Bedenke: Ein Stueck des Weges liegt hinter dir, ein anderes Stueck hast du noch vor dir. Wenn du verweilst, dann nur, um dich zu staerken, nicht aber, um aufzugeben.
 AGUSTINUS 


1. 3. 2015 - Ushuaia am Sonntag

Ushuaia ist am Sonntag nicht weniger mit Touristen überflutet, als an anderen Wochentagen. Einzige Ausnahme ist, dass das öffentliche Leben in den Einkaufsstraßen fast ausschließlich aus "Schaufenster-Gucken" neben verschlossenen Ladentüren besteht. Die Supermercados haben geöffnet, so dass man auch an Sonntagen genug "Futter" bekommt. 

Also ein guter Tag um sich dem Museo Maritimo de Ushuaia zu widmen. Dieses Museum befindet sich in einigen Trakten des ehemaligen Militär-Zuchthauses und Gefängnisses von Ushuaia. Der Gefängnisbau begann 1902 und dauerte bis 1920. Von einem Mehrzweckrundbau aus erstreckten sich strahlenförmig fünf Gefängnistrakte. Jeder Trakt hatte 76 Zellen, jedoch wurde die geplante Belegung mit 380 Inhaftierten zeitweilig mit über 600 Sträflingen überschritten. Dann wurde es in den Zellen richtig eng. Kalt war es wahrscheinlich sowieso, denn nur auf den unteren Gefängnisgängen standen zwei zusammengeschweißte Stahlblechöfen. Das reichte wahrscheinlich gerade so aus, um im Winter nicht zu erfrieren? Da schon seit Januar 1896 ein Gefängnis in Ushuaia betrieben wurde, bauten die Sträflinge ihre Gefängnisanlagen selbst. In dem Gefängnis wurden Schwerverbrecher und zu langen Haftstrafen Verurteilte inhaftiert, denn es bestand die Idee dieUmgebung von Ushuaia zu erschließen. Deshalb wurde in dem Gefängnis das System "Arbeit gegen Entlohnung" angewendet. Das Gefängnis betrieb 30 verschiedene Arbeitsbereiche die auch außerhalb des Gefängnisses lagen. Die Häftlinge wurden z. B. für den Straßen-, Schienen-, Brücken- und Häuserbau eingesetzt. Mit der Arbeitskraft der Häftlinge wurden auch Bedürfnisse der Stadt Ushuaia befriedigt. So entstand die erste Druckerei, eine Telefonzentrale, das Elektrizitätswerk und die Feuerwehr.

1947 wurde das Gefängnis geschlossen und die Anlage ging in den Besitz der Marine über, die dort 1950 einen Stützpunkt errichtete. Heute beherbergt dieser Bau verschiedene Museen, wie das Schifffahrtsmuseum, das Museum des Zuchthauses, das Polizeimuseum, eine Kunstgalerie, das Marine-Kunstmuseum und das Museum der Antarktis.                      

2. - 4. 3. 2015 - Etappenfahrt nach Norden

Für mich ging es ab Ushuaia und dem Parque Nacional Tierra del Fuego nicht mehr weiter nach Süden. Dazu benötigt man einige Euroletten mehr im Portemonnaies um vielleicht einen Törn um Cape Horn zu machen oder gleich mit einem geeigneten Kreuzfahrer (z. B. die Fram der Hurtigroute) die Drake Passage zu überwinden um zur Antarktischen Halbinsel zu gelangen. Noch ist es herbstlich frisch in Ushuaia, aber der Winter ist hier nicht allzu fern, denn er hängt ganzjährig in Form von Altschneefeldern und Gletschern in den umgebenden Bergen. Zeit für mich mein Heil in der Flucht vor dem Winter Richtung Norden zu suchen. Deshalb müssen jetzt mal drei Reisetage am Stück folgen.

Den Anfang machte der Flug von Ushuaia nach El Calafate. Schon vor einigen Wochen buchte ich das Ticket in El Calafate. Da die Saison sich dem Ende näherte war der Airbus der Aerolines Argentinas nicht ganz ausgebucht. Die Witterung hatte sich in den letzten Tagen etwas Sonnenschein reicher gezeigt, so konnte ich sehen konnte, wie sich beim Abflug der Blick auf Ushuaia und die umgebende Gebirgswelt zunächst weitete, ein großartiger Blick auf den Canal Beagle hinzu kam und beides später immer kleiner werdend aus dem Blickfeld verschwand. Leider verdeckten Schichtwolken im weiteren Flugverlauf die Sicht aus der Vogelperspektive auf Feuerland und die Magellanstraße. Erst in der Nähe des Lago Argentino wurden die Wolkenlücken etwas größer, reichten aber nicht aus um die Berge der Andenketten zu sehen. Mit einer Flugdauer von 1 h ist dieser Flug nicht wirklich lang und so stand ich kurz nach dem Start schon wieder auf eigenen Beinen am Gepäckband in El Calafate. Für 10,- US$ bekommt man einen Busshuttle nach El Calafate und wird dort direkt zum Hostel oder Hotel gebracht.

Ich checkte noch einmal im I Keu Ken Hostel ein, da ich die Örtlichkeiten rundherum schon kannte und mich deshalb nicht noch einmal neu orientieren musste. Für einige kleinere Besorgungen blieb noch Zeit, denn ich reiste erst am nächsten Tag mit dem Bus weiter. Zeit auch für eine "Foodpremiere". In Ushuaia kam ich mit einem jungen Schweizer ins Gespräch, der auf der Suche nach einem Last-Minute-Angebot nach Antarktika unterwegs war und am Abend sein Dinner in der Hostelküche bereitete. Bei ihm gab es Polenta mit geriebenem Hartkäse und Tomate. Für mich die Gelegenheit dieses einfache und preiswerte Gericht auch einmal aus zu probieren. Polenta Instantanea in der Geschmacksrichtung Fortificada Hierro + Vitamin C bekam ich im Supermercado. Ebenso fanden eine Salsa (Soße) und zwei Tomaten den Weg in den Einkaufskorb. Polenta wird aus Mais hergestellt und ist denkbar einfach zuzubereiten. 200 g haben zwei sehr gut gefüllte Teller ergeben und mich reichlich "abgefüllt". Die dreifache Menge Wasser wird zum Kochen gebracht. In das kochende Wasser läßt man die Polenta unter Rühren hinein rieseln. Diese beginnt zu quellen und ergibt einen Kartoffelbrei artigen Mus, nicht so fein, eher etwas grießig. Mit der Salsa und den klein geschnittenen Tomaten kam auch etwas Geschmack auf den Teller, denn die fertige Polenta selbst, ist nicht das Non-plus-Ultra auf der Geschmacksskala. Wenn man es nicht tagelang selbst auf dem Rücken bei Multidaytrip mit herumschleppen muss, ist dieses Wasser basierte Instantgericht eine gute Alternative auf dem Outdoorspeisezettel. Von der Firma Presto Pronta gibt es in Argentinien Polenta mit Zwiebeln und Käse sowie Polenta mit Gemüse noch in zwei weiteren Geschmacksrichtungen.

Die Zeit ist das Einzige was man nicht anhalten kann und so wurde es am Nachmittag Zeit für mich   El Calafate auf Wiedersehen zu sagen, denn ich hatte ja von den Beeren des Calafatestrauches genascht. 16.10 Uhr rollte der moderne Reisebus der Firma Marga&Taqsa vom Busbahnhof. In den über 24 Stunden war der Platz Nr. 3 im Oberdeck, direkt an der Frontscheibe, mein zeitweiliges "zu Hause". Der Preis für die Fahrt nach El Bolson schlug sich schon heftig auf den Kontostand nieder. Aber der Bus war mit dem höchsten Qualitätsstandard "Cama" ausgestattet. Das bedeutet "Vollpension" in breiten und bequemen Sitzen, denn es gab im Oberdeck und im Salon nur drei Sitze mit einem schmalen Gang nebeneinander. Die Sitze ließen sich so weit nach hinten klappen, dass es sogar mit dem Schlafen in der Nacht funktionierte. Das erste mal war ich erstaunt, dass der Bus nicht nach El Chalten auf die Routa 40 abbog, sondern Richtung Südosten nach Rio Gallejos fuhr.  Da El Bolson jedoch sehr weit nördlich von El Calafate lag, war die eingeschlagene Richtung ja fast die Gegenrichtung. Saß ich im richtigen Bus? 
1. Am Bus stand Bariloche dran. 
2. Der Busfahrer hatte mich bei der Gepäckaufgabe gefragt, wohin ich wollte.
3. Auch im Süden Patagoniens führen viele Wege nach "Rom".

Ich bildete mir jedenfalls ein, dass alles seine Richtigkeit hatte. Die Routa 40 war nur Stellenweise ashaltiert, so dass der Bus dieser Route nicht folgen konnte. Als der Bus aber 25 km vor Rio Gallejos immer noch nicht nach Norden auf die Routa 3 abbog, suchte ich das zweite Mal nach einer plausiblen Erklärung. Vielleicht sammelte er ja in Rio Gallejos noch weitere Reisende nach Norden auf. So war es dann auch. Die restlichen Plätze füllten sich. Das bedeutet aber, ich hätte mir den Flug von Ushuaia nach El Calafate sparen können. Zeitlich hätte ich wahrscheinlich nichts gewonnen, aber ich wäre mit weniger als der Hälfte des Flugpreises bis nach Rio Gallejos gekommen.

Also sah ich das mal positiv und redete mir ein, dass ich ja in den drei Reisetagen für die gezahlten Fahrpreise immerhin eine Südargentinienrundreise bekam, denn es ging dann tatsächlich auf der Routa 3 im Osten Argentiniens nach Norden.

Von den größeren Orten am Wegesrand Comandante Piedra Buena und Puerto San Julian bekam ich in der Nacht nichts mit. Erst als der Bus gegen 6 Uhr in Caleta Olivia einfuhr war ich wieder auf "Sendung". Danach folgte die Straße dem Küstenverlauf des Atlantiks und wir sahen einen farbenprächtigen Sonnenaufgang. Ab Commodoro Rivadavia verließen wir die Atlantiküste und fuhren Richtung Nordwesten ins Landesinnere. "Ewig und 3 Tage" das Gleiche Bild auf dem Panoramafenster-LCD-Bildschirm" Baum lose Steppen artige trockene Landschaft Ostpatagoniens. Der Wind zerrte gewaltig an den Angriffsflächen des Busses. Die "Nickköpfe" eines großen argentinischen Ölfeldes waren die einzige Abwechslung in diesem eintönigen Landschaftsbild. Wir waren mittler Weile in der argentinischen Provinz Chubut. 

In Chubut wüteten schon seit Tagen Waldbrände. Wo genau, hatte ich in den Nachrichtensendungen nicht mit bekommen. Aber als wir die Gebirgsregion Chubuts erreichten zogen Rauchschwaden durch die Gebirgstäler. Je näher wir El Bolson kamen, desto klarer wurde die Luft und die Sichtverhältnisse wieder. Ein kurzer Abstecher über den Ort Esquel entließ einige Reisende und neue kamen hinzu. Nach knapp 26 h Reisezeit war ich dann im spätsommerlich warmen El Bolson angekommen. Auf der Suche nach einem Campingplatz konnte ich die Hilfe einer Touristinformation in Anspruch nehmen und checkte schließlich im Refugio Patagonico ein. T-Shirt und kurze Hosen reichten aus, um die letzten Tageslichtstunden in der Wärme zu genießen.

5.-10. 3. 2015 - El Bolson

Nun war ich also in El Bolson. Lonely Planet schreibt über diese 18.000 Einwohner zählende Gemeinde, dass man hier etwas abseits des kommerzialisierten San Carlos de Bariloche eine willkommene Abwechslung findet. Der Ort wird geliebt von tausenden Backpackern die in den Sommermonaten in Scharen hier einfallen. Schon seit den 70iger Jahren siedelten sich in dem malerisch zwischen zwei Andenketten gelegenen Ort zahlreiche Hippies und Alternative an. Das merkt man auch heute noch an der berühmten Feria Artesanal. Dieser Kunsthandwerksmarkt findet jeweils dienstags, donnerstags und samstags um die Südseite der Plaza Pagano statt. An bis zu 320 Ständen wird Kunsthandwerk aller möglicher Arten von Modeschmuck, Strickwaren, Schokoladenspezialitäten, einheimische Marmeladen und Honig, Holzarbeiten, Keramik, Flöten, Marionetten, schick verziertes Mate-Zubehör bis hin zu Blasrohren und Boomerangs um nur einiges auf zu zählen (Lonely Planet). Ganz nebenbei konnte man sich seine Haarpracht in Dreadlocks verfitzen lassen. Einige der Standbesitzer hatten sich ihre Hippie-Mentalität, zwar älter geworden, aber immer noch bewahrt. Ich hatte bis dato noch nie einen so großen und Facetten reichen Kunsthandwerksmarkt gesehen. Ein Muss, wenn man schon einmal hier ist und ein paar Pesos wird wahrscheinlich jeder auf diesem Markt los. Bei meinem vormittäglichen Ausflug in das Zentrum stieß ich zunächst auf die im Aufbau begriffene Feria Artesanal und beschloss am Nachmittag noch einmal dahin zu gehen. 

