Nothing is impossible when the heart is willing.
-- Schulmotto des Ratu Navula College in Nadi (Fiji)


1. - 12. 4. 2015 - Ich komme gleich wieder

Sao Paulo ist ein gutes Sprungbrett über den Atlantik nach Europa. Fest eingeplant hatte ich diese Stippvisite zu Hause schon weit vor dem Antritt meines 2. Sabbatjahres. Allerdings führte der Weg nach Hause über München nach Südtirol, denn Peggy und ich wollten am Snowboardkurs des Sächsischen Sportlehrerverbandes am Kronplatz teilnehmen. Beste Ski- und Snowboardbedingungen erwarteten uns dort. 
Danach ging es zu einem Kurzbesuch nach Hause bevor ich wieder nach Südamerika flog. 

13./14. 4. 2015 - Vorwärts, es geht zurück

11.10 Uhr saß ich im Postbus von Leipzig nach München. Vor mir Stand eine ca. 38 stündige Reise ins brasilianische Hinterland. Zunächst mit dem Flugzeug nach Sao Paulo, denn vom Busbahnhof Barra Funda mit dem Bus nach Londrina. Auf dem Busbahnhof wurde ich von Sandy Schöler, einer ehemaligen Schülerin erwartet. Sie lebte schon viele Jahre in Brasilien. Wir hatten uns reichlich zwei Jahre zuvor bei einem Ehemaligentreffen am Gymnasium St. Augustin wieder getroffen. Ich hatte ihr von meinen Nord- und Südamerikaplänen erzählt und angefragt, ob ich sie in Brasilien besuchen könne. Ihre Antwort war ja. So stand Londrina fest in meinem Reiseplan. Mittlerweile lebte sie mit ihren zwei Töchtern und ihrem Mann auf einer kleinen Farm, ca. 30 km von Londrina, einer boomenden 600.000 Einwohner Stadt im Bundesstaat Parana, entfernt.

15.- 25. 4. 2015 - Tief im brasilianischen Hinterland mit Familienanschluss 

Sandy hatte sich ihren Traum erfüllt und lebte mit ihrer Familie, den 1,5 und 4 jährigen Töchtern Anita und Lilian sowie ihrem brasilianischen Mann Jucka ca. 3 km vom nächsten Dorf entfernt auf der eigenen kleinen Farm in einem grünen Tal, zusammen mit 5 Pferden, einigen Rindern und Hühnern sowie den Hunden Heidi und Bodo.

Da Jucka eine eigene Facienda ganz in der nähe bewirtschaftete, machte ich mich gleich nach dem Frühstück mit ihm auf den Weg zu seinem Vormittagsprogramm. Dieses bestand aus der Fütterung und Versorgung seiner 50 Pferde. Zunächst kamen die Mangalarge Rassehengste an die Reihe. Diese Pferderasse zeichnet sich durch einen besonderen Gang aus. Deshalb werden sie besonders für Showvorführungen verwendet. Jucka als Züchter und seine Pferde genießen in Brasilien einen besonderen Ruf. Nicht zuletzt wegen seines 20 jährigen Paradehengstes, Paschon (ich weiß nicht, ob das richtig geschrieben ist). Seine Nachkommen erzielen sehr gute Verkaufspreise. Ich glaube er genießt einen Sonderstatus unter Jucka`s Pferden, denn er wird separat im größten Gatter gehalten. Die anderen Hengste haben kleinere Ställe. Die Hengste bekommen am Morgen Gras und eine Kraftfuttermischung, bestehend aus geschreddertem Mais, Hafer, Salz, Vitaminen, Mineralstoffen. Nach den Hengsten sieht Jucka nach den Mangalarga Stuten und Fohlen. Diese standen auf einer entfernteren Weide. Sie bekamen den zuvor in der Scheune geschredderten Mais und Salz. Dann werden die kleineren Verletzungen einzelner Tiere versorgt. Danach ging es zu den Portugieser Pferden. Sie standen auf der gleiche Weide, aber auf einer anderen Stelle. Jucka will sie mit seinen Mangalarga Perden kreuzen und hofft, dass die Nachkommen braun sind.

Da das Gras an den Hengstställen aufgebraucht war, ging es gleich nahtlos zur Grünfuttermad über. Ich wurde gleich auf einen Traktor gesetzt und tuckerte hinter Juckas Traktor hinterher zum Futterfeld. Jucka mähte das Grünfutter für die nächsten Tage. Danach luden wir es mit den Gabeln auf den Hänger und ich fuhr es zu den Hengststellen. Danach war meine Arbeit vorerst getan und ich konnte durch den "Urwald" zurück zum Wohnhaus gehen. 

Dort angekommen zeigte mir Sandy Teile ihrer kleine Farm. Neben Weideland für ihre Pferde und Rinder, gab es Grasland zur Heuproduktion für den "Winter" und zum Soja- und Maisanbau verpachtetes Ackerland. Das Saatgut kommt hier als Direktsaat in den Boden. D. h. der Boden wird vor der Saat nicht umgeackert, sondern nur Unkrautfrei gespritzt. Dazu kommt Gen-Saatgut zum Einsatz. Was ich bisher nicht wusste, war die in Gesetze gemeiselte Tatsache, dass die Farmbesitzer dazu verpflichtet sind, 25% ihrer Estancias der Natur zu überlassen, so dass sich wieder Sekundärwald entwickeln kann. Bisher hatte ich nur Schreckensnachrichten vom massenweisen Verlust von Primärwald in den brasilianischen Urwaldgebieten gehört. Natürlich gibt es auch heute noch Raubbau am Amazonas Regenwald. Dieser ist jedoch zum überwiegenden Teil illegal, wobei die Korruption das kollektive "Wegschauen" fördert, bis hinein in die Regierungskreise.

Nebenbei gab mir Sandy einige Hinweise, welche Arbeiten bisher einer Erledigung harrten, die ich mir also während meiner Anwesenheit auf den "Tisch" ziehen konnte.

