrischendes Morgenbad im glasklaren See.

Die Sachen sind gepackt und ich warte auf das Anlegen des ersten Bootes an diesem Tag. Am Südufer werde ich gleich wieder auf dem Campingplatz mein Zelt errichten und eine Wanderung zum Gletscher Huemel unternehmen. Erst Morgen werde ich dann die 37 km bis El Chalten in Angriff nehmen.

Gegen 11 Uhr war es dann so weit. Vom 12 km entfernten Südufer her näherte sich ein kleiner weißer Punkt der sich allmählich zu einem Passagierboot entwickelte. Drei Biker, ein Hiker und ich waren die ersten Fahrgäste des heutigen Tages auf dem Weg von Nord nach Süd. Einer der Argentinier war dann auf dem Boot der "Mate-Meister" und goss immer wieder heies Wasser in den Mate-Becher und reichte ihn reihum. Ich durfte auch mal an der Bombilla (einer Art Metallstrohhalm mit Sieb) ziehen. Es schmeckte eher etwas bitterlich ab nicht schlecht. Der Fahrpreis von 420 arg. Pesos rechtfertigte die gebotene Leistung wie ich glaube in keinster Weise. Aber die Alternative 12 km am Seeufer auf einem holprigen "Waldweg-Aufundab" mit dem Fahrradanhänger, darauf hatte ich keinen Bock mehr, denn die 5 km vom gestrigen Tag steckten mir noch in den Knochen. Also plünderte ich meine Peso-Reserven und wählten den einfachen und zeitlich kürzesten Weg ans andere Seeufer.

Von dort war es nur ein kurzes Stück bis zur Estancia, die auch Campern eine Möglichkeit bot zu übernachten. Dort setzte sich erst einmal das Hochpreisscharmützel fort, denn für eine Nacht durfte ich 100 arg. Pesos hinblättern, für eine Zeltmöglichkeit ohne großartigen Komfort. Damit war mein letzter"Hunni" weg und ich musste zusehen wie ich an Bargeld heran kam. 

Allerdings bot der Campplatz eine interessante Wandermöglichkeit an. Da der Campplatz und der Weg zum Gletscher Huemel auf Privatgelände lagen, war der Übernachtungspreis mit Wandermöglichkeit zu einem Gletscher vielleicht gerechtfertigt. 45 Minuten für den Weg bis zum Aussichtspunkt waren recht kurz und es gibt wohl wenige Gletscher auf dieser Welt, die in so kurzer Zeit erreicht werden können. Zunächst führte der Weg mit einer leichten Steigung versehen durch einen Südbuchenwald, bevor er sich immer noch im Wald die alten Gletschermoränen steil nach oben wand. Da das Wetter war immer noch prächtig und die Aussicht auf das Fitz Roy Massiv, den Huemel Gletscher, die Berge und Täler der Umgebung boten einen begeisternden Panoramablick, so dass ich da oben nicht alleine war. Im Windschatten lies es sich bei den warmen Sonnenstrahlen recht gut aushalten.

Wieder im Talgrund bereitete ich mir mein Abendmahl und da es einige schone fast ortsfeste Wolken am Abendhimmel gab, entschloss ich mich noch einmal zum Huemel Gletscher hinauf zu steigen, da di Aussichten für einen farbenfrohen Sonnenuntergang günstig waren. Einige Wolkenformationen waren schon etwas sonderbar, da sie fast ortsfest waren. Die tieferen Wolken die über das Campo de Hielo Sur (südliches Eisfeld) aus westlichen Richtungen heran zogen, lösten sich noch vor dem Fitz Roy Massiv nahezu auf. Als es dann aber mit dem Sonnenuntergang so weit war, waren leider auch die interessanten hohen Wolkenstrukturen weitestgehend milchig und konturenlos verändert, so dass es kein "Sonnenuntergangsinferno" mit dem Fitz Roy als Silhouette gab. Ich trat etwas enttäuscht den Rückweg.

