Reisen ist toedlich fuer Vorurteile.
 Mark Twain


1.-5. 5. 2015 - Belem, das Tor nach Amazonien

Heute wird davon ausgegangen, dass das Amazonasbecken schon seit 10.000 Jahren von Menschen besiedelt wird. Die spanischen Eroberer erreichten auf der Suche nach dem "Gold-Eldorado" von Peru aus das Amazonasbecken. Der ersten Expedition unter Leitung von Gonzalo Pizarro gingen jedoch die Vorräte aus, so dass sich sein Neffe, Francisco de Orellana mit einigen Leuten auf den Weg begab, um Vorräte zu suchen. Tatsächlich befuhr er den Amazonas auf seiner gesamten Länge und wurde dabei von Ureinwohnern angegriffen. Darunter waren auch weibliche Angreiferinnen, wie die Amazonen in der griechischen Mythologie. So erhielt der Amazonas 1541 seinen heutigen Namen (Lonely Planet). 

Was "keiner" vor dem Vertrag von Tordesillas im Jahre 1494 vermutete, gab es östlich der auf Initiative von Papst Alexander VI. vertraglich fixierten Demarkationslinie (46° 37´West) größere zu Südamerika gehörende Landmassen. Oder wussten die Portugiesen in Gestalt des Kartographen, Astronomen und Seefahrers Duarte Pacheco Pereira, dem portugiesischen Verhandlungsführer, damals etwa schon mehr? Ihm gelang es bei den Vertragsverhandlungen die ursprünglich geplante Demarkationslinie um weitere 1300 km weiter nach Westen zu verschieben. Der Vertrag sollte eine militärische Konfrontation der damaligen Seefahrer-Supermächte Spanien und Portugal in ihren Kolonialgebieten verhindern, so dass dieser Vertrag die Welt in eine spanische und portugiesische Hemisphäre teilte. Die Portugiesen schützen somit ihren Seeweg zum sehr einträglichen Gewürzinselgeschäft um Afrika herum. Die Spanier wollten hingegen keinen "Nebenbuhler" bei der  Kolonialisierung der erst kurz zuvor von Kolumbus entdeckten "Westindischen" Gebiete dulden.

Alles Friede, Freude, Eierkuchen - mit Nichten, der Vertrag blieb ein ständiger Zankapfel. England und Frankreich erkannten ihn gleich gar nicht an, Portugal und Spanien legten den Vertrag jeweils unterschiedlich und zu ihren Gunsten aus, so dass er 1529 im Vertrag von Saragossa nachverhandelt wurde. In der Folgezeit verschoben sich die politischen Gegebenheiten und der Einfluss Spaniens und erst recht der Portugals schwand dahin. Im Vertrag von Madrid wurde er letztlich 1750 abgeschafft (Wikipedia). 

Sei es wie es sei. Die Spanier zeigten kein großes Interesse den Lebensraum des Amazonasbeckens zu kolonialisieren. Man ging davon aus, das die Lebensbedingungen im Regenwald keine Besiedlung größerer Menschenansammlungen zu ließen. Heute weiß man, dass ca. 5 Millionen Menschen bei der Ankunft der Europäer im Amazonasbecken gelebt haben. Zeigten die Spanier kein Interesse an Amazonien, taten es die Portugiesen um so mehr. Sie bauten 1616 das erste Fort im heutigen Belem und sicherten so die "Eingangstür" nach Amazonien vor fremden Mächten (Lonely Planet). Anfangs musste man dazu noch nicht einmal gegen den "päpstlichen Willen" im Vertrag von Tordesillas verstoßen.

Was macht man eigentlich am 1. Mai, der vermutlich auf der ganzen Welt ein öffentlicher Feiertag ist. Man zieht einfach los an die Grenzen der Stadt. Diese werden hier auf breiter Strecke durch den Rio Guama und die Baia de Guajara gebildet. Leider konnte ich am Terminal Hydroviaro mein Ticket für die Schiffsreise nach Manaus nicht abholen, denn der Schalter hatte, wie erwartet, geschlossen. Also zog ich unverrichteter Dinge weiter die "Hafenmole" entlang und gelangte an die Estacao das Docas, einem gelungenen Renovierungsprojekt. Drei herunter gekommene Hafenlagerhallen wurden aufgepäppelt, heraus geputzt und somit wieder neues Leben eingehaucht. Heute sind sie ein beleibter Treffpunkt mit Bars, Restaurants, Geschäften und einem Theater direkt an der "Waterkant".