Der folgende Tag stand im Zeichen einer Fahrt nach Londrina, denn Jucka hatte LKW-Prüfung. Obwohl er schon sehr, sehr lange LKW fuhr, tat er das bisher illegal. Auch in diesem Bereich reicht der "Gesetzesarm" in Brasilien noch nicht überall hin. Sandy drängte ihn diese Prüfung nun endlich zu machen. Sie bestand letztendlich im Fahren eines Kleinbusses unter den Augen des Prüfers. Für Jucka war das kein Problem, so dass er den Daumen noch oben drehen konnte, als wir ihn abholten.

Am Nachmittag ging es dann mit Kind und Kegel auf die EXPO. Das ist eine einmal jährlich stattfindende Landwirtschaftsaustellung mit einem breit gefächerten Programm. Von Vorträgen,  Viehauktionen, über Viehausstellungen, Viehbewertungen unterschiedlicher Nutztierarten und -rassen wurden auch landwirtschaftliche Großgeräte und PKW`s gezeigt. So gab es auch "Fressbuden" mit leckeren Speisen und einen Jahrmarkt für groß und klein. Natürlich durfte am Wochenende auch ein Rodeo nicht fehlen. Alles in allem wurde den Besuchern ein reichhaltiges Programm geboten. Jucka war nicht so sehr zufrieden, denn an diesem Nachmittag waren nur wenige Pferde zu bestaunen.

Ich nahm mich eines alten Tores an Sandy`s Hauseinfriedung an und baute es erst einmal ab, ohne dass ich einen Plan für den Bau eines neuen Tores hatte. da ich an zwei/drei anderen Toren "abkucken" konnte, würde ich das schon irgendwie schaffen. Abgebaut war schnell, aber dran gezimmert war dann nicht so schnell, da ich erst einmal für senkrechte Verhältnisse der Toraufhängung sorgen musste. 

An einem Nachmittag gab es eine Einladung zu Adrian und Norma, deutschen Freunden von Sandy. Adrians Familie war nach dm Krieg nach Brasilien ausgewandert. Sein Vater verwaltete dort für die Dr. Oettker-Gruppe eine Kaffeefarm. Nach dem starke Fröste in den 70iger Jahren die Kaffeefarm ruinierte, suchte Adrians Vater nach weniger Frost anfälligen Alternativen und experimentierte auf 4x4 Metern mit Duboisia-Pflanzen, einem aus Australien (Queensland) stammenden Nachtschattengewächs. Die Blätter dieser Pflanze enthalten einen hohen Anteil an Scopolamin, einem Wirkstoff der krampflösend wirkt und in der Pharmaindustrie Verwendung findet. Seit 45 Jahren gibt es das gegen Koliken wirkende Medikamet "Buscopan" zu dem der Wirkstoff verarbeitet wird. Heute verwaltet Adrian diese Farm für die Firma Boeringer in Deutschland. Hier werden auf zig Hektar Duboisia-Hybriden  angebaut. Der Wirkstoffgehalt ist mittler Weile so hoch gezüchtet worden, dass das kauen eines Blattes schon die Einlieferung in ein Krankenhaus bewirken könnte. Die Pflanze wird hier industriell gezüchtet. Jedes Jahr werden ca. 600.000 Stecklinge erzeugt und ausgepflanzt. Es wird maschinell geerntet, mechanisch aufbereitet und die Blätter getrocknet nach Deutschland exportiert. Boeringer übernimmt dann die Extraktion des Wirkstoffes. Dieser kommt wieder zurück in Zweigniederlassungen, wo dann das Medikament Buscopan hergestellt wird und in der Südamerikanischen Bevölkerung reißenden Absatz findet.
Adrian hat mit einer Führung über das Betriebsgelände, den Erklärungen zum Produktionsablauf und seinen zusätzlichen Informationen für mein besseres Verständnis einen "Weißen Fleck" in meinem Wissen über Landwirtschaft "bunt gefärbt". Vielen Dank. Dieser gilt natürlich auch für seine Frau Norma die ein leckeres Kaffeetrinken bereitete.

Es hieß fertig machen zur Heuernte. Das Wetter war nicht so sehr stabil, so dass das Heu nicht so recht abtrocknen wollte. Nun sollten aber Nägel mit Köpfen gemacht werden und das Heu mit einem Ruck eingebracht werden. Jucka und ich bereiteten die Maschinen vor, Als Sandy mit den Kindern eintraf begann es zu regnen. Nix war es mit der Heuernte.Wir luden noch schnell etwas von dem fast fertigen Heu auf den Hänger als Futter für die Hengste und fuhren zu den Hengststallungen. Dort ließen wir uns in das Heu fallen, feierten eine Vesper und ließen den Regen, Regen sein. Nach dem Regen ist vor dem Regen, vielleicht war die Witterung am nächstenTag stabiler. 

Ob Sonntag oder nicht, es spielte keine Rolle, Arbeitstag ist in der Landwirtschaft jeden Tag. So hieß es am Morgen wieder Hengste füttern und nach den Stuten auf der Weide schauen. Eine Stute sollte mit Jucka`s Prachthengst zugelassen werden. Eine gute Gelegenheit für mich einen Deckhengst bei der "Arbeit" zu sehen, so dass ich Jucka begleitete. Er ritt auf dem Hengst auf die Stutenweide. So konnte ich außerdem noch den besonderen Gang dieser Pferderasse bewundern konnte, für den die Mangalarga-Pferde so berühmt sind. Stute und Hengst wurden in ein Gatter geführt. Jucka sattelte den Hengst ab und führte ihn zur angebundenen Stute. Mit "geladenem Gewehr" beschnupperte der Hengst die Stute. Jucka musste den Hengst aber noch 1-2 mal neu an die Stute heranführen, bevor er auf sie sprang. Ob die Begattung erfolgreich war, würde sich erst später zeigen, denn die Stuten haben eine Tragezeit von 11 Monaten und vielleicht bringt sie ja ein prachtvolles Hengstfohlen zur Welt mit einem so exzellenten Gang wie sein Vater. Jucka ritt den Hengst wieder zurück zum Gatter und ich folgte ihm im Pickup. 