Obwohl die ersten Stände nach 15 Uhr schon wieder abgebaut wurden, war das Angebot fürs Auge immer noch überreichlich. Hinzu kam dass an den Imbissständen leckere Speisen angeboten wurden und hier und da Kleinkünstler einen Einblick in ihr Repertoire gaben. Ich kam nicht am Kuchenstand vorbei und gönnte mir ein großes Stück Apfelkuchen.

Ein kurzer Spaziergang zum Mirador Cerro Amigo führte mich zu einem "Vorhügel" des Cerro Piltriquiron (2225 m). D. h. es waren sogar drei Aussichtspunkte am Cerro Amigo zur erreichen. Jeweils an steil abfallenden Felskanten gab es einen tollen Ausblick auf das Tal des Rio Azul und die Ortslage von El Bolson. Richtung Süden in die Provinz Chubut konnte man dann einige Rauchsäulen von Waldbränden entdecken. Vom kleinen Flugplatz El Bolson starteten immer wieder Propellerflugzeuge um dem Brand zu Leibe zu rücken. Es hatte wohl lange Zeit nicht genügend geregnet, denn der Wanderweg war Staub trocken. 

Laut Wetterbericht waren einige Niederschläge (80% Niederschlagswahrscheinlichkeit) angekündigt. Was dann tatsächlich an diesem Tag herunter kam, reichte aber nicht aus um jeden Quadratzentimeter einmal nass zu machen. El Bolson liegt zwischen zwei Andenketten die weit genug auseinander liegen um dem Ort eine Klimagunst zu bescheren. Wenn schon einmal Feuchtigkeit geschwängerte Luftmassen über die westliche Andenkette heranschweben, dann können sich die Wolken über El Bolson teilweise auflösen und die Sonne findet immer wieder Lücken, bevor sie sich am mächtigen Felsmassiv des Cerro Piltriquiron wieder dunkel und Regen schwer zusammenbrauen. Lange Rede kurzer Sinn. Die Andenketten bekommen die Niederschläge ab und El Bolson bleibt weitestgehend davon verschont.

Das konnte mit der "Faulenzerei" nicht mehr so weiter gehen. Beim Studium der kleinen Umgebungskarte von El Bolson, die ich in der Touristinformation bekam, konnte ich den Mirador del Azul in Wanderentfernung ausmachen. Der Entschluss bei "T-Shirt- und Kurze-Hosen-Wetter" war schnell gefasst. Den Tagesrucksack gepackt und ab ging die Post. Allerdings war es schon 11.30 Uhr als ich die Feria Artesenal erreichte. An schönen Sonntagen findet dieser Wochenmarkt ebenfalls statt, allerdings mit geringerer Anzahl an Verkaufsständen. Wenig später überquerte ich den Rio Quemquemtreu und fand auch gleich die richtige Strasse zum Aussichtspunkt. Auf den ca. 5 Kilometern gab es noch eine Aussichtspunktzugabe auf El Bolson. Danach ging es weiterhin Berg an auf einen Bergrücken zwischen dem Rio Quemquemtreu und dem Rio Azul. Bis zum eigentlichen Aussichtspunkt gab es auf einer steil abfallenden Felsrippe mehrere von der Straße aus erreichbare Aussichtspunkte. Der Weg hatte sich für diese Aussichten auf den Verlauf des Rio Azul bis zum Lago Puelo und der Berwelt des gleichnamigen Parque Nacional auf alle Fälle gelont.

Nach dem Fotoschooting folgte ich der Straße weiterhin Berg an. Mittagessen viel heute aus. Aber den Postre (Nachtisch) schlug ich nicht aus, denn es gab Brombeeren satt am Wegesrand. Ich konnte mir den Bauch ordentlich vollschlagen. Die Straße endete am Cabeza del Indio, einem örtlichen Erholungsbebiet. Es bot einige Picknickplätze, einen Kiosk, wo der Eintritt von 15,- Arg Pesos entrichtet werden musste, einen Wanderweg der an einer spektakulären Felsstufe noch weiter den Berg hinauf führte und zahlreiche Aussichten auf das Tal des Rio Azul und die gegenüber liegende Gebirgsfront mit ihren tief eingeschnittenen Nebentälern. Den Abstieg suchte ich auf zahlreichen den Wald durchziehenden Pfaden ohne Beschilderung. Ich musste mich auf meinen Orientierungssinn verlassen, da der Wald keine großen Aussichten mehr bot, wo ich mich orientieren konnte. Mein Plan ging auf, denn ich erreichte in den Randgebieten von El Bolson den Talboden und fand auch wieder zur Feria Artesenal zurück. Dort endete mit "Leute kucken" meine 5 stündige Sonntagswanderung.

Die Sonne erreichte erst nach 9 Uhr Stück für Stück den Talboden und auf der Wiese vor meinem Zelt verwandelten sich die feinen Eiskristalle an den Grasblättern in kleine Wassertropfen so bald sie von den Sonnenstrahlen getroffen wurden. Die Nacht war kalt und es war vielleicht der erste Bodenfrost im sich langsam ankündigenden Herbst. Die letzten 2 Tage in El Bolson habe ich nichts mehr "anbrennen lassen" und einfach mal die warmen Sonnenstrahlen im Tagesverlauf beim Lesen und Faullenzen genossen. 

11. 3. 2015 - Es ist so einfach in Argentinien zu reisen

In Argentinien von A nach B zu kommen gelingt ziemlich einfach. Auch wenn es gelegentlich noch über A1, A2, A3, .... geht ist das nicht so schlimm, denn die Cama und Semi Cama Busse sind sehr bequem und bezahlbar. Wenn man nicht gerade Tage lange Gewalttouren fährt, sondern sich von Region zu Region durch hangelt, sind ein paar Stunden Busfahrt durchaus entspannend. 
Von El Bolson nach San Carlos de Bariloche sind es gerade mal 2 Stunden. Die Straße führt landschaftlich spannend durch Gebirgstäler der argentinischen Anden. Besonders auf dem zweiten Teilstück ab Rio Villegas windet sie sich durch den Parque Nacional Nahuel Huapi an lang gestreckten Seen entlang.

Im Geschäftsviertel der 102.000 Einwohner zählenden Stadt fällt zunächst auf, dass sich die Möglichkeiten für Einkäufe und Shopping aller Art in Qualität und Quantität gegenüber der Provinz vervielfacht haben. Besonders viele aufregend dekorierte "Schokoladenläden", auch was sage ich, "Schokoladensupermärkte" laden zum Verweilen vor den Schaufenstern oder Hineingehen ein. Allerdings hat sich auch die Zahl der mehr oder weniger Übergewichtigen vergrößert. Ich pfeife auf die überschüssigen Kalorien. In der Schokoladenhauptstadt Argentiniens darf man schon mal über die Stränge schlagen. Das Limit wird hier über den Preis der Schokoladenspezialitäten bestimmt.

Bariloche ist zu einem mondänen Sommerurlaubsort für Touristen des In- und Auslandes herangewachsen und zeigt sich in einem alpenländischen Flair, auch wenn sich einige Gebäude im Stadtzentrum nicht so richtig in dieses Flair einordnen lassen. Aber nicht nur der Sommer bietet eine Fülle von Outdooraktivitäten an, sondern auch im Winter brummt das Tourismusgeschäft, denn es können am Saisonausgang schon mal 2 m Schnee in den Bergen liegen. Ein Wintersportparadies südlich des Äquators. 

12. - 15. 3. 2015 - Die Leute von National Geographic wissen wo von sie reden

Da ich das Hostel Achalay per Pedes erreichen konnte, benötigte ich noch kein Busticket zur Nutzung der örtlichen Busse. Dieses zu beschaffen beschäftigte mich erst am nächsten Vormittag doch zeitlich ausgeprägter als erwartet. Für die Nutzung der örtlichen Busse benötigt man eine wieder aufladbare Scheckkarte. Diese würde man in einem "Internetladen" gegenüber der Bushaltestelle Centrum für 25,- Arg. Pesos bekommen, so erklärte es mir Markus, ein deutscher Hostelgast. Ja, den Laden fand ich, aber sie hatten keine Karten mehr. Die nächste Anlaufstelle fand ich nicht. Also zurück zum Hostel und genauere Informationen einholen, wo ich noch ein Busticket bekommen konnte. Markus zeigte mir auf dem Stadtplan den nächsten Laden, aber die Hausnummer und den Namen kannte er nicht. Ich zog wieder hinaus auf der Suche nach einem Busticket. In der Geschäftstrasse angekommen, defilierte ich auf und ab, aber einen Laden wo ich von außen hätte erkennen können, dass es dort Bustickets gibt, fand ich nicht. Ich stellte mich heute besonders doof an und begann an mir zu Zweifeln. Bisher hatte immer alles gefunden. In der Tourist-Information startete ich den nächsten Versuch etwas über Verkaufsstellen von Bustickets heraus zu bekommen. Man sprach englisch und ich bekam die Information, dass es viele Verkaufsstellen in der Stadt gab. Sie hatten aber keinen speziellen Namen, sondern glichen eher Kiosken die alles und Nichts verkauften. Als ich dann den nächstgelegenen Laden fand, stellte ich fest, dass ich schon mehrmals daran vorbei gegangen war. Nun hatte ich mein Plastik-Busticket und ließ es gleich für meine Tagestour aufladen. Eigentlich eine gute Sache. Man hält die Karte nur an einen Leser und der Betrag wird "abgebucht". Das geht zügig und der Busfahrer hat keinen Stress mit dem Wechselgeld. Was Münzgeld in Argentinien betrifft ist dieses ziemlich rar.

Ich stand also an der Bushaltetelle Richtung Llao Lao. Die Buslinie Nr. 20 fährt alle 20 Minuten. Am Cerro Campanario stieg ich aus, denn ich wollte den Gipfel dieses Berges besteigen. Zwar konnte man auch einen kleinen Sessellift nutzen, aber etwas körperliche Auslastung tut auch gut und spart ein paar Pesos. Ganz nebenbei kann man sich über den Staub trockenen steilen Weg zum Gipfel auch ziemlich einsauen. Die Aussicht vom Gipfel allerdings bietet ein 360° Panorama und besonders die Aussicht in westliche Richtung über die Seenlandschaft mit ihren Buchten und Halbinseln hinüber zu den steil aufragenden Andengipfeln gehört zu den besten Panoramablicken die ich bisher gesehen hatte. National Geographic zählt diesen Ausblick zu den "10 best views of the world". Ich bin mir ziemlich sicher, die Leute von National Geographics wissen wovon sie reden. Ich bekam noch die Bilder die ich wollte, denn am Vormittag steht die Sonne noch im Rücken und beleuchtet alles sehr schön. 

Wieder vom Berg auf der Straße angekommen erreichte ich nach kurzem Weg eine Fahrradausleihe. Schon im Hostel hatte ich ein Rad reservieren lassen, damit ich dann auch wirklich noch eins in meiner Größe bekam. Mit einem Mountainbike in Topqualität (210,- Pesos) ging es dann auf einen 26/27 km langen Rundkurs um den Lago Perito Moreno. In einem munterem Auf und Ab folgte ich der landschaftlich sehr schön angelegten Straße mal mit Zugang zum See und mal hoch über ihm. Immer wieder gab es tolle Aussichten oder auch die Möglichkeit etwas vom Hauptweg ab zu zweigen. Einer dieser Abzweige führte mich zum menschenleeren Playa Los Troncos mit Blick über den Brazo Tristeza (Seitenarm des Lago Hahuel Huapi) zum Cerro Capilla (2167 m). Überhaupt bietet die Halbinsel Llao Llao etliche Wanderwege und einsame  Buchtenstrände fürs Auge. Diese Lage erkannten auch die Betreiber des Hotel und Spa Llao Llao. Mit einer dick gefüllten Brieftasche kann man auch den angeschlossenen Golfplatz für die aktive Erholung nutzen. Ein wirklich schönes Stückchen Erde haben sich die Hotelmanager dafür ausgesucht. Auch das Hotel selbst ist von einer gegenüber am Gegenhang liegenden kleinen Kirche sehr fotogen, denn der Blick reicht über den Brazo Tristeza in ein Andental hinein. An dessem Ende thront der Cerro Tronador. Mit seinen 3478 m ist er der beherrschende Berg dieser Region. Aufkommende Wolken begannen seine imposante Nordostflanke zu verhüllen.

Eigentlich ist eine Wanderung an diesem Berg Pflicht. Man kann sich der Tagestour einer Agentur (450,- Arg. Pesos) anschließen. Wird mal da hingefahren und geht ein paar Schritte, bevor es heißt: "Alle Einsteigen, vorwärts, wir fahrn zurück". Bilder im Kasten, falls sich der Berg gezeigt hat, da gewesen, abgehakt. Oder man mietet sich einen PKW und fährt über 80 km selbst dahin. Für 700,- Pesos pro Tag hat man zumindest mehr Zeit für seine eigenen Aktivitäten. Oder man wandert von Puerto Blest (man kommt mit einem Ausflugsschiff dahin) selbst zum Cerro Tronador und über das Tal des Rio Manso superior und weitere Andentäler zurück nach Bariloche. Ich merke schon, ich muss noch mal mit viel Zeit im Gepäck zurück kommen, denn der Lago Nahuel Huapi bietet sich auch für Wasserwanderstrecken an. Außerdem gibt es noch weitere interessante Punkte von Bariloche aus zu erreichen, wie z. B. Cerro Otto (1405 m), Isla Victoria und Bosque de Arrayanes, Cerro Catedral (150,- Arg. Pesos), den Circuito Grande (450,- Arg. Pesos), eine Fahrt nach San Martin de los Andes (650,- Arg. Pesos) oder gleich mit dem  Cruce Andino (990,- Arg. Pesos) eine Exkursion über die Anden nach Chile.