28.1.2015 - Ok, ich fahr die Maschine langsam runter

Es sind noch 37 km vom Lago del Desierto bis El Chalten. Wenn man will "reißt" man das an einem Tag herunter. Aber wer will das schon. Ich stehe nicht unter Zeitdruck. Mein nächstes wichtiges "Date" habe ich am 7. Februar in El Calafate. Das sind noch einmal um die 200 km von El Chalten aus. Für diese Strecke nehme ich aber den Bus.

Jetzt standen erst einmal zwei Tagesetappen bis zum "Hiker- und Bergsteiegerdorf" El Chalten an. Die Schotterstraße folgte dem Lauf des Rio Milo in südlicher Richtung, manchmal fast wörtlich gesehen, nahm sie jeden Flussbogen mit. Der Schotter war festgefahren und es lies sich gut auf der Straße wandern. Der Morgen war frisch und die Sonne hatte noch nicht alle Tallagen erreicht. Das würde sich schnell ändern, denn es sollte wieder ein Sonnen reicher Tag werden. Die ersten drei Stunden passierte nichts nennenswertes, wenn man mal davon absieht, das eine Großraumlimousine neben mir hielt, das Seitenfenster herunter ging und mich drei Schöne dieses Landes anstrahlten. Dann wurde ich auf englisch gefragt (auch in Argentinien traut man nur Ausländern das "Hintersichherziehen" eines Trailers zu), woher ich komme. Ich antwortete wahrheitsgemäß und schob noch die Info nach, dass mein Fahrrad kaputt gegangen sei. Sie fragten,  ob sie mir irgendwie helfen könnten. Ich antwortete: "The waether is sunny, the life is nice and the womens in this car are muy bonito". Nein, so schlagfertig, bin ich nun doch nicht. Ich sagte ihnen, dass ich kein Problem damit hätte mein Gepäck hinter mir her zu ziehen.

Die ersten drei Stunden zog ich fast nonstop durch und schaffte es 12.30 Uhr bis zur Anhöhe an der Laguna Condor. Hier musste ich aber erst einmal einige Kalorien nachschieben. Als letzte Reserve vernichtete ich dafür eine Packung Cuckys. Wie immer ist diese Packung viel zu klein gewesen.

Von der Anhöhe über die Laguna Condor konnte ich schon El Chalten sehen. Da die Straße direkt darauf zuhielt, überlegte ich, evtl. doch gleich bis El Chalten zu gehen. Der Ort lag zum greifen nah vor mir. Aber dann bog die Straße nach Osten ab und von El Chalten war lange Zeit nichts mehr zu sehen. Erst später bemerkte ich erst, dass es nicht El Chalten war, was ich da in der Ferne gesehen habe, sondern eine Ansammlung von Granitblöcken die sich das Tal entlang zog. Es wird langsam Zeit für eine Fernsichtbrille. An der Brücke über den Rio Electrico entschied ich dann lieber doch den Weg in zwei Tagesetappen zu nehmen.

An der nächsten Brücke gab es eine Möglichkeit auf die mit kleinen Südbuchen bewaldete Uferterasse zu gelangen. Zwischen Bäumen versteckt, fand ich dann ein geeignetes sicht- und windgeschütztes Plätzchen für mein Zelt. Auf der gesamten Tour hatte ich auch bei der größten Anstrengung keinen "Hungerast", aber jetzt spürte ich eine große Sehnsucht nach Kalorien, obwohl ich nicht so lange unterwegs war und mir das Ziehen des Anhängers nicht so schwer gefallen war. So gab es 16 Uhr noch eine Portion Porige mit Dulce de Leche. Danach duselte ich in meinem Campingstuhl fast ein. 18 Uhr bereitete ich meine letzten Spirellis zu und 19.30 Uhr lag ich im Zelt. Draußen pfiff ein kühler Wind über die Baumwipfel, aber mich störte das wenig, denn ich lag im warmen Schlafsack und schrieb die Geschichte von diesem Tag.