Nun standen noch einige Reparaturarbeiten und die neuerliche Vorbereitung der Heuernte an. Wir standen bei dieser dann etwas unter Zeitdruck, da Sandy für den Nachmittag Gäste zum Reiten eingeladen hatte und am Abend ein Grillfest geplant war. Jucka fuhr die Zugmaschine mit der Heupresse. Ich stand in einer Kanzel auf dem Heuhänger, nahm die fertigen Bündel von der Presse und warf sie auf den Hänger. Einmal das Feld hoch und wieder hinunter. Mit dem vollen Hänger zum LKW, die Heubündel auf die Ladefläche werfen und Sandy "banzelte" sie fachgerecht ein. Mit Teamwork schafften wir dann geschätzte 1.000 Heubündel und konnten am Nachmittag wie geplant mit den Gästen auf Sandy`s Pferden einen Ausritt durchführen. 

Diesmal kam ich schon besser mit meinem Pferd klar und wir gingen nicht so oft abseits des Weges. Allerdings musste ich es immer mal antreiben, da es einen gemächlicheren Gang als die anderen Pferde hatte. Dabei gab es auch mal für ein paar Sekunden leichten Galopp, die Reiter und Pferd schadlos überstanden. Wieder zurück auf Sandy`s Farm wurde der Grill angeheizt. Mauro übernahm den Posten des Grillmeisters. Ein brasilianisches Churrasco läuft so ab, dass immer wieder anderes Grillgut aufgelegt wird. Ist es durch gegart, wird es in Fingerhäppchen zerteilt und auf einem Teller unter den Gästen herum gereicht. So konnten wir uns nach einander an leckeren Würsten, Hühnchen-Wings am Spieß, Grillkäse und Rindfleisch laben, darunter auch Picanha (Tafelspitz mit Speckrand von der brasilianischen Züchtung des indischen Zebu-Rindes) der Mercedes unter den brasilianischen Rindfleischarten. Zwischendurch floss Bier und Caipirinha die durstigen Kehlen der Gäste hinunter. Cornelia, eine deuschstämmige Brasilianerin gab mir eine Lehrvorführung für einen Caipirinha, das Nationalgetränk der Brasilianer. Sie wurde als Kind einer deutschen Auswanderfamilie in Brasilien geboren und lernte im Kreise der Familie zunächst deutsch zu sprechen. Als sie in die Schule kam sprach sie kein Wort portugiesisch. Mittlerweile spricht --sie "muttersprachliches" Portugiesisch und Deutsch. Also beim Caipirinha werden Limao (Limetten) zerteilt und in ein Glas gegeben. Dazu Rohrzucker nach Geschmack hinzu geben. Die Limetten mit einem Holzstößel zerstampfen und mit dem Rohrzucker vermengen. Danach das Glas mit Zuckerrohrschnaps von der Sorte Cachaca Velho Barreiro auffüllen, Strohhalm rein, fertig. Der Zuckerrohrschnaps wurde in Flaschen von 910 ml zu 6,98 B$ (etwas mehr als 2 €) angeboten und hatte 39 Volumenprozent Alkoholgehalt. Mit diesem süffig schmeckenden Caipirinha kann man sich ziemlich schnell "zurecht" machen und wird dabei noch nicht einmal arm. Einige Schlucke später Bestand ich dann auch noch die Caipirinha-Prüpfung mit einem selbst gemixten Spaßmacher.

Da es am Abend zuvor bei 2-3 Caipirinhas gekoppelt mit einer deftigen Grillgrundlage blieb, konnte ich mich tags darauf frisch, fröhlich und "Katerfrei" an den Torbau machen. Dieser beschäftigte mich dann noch einige Tage, da ich nicht vom "Holzwurmfach" war und wie üblich alles viel zu genau nahm. Zwischendurch noch die Heuauslieferung an der Tierklinik und Einkauf + Mitagessen in einem typisch brasilianischen Selbstbedinungsrestaurant. Am Buffet sucht man sich seine gewünschten Leckerbissen aus, "stapelt" sie auf den Teller, und bezahlt wird nach Gewicht an der Kasse. Bei all den Leckereien am Buffet kann man sehr schnell über das Ziel (freies Magenvolumen) hinaus schießen.  

Da Jucka`s LKW-Lizenz per Post noch nicht aus der Hauptstadt des Bundesstaates Parana eingetroffen war, wollte ihn Sandy mit den Kindern (sie besaß eine LKW-Lizenz) auf der anstehenden Fahrt nach Goias begleiten. Jucka hatte dort einen wichtigen Termin wahr zu nehmen und wollte gleichzeitig eine LKW-Fuhre Heu mit nehmen. Im letzten Moment kam es doch anders und Jucka fuhr die 1000 km lange Strecke mit dem Langstreckenbus allein. Das bedeutete, ich konnte noch ein paar Tage bleiben und den Torbau zu Ende führen. Doch zuvor gab es noch eine Ausfahrt nach Londrina, denn Lilian musste zum Schwimmunterricht. Danach trafen wir uns mit Jucka und besuchten das Chimiarrao-Grill Restaurant. 

Das ist "Erlebnisgastronomie" pur, denn ich kannte diese Art von Restaurant bisher weder vom Hörensagen, Lesen oder aus eigenem Erleben. An einem langen Buffet werden jede Menge Leckerbissen angeboten, so das die Auswahl wieder einmal sehr schwer fiel. Aber die Krönung sind die fast einen Meter langen Spieße. So  werden die unterschiedlichsten Spieße von Kellnern immer wieder an die Tische der Gäste getragen. Dort werden feine Fleischscheiben unterschiedlichster Sorten abgeschnitten. Das Ziel besteht darin, den Gast ziemlich schnell kapitulieren zu lassen. Bei mir auf dem Teller stapelten sich sehr schnell mit Picanha (brasilianisches Nelori Rind), Filet Mignon, Fraldinha, Mamiha, Contrafilet, Alcatra, Cupim (Nelori Rind-Buckel), Costela (Rippchen) die unterschiedlichsten Rindfleischarten und -schnitte. Weiter ging es mit Schaf-, Schwein- und Mischfleisch wie Hühnchen mit Schinken, Hühnchenherzen, dazwischen leckerer Grillkäse und gegrillte Ananasstücke in Zimt. Und was sollte nun mit meinem Teller vom Buffet passieren? Ich musste recht schnell die weiße Fahne hissen und den Kellner ohne Arbeitsnachweis wieder vom Tisch schicken. Glücklicher Weise half uns dabei eine Art "Bierdeckel" mit der Seitenbeschriftung: grün "SIRVA" (Servieren) und rot "NO SIRVA" (nicht Servieren) so dass uns in letzter Minute das nicht aus dem Mund heraus schauende Hühnerbein, wie bei Max und Moritz, erspart blieb. Kugel rund "Gefressen" und zur Bewegungsunfähigkeit verbannt, hätte ich mich nach dieser "Schlämmerorgie" sehr gern zum Parkplatz ins Auto tragen lassen wollen. Danach brachten wir Jucka zum sehr großen Busbahnhof (geschätzte 50 im Kreis angeordnete Haltebuchten) in Londrina, wo er seine 17 stündige Busfahrt nach Goias antrat.