Für den übernächsten Tag wählte noch einmal die Richtung zum Lago Moreno Oeste und Este aus. Diesmal wählte ich die Buslinie Nr. 10. Diese hat ihre Endstadtion an der Colonia Suiza. Dort befinden sich in ländlicher Idylle einige Wohngrundstücke die einem den Eindruck vermitteln in der Schweiz zu sein. Natürlich habe die Einwohner schon längst den Tourismus als Einnahmequelle entdeckt und man bietet auch über die üblichen Tourismus-Handarnbeitsmärkte hinaus etwas an, denn zahlreiche schmucke Restaurants laden zum Verweilen ein. Außerdem wird mittwochs und  sonntags der Erdofen angeheizt und man muss das essen vorbestellen, da die Garzeiten in diesem Ofen länger als üblich sind. Ich besorgte meinen Mittagssnack an einem kleinen Stand der durch sein Hinweisschild schon meine Aufmerksamkeit erregte. "Schmäckt Gut" stellte sich als ein Stand von Wolgadeutschen heraus, die ihren deutschen Dialekt auch weiterhin pflegen. Wie kommen Wolgadeutsche nach Argentinien und richten sich dort häuslich ein? Ich kann nur vermuten, das Stalin den Deutschen an der Wolga keine Wanderkarten mit gegeben hat, als er sie im zweiten Weltkrieg nach Sibirien deportieren lies. Einzelne müssen erst in Argentinien wieder zum Stehen gekommen sein?

Für zwei Tage wechselte ich noch einmal da Hostel. Es zog von einem kleinen übersichtlichen Hostel in das Hostel Penthouse 1004. Dieses war im 10. Stockwerk eines Betonklotzes untergebracht. Lag unmittelbar neben der Bushaltestelle Centrum. Der Weg in das Geschäftsviertel der Stadt war über den Hauptplatz sehr schnell zu erreichen und es bot eine überragende Aussicht auf den Lago Nahuel Huapi. Ich erlebte dort neben der Vogelperspektive auf die Stadt Bariloche einen sehr schönen Sonnenuntergang und am darauffolgenden Morgen einen sehr schönen Sonnenaufgang. Schon dafür hatte sich der Umzug gelohnt.

16. 3. 2014 - LAN, sie lebe hoch

Es ist wieder mal ein Reisetag zu absolvieren. Diesmal geht es mit dem Flugzeug von San Carlos de Bariloche in knapp 2 h quer über Argentinien in die Hauptstadt Buenos Aires. Dem Chilenischen Airlinekonzern mit seinen vielen Tochtergesellschaften in den Ländern Südamerikas werde ich mich diesmal wieder anvertrauen. Der Weg zum Flughafen in Bariloche ist einfach zu bewerkstelligen, denn vom Stadtzentrum aus fahren öffentliche Busse (Linie 72) direkt zum Aeroparque Bariloche.

Obwohl ich meinen Rucksack etwas ausgemistet hatte, würde er wohl immer noch mehr als 23 kg auf die Waage bringen. Also war wieder Tricksen angesagt. Das Langarm-Shirt zog ich unter das T-Shirt, die Wörterbücher kamen in die Jackentaschen der Softshell, die Sandalen hängte ich neben die Trinkflasche an den Tagesrucksack. Dumm nur, dass ich das beim letzten Flug auch schon gemacht hatte und der Rucksack trotzdem 25,4 kg wog. Einzig auf die zwei übereinander gezogenen langen Hosen verzichtete ich diesmal. Denn in Buenos Aires erwarteten mich an die 30° C. Ich wollte erst einmal probieren, was beim Gepäck-Checkin passierte. Da konnte ich immer noch die zweite lange Hose, die Regenjacke und die Thermosflasche heraus nehmen um das Rucksackgewicht näher an die 23 kg-Marke an zu nähern.

Zuerst kam die Frage, ob ich denn einen Flug früher nach Buenos Aires fliegen möchte, er checke das eben mal. Natürlich wollte ich. Was sollte ich jetzt noch 3 h auf meinen eigentlich gebuchten Flug warten, wenn ich auch den in 45 Minuten bekommen konnte. Mein Rucksack brachte satte 25,0 kg auf die Waage. Da der Flug nicht ausgebucht war, ich hatte ja auch noch einen Sitzplatz auf die Schnelle bekommen, oder die LAN-Mitarbeiter sich sehr kulant zeigten, wurde das Rucksackgewicht nicht beanstandet. Wieder einmal durchgemogelt und Glück gehabt. An dieser Stelle hat die LAN mal ein "Extra-Bienchen" verdient. Wenn jetzt der Flug noch glatt über die Bühne geht, erhält diese Airline die Traumnoten von mir.

Dumm nur, dass der Akku meiner Gopro den Geist aufgegeben hatte, denn beim Landeanflug auf Buenos Aires breitete sich ein riesiges "Schachbrett" unter mir aus. Wer beherrscht dieses "Schachbrett" aus Calles und Avenidas? Wie werde ich mich in diesem rechtwinkligen Straßendschungel zurecht finden oder muss ich die gelbe Armbinde mit den drei großen schwarzen Punkten mitnehmen um mich nach Hause führen zu lassen?

Tatsächlich ging auch die Landung glatt und wie es sich für einen guten Flughafen gehört gab es auch eine Touristinformation, wo ich kompetente Auskünfte bekam, wie ich am besten zum Hostel Portal del Sur komme. So konnte ich die Preis intensiven aber bequemeren Transportmöglichkeiten umgehen und nahm den örtlichen Bus Nr. 45. Mit Karte (nur der Ausschnitt des Stadtplanes) in der Hand konnte ich die Fahrt des Busses nach vollziehen. Die Haltestellen waren jedoch nicht in der Karte verzeichnet, so dass ich eine Haltestelle zu weit fuhr. Ein paar Blocks musste ich wieder zurück gehen. Auf der Avenida 9 de Julio ist die Busspur in der Mitte. Bevor ich den Straßenrand erreichte, musste ich nicht weniger als 8 Fahrbahnen überqueren. Man beachte, auf diesen Fahrbahnen verlief die Verkehrsrichtung in die gleiche Richtung. Auf der anderen Seite waren es neben der Busspur noch einmal 8 Fahrbahnen in die entgegen gesetzte Richtung. Sie trägt den Titel "breiteste Straße" weltweit, wohl nicht zu unrecht.

Im Hostel bekam ich beim Einchecken erst einmal einen Vortrag über die täglichen Aktivitäten unter der Regie des Hostels. So fand doch "gaaaaaanz" zufällig gleich am Anreisetag auf der Terrasse eine Free Lesson Tango Argentino statt. Hatte ich nicht Buenos Aires auf meine Reiseroute gesetzt um hier Tango Argentino zu lernen? Also da bin ich doch 19.30 Uhr glatt dabei. Noch bevor ich in irgend eine Richtung meine Finger ausstreckte, um heraus zu bekommen, wo ich in der kommenden Woche Tango lernen konnte, da gab es - "Peng" - schon eine Möglichkeit den ersten Schritt zu machen. So etwas klappt nur durch Zufall. Als währe ich auf der Glückssträhne unterwegs, fragte ich nach der Tango Lesson die Tangolehrerin, wo ich eine Woche lang Tango lernen könnte. Sie empfahl mir die Academia Nacional del Tango gleich neben dem berühmten Cafe Tortoni, zwei Mal rechts oder links um die Ecke, quasi genau gegenüber, nur einen Block weiter. Na was für ein Zufall aber auch. Das schien eine aufwendige Suche im "Schachbrett-Labyrint" von Buenos Aires zu erübrigen.

Bevor es soweit war, musste ich eine Möglichkeit finden um Dollars in Argentinische Peso um zu tauschen. Das bietet sich in Argentinien seit der Wirtschaftskrise von 2002 mit einer sehr hohen Inflation im Land geradezu an. Die Argentinier haben längst die Flucht in eine stabilere Währung angetreten und tauschen vorzugsweise den US$ auf der "Straße" zu Vorzugskonditionen weit über dem offiziellen Kurs. Dem Staat scheint das zu Gute zu kommen, denn diese Geschäfte sind zwar illegal, laufen aber auf Geschäftsstraßen (z. B. Calle Florida) "legal", also unbehelligt von den Staatsorganen ab. Etwas Vorsicht scheint aber geboten zu sein, wenn es um höhere Beträge geht, nicht dass sich ein paar "Blüten" im Papiergeldstapel befinden. Oft konnte ich in den argentinischen Hostels direkt mit US$ zu einem Vorzugskurs bezahlen. In diesem Falle verbot sich die Zahlung mit Argentinischen Peso, die man über Kredit- oder EC-Karte nur zum offiziellen Wechselkurs bekam. Das Hostel "Portal del Sur" bot aber einen zwar höheren, aber immer noch viel zu niedrigen Wechselkurs an, so dass ich dass auf der "Straße" erledigen musste. Für den Fall der Fälle nahm ich außer dem Tauschbetrag nichts weiter mit, man weiß ja nie, welche Überraschungen am Wegesrand lauern. Alle Sorgen waren letztendlich unbegründet, denn die Calle Florida ist auch nach 18 Uhr eine belebte Einkaufsstraße. 

Dann war es auch schon bald Zeit für meine erste Clases de Tango. Ein paar Tangowillige Hostelgäste hatten sich eingefunden und folgten gespannt den einführenden Erklärungen der Tangolehrerin. Dann kamen nach und nach einige Basics die solo geübt wurden. Als es dann daran ging diese Basics mit einer Partnerin um zu setzten wurden bei jeder neuen Übung die Partner getauscht. Einmal war es die zierliche Gabriela aus Argentinien, denn die kräftige Susan aus England oder Anna aus Wales und zum Abschluss Kathrin aus Deutschland. Für das Abschlussfoto hatten wir schon eine Semiprofesionelle Abschlusspose drauf. Ansonsten hatte ich den Eindruck, dass es ein schwieriges Unterfangen wird auch nur Ansatz weise Tango in einer Woche zu lernen, selbst wenn ich jeden Tag zum Üben komme.

17. 3. 2015 - Vor der Kür kommt die Pflicht

Das bedeutet dass ich erst meine Weiterreise organisiere bevor ich mich weiter "hinaus" getraue. An der Hostelreception erhielt ich Informationen darüber, wie ich das bewerkstelligen könnte. Es gab drei Wege um nach Montevideo zu gelangen. Auf dem Landweg mit dem Bus, mit der Fähre über den Rio de La Plata bis Colonia und von dort mit dem Bus bis Montevideo oder die Direktpassage mit dem Schiff über den Rio de La Plata. Ich wählte die kombinierte Schiff-Bus-Reisemöglichkeit. Bei ColoniaExpress, SeaCat oder BuqueBus die Agenturen in der Stadt haben, konnte ich buchen.

Auf dem Weg zu den Reiseagenturen wollte ich noch herausbekommen, wann in den Räumen der Academia Nacional del Tango Tanzunterricht stattfinden würde. Leider waren die Türen noch verschlossen. Also dann weiter über die Einkaufsstraße Florida zu Avenida Cordoba. Unterwegs noch eine Karte gekauft und die Correo Argentino (Post) gesucht, da es am Kiosk keine Briefmarken gibt. Dort gab man mir keine Briefmarke für meine unbeschriebene Postkarte. Erst nach dem ich sie beschreiben hatte, bekam die Karte auch die Briefmarke in Form eines Maschinen gedruckten Aufklebers, der natürlich nicht genügend Platz auf der Rückseite fand. 

In der Ticketagentur von ColoniaExpress staunte ich nicht schlecht, dass ich für das Ticket nach Montevideo 522,- Arg. Pesos berappen sollte. Laut Homepage der Agentur kostete das Ticket nur 328,- Arg. Pesos. Auf Nachfrage bekam ich dann zur Antwort, dass das der Preis ohne Tax und Gebühren wäre. Dar Reiseticket in der Tasche musste ich noch für meinen Abreisetag ein Hostel in Montevideo buchen. Das konnte ich auch vom Rechner aus über Internet am Abend erledigen.

Auf dem Rückweg zum Hostel hatte ich bei der Academia Nacional del Tango mehr Erfolg, denn die Türen standen offen und ja, es finden von Montag bis Freitag von 15-17 Uhr und 18-20 Uhr Tangokurse für jeweils 80,- Arg. Pesos statt. Ein kurzer Blick auf die Uhr, das reichte noch um im Hostel einige Kalorien nach zu schieben. 