29.1.2015 - Das Abenteuer ist beendet

Wozu eine etwas altersschwache Blase gut sein kann, zeigte sich am heutigen Morgen. Gegen 6 Uhr trieb sie mich vor das Zelt. Gerade zur rechten Zeit, den die aufgehende Morgensonne begann soeben ihr ihr flammendes Inferno an den östlichen Himmel zu malen. Ich hatte genügend Zeit Fotoapparat und Stativ auf der Straße vor dem Fitz Roy Massiv zu platzieren und auf den Moment zu warten, in dem die Granittürme vielleicht in einem rötlichen Licht erstrahlen. Diesmal hatte ich das Glück, denn nach 2 Minuten war ein unvergesslicher Anblick schon wieder vorbei. 

Kurz nach 10 Uhr war ich dann wieder auf der Straße unterwegs und den staunenden Blicken der Vorbeikommenden ausgesetzt. 11.30 Uhr hatte ich nur wenige hundert Meter geschafft. Zu eindrucksvoll war das Panorama der umgebenden Bergwelt mit dem Fitz Roy Massiv als "Fünf-Sterne-Blickfang". Das wollte ich noch auf einigen Fotos einfangen. Warum dauert das so lange? Die Straße ist staubtrocken und jedes Fahrzeug zieht eine Staubfahne hinter sich her. Diese wollte ich nicht auf den Fotos haben. 

Die restlichen ca. 15 km bis El Chalten haben mich dann noch einige Stunden beschäftigt. Aber gegen 15 Uhr war es dann so weit, das Zweiergespann ging auf eigenen Füßen bzw. rollte in der Trekking-Hauptsatdt Argentiniens ein.

Es ist zwei Minuten vor 17 Uhr. Ich sitze auf einem einfachen Campingplatz in El Chalten unter einer Überdachung. Das Zelt ist aufgebaut, das Gepäck darin verstaut, ich habe mir Argentinische Pesos organisiert, ein Busticket nach nach El Calafate (4. 2. 2015) gekauft - Das Abenteuer Carretera Austral mit Anschluss nach Argentinien ist beendet. 

Es ist die Zeit gekommen für ein Resümee. Ich hatte im Vorfeld dieser Fahrt bei der Reiseplanung, von Bekannten die den Zustand der Straße aus eigenem Erleben kannten, die Information - mach es nicht! Kurz vor Fahrtantritt und immer wieder während der Fahrt wurde ich auf Schwierigkeiten hingewiesen. Die Kernaussage lautet: Wer sich auf die Carretera Austral begibt, egal ob von Norden oder Süden, der sollte wissen, auf was er sich da einlässt. Des weiteren sollte er die Fähigkeit besitzen mit unerwarteten Unannehmlichkeiten jeglicher Art fertig zu werden, physisch, mental, emotional und organisatorisch. Wer ähnliche Situationen schon gemeistert hat, wenn auch nicht in diesem Umfang von 27 Tagen, der sollte nicht zögern diese Abenteuerfahrt auf die persönliche Reisehitliste zu setzen, denn man bedenke: "Wenn die Zeit kommt, in der man könnte, ist die Zeit vorbei, in der man kann" (Spruch eines älteren Arbeitskollegen zu beginn meines Lehrerdaseins). Man bekommt eine abwechslungsreiche Zeit durch ein Atem beraubendes Stück Patagonien. Es gab nicht wenige Momente bei denen mir vor Erstaunen der "Mund offen stand". Den Rest meines Lebens werde ich von diesen Erlebnissen und Eindrücken zehren. Oder ich nasche noch von den Beeren des Calafate-Strauches? Diesen wird nach einer Sage der Ureinwohner nachgesagt, wer einmal von den Beeren genascht hat, der kommt nach Patagonien zurück (Outdoor-Der Weg ist das Ziel/ Sylvia Seligmann/ Argentinien Patagonien Monte Fitz Roy). 
 