Am nächsten Tag konnte ich die Arbeiten an den Toren weitestgehend beenden und es klappte diesmal mit dem Besuch im Kindergarten von Sao Luiz, da die Kinder den geplanten Besuch auf Sandy`s Farm, wegen starker Regenfälle nicht unternehmen konnten. Es ist der Kindergarten von Lilian im 3 km von der Farm entfernten Dorf. Er wurde einst über eine private Initiative gegründet und wird nun für Kinder von 1-5 Jahren von der Gemeinde finanziert. Die Mittel fließen nicht gerade überschwänglich, so dass vor allem didaktisches Spielzeug kaum angeschafft werden kann und das Geld für zusätzliche Förderangebote, wie in privaten Kindergärten fehlt.  

Am letzten Tag meines Aufenthaltes auf Sandy`s Farm hatte sie bei Freunden auf der Fazienda Palmeira einen Besuch vereinbart. Das deutsch-schweizerische Ehepaar betreibt eine Kaffeefarm. Eine gute Gelegenheit etwas mehr über den brasilianischen Kaffeeanbau zu erfahren. Mit Cornelia fuhren wir weiter hinein in die Kaffeeplantage. Die Kaffeesträucher werden ab dem 3. Jahr (vorher per Hand) maschinell geerntet und können über ein Jahrzehnt hinaus genutzt werden. Danach werden die alten Sträucher gerodet und Neuanpflanzungen vor genommen. Im Gegensatz zu kolumbianischem Kaffee, der ganzjährig blüht und immer wieder reife Früchte anbietet, die per Hand geerntet werden (Produktion von Qualitätskaffee), gibt es bei brasilianischem Kaffe einen mehr oder weniger langen Blühtezeitraum. Darin liegt ein Hauptproblem, denn je länger der Blühtezeitraum ist, desto unterschiedlicher sind die Reifegrade der Kaffeefrucht im Erntezeitraum von Ende April bis August. Das erfordert einen erhöhten Aufwand um die unterschiedlichen Reifegrade der Kaffeefrüchte zu trennen, um auch einen gewissen Anteil Qualitätskaffee produzieren zu können. Am liebsten wäre es den Kaffeeproduzenten, wenn es im September/OKtober eine Trockenperiode gäbe. Dann hätten die Pflanzen "Stress", so dass sich dann im Blühtezeitraum gleichzeitig viele Blühten öffnen würden. Das hätte den Vorteil, dass die Früchte gleichmäßiger Reifen würden. Übrigens kann man reife Kaffeefrüchte ausnutzschen, Das Fruchtfleisch schmeckt dann süß. Aber aufpassen, dass man die Kaffeebohnen nicht versehentlich mit hinunterschluckt.

Nach der Kaffeeernte wird die Kaffeefrucht "geschält". Bei diesem Prozess wird mechanischer Druck ausgeübt, so dass jeweils zwei Kaffeebohnen aus der Frucht herausflutschen. Diese sind hell und weisen schon den typischen "Kaffeebohnenschlitz" auf. Mein Vater behauptete scherzhafter Weise in meinem Kindesalter immer, dass diese Schlitze einzeln mit der Machete hineingeschlagen werden müssen. Welch ein Arbeitsaufwand und veralbert hat er mich auch mit dieser Erklärung. Danach werden die Bohnen auf dem Trockenplatz getrocknet und können dann bis zu drei Jahre gelagert werden. Auf der Fazienda Palmeira werden jährlich 3500-4000 Sack (a 60 kg) Rohkaffee produziert. Dieser wird über eine Genossenschaft direkt vermarktet (faire Trade). 70% davon werden exportiert. Die Kaffeequalität wird von speziell geschulten Kaffeeverkostern festgestellt. Ein weiteres Problem stellt das Finden geeigneter Arbeitskräfte dar, da die Kaffeeernte unter der heißen Sonne sehr anstrengend ist. Deshalb sucht man immer nach Mechanisierungsmöglichkeiten. In der Presse wird dem gegenüber festgestellt, dass es wegen der Mechanisierung in der Landwirtschaft nicht mehr genügend Arbeitsplätze auf dem Land gibt und deshalb eine Land-Stadtwanderung zu verzeichnen ist, die die Städte ins unermessliche anwachsen lassen.

Nach dieser ausgedehnten Rundfahrt über Teile der Kaffeefarm kredenzte Cornelia ein leckeres Kaffeetrinken. Ich sprang natürlich über meinen eigenen "geschmacklichen Schatten" und trank von ihrem  excellenten Kaffee Arabica, da ich ihre Gastfreundschaft sehr schätzte. Aber es ist wie es ist, mir fehlen die Geschmachsrezeptoren, die Kaffeeliebhaber/innen eben haben, um ihr tägliches Kaffeevergnügen genießen zu können.  

Am letzten Tag meines Besuches auf Sandy´s kleiner Farm wurden neben ein paar kleinen Handgriffen am neuen Tor die Pferde gewaschen und die Mähnen von den Klettpflanzensamen gesäubert, die die Pferde sich immer wieder beim Weiden einhandeln. Ein abschließender Spaziergang zu dem neu angelegten Teich, der durch die Regenfälle der letzten Tage schon recht gut gefüllt war, beendete dann allmählich mein Besuchsprogramm. Sandy und ihre Töchter fuhren mich dann noch zum Busbahnhof nach Londrina. Am Fußballplatz von Sao Luiz gab es noch einmal einen kurzen Zwischenstop, da ich dort ein brasilianisches Altherrenspiel beobachten konnte. Dieses Spiel war eher auf Tore schießen, als auf Tore verhindern ausgerichtet. Das haben sie sich sicher von Pele und anderen brasilianischen Wunderstürmern abgeschaut. Dem gegenüber glich die Abwehr eher einen Schweizer Käse.