Wenig später stand ich etwas verloren und schüchtern in der Tangoklasse und schien der Einzige "Tangofrischling" zu sein. Na, ob das mal gut geht. Mit einigen Übungen für Bewegungsrichtungsinformationen von Mann zu Frau ging es dann entspannt los. Danach folgten aber die ersten Figuren. Männlein und Weiblein getrennt wurden die Schritte erarbeitet und gleich anschließend im Paarkontakt umgesetzt. Dabei zeigte sich wieder einmal, dass ich mich in dieser Lernphase nur auf mich konzentrieren kann, um nicht über meine eigenen Füße zu stolpern, oder mit einem Knoten in den Beinen die jeweilige Figur ab zu schließen. Dabei vernachlässige ich die wichtige Führungsarbeit nahezu vollständig. Kurz gesagt ich war nicht selten koordinativ überfordert und glaubte eine ziemlich "lange Leitung" zu haben. Die Tanzlehrer bauten mich immer wieder mit Lob auf, wenn mal eine Schrittkombination erfolgreich absolviert wurde. 15 Minuten vor dem Ende der Tangolesson gab es eine Milonga mit weiteren einfachen Tanzschritten. Bei einer Milonga sind viele Tanzpaare auf der Tanzfläche und das Tangotanzen unterliegt dann gewissen Regeln. So wird z. B. immer nur im entgegen gesetzten Uhrzeigersinn getanzt. Dann kam das unerwartete, denn jedes Paar hatte eine Demonstrationrunde zu drehen um das Erlernte zu zeigen. Einige Milongaschritte habe ich nur in der Grobform hinbekommen. Das sah bestimmt aus als ob ich einen Stock verschluckt hätte. Danach war es geschafft. Ich hatte knapp überlebt und mich plagten Selbstzweifel über das was ich da eine Woche lang durchziehen wollte. Wenn das mal gut geht?

Damit war der Tag noch nicht geschafft, denn es musste noch das Hostel für Montevideo gebucht werden. Nach einigen Recherchen über das Internetportal hostel.com war ich mir dann darüber im klaren, in welchem Hostel ich Nächtigen wollte. Die Pflicht hatte ich an diesem Tag mit einem Kurzausflug in die Kür geschafft. 

Da sich Buenos Aires in diesen Tagen als Sonnen heiße Bratpfanne im Frühherbst mit Temperaturen über 30°C präsentierte und ich ein Dorm mit Klimaanlage gebucht hatte, durfte ich die Nacht im "Kühlschrank" verbringen. Zugedeckt mit drei Decken konnte ich bisher einer Erkältung trotzen.

18. 3. 2015 - Tag Zwei des Tango-Wahnsinns

Auch wenn ich mich nach meiner ersten professionellen Tango-Lesson wie ein in sich zusammen gesunkenes "koordinatives Wrack" fühlte, war ich wild entschlossen nicht auf zu geben. Also stand ich ab 15 Uhr wieder aufrecht im Tanzsalon der Academia Nacional del Tango um es beim 2. Versuch vielleicht besser hin zu bekommen. Mit aufrechter Körperhaltung und erhobenem Kopf schritt ich bei den einführenden Übungen zur Haltungsschulung und Schrittführung wie ein stolzer Gockel über das Tanzparkett. Nach der ersten Vorgabe der Tanzlehrer zur neuen Schrittkombination war es dann mit der stolzen Körperhaltung vorbei, denn meine Augen klebten wieder auf den Füßen, um die Verknotungsgefahr zur reduzieren. Mein Lerntempo hinkte dem der anderen Teilnehmer/innen mehr und mehr hinterher. Der vorherige Lernschritt saß noch nicht richtig, da gab es schon den nächsten Input von den Tanzlehrern. In meiner Kommandozentrale breitete sich vor lauter Tango-Input ein immer größer werdendes "Schwarzes Loch" aus. Jede Information die hereinkam, fiel sofort ins Boden lose. Am Ende bekam ich nicht mal mehr aus eigenem Antrieb die einfachsten Dinge hin. Beim Vortanzen musste ich die "Weiße Flagge" hissen und verließ die Tanzfläche ohne auch nur einen Schritt gemacht zu haben, die Matrix war plötzlich gelöscht und ich wußte nicht mehr, wie ich anfangen sollte - der Tiefpunkt dieses Tages.

Am Vormittag gab es aber durchaus Erfolge, denn ich hatte mich zu Fuss in den Nachbarstadtteil Recoleta gewagt um der einstigen Primera Dama, der First Lady Argentiniens, Maria Eva Duarte de Peron, oder kurz Evita, meine Aufwartung zu machen. Aus einfachen Verhältnissen stammend hat sie es in die Beletage (Wikipedia: französisch - bel etage - die am besten ausgestattete Wohnung eines adligen oder großbürgerlichen Wohnhauses) Argentiniens geschafft. Am 7. Mai 1919 wurde sie in Los Toldos (Arg.), einem Provinz-Kaff, geboren. Der Vater des späteren argentinischen Aschenputtels, ein reicher Großgrundbesitzer hat zwei Familien, eine legitime und eine illegitime. Maria Eva wird als 5. Kind der illegitimen Beziehung geboren. Als junges Fräulein, die etwas aus sich machen will, steigt an der Bahnlinie ihres Heimatortes in den Zug und fährt 250 km weiter nach Osten in die schillernde Hauptstadt Buenos Aires. Aus dem jungen Ding Maria Eva Ibarguren, so ihr Mädchenname, weder besonders hübsch, aber auch nicht hässlich, nicht besonders talentiert, aber auch nicht mit einem schweren Verstand ausgestattet, wird die Sänger- und Schauspielerin Eva Duarte. Böse Zungen behaupten auch, sie hätte sich nach "oben geschlafen".

Der große Durchbruch im Showbusiness will ihr trotzdem nicht so recht gelingen, aber sie macht Karriere beim Radio. Der magische Moment in ihrem Leben, um nicht zu sagen der Wendepunkt, stellt die Begegnung mit Juan Domingo Peron im Jahre 1944 dar. Was für Helmut Schmidt das Hamburger Hochwasser war, war für Peron das Erdbeben von San Juan am 15. Januar 1944, eine nationale Katastrophe. Die älteste Stadt Argentiniens lag in Trümmern und 15.000 Tote waren zu beklagen. Peron leitet die Hilfs- und Wiederaufbauaktionen und wird dabei zum neuen Helden. Viele Schauspieler sammelten damals Geld für eine Benefizveranstaltung zu Gunsten der Erdbebenopfer. Eva Duarte bringt es nicht gerade auf die Traumsumme von 633 Pesos und 10 Centavos. Aber auf der Veranstaltung im Luna Park sitzt sie schließlich neben Peron. Der Anfang ihrer Beziehung. Wenig später komplementiert sie Maria Yurbel - Perons junge Geliebte aus der Wohnung und zieht im feinen Barrio Norte selbst ein. So wird diese Begegnung zum Ausgangspunkt ihrer neuerlichen Verwandlung von der Schauspielerin Eva Duarte zu Evita Peron, einer Mischung aus Jackie Kennedy und Mutter Theresa, zur Mutter der Argentinischen Nation.

Den Militärs und Unternehmern wird Peron zu gefährlich. Sie verbannen ihn auf eine Insel im Rio de La Plata. Evita organisiert daraufhin mit den Gewerkschaften einen Protestmarsch zur Casa Rosada (Präsidentenpalast), wie ihn das Land bisher nicht gesehen hatte. Peron wird frei gelassen und gewinnt ein halbes Jahr später die freien Wahlen.

Evita begleitet ihren Gatten als Staatspräsident 6 Jahre an der Macht. Jedoch reichte ihr die Zeit um  neben ihrem Mann zum "Politstar" zu werden. Sie schafft es eine Organisation, die Fundacion Eva Peron, zu gründen. Eine private Stiftung, die aus dem Füllhorn des Staatshaushaltes genährt wurde aber niemandem öffentlich Rechenschaft schuldig war. Evita spielt die Märchenfee und "verschenkt allein im ersten Halbjahr 1951, 25.000 Wohnungen, drei Millionen Kisten an Medikamenten, Möbeln, Kleidern, Fahrrädern und Spielsachen" (Christian Thiele, Gebrauchsanweisung für Argentinien"; Pos. 2161).

Die "Mutter der Nation" stirbt, in der Mitte des Lebens, wie Perons erste Frau an Unterleibskrebs am 26. Juli 1952 in Buenos Aires. (Christian Thiele, "Gebrauchsanweisung für Argentinien") Der Titel: "Don`t cry for me Argentina, ...." aus dem 1977 erstinszenierten Musical "Evita", ob nun von Madonna, Shirley Bassey, Elaine Page, Nicole Scherzinger oder Sinead O´Connor gesungen, geht unter die Haut.

Ihr Grab befindet sich auf dem Cemeterio Recoleta, der Beletage der wichtigen Toten von Buenos Aires.

19. 3. 2015 - Hilfe noch mehr Tango!

Ich glaube mein Besuchsprogramm für Buenos Aires ist etwas "Tango lastig" zusammengestellt. Das liegt auch daran das eine schillernde historische Persönlichkeit tiefe Spuren in Buenos Aires hinterlassen hatte, so das ich Carlos Cardel, dem "Tangogott" vieler Frauen seiner Zeit meine Aufwartung machen wollte, d. h. seinem Monumento (Denkmal), denn seine Geschichte liest sich ziemlich spannend. In der Reihe der argentinischen Nationalhelden von Che Guevara, Evita Peron und Diego Maradona ist Carlos Gardel die unumstrittenste Heldenfigur auf die wahrscheinlich alle Argentinier stolz sind. Und wie es sich für einen Nationalhelden gehört ranken sich um seine Person auch einige Nebelschleier. 

Er selbst hatte einmal von sich gesprochen und bemerkt: "Ich bin in Buenos Aires, Argentinien geboren - im Alter von zweieinhalb Jahren". Ob er nun tatsächlich, so die offizielle Version, 1890 im französischen Toulouse das Licht der Welt erblickte, oder bereits 1883 in Tacuarembo in Uruguay, oder doch lieber 1887 in Buenos Aires konnte bisher nicht zweifelsfrei geklärt werden. Sei es drum Gardel geht zur Schule und wird von den rauen Sitten in den Straßen des Hafenviertels erzogen. "Compadritos" (zwielichtige Gestalten) sind seine Lehrmeister. 1915 gerät er in eine Schießerei und trägt seit dem ein Andenken, in Form einer Pistolenkugel, in seinem linken Lungenflügel. Mit dem Gitarristen Jose Razzano liefert er sich einen Sängerwettstreit auf der Straße. Keiner von beiden geht daraus als Sieger hervor. Das war die Geburtsstunde einer Gewinn bringenden Partnerschaft. Radio und Tonfilmaufnahmen machen Gardel  auch über die Grenzen Argentiniens bekannt. Erst in den 20iger Jahren wird sein Repertoire durch den Tango bestimmt. Sein Stern leuchtet um so heller, je größer der Applaus bei seinen Auftritten in Paris, New York und anderen Städten dieser Welt aufbrandet. Wie bei allen anderen argentinischen Volkshelden verdiente er sich seinen Ruhm zu allererst im Ausland. Seine vielen Reisen werden ihm am 24. Juni 1935 zum Verhängnis. Aus Bogota kommend landet er in Medellin zwischen. Beim Start in Richtung Cali kollidiert sein Flugzeug mit einem zweiten vollgetankten Flugzeug. Obwohl Gardel bei diesem Unfall stirbt ist seine Amerikatour noch nicht beendet , denn sein Leichnam geht auf eine acht Monatige Reise über New York, Rio und Montevideo. Erst am 5. Februar 1936 erreicht sein Leichnam auf dem Dampfer Pan America den Hafen von Buenos Aires. Sein Sarg wird in einer Karosse von 8 Rössern durch die Straßen von Buenos Aires gezogen. Es war einer der größten Trauerumzüge die Argentinien je gesehen hat. ("Gebrauchsanweisung für Argentinien"; Christian Thiele)

Statt dem Carlos Gardel Museum, in dem der Sänger einem "Rockstar" gleich gloryfiziert dargestellt wird, begab ich mich zum Ausgleich auf einen kurzen Abstecher in den ABASTO DE BS.AS. (großes Einkaufzentrum) gleich nebenan. In einem der Läden hatte ich Glück und konnte das Geburtstagsgeschenk für meinen Enkelsohn erwerben, hinter dem ich schon sehr lange her gejagt bin.

Pünktlich 15 Uhr stand ich wie Tags zuvor in der Tangoklasse. Es tauchen immer mal neue Tangoschüler/innen auf und andere bleiben weg, so dass ich am dritten Tag die dritte Tangopartnerin hatte. Aber los ging es wieder mit Tango-Schreitübungen im Kreis. Damit hatte sich das einfache Übungsgut der heutigen Tango-Lesson schon nach wenigen Minuten erschöpft. Es wurde wieder "Ernst" gemacht von den Tanzlehrern. Sie schickten sich an eine neue Tangofigur ein zu führen. Diese sah natürlich in perfekter Tangohaltung wieder sehr anmutig aus, würde aber bei mir unweigerlich in "verknoteten" Beinen münden, oder schlimmsten Falls auf dem Rücken enden. Glücklicher Weise ging es auch heute Step by Step voran, nur mit dem Unterschied, dass ich besser mit kam. Die Beine wurden gegenseitig hin und hergeschoben auf dem Tanzparkett, als sollte man mit dem De Ashi Barei (Fußfegewurf beim Judo) Punkte sammeln. Beim Vortanzen fühlte ich mich diesmal nicht wie der "Pausenclown". Zum Abschluss wurde wieder an der Milonga gearbeitet. Auch dabei machte ich mit neuen Tanzschritten weitere Fortschritte. Geschafft, Stirn abwischen, weiter geht es, denn am Abend stand die schönste Hauptsache der Argentinier auf dem Programm - futbol.