30.1.2015 - Viva la aventura! (Es lebe das Abenteuer!)

Kaum ein Abenteuer abgeschlossen ist der Typ schon am nächsten Abenteuer dran. Wenn ich mich nun schon mal in der "Capital Nacional del Trekking" (Nationale Trekking Hauptstadt) Argentiniens befinde, dann nehme ich natürlich dieses Abenteuer auch gleich noch mit. Ein Tag zum Ausspannen dürfte da ja wohl genug sein.

Also heute musste die Wäsche gewaschen werden, ein Ort für die zeitweilige Lagerung meines Fahrradanhängers und einiger Ausrüstungssachen gefunden werden, die Planungen (Hostelbuchung) für die Weiterreise nach El Calafate abgeschlossen werden, Ein Internet-Access gefunden werden, ein paar Vorräte ergänzt werden und die Batterien von Kamera und iPad aufgeladen werden. 

Eine Steckdose zu finden war gar nicht so einfach, da ich nicht in einem Hostel übernachte, denn in El Chalten ist das Leben sehr preisintensiv, da kann man sehr schnell, sehr arm werden. Ich habe einen Zeltplatz gefunden für 50,- Arg. Pesos die Nacht/Person. Außer dem Stellplatz für das Zelt, warmer Dusche, WC und einigen Sitzgelegenheiten bekommt man für diese 50,- Pesos nichts mehr. Am Busbahnhof gibt es einen Geldautomaten und in diesem Raum auch eine funktionierende Steckdose. Leider ging der gesamte Vormittag drauf um die Batterien und Akkus zu laden. Auf dem Rückweg konnte ich die Wäsche bei einer kleinen Wäscherei abgeben und am Nachmittag wieder abholen. Eier bekam ich keine um mir Pancakes zu zubereiten. dafür hätte ich zentnerweise Fleisch kaufen können um es am offenen Feuer zu grillen. Die Argentinier sind eben ausgesprochene Fleischesser. Dafür fand ich aber ein Restaurant, wo es WiFi geben sollte. Werde dort am Nachmittag ein Stück Kuchen essen und meine Internetgeschäfte hoffentlich erledigen können.

Dumm nur, dass das Lokal am Nachmittag geschlossen hatte. So trottete ich zur Nationalpakverwaltung. Dort gab es eine Ausstellung zur Flora und Fauna des Nationalparkes, dem Verhalten im Nationalpark sowie über die Wandermöglichkeiten im Fitz Roy Gebiet. Das Gute daran ist, das die Tagesetappen nicht so entsetzlich lang sind, um an die Aussichtspunkte zu gelangen und das die Campamentos (Campingplätze) kostenfrei sind. Außerdem gibt es verschiedene Varianten und Alternativen, wie man seine Trekkingtour gestalten möchte. Ein Teil widmete sich auch den Erstbesteigungen von Fitz Roy, Cerro Torre und einigen anderen Gipfeln und den mittlerweile unterschiedlichen Aufstiegsrouten.

Inzwischen hatte ich auch die Eier bekommen und konnte nun die Pancakes zum Abendessen zu bereiten. Anschließend wanderte ich noch einmal zum "WiFi-Lokal". Diesmal hatte man keinen Platz mehr für eine Einzelperson. Jetzt wird es schwierig mit meinen "Internetangelegenheiten", denn ich hatte bisher nur dieses eine Lokal gesehen. Auf dem Rückweg zum Zeltplatz entdeckte ich noch ein anderes kleines Lokal mit WiFi-Möglichkeit. Ich bestellte mir einen Salat, da meine Vitaminversorgung etwas schlecht wegkam und konnte schließlich auch das Hostel in El Calafate buchen und meinen E-Mail-Account bedienen.