Im Nachtbus nach Foz do Iguacu hatte ich genügend Zeit noch einmal die Erlebnisse der letzten Tage zu reflektieren und stellte fest, dass diese Tage auf der Farm sehr lehrreich und interessant waren. Ich gewann einige Eindrücke in das Leben in Brasilien und möchte diese Zeit auf keinen Fall missen und bin Sandy und ihrer Familie sehr dankbar für diesen Einblick in das brasilianische Landleben. Ich fühlte mich erinnert an meine Kindheits- und Jugendtage auf dem Bauernhof meiner Großeltern.

26. 4. 2015 - Die Karawane zog weiter nach Foz do Iguacu

Schon kurz nach 7 Uhr hatte ich mein nächstes Etappenziel im Westen des brasilianischen Bundesstaates Parana erreicht. Ich stand am Schaufenster der Touristinformation die leider noch geschlossen war. Sollte ich ein Taxi nehmen und mich die 4 km zum Hostel bringen lassen? Ich studierte den ausgehängten Stadtplan um die Straße meines Hostels und meinen derzeitigen Standort zu ermitteln, da zog Leben in die Tourismusinformation ein und ich konnte nach einem Stadtplan fragen und mir die gewünschten Orte eintragen lassen. Für 1,50 R$ (ca. 0,50 €) im Öffentlichen Bus gelangte ich zum TTU (Terminal Transporte Urbano) und ein paar Schritten zu Fuß zu meinem Hostel. Das war viel zu einfach um auch nur ein Taxi in Betracht zu ziehen. Das schwierigste daran war es, mit dem Rucksack in den Bus hinein zu kommen, denn der Fahrpreis wurde von einem gleich hinter dem Einstieg sitzenden Kassierer eingezogen. Danach gab ein Drehkreuz den Weg frei. Leider war dieser Durchgang nicht für Leute mit Rucksack oder großem Koffer dimensioniert. Ich musste mich quasi durch dieses Drehkreuz hindurch pressen.

Wie erwartet konnte ich erst später einchecken, so dass ich nach dem Frühstück zunächst auf Stadtgang eingestellt war, um eine Chashmachine zur Aufstockung meiner Bargeldbeträge zu finden. Das gelang bei den ersten zwei Banken nicht, denn sie akzeptierten keine internationalen Geldkarten. Dafür fand ich zufällig einen kleinen Straßenmarkt der kulinarische Spezialitäten bot und die üblichen Kunsthandwerksartikel offerierte. Aus CD-Stapeln wühlte ich mit Hilfe der Verkäuferin zwei typische brasilianische Musikrichtungen aus - Samba und Pagode.

Ein Besuch im Muffato-Supermercado führte zu der Erkenntnis, dass in Brasilien das beste und umfangreichste Supermarktangebot in ganz Südamerika zu finden ist. Das deckte sich mit der Einschätzung einiger Südamerikaner, die ich nach dem Ranking der reichsten Länder Südamerikas befragte. Brasilien wurde zu erst genannt und Chile folgte auf dem Fuss.                                                                     
Bevor ich mich der Kür zuwenden konnte stand die Erledigung der Pflicht an, denn ich musste zunächst ein Hostel in Belem, meinem Sprungbrett in den Regenwald Amazoniens buchen. Danach holte ich die nötigen Informationen zum Besuch der Iguacu Wasserfälle auf der brasilianischen und argentinischen Seite ein, so dass am Tagesende das Besuchsprogramm komplettiert war.

27. 4. 2015 - Toll, Toll, Toll und nochmals Toll

Was zieht einen eigentlich tief ins brasilianische Hinterland in das Dreiländereck Brasilien-Argentinien-Paraguay, obwohl doch jeder weiß, dass in Brasilien die Musik am Küstensaum gespielt wird. Es ist nicht weniger als eines der sieben Weltwunder der Natur - die Cataratas do Iguacu (Iguacu-Wasserfälle). In der Sprache der Guarani Ureinwohner bedeutet Iguacu - "Großes Wasser". Das trifft den Nagel aber so etwas von auf den Kopf, so dass mir bei diesem Anblick wieder mal ein "meine Fresse" herausrutschte und der Mund sekundenlang offen stand. Der Rio Iguacu führt aus der Sierra do Mar (Curitiba) über 1320 km nicht gerade wenig Wasser herbei und ergießt sich 20 km später in den Rio Parana, der seinerseits in den Rio de La Plata mündet. Aber zuvor müssen die Wassermassen eine Basaltstufe überwinden. Bis zu 80 m donnert das Wasser in einer unendlichen Breite in die Tiefe. An manchen Punkten kommt man sehr dicht heran und die Gischt nebelt einen ordentlich ein. Die normale Abflussmenge liegt bei 1.500 Kubikmeter pro Sekunde. Während einer Flut sogar 6.500. Erreichen 15.000 Kubikmeter die Wasserfälle, dann werden die Parks aus Sicherheitsgründen geschlossen (nach Aussage des Tourguide), denn es herrscht dann Lebensgefahr. Ein Spitzenwert wurde bei einer extremen Flut im Jahre 1983, mit 35.000 Kubikmetern Wasser pro Sekunde, erreicht. Dieser lange Zeit gültige Spitzenwert wurde vor wenigen Monaten am 9. April 2014 geradezu pulverisiert. Um 9 Uhr Vormittags ermittelte ein lokaler Stromhersteller nach eigenen Messungen eine Ablußmenge des Rio Iguacu von gigantischen 45.700 Kubikmetern pro Sekunde die sich über die Klippen der Iguacu Wasserfälle stürzten (www.brasilienmagazin.net).