Wer es bisher noch nicht wusste, der erfährt es jetzt. Der Stellvertreter Gottes auf Erden in --Fußballfragen ist ein Landsmann der Argentinier und heißt Diego Armando Maradona. Im Gegensatz zu den drei Volkshelden Che Guevara, Evita Peron und Carlos Gardel stirbt "El Diego" nicht Anfang des vierten Lebensjahrzehnts. Alle drei Erst genannten wurden nach ihrem Tod zu argentinischen Volkshelden. Nein, bei Maradona ist das anders, er ist der Held aller Argentinier schon zu Lebzeiten. 
Es geschah am 22. Juni 1986, Atztekenstadion, Mexiko-City, Viertelfinale Fußballweltmeisterschaft. Es spielt Argentinien, das vier Jahre zuvor einen sinnlosen Krieg um die Islas Malvinas anzettelt und verlohr, gegen England, welches eben diesen sinnlosen Krieg um die Falkland Inseln gewann. Die Argentinier liegen 1:0 in Führung, da schnappt sich in der 55. Spielminute Maradona den Ball und startet ein 60 Meterdribbling. Wie eine Cruise-Missle umdribbelt er alle englischen Zerstörer, Kreutzer und U-Boote und trifft mitten ins Herz des Britischen Empires. Der Fußballerzähler (so werden die Fußballreporter in Argentinien genannt) schlechthin, Victor Hugo Morales, kommentierte diese Szene wie folgt, O-Ton Morales: ".... jetzt, könnte er zu Buruchaga spielen, nein, immer noch Maradona, genial! genial! genial! ta-ta-ta-ta-ta-ta-ta- ..., und  Toooooooor... Toooor... Ich möchte weinen! Heiliger Gott! Es lebe Fußball! RIEH-   SEN Toooohhhhr! Diego! Maradona! Es ist zum Heulen, verzeiht mir. Maradona, in einem unglaublichen Lauf, im Spielzug aller Zeiten. Du kosmischer Drachen, von welchem Planeten bist du zu uns gekommen" (Christian Thiele, Gebrauchsanweisung für Argentinien, Pos. 2464). Dieser Kommentar kam aus den tiefsten Eingeweiden und bestand zu 90% aus Emotion und nur zu 10% Verstand. Morales hatte 10 Jahre dafür gebraucht, diesen Kommentar für sich an zu nahmen, denn er entsprach eben ganz und gar nicht seinem eigenen Anspruch an Fußballkommentaren. Maradona wurde durch dieses Tor zum Fußballgott der Argentinier (Gebrauchsanweisung für Argentinien, Christian Thiele). Wer noch mehr über die "wichtigste Hauptsache der Welt" für die Argentinier lesen möchte, dem lege ich das Buch "Gebrauchsanweisung für Argentinien" von Christian Thiele wärmstens ans Herz. Ich habe mich beim Lesen dieses Buches bisweilen köstlich amüsiert.

Anderes Thema der "Jetztzeit": Vereinsfußball. Die Copa Libertadores machte in der Stadt halt und bot am 4. Spieltag der Südamerikanischen "Championsleague" die Patie Club Atletico River Plate Buenos Aires vs. Juan Aurich (Peru). Nach der Tangolesson (17 Uhr) startete ich gleich durch, um in den Stadtteil Belgrano zu gelangen. Dieser lag nicht gleich um die Ecke, aber ich konnte die SUBTE Linie D bis Palermo nehmen. Dort musste ich in den Bus mit der Nummer 15 umsteigen. Das lief wie geschmiert. Der Straßenverkehr lies zwar kein zügiges Vorankommen zu, aber in der U-Bahn sitzend musste ich mir das Verkehrselend über Tage zum Glück nicht auf der ganzen Strecke mit ansehen. Die River Plate Fans waren längst auf dem Weg. Je näher wir dem Epizentrum der heutigen Fußballnacht, dem Estadio Antonio Vespucio Liberti, genannt "El Monumento, kamen, desto dichter folgten die Fans der "Millionarios" einer unsichtbaren Kraft. Hatten die alle schon ein Ticket? Ich hatte noch keins und hoffte noch darauf, ein bezahlbares Ticket ergattern zu können. Die Fans wurden kanalisiert zum Stadion geleitet. Am ersten Sicherheitssperrgürtel in Sichtweite des Stadions war für mich schon Endstation. Ich hatte als Einziger der zum Stadion wollte, kein Eintrittsticket vor zu weisen. Da es keine Tickets mehr gab, gab es für die Sicherheitskräfte auch keinen Anlass, mich weiter Richtung Stadion vor zu lassen. Mein Fussballabend war damit schon 100 Minuten vor dem Anstoß beendet. In umgekehrter Richtung nutzte ich die öffentlichen Verkehrsmittel um wieder ins Microzentrum zu gelangen. Den Anstoß erlebte ich am Großbildschirm eines Restaurants in der Nähe meines Hostels. Statt einer begeisternden Fußballnacht in Buenos Aires hatte ich das SUBTE- und Busfahren geübt.

Dabei hätte ich auch die Möglichkeit gehabt ins Stadion hinein zu kommen. Bei meiner Anreise hätte ich noch ein Ticket bekommen können, incl. bilingualem Guide, Stadiontransfer und kleinem Imbiss für 110/120 US$. Ein stolzer Preis für ein Fußballspiel und wer oder was, bitte schön, ist "Juan Aurich".

20. 3. 2015 - Ein Tag zum Nachsitzen.

Da ich gestern wegen des Fußballspieles nicht zum El Monumento vordringen konnte, musste ich da heute noch einmal "Nachwaschen", denn ich wollte vor dem Stadion noch einen Videodreh machen. Bei dieser Gelegenheit schlich ich auch etwas um das Stadion herum, um vielleicht eine kleine Lücke zu finden, um einen Blick in das Innere des "Heiligtums" werfen zu können. Aber es war wie verhext, keine noch so kleine Sicherheitslücke war zu finden. An jeder Stelle wo man hineingelangen konnte, standen Sicherheitsbeamte. Gleich neben dem Stadion befindet sich das Museum vom Club Atletico River Plate. Dort konnte man neben der Museumsbesichtigung auch eine Guided Tour ins Stadioninnere buchen. Bei der geführten Tour wäre der Videodreh wahrscheinlich auch nicht am Anstoßpunkt möglich gewesen, so dass ich mir einen Drehort außerhalb des Stadions suchte. Wegen der Verkehrslage dauert ein Ausflug in den Stadtteil Belgrano und zurück schon mal eine gute Vormittaglänge.

Ein kleiner Imbiss zum Mittag und schon war die Zeit heran sich für die nachmittägliche Tango-Lesson bereit zu halten. Nach dem es gestern einigermaßen ging, gab es heute wieder den Einbruch. Mittlerweile hatte ich auch eine Erklärung dafür. Die neuen Schrittkombinationen wurden Step bei Step eingeführt und ich kam auch ordentlich mit. Was mir einfach fehlte waren die Basics um verschiedene Schrittkombinationen miteinander verbinden zu können. Die hatten die anderen Teilnehmer/innen der Tango-Lesson, teilweise mit mehrjähriger Tango-Erfahrung, natürlich drauf. Ein weiterer Nachteil war, dass die Teilnehmer/innen an der Tango-Lesson ständig wechselten. Mit der eigenen Partnerin von der "Pike an" gelernt, wäre im gleichen Zeitraum sicher ein größerer Lernfortschritt möglich gewesen. Deshalb sah das was am Ende der 4 Doppelstunden bei mir heraus kam auch nicht wie Tango Argentino aus. Sei es drum, die Erfahrung war wichtig und hat mich auch nicht umgebracht. Sie hat aber zu der Erkenntnis geführt, dass die Vorstellung sonntags Nachmittag in den Straßen von Montevideo Tango tanzen zu können, wohl oder übel in den "Tiefkühlschrank" gehört. Des weiteren glaube ich, dass es sich durchaus lohnt, weiter am Tango Argentino dran zu bleiben, denn der Tanz ist sehr anmutig und gut mit der eigenen Partnerin getanzt, ist da auch eine Prise Erotik dabei. Außerdem ist dieser Tanz wahrscheinlich auch bis ins hohe Alter tanzbar. 

21. 3. 2015 - Ich traue mich ins Hafenviertel La Boca

Nach guter Vorbereitung, Stadtplan mit Wegbeschreibung zog ich gegen Mittag los in den Stadtteil La Boca. Lonely Planat warnte davor sich nicht weit von der Flusspromenade, El Caminito und La Bonbonera zu entfernen. Da das zu Fuss nich umsetzbar war, entfernte ich den größten Teil meines Bargeldes aus meiner Geldbörse und lies den Reisepass auch im Hostel zurück, denn in La Boca herrschen teilweise etwas raue Sitten. Man weis ja nie was kommt. 

Die Beschilderung der Straßen war sehr gut, so dass ich mich an die geplante Routenführung halten konnte. Als erste Sehenswürdigkeit erreichte ich "La Bonbonera" das in blau-gelb gehaltene Fußballstadion vom Club Atletico Boca Juniors einem weiteren berühmten und sehr erfolgreichen Großverein von Buenos Aires. Die Stadiontribünen ragen mitten in der Wohnbebauung senkrecht in den Himmel. Da sich die Tribünen überlappen, hat man dem Stadion kurzerhand den Namen "Pralinenschachtel" gegeben. 

Dieser Verein hat den "Fußballgott", Diego Armando Maradona, der Argentinier hervorgebracht. Die noch lebende "Heiligenfigur" ist wie Che Guevara und Evita ebenso nicht ganz unumstritten. Auf der einen Seite sein unglaubliches Talent zum Fußballspielen und auf der anderen Seite seine Eskapaden. Sind es Substanzen die die Polizei in seinen Wohnungen finden und Dopingfahnder in seinem Körper, die zwar Spaß machen aber illegal sind, sind es seine Steuervergehen, 130 kg Körpergewicht auf 165 cm verteilt oder diverse ernsthafte gesundheitliche Probleme, "El Diego" stand immer wieder auf. Er wird zum best bezahltesten Moderator einer Fernsehsendung ("La noche del diez") mit Traumeinschaltquoten und coachte die Argentinische Nationalmannschaft bei der Fußball WM 2010 in Deutschland. 

Großherzig winkt er wie ein Staatsmann den Fufballfans aus seiner Privatloge zu, wenn ihm 60.000 in der "Bonbonera" beim jährlichen Super Clasico Boca Juniors vs. River Plate mit "Marado, Marado, Maradoooooo-Rufen" skandieren.  Er hat einmal behauptet, dass der Super Clasico so aufregend ist, "wie Sex mit Julia Roberts". Immerhin stehen sich in diesem Match zwei der weltbesten Vereinsmannschaften gegenüber. Oft ist es das Spiel zwischen dem Tabellenersten und dem -zweiten. Wenn es nach nationalen und internationalen Meistertiteln geht, kommen die europäischen Klassiker in Madrid, Rom, Mailand, Glasgow oder Istanbul nicht annähernd an den Super Clasico in Buenos Aires heran. (Christian Thiele, Gebrauchsanweisung für Argentinien)

Weiter ging es durch die Straßen van La Boca. In diesem Stadtteil und vor allem am Riachuelo, dieser Fluss trennt die Stadt Buenos Aires von der sie umgebenden Provinz Buenos Aires, siedelten sich Mitte des 19. Jahrhunderts viele spanische und italienische Einwanderer an, die vor allem in den Konservenfabriken Arbeit fanden. Auch heute noch bleibt man der Tradition vor allem rund um die Caminito, der bekanntesten Straße in diesem Viertel treu und bemalt die Wände von Wellblech verkleideten Häusern kunterbunt. Die frühere bunte Bemalung der Häuserfassaden resultierte in der Not aus der Tatsache, welche Farbe nach dem Aufhübschen der Frachtkähne in den Farbbottichen noch übrig geblieben war (Lonely Planat). So überraschte mich die Caminito mit einem touristischen Rummel in kunterbunt den ich so nicht erwartet hätte. Vor den Restaurants zeigten Tangopaare ihr Können, Interpreten trällerten ein Liedchen, Bandoneon-Spieler zeigten, wie sie ihr Instrument beherrschten. Dazwischen die mobilen Maler, mit ihre Sicht auf das Tango tanzende Paar auf ihren Bildern, Schmuckdesigner, Freundschaftsbandkreirer und jede Menge Souvenirhändler, die von der Postkarte über das Mate-Zubehör bis zum Hut für den Tangotänzer alle möglichen Arten von Staubfängern anboten. Alles war sehr nett an zu schauen.

Ich begab mich auf den langen Rückweg und kam auf der Av. Almirante Brown an einem nicht enden wollenden Straßenmarkt vorüber. Dieser war ganz und gar nicht touristisch ausgerichtet, denn dort kauften die Einheimischen billig ihre Waren ein. Ich hatte La Boca schon lange wieder  verlassen, stattete in San Telmo dem Straßenmarkt auf der Plaza Dorrego einen Kurzbesuch ab und befand mich auf der Defensia (Straße in B.A.) ca. 3 bis 4 Blocks vor dem Plaza de Mayo mit der Casa Rosada, dem Präsidentenpalast. Zwei Motorräder fuhren an mir vorüber. Es war gegen 17 Uhr. Die Straße war nicht Menschen leer, aber auch nicht von Menschen überfüllt.