Das letzte Problem, wo ich meinen Fahrradanhänger und einige persönliche Dinge, die ich nicht auf der Wanderung benötigte, während meiner Abwesenheit abstelle konnte, löste ich wie folgt. Die einzelnen Campareale waren mit Hecken (Windschutz) und Zäunen abgegrenzt. Ich platzierte den Anhänger und versteckte den Packsack unter einer dieser Hecken und schloss den Fahrradanhänger am Zaun an. Mal sehen, ob das gut geht.

31.1.2015 - Trekking im Parque Nacional Los Glaciares

Als ich nach 7 Uhr in den Tag starten wollte, fing es an zu tröpfeln und über den Bergen lag eine dicke graue Regenfront. Ich würde da wohl noch einige Zeit warten müssen, bis der Wind sich drehen würde (so zumindest die Wetterprognose) und sich die Wolken vielleicht auflösen würden.

El Calafate - Campamento de Agostini (3 h, 9 km)
11 Uhr hatte sich der Himmel aufgehellt und die Wolken hatten wieder Konturen und begannen sich langsam aufzulösen. Zeit zum Sachen packen. 12 Uhr hatte ich alles beisammen und mit meinen letzten Pancakes auch schon einen kleinen Mittagslunch abgehalten.


In El Chalten gibt es drei Zugänge in Richtung Laguna Torres. Welche man nimmt ist eigentlich egal, denn alle Wege reduzieren sich auf einen Trail der dann nach einer reichlichen Stunde zum Mirador Cerro Torre führt. Dieser Aussichtspunkt lädt zu einer kleinen Rast ein, denn von da aus hat man schon einen umfangreichen Blick in das Tal des Rio Fitz Roy. Am Talschluss um die Laguna Torre zeigen sich im Panorama: Cerro Solo, daneben der Grande Gletscher unterhalb der drei Gipfel Cerro Grande, Cerro Doblado und Cerro Nato und schließlich auch Cerro Torre mit seinen Geschwistern Cerro Egger und Cerro Standhardt. So zumindest bei besonderen Sichtverhältnissen. Ich traf die Normalität an, denn über diesem Gebirgskamm hin zum Campo de Hielo Sur türmte sich eine mächtige Wolkenwand auf, die die Gipfelhöhen verschluckte.

Der weitere Weg führte nun abwechslungsreich mal bergab oder bergan, mal durch einen Südbuchenwald oder kleinen Nire Bäumen hindurch und auch über buschig bewachsene Schwemmlandschaft des Rio Fitz Roy. Auch mit Rucksack für eine Mehrtageswanderung stellte er keine besonders schwierigen Anforderungen. 

Nach knapp 3 h war ich am Ziel. der Campamento de Agostini bot noch genügend freie Plätze zum Campen. Nach dem Zeltaufbau und der Vesper ging ich über die Gletschermoränen zur Lanuna Torre. Der Wind blies mir mächtig entgegen und auf dem Moränenkamm traf mich die volle Breitseite des berüchtigten patagonischen Windes. Manche Böen schoben mich glatt in eine andere Richtung, als die ich nehmen wollte. Cerro Torre versteckte sich weiterhin unter der Wolkenwand und der Abstecher zum Mirador Maestri machte bei diesem Wind und den Sichtverhältnissen keinen rechten Sinn.

Also ging ich den kurzen Weg zum Campamento de Agostini zurück. Dieser liegt windgeschützt hinter einer Gletschermoräne in einem Südbuchenwäldchen. Ich packte meinen Campingstuhl aus und pflanzte mich in die warmen Sonnenstrahlen und lies den Cerro Torre - Cerro Torre sein.

Erst nach dem sich die Sonne aus dem Tal verabschiedet hatte, verkleinerte sich die Wolkenwand über dem Cerro Torre. Aber seine Majestät wollte sich vor der Dunkelheit nicht mehr zeigen und die patagonischen Windböen tobten über den Wipfeln der Südbuchen.

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