Auf der brasilianischen Seite ist es von Foz do Iguacu sehr einfach zum Iguacu National Park zu gelangen. Am TTU (Terminal Transporte Urbana) steigt man für 3 R$ (ca. 1,- €) in den Bus Nr. 120   und fährt bis zur Endstation am Visitor Center. Besonders am Vormittag sind die Lichtverhältnisse wegen des Sonnenstandes sehr gut, erst recht, wenn die Sonne vom wolkenlosen Himmel strahlt. Am Visitor Center zahlt man den Eintritt (53,- R$, ca. 20,- €) in den Nationalpark. Von dort fahren Panorama-Shuttle-Busse im 22-Minutentakt bis zur Nordspitze der vom Rio Iguacu gebildeten Halbinsel. Auf dem Weg hält er an verschiedenen touristischen Punkten, wie z. B. der Park School, dem Bananeiras Trail oder dem Hotel des Cataratas. Dort stiegen fast alle aus, um den Rest auf dem Cataratas Trail zu gehen. Leute die schlecht zu Fuss sind bleiben sitzen, aber auch Leute (ich) die ab und an gegen den Strom gehen. Das hatte den Vorteil, dass man nicht gleich die gesamte Busladung vor der Brust hatte. Ich konnte ganz entspannt als Einziger im Souveniershop Postkarten kaufen und es gab auch keinen Andrang um mit dem Fahrstuhl am Naipi-Spot auf den Cataratas Trail zu kommen.

Dort ist die Aussicht schon atemberaubend, wenn man sieht, wie hunderte Kubikmeter Wasser pro Sekunde in einem Canyon "verschluckt" werden. Feinste Wassertropfen stieben auf, wenn der freie Fall abrupt gestoppt wird. Die entstehende Druckwelle nebelt die Besucher, die ganz nah zwischen die Wasserfallstufen gehen, ordentlich ein. Bei Sonnenschein steht über dem tobenden Canyon des Teufels-Fall ein permanentes Regenbogensegment. Ich folgte dem Catarats Trail entgegengesetzt zum Hauptbesucherstrom. An den zahlreichen Plattformen herrschte Hochbetrieb und manchmal muss man etwas warten können, um einen guten Platz zum Fotografieren zu erhalten. Fotomotive gibt es beim Blick auf eine lange Reihe von Wasserfällen auf der argentinischen Seite überreichlich. Am Salto Tres Mosqueteros habe ich mich sogar dazu hinreißen lassen mein Panoramafotozubehör ein zu setzten. Das nutze ich nur bei ganz besonderen Fotomotiven.

Nach dem ich mich satt gesehen hatte fuhr ich mit dem Bus zurück zum Visitor Center. 
Unweit von diesem ist der Eingang zum Parque das AVES, dem laut Werbung spektakulärsten Vogelpark Lateinamerikas. Dieser offeriert über 800 Tiere in über 140 Tierarten. Davon die meisten davon einheimische Vogelarten des Atlantischen Regenwaldes in ihrer natürlichen Umgebung aber auch zahlreiche exotische Arten wie z. B. Kranich oder Cassoway. Die Farbenvielfalt der in Volieren oder frei gehaltenen Tiere war kaum zu übertreffen. Den "Vogel" haben aber die Ara`s abgeschossen. Diese Papageienvögel sind mit einem vielfarbigen Federkleid geschmückt, vielleicht sind sie auch die größten Papageienvögel, aber ganz bestimmt sind sie die Lautesten. In ihrer Megavoliere herrschte ein Höllenlärm. Toll dass man in dieser Voliere bei der Fütterung ganz nah an die Tiere heran kommt. 

Wieder zurück in Foz do Iguacu nahm ich noch einmal das Unternehmen Paraguay in Angriff. Tags zuvor hatte ich den Weg nach Paraguay City nach einem Drittel des Weges abgebrochen, da die Zeit nicht mehr ausreichte, um vor Einbruch der Nacht, wieder im Hostel zu sein und weil sonntags vermutlich eh nicht so viel los war. Obwohl es auch am heutigen Tag bis zum Einbruch der Dunkelheit sehr knapp werden würde, war ich wild entschlossen meine Füße nun auch auf panamaisches Staatsgebiet zu setzten. Bis zur Brücke über den Rio Parana ging es zu Fuss. Die Grenzformalitäten waren schnell erledigt, so dass ich noch ein Stück des Weges in die Stadt am Dreiländereck hinein schlenderte. Der Straßenmarkt war gegen 17 Uhr schon im Abbauen begriffen, vermittelte mir aber den Eindruck, dass das Schmugglergeschäft neben dem offiziellen Krimskramsgeschäft mit Kleidung, Schuhen, Uhren, Modeschmuck und weiteren "1000 Kleinen Dingen" gut florierte, denn der eine oder andere Artikel wurde mir auch aus der Bauchtasche angeboten. Da ich eh nichts wegschleppen konnte, kann ich auf solchen Märkten immer entspannt das bunte Treiben beobachten. Außerdem hatte ich neben einigen brasilianischen Rias nur meinen Reisepass und die GoPro für die Fotos dabei, um für zwielichtige Typen nicht den Eindruck zu vermitteln, dass es bei mir etwas zu holen gäbe. Bei der Rückeinreise in Brasilien ca. 1 h später studierte der Beamte meinen Reisepass deutlich länger als normal. Die Folge war, dass ich nur eine Aufenthaltsdauer von 74 Tagen in Brasilien eingetragen bekam. Hier schien es nicht zu funktionieren, dass man bei Aus- und Wiedereinreise wieder die volle Aufenthaltsdauer von 90 Tagen erhält, wie das bei Chile und Argentinien möglich war.

Der folgende Tag hielt ein weiteres Wasserfall-Abenteuer bereit, denn 80% der Iguacu-Wasserfälle liegen auf argentinischem Gebiet. Sicher ist es möglich auch diesen Tal des Parque Nacional Iguacu auf eigene Faust von Foz do Iguacu aus zu erkunden, aber es ist dafür erheblich mehr Zeit wegen des Grenzübertrittes ein zu planen. Mir wurde es im Hostel sehr leicht gemacht diese Tour von Hostel zu Hostel zu buchen und der Preis für eine Tagestour von 150 R$ (ca. 50,-€) erschien mir gerechtfertigt. Ein mehr an Komfort hat eben auch seinen Preis.