Plötzlich gab es ca. 80 m vor mir ein Fäuste schwingendes Handgemenge zwischen 4 Männern. Zwei griffen immer wieder an und zwei verteidigten sich. Dann gab es einen Pfiff, wie aus einer Polizeitrillerpfeife, die beiden Angreifer rannten zu den Motorrädern, stiegen auf den Sozius und waren verschwunden. Das Ganze dauerte keine 30 Sekunden und war vorbei, noch ehe man sich darüber im Klaren war, um was es eigentlich ging. Ich war Zeuge, wie noch einige andere auch, eines Raubüberfalles geworden. Der Angriff galt einem Herrn mit einem Tagesrucksack auf dem Rücken. Ein zweiter jüngerer Passant geriet in die Auseinandersetzung, da er zufällig ganz dicht dran war und dem Opfer gegenüber der angreifenden Übermacht helfen wollte. Wie gesagt, ich war nicht mehr in La Boca. Dort hatte ich nie den Eindruck, dass mir etwas nicht ganz koscher vor kam. Aber kurz vor einer großen Plaza in Buenos Aires hatte ich das nicht erwartet. Im Nachhinein glaube ich, dass der Ort des Angriffs und das Opfer nicht zufällig gewählt waren. Auf der Plaza Dorrego in San Telmo sind an Markttagen immer viele Touristen. Diese haben natürlich auch Geld oder andere Wertsachen in ihren Taschen. Die Defensia ist nicht sehr breit und eine Einbahnstraße. Es gibt also für die Opfer kaum Möglichkeiten auszuweichen. Die Motorradfahrer können sich mit den Räubern schnell vom Tatort entfernen, da es entgegen kommende Fahrzeuge nicht gibt die ein Hindernis darstellen könnten. Zusätzlich war an diesem Samstag Nachmittag auch wesentlich weniger Verkehr auf den Straßen von Buenos Aires als an Wochentagen. Das Opfer ein älterer grauhaariger Tourist der solo unterwegs war.

Ich fasse mal zusammen, wie ich derartigen Übergriffen möglicher Weise entgehen könnte. 
1. Vorsicht an touristischen Orten
2. Möglichst wenig auffallende Kleidung in Abgrenzung zur ortstypischen Kleiderordnung tragen
3. Alles Vermeiden, was einen wie ein Tourist aussehen lässt, z. b. Stadtplan in der Hand, keine fette    Kamera um den Hals oder wertvollen Schmuck am Körper
4. Möglichst Menschengruppen beim Gehen durch unübersichtliche Straßen anschließen
Und jetzt der geheimste Geheimtipp, niemals aussehen wie ein grauhaariger Tattergreis der sich solo in der Weltgeschichte herum treibt. 

22. 3. 2015 - Die Feria San Telmo

Es ist wieder einmal Sonntag, obwohl bei mir eigentlich jeder Tag Sonntag ist und für eigene Aktivitäten zur Verfügung steht. Aber Sonntage in Buenos Aires sind schon etwas besonderes, denn an diesem Tag ist "Markttag" in San Telmo. Leider oder kam ich erst gegen Mittag in die Puschen, denn ich hatte noch einiges in meinem Tagebuch nach zu arbeiten. Kein Schaden so groß, es gibt immer einen Vorteil dabei. 

So wollte es der Zufall, dass mir drei bereits bekannte Gesichter im Hostel über den Weg liefen. Es waren Corinna, Maike und Björn, drei junge Deutsche aus Berlin. Wir sind uns das erste Mal schon einige Tage zuvor auf dem Zeltplatz in El Bolson begegnet und haben am Busbahnhof von El Bolson auch einige Worte gewechselt, fuhren dann aber mit verschiedenen Buslinien nach Bariloche und ich verabschiedete mich mit dem Hinweis, dass man sich immer mehrmals Treffen würde. Diese Behauptung war natürlich völlig aus der Luft gegriffen, denn wir hatten uns erst fünf Minuten früher bekannt gemacht und wussten nicht viel über einander. Aber ich hatte auf meinem Weg durch Südamerika immer mal bekannte Gesichter wieder getroffen. Rein zufällig begegneten wir uns 2 Tage später in einem örtlichen Bus an der Haltestelle zum Cerro Campanario bei Bariloche wieder und dann noch einmal kurz in meinem dortigen Hostel. Unsere Fahrtrouten durch Argentinien konnten nicht unterschiedlicher sein, denn unsere Wege kreuzten sich erneut in Buenos Aires. Sie waren gezwungen das Hostel zu wechseln, denn kleine Tierchen (Wanzen) hatten die vorher gehende Nacht zu einem besonderen Erlebnis werden lassen. Besonders Maites Blut war unter den Wanzen der Hit.

Ich stand wegen des erlebten Raubüberfalles noch etwas unter "Schock". Nein, aber ich machte mir Gedanken wie ich derartigen Übergriffen aus dem Weg gehen konnte und fragte die drei, ob ich mich ihnen auf dem Weg zur Feria San Telmo anschließen konnte. Die drei "adoptierten" mich ohne Umschweife und es wurde ein lustiger Tag. Die Feria San Telmo übertraf nun alles vorher Gesehene. Dieser Straßenmarkt erstreckte sich Markstand an Marktstand die gesamte Calle Defensia vom Plaza de Mayo bis zur Plaza Dorrego. Eine unermessliche Zahl an kunsthandwerklichen Ideen und Gegenständen breitete sich rechts und links der Straßenmitte einem endlosen Teppichläufer gleich bis zum Horizont aus. Dazu kamen ab und an Laienkünstler und Musiker, mobile Händler/innen boten kleine und große Leckereien an. Sie alle zusammen machten diesen Tag zu einem Event der Sinne. Diese visuelle und akustische Reizüberflutung, gepaart mit vielfältigen Düften und Geschmäckern wurde mir nicht zu viel und machte total Spass, obwohl das Gedränge groß war. 

Da wo ich tags zuvor Zeuge eines Raubüberfalles wurde, bot sich jetzt ein total anderes Bild. Allerdings sind Menschenaufläufe dieser Art auch die hohe Zeit für Kleinkriminelle. Björn konnte beobachten wie an einer Straßenüberquerung ein Motorradfahrer beim vorüberfahren eine Handtasche entwendete. Natürlich gibt es unzählige Fotomotive. Wer in diesem Moment beim Fotografieren für einen kurzen Augenblick seine persönlichen Sachen aus den Augen verliert, ist ein lohnenswertes Opfer für die kleinen Ganoven und Trickser. Es liegt mir völlig fern alle Argentinier unter Generalverdacht zu stellen, aber in diesem Gewimmel ist Vorsicht die "Mutter der Porzellankiste". 

Eigentlich wollte ich zum Höhepunkt in Buenos Aires ein argentinisches Steak in einer Parilla verdrücken. Deshalb zogen wir, Corinna, Maike, Björn und ich begleitet von Hans aus Regensburg, der seit diesem Abend ein neuer Hostelgast in meinem 4-Bett-Dorm war, los. Wir tauschten einige Erlebnisse auf unserer Reiseroute aus. Unter anderem erzählte Hans auch, dass er vor drei Wochen fast Opfer einer "Kleidungs-Verschmutzungsattacke" geworden wäre. Da er diesen üblen Trick von kleinen Räuberganoven schon kannte, lehnte er die "all zu eifrige, in fremde Taschen gehende" Hilfe dieser Typen ab. Mit einem großen Hunger schafften wir es nur bis in die Parilla "Cabildo de B.A". Das Steak ließ ich wegen des Preises und der Mitteilung des Kellners, dass es heute kein Grillfleisch gibt, aus. Stattdessen entschied ich mich für eine Pizza Calzone. Als diese dann serviert wurde, reichte diese über zwei Sitzplätze, denn ich hatte beim Bestellen den Zusatz "chico" vergessen. Insgesamt hatte ich mich dann etwas verwählt, denn sie bestand fast ausschließlich aus Käse und Pizzateig und war mehr kalt als warm. Auch von der Menge her schaffte ich nur 3/4.

23. 3. 2015 - Die Portenos haben mich nicht lieb

Die Einwohner von Buenos Aires nennen sich selbst Portenos (Hafenbewohner) in Ableitung von dem spanischen Wort Puerto (Hafen). Das offizielle Gründungsdatum von Buenos Aires konnte nie zweifelsfrei nachgewiesen werden, deshalb einigte man sich offiziell auf den 3. Februar 1536. Die Portugiesen machten in der neuen Welt Land, so das das spanische Königshaus Pedro de Mendoza anheuerte, ihn zum Admiral schlug und für ihn eine Flotte von einem Dutzend Schiffen ausrüstete. Vermutlich im Februar 1536 erreicht er sein Ziel am Silberfluss, dem Rio de La Plata, der nie Silberhaltig war und dessen Farbe zweifelsfrei keinen silbrigen Glanzschimmer aufweist. Er lässt ein Fort mit dem Namen El Puerto de Nuestra Senora Maria del Buen Aire (Der Hafen unserer Frau Maria der guten Lüfte) errichten, das spätere Buenos Aires. Allerdings scheiterte der erste Versuch der Spanier sich dauerhaft Niederzulassen am Widerstand der Ureinwohner und des Hungers an dem die Kolonialisten litten.

Nach nicht einmal 4 Jahren wird das Fort aufgegeben und die Reste der Einwohner siedeln nach Asuncion in Paraguay über, dichter heran an die tatsächlichen Silberlagerstätten im Vizekönigreich Peru. Trotzdem bezeichnen die Kartographen den Mündungstrichter des Rio de La Plata lateinisch mit Mare Argenteum und die angrenzenden Landmassen als Terra Argentea - Silberland. Auch wenn das mit dem Silber nicht stimmte, so entsteht aus dieser Bezeichnung der Name eines Landes - Argentinien.

Das spanische Königshaus benötigte dringend einen Atlantikhafen um das Silber aus den Minen bei Potosi (heutiges Bolivien) nach Europa verschiffen zu können. 1580 wird an der gleichen Stelle die Stadt durch Juan de Garay noch einmal gegründet, diesmal dauerhaft. Deshalb bezeichnen sich die Einwohner der Hauptstadt auch heute noch als Portenos. (Christian Thiele, Gebrauchsanweisung für Argentinien)

Ab 10.30 Uhr wollten wir wieder im "Fünfer Pack" in die Stadt ziehen, das erhöht die Sicherheit des Einzelnen erheblich. Am Obelisk sollte eine "Free guided City Tour" beginnen. Leider warteten wir vergeblich auf den Guide an diesem Brückentag. So beschlossen wir, in den Parque Nacional y Reserva Ecologica Costanera Sur zu gehen. Auf dem Weg dort hin kundschafteten wir auch gleich noch den Fähranleger für meine Fahrt mit "ColoniaExpress" nach Uruguay aus und durchquerten das neu aufgemöbelte ehemalige Hafenviertel Puerto Madero. Die umgewidmeten Lagerhallen und einzelne Lastkräne an den langen Hafenbecken erinnerten noch entfernt an das geschäftige Hafentreiben. Mittler Weile ist aus diesem Gebiet ein modernes attraktives und wahrscheinlich auch teures Wohnviertel geworden. Die frequentierten Wanderwege führten uns direkt an die "Küste" des Rio de La Plata. Wieso rede ich hier eigentlich von einer Küste und nicht von einem Flussufer? Wir hatten freie Sicht auf den Fluss, aber das gegen über liegende Ufer konnten wir nur erahnen, denn der Fluss weist an dieser Stelle schon eine enorme Breite auf. 

Nach dieser kleinen Siesta verabschiedete ich mich von meinen Begleiter/innen und zog noch einmal über die Plaza Dorrego in San Telmo. Zwar präsentierte sich der Platz sehr geschäftig, war aber trotzdem kein Vergleich zum sonntäglichen Marktspektakel. An einem Restaurant las ich den Hinweis zu einer Tangoshow um 22.30 Uhr. Nachts allein über die Defensia, ob das mal gut geht?

Diesmal mied ich die Defensia und ging über die Peru zurück Plaza de Mayo. Dabei vermied ich den Eindruck zu erwecken, ich sei allein unterwegs und hängte mich an andere Spaziergänger dran. Ich unternahm dann noch einen kleinen Abstecher in die Florida. In dieser Verkaufsmeile hatten die meisten Geschäfte geöffnet und ich konnte meine letzten Pesos los werden. Auf dem Weg zum Hostel bemerkte ich beim Gehen über eine Feuchte Stelle auf dem Gehweg der Av. de Mayo, dass ich mir die Hosen vollgespritzt hatte. Bei der genaueren Betrachtung stellte ich fest, das das eine übel riechende sämische Flüssigkeit war. Mir war sofort klar, dass ich das nächste Opfer des "Verschmutzungstricks" sein sollte. Bei diesem Trick wird einem unbemerkt die Kleidung beschmutzt. Später wird man von ach so "aufmerksamen Passanten" darauf aufmerksam gemacht. Sie stehen natürlich gleich mit Rat und Tat bereit um den Schaden zu beheben. Bei dieser Hilfsaktion bedienen sie sich dann gleich noch am fremden Eigentum. Da hinter und neben mir niemand mehr war, vermutete ich die "Helfer" etwas weiter vor mir. Um den Ganoven ein Schnippchen zu schlagen, drehte ich um und ging in die entgegen gesetzte Richtung. Hinter der nächsten Ecke säuberte ich notdürftig meine Hosen und den Tagesrucksack und ging zum Hostel. Dort war dann erst einmal Waschtag und Duschen angesagt, damit ich den Gestank los bekam.

Durch die nächtlichen Straßen von San Telmo wollte ich an diesem Abend nicht mehr schlendern und lies die Tangoshow zu später Stunde aus.

24. 3. 2015 - Es ist ja nur ein Fluss zu überqueren

Ich könnte sagen: "Gott sei dank", dass die Zeit ran ist um Buenos Aires endlich zu verlassen. Aber trotz der beiden unschönen Erlebnisse und trotz ihrer Größe hatte mir die Stadt gefallen. Das will was heißen, denn bisher hatte ich immer in Millionenmetropolen möglichst schnell Reisaus genommen. Ich kam gut in ihr und mit ihr zurecht und sie bot mir interessante An- und Einsichten in die argentinische Lebenswelt die in Buenos Aires sehr weit weg von anderen Teilen Südamerikas ist.

Den Weg zur Fähre von "ColoniaExpress" legte ich mit Sack und Pack zu Fuss zurück. Etwas skeptisch war ich schon, denn so langsam wie ich mit dem Rucksack unterwegs war, viele Leute würden an diesem Feiertag zu Ehren der Verschwundenen der Militärdiktatur noch nicht auf den Straßen unterwegs sein, wäre es ein leichtes Spiel mich aus zu rauben. Allerdings war die Richtung die ich einschlug auch kein ausgetretener Touristenpfad, wo die Zahl der vorüber kommenden Touristen die statistischen Erfolgsaussichten für Taschendiebe und größere Ganoven in die Höhe schraubte. Zumindest redete ich mir das ein. Bis auf einen "Schrittfehler" mit Landung auf den Knien unter Vollast und Ruinierung einer weiteren Hose, gab es keine weiteren negativen Erlebnisse auf diesem Dreiviertel Stunden Spaziergang. Man sollte schon 90 Minuten vor Abfahrt der Fähre am Terminal sein, da der Sicherheitscheck und die Aus- und Einreiseformalitäten für Argentinien und Uruguay gleich in einem Ritt erledigt werden.

Mit etwas Verspätung startete dann die Fähre zunächst durch das Hafengebiet auf das offene Wasser hinaus. Das offene Wasser gleicht hier einem Meer, denn in Richtung Westen, Norden und Osten war kein Land in Sicht. Dabei glitt die Fähre durch Süßwasser, denn die Flussgebiete von Rio Parana und Rio Uruguay entwässern große Teile Zentral-Südamerikas, führen Milchkaffe braunes Süßwasser heran und speisen damit den Rio de La Plata. Letztgenannter Fluss erreicht dann gigantische Ausmaße, denn die beiden Fährorte Buenos Aires (Argentinien) und Colonia (Uruguay) liegen von einem zum anderen Flussufer ca. 60 km entfernt. Diese Entfernung ist nicht gerade etwas für das Ruderboot am Sonntag Nachmittag.

In Colonia angekommen ging es über zig Rampen in den neuen Fährterminal. Dort stand dann auch der Bus nach Montevideo bereit. Zweieinhalb Stunden dauerte die Busfahrt über flachwelliges Farmland. Felder, ich vermute Sojafelder, gelegentlich auch Maisfelder und Weideflächen mit Rindern bestimmten das Landschaftsbild. Dazwischen kleine und größere Farmen neben eingestreuten Baum- und gelegentlichen Waldinseln.

Mit 15 Minuten Verspätung traf der Bus am Terminal Tres Cruses (Busterminal) in Montevideo ein. Das ist ein riesiger Busbahnhof auf dem ich mich nicht so leicht orientieren konnte. Eine Torismus-Information schien es nicht zu geben, deshalb frage ich einen Sicherheitsmitarbeiter nach der Linie CA1. Ich sage in solchen Fällen immer, dass ich nur wenig spanisch spreche und stelle dann meine Frage in spanisch. Dann überschüttet mich meistens ein spanischer Redeschwall, so dass ich gar nichts mehr verstehe. Diesmal konnte ich wenigsten aus der Handbewegung entnehmen, wohin ich gehen sollte. Am Ende des Gebäudes kam ich zwar auf die normale Straßenebene, wusste aber dort nicht mehr weiter. Ich fragte den nächsten Sicherheitsmitarbeiter. Dieser wusste es selbst nicht, fragte per Funk nach. Dann kam der um die Ecke, den ich zuerst gefragt hatte und schüttelte nur mit dem Kopf und zeigte mir die Richtung und meinte, ich solle die Straße nicht überqueren sondern nach rechts abbiegen, dann komme ich zur Haltestelle der Linie CA1.

Geld hatte ich am ATM gezogen und konnte den Bus in bar bezahlen, allerdings mit einem Tausender. Jedem Uru hätte der Busfahrer den Vogel gezeigt. Bei mir als Tourist machte er eine Ausnahme und gab mir eine Handvoll Münzen und einen Stapel kleiner Geldscheine zurück. Nächstes Problem an der richtigen Haltestelle aussteigen. Ich kannte zwar den Namen des Platzes wo ich raus musste, wusste aber nicht wie der Platz aussah. Ich fragte einen Typen nach dem Platz, er meinte nur das das gerade der Plaza de Cagancha wäre. Aber da schlossen sich gerade die Türen. Bin dann an der nächsten Haltestelle raus und ein paar Blocks zurück gegangen. Die Blocks haben hier nur eine Länge von ca. 100 m. War also kein großes Malheur und kurze Zeit später stand ich vor der Tür des Hostel El Viajero - Der Reisende. Ich bin dann immer stolz, wenn ich das mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder aus eigener Kraft geschafft habe. 

25. 3. 2015 - Uruguay - Ich besuche nun schon das 7. Land Südamerikas

Uruguay ist mit 3,3 Mio Einwohnern das bevölkerungsärmste spanisch sprechende Land Südamerikas. 88% haben eine helle Hautfarbe, 8% sind Mestizen und 4% sind Farbige. Für die spanischen Konquistadoren war das ebene Land nördlich des Rio de La Plata eher ein günstiger Zugangsweg zu den Reichtümern (Edelmetalle) Südamerikas. Erst als die Portugiesen in Colonia eine Schmugglerbasis einrichteten reagierten die Spanier mit dem Bau einer Zitadelle in Montevideo. 

Durch den Machtverfall der einstigen Kolonialen Supermächte Spanien und Portugal erstarkten die Unabhängigkeitsbewegungen in Südamerika. Uruguays Nationalheld Jose Gervasio Artigas überquerte mit seinen getreuen Unabhängigkeitskämpfern Anfang April 1825 von Paraguay aus den Rio Uruguay und befreite mit Hilfe der Argentinier das Land von den Brasilianern. Auf Vermittlung der Briten wurde 1828 nach zähem Ringen der kleine Pufferstaat Uruguay zwischen den aufstrebenden Kontinentalmächten Brasilien und Argentinien eingerichtet. Aber erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beruhigte sich die instabile politische Lage innerhalb Uruguays und gegenüber seiner Nachbarstaaten. Dazu trug auch die auf Rindfleisch- und Wollproduktion basierende erstarkende Wirtschaftskraft bei. Die Steuererlöse aus der Viehwirtschaft finanzierten in der Folge einen bescheidenen "Wohlfahrtsstaat". In den 1970iger Jahren überzog die Militärdiktatur das Land mit Folter, dem ca. 60.000 Menschen zum Opfer fielen.  In den 1980iger Jahren fand man zur Demokratie zurück und in den letzten Jahren vollzog sich im Land ein politischer Umbruch, denn die in die Regierung gewählte Linke setzte ehrgeizige Reformprojekte um, so z. B. das öffentliche Rauchverbot, die Legalisierung der Abtreibung und die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Ehen.

Mit der Hauptstadt Montevideo liegt das wirtschaftliche und politisch Zentrum Uruguays an der Südküste. 1,3 Millionen Menschen leben in diesem ca. 20 km langen Städtischen Siedlungsstreifen am Rio de La Plata (Lonely Planet).

Ich erlebte seit langer Zeit mal wieder einen Regentag. Zwar trieb ich mich auch etwas in den Straßen der Stadt herum, suchte aber bald wieder die trockene Unterkunft um an meinen Tagebucheintragungen zu arbeiten. Dabei kam ich zufällig dazu als in der Fußgängerzone Sabrindi hintereinander mehrere Brautpaare das Standesamt verließen und von ihren Freunden jubelnd gefeiert wurden. Dabei flogen Salven von buntem Reis auf die Brautpaare hernieder. Das war aber nicht der Einzige Unterschied zu deutschen Gepflogenheiten, denn die Trauringe wurden erst in diesem Moment gegenseitig aufgesteckt. Spektakuläreres habe ich von diesem verregneten Tag nicht zu berichten.

26. - 29. 3. 2015 - Montevideo

Die Sonne findet heute durch die Wolken große Lücken und die Stadt sieht gleich viel einladender aus als beim gestrigen Regenwetter. Das schien sich auch auf die Einwohner zu übertragen, die Stadt kam mir wesentlich mobiler, geschäftiger und quirliger vor. Nicht das ich irgendeine Spur von Hektik erkannte, dafür sorgten schon die Mate-Trinker die ihre Thermoskanne liebevoll unter den Arm geklemmt trugen. In der anderen Hand den Mate mit Bombilla (Metalltrinkhalm). Es würde mich nicht wundern, wenn es hier sogar verpönt wäre den Mate auf der Toilette aus der Hand zu geben. Das Trinken von Mate-Te kommt mir hier noch viel gegenwärtiger vor als ich das in Argentinien oder Südchile wahr genommen hatte. Ein Spruch auf einer Mate-Postkarte klärt auch darüber auf, dass dieser Brauch aus der Kolonialzeit stammt. Die Mate-Trinker haben ihre "Mate-Stunde" vorzugsweise am Morgen, vor dem Mittagessen und am Nachmittag. Man bereitet das Getränk mit beinahe kochendem Wasser zu. Der Geschmack der Yerba-Mate ist bitterlich mit einem bekömmlichen Effekt für Muskeln und Nerven. So steht es zumindest auf einer Postkarte geschrieben.

Uruguay ist zwar das kleinste spanisch sprechende Land Südamerikas, aber die Uru`s sind nicht weniger verrückt nach Fußball, wie z. B. die Argentinier, Brasilianer oder Chilenen. Auch in Kolumbien, Ecuador, Peru und Bolivien habe ich selbst im abgelegensten Kaff Fußballtore gesehen. Ich glaube der ganze Kontinent ist verrückt nach "futbol".

1924 und 1928 gewannen die Fußballer Uruguay`s das Olympische Fußballturnier. Aus Anerkennung dieser Erfolge und dem Vorhandensein von nicht unerheblichen finanziellen Mitteln, entschied sich die FIFA gegen Italien und vergab die erste Fußball-WM nach Uruguay. 13 Nationalmannschaften spielten vom 13.-30. Juli 1930 in Montevideo um den ersten WM-Titel. Die Südamerikaner waren mit 7 Teams, Peru, Bolivien, Brasilien,Paraguay, Argentinien, Chile und den Gastgebern Uruguay am Start. Die Nationalmannschaften aus Rumänien, Belgien, Jugoslawien und Frankreich reisten mit einer dreiwöchigen Schiffsreise an. Drei Wochen keine ordentliche Vorbereitung oder ein Testspiel auf Großfeld, Chancengleichheit kann ich da nicht erkennen. Komplettiert wurde das Starterfeld durch die USA und Mexiko. Gespielt wurde in 4 Gruppen, wobei sich nur die Gruppenersten für das Halbfinale qualifizieren konnten. Dort machten Argentinien und Uruguay mit den Gegnern aus den USA und Jugoslawien bei einem 6:1 Endergebnis kurzen Prozess.
Da das Estadio Centenario nicht rechtzeitig fertiggestellt werden konnte, wurde es erst am 18. Juli 1930 (5 Tage nach dem ersten WM-Spiel) feierlich eröffnet. Dafür bot es schon 80.000 Zuschauern Platz. Obwohl eine Tribüne noch im Bau war.

Auf Anweisung der Schiedsrichter durften keine Revolver mit ins Stadion genommen werden. Deshalb wurden beim Einlass 1600 Revolver eingesammelt. Es gab noch ein Kuriosum über welches wir aus heutiger Sicht nur mit dem Kopf schütteln. Beide Mannschaften konnten sich nicht auf den Spielball einigen. So wurde eine Halbzeit mit einem Ball aus Argentinien und eine Halbzeit mit einem Ball aus Uruguay gespielt. Das Endspiel gewannen die Lokalmatadoren mit 4:2. (www.fussball-wm.pro)

Die Witterung wurde zum Wochenende hin immer besser und die Aussichten versprachen einen sonnigenTag. Mit Stadtplan und Kamera bewaffnet, wählte ich diesmal den Bogen etwas größer. Da die lokalen Märkte auf mich immer einen starken Reiz ausüben, führte mein erster Weg zum Mercado Agricola. Diese Markthalle hatte inzwischen ein modernes Ambiente erhalten und bot dem "Shoppingwütigen" einige Schmäckerchen. Der Gourmetspezialist, der nach einer anstrengenden Einkaufstour gern im Restaurant verweilt, findet ebenso sein Lieblingsrestaurant wie der Einkaufsmuffel die bequemen Sitzmöglichkeiten vor dem Großbildschirm, wo er sich die Tore des letzten Fußballspieltages noch einmal reinziehen kann, während die Partnerin das Konto plündert.