Los ging es gegen 8.45 Uhr am Hostel. Da im Kleinbus noch viele Plätze frei waren, setzte sich die Tour durch die Stadt mit dem Einsammeln der Tourteilnehmer/innen noch einige Zeit fort. Ach ja, argentinische Pesos musste der Guide auch noch tauschen. Nach weit über einer Stunde erreichten wir am Rio Iguacu die Brücke nach Argentinien. Die Grenzformalitäten organisierte unser Guide, so dass die internationale Tourgruppe nicht einmal am Schalter Aufstellung nehmen musste. Am argentinischen Visitor Center des Parque Nacional Iguacu das gleiche Spiel wie auf der brasilianischen Seite. Nationalparkgebühr in Form eines Tickets entrichten und schon waren wir drin. 

80% der Wasserfälle liegen auf argentinischem Gebiet, so dass das Gelände wesentlich weitläufiger ist als auf der brasilianischen Seite. Zahlreiche Wanderwege erschließen das Gebiet. Unser Guide führte uns schnurstracks zum Upper Trail. Dieser 650 m lange Trail führt oberhalb der Abbruchkante an einer Reihe von Wasserfällen vorüber. Immer wieder überquert man auf stabilen Stegen Wasserläufe die alle Miniableger des Rio Iguacu sind. Es war aber deutlich zu erkennen, dass wenig Wasser unterwegs war, denn die Bäche und kleinen Flüsse füllten ihr Bett nicht annähernd aus. Der Guide berichtete, dass es nicht in erster Line von Regen- oder Trockenzeit abhinge wieviel Wasser die Wasserfälle hinunter stürzte, sondern davon wieviel Wasser am Itaipu-Staudamm abgegeben wird. Dieses Wasserkraftwerkprojekt zwischen Brasilien und Paraguay ist eines der größten der Welt. Bis zu Fertigstelung des "Drei Schluchten Wasserkraftwerkprojektes" am Jungtsekiang in China war das Itaipu Binacional das größte Wasserkraftwerk der Welt. Durch die größere Auslastung der Turbinen bleibt es aber mit seiner Jahresproduktion von 98,630 Terrawattstunden (2013) immer noch auf Platz 1 der Weltrangliste. Damit deckte das Kraftwerk 2013 zu 75% den Strombedarf von Paraguay ab und zu 16,9% den von Brasilien, wohlgemerkt "Kohlendioxid freier" Strom. Zum Vergleich, produzierte 2006 Isar 2 (Kernkraftwerk Isar/Ohu in Niederbayern), der Kernreaktor mit der höchsten Jahresproduktion weltweit, nur vergleichsweise "niedliche" 12,4 Terrawattstunden. Noch einpaar Zahlen gefällig zum Bauwerk? Bauzeit: 1975-1982 (18. Turbine) bzw. 2007 Inbetriebnahme der Turbinen 19 und 20), Dammhöhe: 196 Meter, Bauwerksvolumen: 12,57 Millionen Kubikmeter, Kronenlänge: 7760 Meter, Kraftwerksleistung: 20 x 700 Megawatt = 14.000 Megawatt. Die Stauseedaten: Wasseroberfläche: 1350 Quadratkilometer, Stauseelänge: 170 km, Stauseebreite: 7-12 km, Speichervolumen: 29 Millionen Kubikmeter, Bemessungshochwasser: 62.200 Kubikmeter pro Sekunde. Der Statordurchmesser der Synchrongeneratoren beträgt 16 Meter. Ca. 34.000 Menschen arbeiteten auf dieser Großbaustelle. Die große Zahl von 145 Menschen überlebten dieses Projekt nicht (Wikipedia). Vergesst die Zahlen schnell wieder und merkt euch nur, dass es ein gigantischer "Legobaukasten" ist. Allerdings war wie bei allen Staudammprojekten dieser Art und Größe der Verlust von großen Lebensräumen von Tieren und Ureinwohnern verbunden.

Wieder zurück von diesem wenig spektakulären Upper Trail schloss sich gleich der Lower Trail an. Dieser führt die Abbruchkante hinunter zum Rio Iguacu und seinen Nebengewässern. Vorbei am Salto "Dos Hermanas" (Die zwei Schwestern) führte der Pfad zu einem schon deutlich feuchteren Vergnügen dicht an den Salto Bosetti und Salto Adam y Eva heran. 

Ein Großteil der Gruppe wollte auch den letzten Schritt noch gehen und sich richtig einweichen lassen. Diese Möglichkeit besteht am Bootsanleger gegenüber der Isla San Martin. Mit einem kostenlosen Bootshuttle gelangt man auf diese Insel und kann einen 700 m langen Rundweg auf dem Inselplateau gehen. Will man richtig nass werden, dann nimmt man noch einmal 90 Rias in die Hand und nimmt die Bootstour an und in verschiedene Wasserfälle mit. Das Highlight dieser Extratour ist das zweimalige hineinfahren des Motorbootes in die Schwaden des Salto Martin. Dort bekommt man ordentlich sein "Fett" weg und es bleibt kein Quadratzentimeter trocken, falls man keinen Regenponcho des Veranstalters wählt. Auf der brasilianischen Seite kann man zum doppelten Preis und halb so viel Action eine ähnliche Tour unternehmen.

Da ich das Gefühl unter einem Wasserfall zu stehen bei meinen verschiedenen Wanderungen               schon reichlich kannte, widmete ich mich lieber der Fotografie. Auf Grund der hellen Lichtverhältnisse war kein Schleiereffekt der Wasserfälle mit den Einstellmöglichkeiten an der Kamera möglich. Hier musste ich tricksen, denn brauchbare Ergebnisse waren nur mit dem Einsatz des "Big Stoppers" (sehr dunkler Glasfilter) möglich.  

Nach diesem Zwischenstopp vollendeten wir den 1,4 km langen Lower Trail an einer Picknick Area. Auch dort waren nicht wenige Quati (Nasenbären) unterwegs. Diese Wildtiere durchstreifen diese Plätze liebend gern, denn es könnte für sie ja etwas zu fressen abfallen. Sind diese Tiere in der Nähe ist höchste Aufmerksamkeit angesagt, falls man selbst seine Vorräte auspackt. Sobald etwas Fressbares unbeaufsichtigt herum liegt zeigen sie ihre meisterliche Klasse im Stehlen. Egal wie possierlich die Tierchen aussehen, es sind Wildtiere. Streitet man sich dann mit dem Tier um diesen Happen, wird auch mal beherzt zu gebissen. Dabei entstehen unschöne Bisswunden die wegen der übertragenen Bakterien durchaus auch mal im Heilungsverlauf komplizierter sein können. Immer wieder wird auf Hinweisschildern vor dem Füttern der Wildtiere gewarnt.