Nach einem längeren Marsch erreichte ich dann die Küstenlinie Montevideos die gekennzeichnet ist, durch die Rambla, der Hauptstraße die nahezu parallel zur Küste verläuft, einigen Stränden und Parkanlagen. Bei einer Gruppe junger Männer blieb ich stehen. Sie verfolgten lautstark ein Kricketspiel ihrer Freunde. Das hätte ich ja nun nicht erwartet, das dieses Spiel den Weg nach Südamerika gefunden hat. Wird Kricket doch vor allem in ehemaligen Kolonialgebieten des Britischen Empire, wie z. B. Indien, Pakistan, Australien und Neuseeland gespielt. Bei genauerer Betrachtung fiel mir auf das englisch gesprochen wurde. Das konnten keine Südamerikaner sein. Ich tippte später auf Inder, die ihrem Lieblingssport auch weit entfernt von ihrer Heimat nach gingen. Ansonsten war ordentlich Betrieb auf der Flaniermeile. Das war eine ordentliche Runde.

Eigentlich war der Plan, nach den Tangostunden in Buenos Aires, in Montevideo die "Probe aufs Example" zu wagen, denn ich wußte durch einen Fernsehbericht, dass am Wochenende in Montevideo auf einem öffentlichen Platz Tango getanzt wird. Eher zufällig stieß ich bei einem abendlichen Spaziergang auf der Avenide 18 de Julio auf der Plaza Ingeniero Juan P. Fabini auf eine nicht geringe Anzahl von Damen und Herren. Die Tangomusik drang aus den Lautsprechern eines geparkten PKW´s auf den Platz und einige Paare tanzten Tango. Ich setzte mich dazu und beobachtete das Treiben. Dabei viel mir auf, dass ich die Tangoschritte, die ich in Buenos Aires erlernt hatte, hier auf der Plaza niemand tanzte. Die Tangoschritte hatten, meiner Meinung nach eher einen volkstümlichen Charakter. Mich beschlich allmählich die Ahnung, dass ich mich in Buenos Aires mit dem "Mercedes" der Tangofiguren abgemüht hatte, aber auf der Straße viel einfacher Tango Argentino getanzt wurde.

Es war Sonntag und in der Tristan Narvaja schlägt die Stunde der Straßenhändler. Hat Buenos Aires sonntags auf der Defensia einen der längsten Straßenmärkte von der Plaza de Mayo bis zum Plaza Dorego in San Telmo zu bieten, so ist der Straßenmarkt auf der Tristan Narvaja in Montevideo vermutlich nicht so lang an einem Stück, dafür verzweigt er sich aber nahezu endlos in den Nebenstraßen. Man kann sich dort ohne weiteres mächtig "verfranzen". Besticht der Markt in San Telmo durch sein besseres Kunsthandwerkangebot und die eine oder andere künstlerische Darbietung bis hin zu Tangovorstellungen und Live-Bands. So bietet der Straßenmarkt in Montevideo auch jede Menge alten Trödel, aber auch die neue Polsterganitur kann dort erworben werden. Nach dem ich mich aus dem Straßenmarktgewirr wieder heraus gefunden hatte, schlenderte ich zurück zum Hostel. Am Abend zog es mich noch einmal auf die Plaza Ingeniero Juan P. Fabini zu den Tango-Laien Tänzer/Innen die zu Tangoklängen aus dem PKW-CD-Player das Tanzbein schwangen.

30./31. 3. 2015 - von Montevideo nach Sao Paulo - Welch ein Gegensatz?

Ein klein wenig hat die Welt Montevideo vergessen, schon lange vorbei das rauschende Sportevent der 1. Fußball Weltmeisterschaft. Vorbei die Zeit als man das erste Hochhaus Südamerikas in Montevideo bestaunen konnte. Vorbei die märchenhaften Gewinne die mit dem Fleischexport erzielt wurden. Vielleicht auch gut so, denn Montevideo konnte sich einen etwas verschlafenen und weniger großspurigen Hauptstadtcharme gegenüber ihrer großen Schwester jenseits des Rio de La Plata doch etwas bewahren.

Ich war also wieder mal auf dem "Sprung" über Ländergrenzen hinweg. In Insiderkreisen wurde Brasilien schon lange als aufstrebende Wirtschaftsmacht Südamerikas gehandelt. Momentan steht es auf der Schwelle, denn Brasiliens Wirtschaft vollzieht soeben den Schritt von der zweiten Welt in die erste Welt, vom größten Netto-Schuldner zum größten "Nettogeber" Lateinamerikas (Lonely Planet). Die Periode als Schwellenland dürfte bald nur noch als Kurzgeschichte in den Geschichtsbüchern über Brasiliens Weg zu einer der führenden Wirtschaftsnationen stehen. Der Rohstoffreichtum des Landes spielt dabei eine sehr große Rolle. War auch verantwortlich dafür, dass sich einst das wirtschaftliche Zentrum des Landes vom Nordosten in den Südosten verlagerte. In dessen Zentrum entstand die zweitgrößte Millionenmetropole Südamerikas - Sao Paulo.

Schon beim nächtlichen Landeanflug nahm das Lichtermeer kein Ende unter mir. Jetzt bloß nicht die "Hosen voll" kriegen und "Kneifen". Ich hatte mir vorgenommen, den Weg zu meinem Hostel auf eigene Faust an zu gehen, dabei die "Taxihaie" zu umgehen und öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Das Problem war die fortgeschrittene Tageszeit, denn es war bereits dunkel. Das macht die Hostelsuche nicht unbedingt einfacher. Würden überhaupt noch genügend öffentliche Verkehrsmittel fahren?

Meine Vorbereitung begann mit der Auswahl meiner Hostelreservierung. Ich legte diesmal besonderen Wert auf die gute Erreichbarkeit. Das Bella Paulista Hostel schien mir geeignet zu sein, denn es war nach einem kurzen Fußweg von der Metrostation Paraiso schnell zu erreichen. Allerdings verlief der Weg zu dieser Metrostation nicht geradlinig und ich musste zunächst vom Airport Guarulhos den Airport Bus Service bis zur Metrostation Republica nutzen. Von der Bushaltestelle zur Metrostation gab es nur eine Häuserecke zu umgehen. Dann noch einmal erhöhte Aufmerksamkeit beim Wechsel der Metrolinie im Untergrund der Stadt. Stichwort Untergrund. Mich erreichten nicht wenige mahnende Worte, aus Sicherheitsgründen doch liebe ein Taxi zu nutzen, denn Sao Paulo ist auch ein gefährlicher Ort. Ich kann diese kriminelle Tatsache nicht aus der Welt schaffen, war aber davon überzeugt, die Aufgabe lösen zu können. Es waren auch nach 22 Uhr noch genügend Menschen mit der U-Bahn unterwegs. Auch auf den Straßen die ich zum Hostel nutzte, waren genügend Auto`s und Fußgänger unterwegs. Ich fühlte mich keineswegs unsicher. So erreichte ich kurz nach 23 Uhr mein Hostel. Von der Landung bis zum Hostel vergingen 3 h und 20 Minuten. Keine "Weltklassezeit", aber die Dimensionen in Sao Paulo haben XXL-Format.

Am nächsten Vormittag stürzte ich mich gleich ins Gewimmel, denn ich hatte mir nur einen Tag Zeit gegeben die Pflicht, bestehend aus Ticketbesorgungen, Auskundschaftung von Transportwegen und Abfahrtsorten, zu absolvieren. Was mir am brasilianischen Menschenbild sofort auffiel, war, es gab keins, zumindest kein einheitliches und unverkennbares. Die brasilianische Bevölkerung ist geprägt durch einen unglaublich reichen Genpool als Resultat der geschichtlichen Entwicklung Brasiliens. Es ist durchaus möglich, dass in einem Brasilianer indigenes, europäisches und afroamerikanisches Blut fließt. Dazwischen sind die Übergänge fließend und es gibt wahrscheinlich nichts, was es an menschlichen Genen nicht gibt.

Obwohl der Begriff Immigration hier nicht 100%ig zutreffend ist, da nicht alle freiwillig (Stichwort Sklavenhandel) nach Brasilien gekommen sind, verwende ich mal diesen Begriff im Folgenden. Unterschiedliche Immigrationswellen und -richtungen brachten immer wieder neue Gene ins Land. Lässt sich die indigene Besiedlung ca. 12.000 Jahre zurück verfolgen mit schätzungsweise 2 - 4 Millionen Individuen mit einer angepassten Lebensweise verteilt über verschiedenste Landschaftsformen. So war es mit der beschaulichen Entwicklung der indigenen Völker Brasiliens, die zurück gezogen im Einklang mit der Natur lebten, ab dem 16. Jahrhundert vorbei. Portugiesische Kolonialisten kamen auf der Suche nach natürlichen Reichtümern an die Küsten Brasiliens. Edelmetalle konnten nicht in rauen Mengen gefunden werden, deshalb waren anfänglich nur tropische Harthölzer interessant und die Kolonialisierung ging nur schleppend voran. Die ersten portugiesischen Siedler..... Man hatte bemerkt, dass Zuckerrohr außerordentlich gut gedieh. Was immer mehr fehlte waren billige Arbeitskräfte. Die einheimische indigene Bevölkerung war ungeeignet für einen Knochen harte 16-17 Stunden Job auf den Zuckerrohrplantagen. Sie wehrten sich, waren anfällig für eingeschleppte europäische Krankheiten, so dass ihre Zahl stetig sank. Da das damalige portugiesische Kolonialreich auch große Gebiete in Afrika umfasste, kam man auf die Idee die fehlenden Arbeitkräfte aus Schwarzafrika zu ihren neuen Arbeitsplätzen zu bringen. Der "interkontinentale Sklavenhandel" war geboren. Die Jagd nach dem "schwarzafrikanischen Untermenschen" wurde zu einem Blut und Tod bringenden aber sehr erträglichen Geschäft. Unter Menschen unwürdigen Bedingungen wurden sie auf überfüllten Schiffen nach Brasilien gebracht und auf Sklavenmärkten verschachert. Spätere Einwanderungswellen neuer Arbeitskräfte liefen nach dem Verbot des Sklavenhandels im Jahr 1850 (aber erst 1888 wurde der Sklavenhandel vollständig abgeschafft) nicht so Menschen verachtend ab, denn die Kaffee-Faziendas oder Kautschukplantagen gierten weiterhin nach Arbeitskräften. Nach der Öffnung Brasiliens im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts erreichten Immigranten aus Italien, Japan, Spanien, Portugal, Deutschland und anderen Ländern Brasilien. Vor und während des zweiten Weltkrieges fanden Juden einen sicheren Ort genau wie deutsche Nationalsozialisten mit "Dreck am Stecken" nach dem Krieg. Auch Araber immigrierten nach Brasilien. Infolgedessen wuchsen Rio und Sao Paulo in einem atemberaubenden Tempo zu Millionenmetropolen heran.
Die Pflicht hatte ich erledigt und am Busterminal und gleichzeitig U-Bahnstation Barra Funda ein Busticket nach Londrina, ungefähr auf dem halben Weg nach Foz do Iguacu, erworben. Ganz nebenbei bin ich gleich noch zum U-Bahnprofi in Sao Paulo geworden, denn ich hatte mich ohne zu verlaufen und zu verfahren in der Unterwelt der Stadt zurecht gefunden. Alles war super ausgeschildert und auch farblich auf die jeweilige Linie zugeschnitten. An Streckenplänen konnte man sich sehr gut selbst zurechtfinden und informieren. Man musste sich für eine Einzelfahrt nicht durch das fremdsprachige Menü eines Ticketautomaten wühlen. Es gab Schalter mit lebenden Abkassierern/innen. Aber ehrlich gesagt, abseits der U-Bahnlinien möchte ich in Sao Paulo keinen bestimmten Ort suchen müssen, da kann man im Straßendickicht sehr schnell die Orientierung verlieren, wie in einem richtigen Dschungel.

Nun konnte ich zur Kür übergehen und traute mir nun auch die Erkundung der Stadt über Tage zu. Dazu wählte ich die Avenida Pauliste, ganz in der Nähe meines Hostels, aus. Die Straße ist gesäumt von Hochhauskomplexen, die ein Verirren geradezu unmöglich machen. Um die Mittagszeit wurde sie geflutet mit den schick gekleideten Angestellten der Bürotürme rechts und links am Straßenrand. Banken, Restaurants und Läden im gehobenen Ambiente und Preissegment bestimmten das Straßenbild. Mit Sicherheit kein armes Viertel Sao Paulos. Einmal hinauf und hinunter geschlendert reichte mir das auch fürs erste. Etwas Futter für den Nachmittag, den Abend und die Wegzehrung für den nächsten Tag besorgte ich mir in einem klimatisierten Supermarkt. Damit ist das Wichtigste für diesen Tag auch schon erzählt.


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