Nun stand noch das Tageshighlight an. Zunächst die Fahrt mit einer Kleinbahn zur Estacion Garganta. Von dort über den Garganta del Diablo Trail zum Ort des Grauens. Direkt über den Rio Iguacu windet sich ein massiver Steg bis an die Abbruchkante wo sehr viel Wasser, und ich meine wirklich sehr viel Wasser, am Teufelsfall 80 Meter in die Tiefe stürzt. Wie in ein endloses Loch werden die Wassermassen hinein "gesaugt". In der Tiefe ist nur aufstiebende Gischt zu sehen. Das interessante dabei ist, dass die abtragende Wirkung von fließendem Wasser an der Abbruchkante eher gering ist. Die Haupterosion erfolgt am Fuss der Wasserfälle. Die kinetische Energie des Wassers macht das Gestein brüchig, spült es heraus und unterhöhlt so die Abbruchkante immer weiter. Wieder und wieder werden Gesteinsbrocken in dieser Unterhöhlung erodiert und weg transportiert. So vergrößert sie sich allmählich von unten nach oben. Ist die Erosion oben angelangt, stürzt der Rest auch noch hinunter und die Abbruchkante hat sich dann plötzlich weiter nach hinten verlagert und das Spiel beginnt von vorn. Denkt man dieses Spiel weiter, dann könnte dereinst die argentinische Seite vom Wasserzustrom des Rio Iguacu im wahrsten Sinne des Wortes abgeschnitten sein, wenn die Erosionsrichtung des Salto Garganta del Diablo (Teufelsfall) weiter in die gleiche Richtung wandert. Allerdings muss bis da hin noch viel Wasser den Wasserfall hinunterstürzen. 

Unser Guide musste mich wieder einsammeln, denn die anderen Tourmitglieder befanden sich schon wieder auf dem Weg zurück zur Bahnstation der Kleinbahn. Nach der Rückfahrt mit der Kleinbahn war unsere Zeit im Nationalpark abgelaufen und wir wurden zum letzten Tagesordnungspunkt, dem Dreiländereck zwischen Brasilien, Argentinien und Paraguay gefahren. Es befindet sich an der Stelle wo der Rio Iguacu in den Rio Parana mündet. Befeuert durch den ständigen Zustrom von Touristen scheint das Geschäft sehr ordentlich zu florieren, denn in diesem internatinalen Verdichtungsraum, auch Triple Frontera (spanisch) genannt, entwickelten sich mit Foz do Iguacu (Brasilien, ca 300.000 EW), Puerto Iguacu (Argentinien, 45.000 Einwohner und Cuidad del Este (Paraguay City, Paraguay, 240.000 EW) drei Großstädte in unmittelbarer Nähe.

29./30.4.2015 - Der große Sprung nach Norden

Es ist mal wieder Reisezeit angesagt und das gleich über zwei Tage, denn ich war auf dem Weg zu meinem vorerst letzten Südamerika-Abenteuer. Allerdings flog ich erst am späten Nachmittag nach Sao Paulo zurück, bevor ich am Vormittag des folgenden Tages einen großen Satz in nördliche Richtung anging. Da ich am Congonhas Airport in Sao Paulo landete musste ich noch zum GruAirport (Guarulhos Intern. Airport) wechseln. Dies ging sehr einfach, denn die Fluggesellschaften haben einen kostenlosen Busshuttle zwischen diesen Airports eingerichtet. Man wird zwar sehr lange durch die Megacity kutschiert, aber wen stört dies, wenn man genug Zeit hat. Da ich mein Bett (Isomatte und Schlafsack) immer dabei habe, suchte ich mir ein abgelegenes Fleckchen, band meine Gepäckstücke zusammen (Diebstahlprofilaxe)und verbrachte die Nacht auf dem Flughafen.

Am nächsten Vormittag bestieg ich dann einen Airbus 320 der TAM nach Belem. Belem liegt im Nordosten Brasiliens in der Nähe der Mündung des Amazonas in den Atlantik am Rio Guama knapp 2500 km weiter nördlich von Sao Paulo. Das war dann also fast auf dem Äquator. Belem empfing mich gleich mit der vollen Breitseite Äquatorialklima - feuchtheiß. Die Temperaturen kratzten an der 30°C-Marke, der Himmel hing voller Wolken und die Luft war schwül.

Belem mit 1,4 Mio Einwohnern war eigentlich auf den ersten Blick keine Stadt in der ich länger verweilen wollte. Da ich sie aber für mein abschließendes Amazonien-Abenteuer als Verkehrsknotenpunkt benötigte, blieb mir nicht anderes übrig als hier Station zu machen.

Da bis zum Einbruch der Dunkelheit noch genügend Zeit war, stellte ich mich gleich der ersten "millionenstädtischen" Herausforderung. Kann ich das Hostel auf eigene Faust mit öffentlichen Verkehrsmitteln finden? Diesmal hatte ich wieder mein Hilfsmittel für solche Fälle zur Hand. Über eine kleine Stadtplan-App hatte ich mir den Stadtplan von Belem auf mein iPad herunter geladen. Weitere Infos bekam ich bei der Hostelreservierung. So wusste ich z. B. welchen Bus ich nehmen musste und wo ich aussteigen sollte. Das reichte um den eifrigen Taxifahrern ein Schnippchen zu schlagen. Zwar fuhr der Bus in der Rushhour ziemlich lange und gegen Ende der Tour auch noch im Zickzack, um mich zu verwirren. Am Ende half alles nichts, ich stieg an der richtigen Haltestelle aus. Bis zum Hostel war es dann nur noch ein Katzensprung. 

Es hat etwas gedauert, bis ich mir in Südamerika diese Sache zugetraut habe und auf das Taxi verzichtete, aber nach den Erfahrungen der letzten Monate, mit Hilfe der Wegbeschreibungen der Hostels und meiner iPad Stadtplan-App traute ich mir das mittler Weile am Tage zu, auch wenn ich kein Wort portugiesisch sprach. 



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