Weiter entlang des Weges gelangte ich zum Mercado Ver-o-Peso. Die Bezeichnung dieses Marktes stammt noch aus der portugisieschen Kolonialzeit. Hier wurden die Waren gewogen und von den Kolonialherren Steuern von den Händlern eingetrieben. Das bunte Markttreiben war wieder mal was fürs Auge, denn es gab viele Dinge zu sehen. Vor allem bei den Früchten und Verarbeitungsprodukten der Region tappte ich sehr oft im "Dunkel" herum, denn ich kannte sehr viele nicht, geschweige denn ihre Verwendung in der Küche. Interessant und neu für mich zu sehen, dass die auch bei uns bekannten Paranüsse im inneren einer Kokosnuss ähnlichen (ohne Fasergewebe) Frucht mit harter Schale stecken. Beim öffnen der Paranuss erzeuge ich zu Hause regelmäßig sehr viel Bruch, denn die Hülle der Nüsse ist sehr fest und mit dem Nussknacker bekomme ich das nicht hin. Die hiesige Methode sieht folgender Maßen aus. Die feste Schale wird an der spitz zulaufenden Seite und der gegenüber liegenden breiten Seite mit einem Messer beilähnlich abgehackt und die Seitennussschalen dann mit dem Messer abgehebelt. Dabei entsteht auch etwas "Abrieb", aber das schmackhafte Innere bleibt gegenüber der Nussknackermethode heil. Weil ich gerade bei Paranüssen bin, da kann ich noch einen geheimen Geheimtip der Einheimischen liefern. Nein, es ist kein natürliches Viagra, dafür werden auf dem Marcado Ver-o-Peso an den "Naturapotheken-Ständen" andere Mittel offeriert. Die Paranuss wirkt sogar noch viel besser, jeden Tag drei Paranüsse verlängert das Leben um 5 Tage. Na das ist doch mal was "Handfestes", oder?

Auch die ? - leider kenne ich den Namen dieser Wurzelfrucht nicht, wird direkt auf dem Markt geschält. Ein schweres Messer wird ebenfalls beilähnlich verwendet um die Schale der Wurzelfrucht mit leichten Schlägen ab zu hacken. Dann wird sie geraspelt und in Wasser eingeweicht. Später wird das Wasser ausgequetscht. Verwendet wird das Produkt als ????? - ich habe noch keine Ahnung. Vielleicht kann ich es ja noch heraus finden?

Je näher ich auf dem Markt dem Fischerhafen kam, desto bunter wurde das Treiben. Da wurde am offenen Feuer die Mittagsportion gekocht und ein großer Reiher ähnlicher Vogel wartete auf einige Abfallhappen. Als mich dann ein Einheimischer davor warnte meinen Weg fort zu setzten, weil es gefährlich werden könnte, nahm ich diesen Ratschlag ernst und drehte um.Ich ging geradewegs in die Fischhalle. Hier wurden an den einzelnen Ständen unterschiedlichste Fischarten vor den Augen des Kunden nach ihren Wünschen filetiert, zerstückelt oder Grill fertig vorbereitet. Die Fischarten sah ich zum ersten mal. Die Gegend schien aber offensichtlich ordentliche Fischerträge abzuwerfen, denn bei den größeren Brocken hingen deren Schwänze schon mal über die "Ladentheke" drüber. 

Auch die Marktecke mit den "Wundermitteln" die in großen und kleinen Flaschen und wie an der Perlenschnur in Miniflaschen in allen Regenbogenfarben an den Ständen hingen, durfte nicht fehlen. Nach dem ich mich an der "Safttheke" nicht für eines der exotisch klingenden und wahrscheinlich auch schmeckenden Säfte entscheiden konnte, entschied ich mich bei einem mobilen Händler für eine Kokosnuss. Mit der Machete wurde im Dreieck auf die Kokosnuss geschlagen und die Öffnung für den Trinkhalm freigelegt. Das Innere der Kokosnuss war voller kühlem Wasser und löschte meinen Durst. Danach bat ich den Verkäufer die Kokosnuss aufzuschlagen, denn im Inneren gab es noch das junge Kokosmark zum naschen.

Das feuchtheiße Äquatorialklima forderte seinen Tribut denn eine Regenfront trieb über die Baia de Guajara rasch heran und verschluckte die Sicht auf das gegenüber liegende Ufer in Atem beraubendem Tempo, so dass ich Mühe hatte einiger Maßen trockenen Fußes ins Hostel zurück zu eilen. Das gelang natürlich nicht ganz, denn auf den letzten Metern wurde ich noch eingeweicht.

Am nächsten Tag ließ ich alles zurück was die Hosentaschen aufbauschen konnte, ebenso blieb der Tagesrucksack mit der Kamera im Hostel, denn ich wollte der Altstadt einen Besuch abstatten. Da ich nicht wusste in welche Viertel mich mein Weg führte, sollte erst einmal nichts für Taschendiebe und andere Ganoven Wertvolles an mir zu sehen sein. Ich traute mich also am Hafen über den Punkt hinaus, an dem mir tags zuvor von einem Einheimischen das "Stoppzeichen" gegeben wurde. Die Straßen waren heute wieder belebter und eine Polizeiwache gab es am Hafen auch, so dass ich mich nicht sonderlich sorgte. Vorbei am Forte de Presepio (1. Befetigungsanlage) und der Catedral da Se (Kathedrale) gelangte ich durch enge Straßen bis Mangal das Garcas. Das ist ein ökologischer Park der auf einer Fläche von 4 ha renaturiert wurde. Er beherbergt mehr als 300 Baumarten als representative Vertreter der Tieflandswälder am Amazonas. Auch zahlreiche Tierarten bewohnen dieses Gebiet. Außerdem befindet sich auf dem Gelände z. B. eines der besten Restaurants der Stadt, das Navigationsmuseum, Brasiliens größter Schmetterlingsgarten und der 47 m hohe Bethlehem Leuchtturm (Wikipedia).

Die Catedral da Se spielt bei der Cirio de Nazare eine Hauptrolle. Nach einer 23 km langen Flussprozession wird ein kleines Bildnis der Nossa Senhora de Nazare von dort in die Basilica Santuario de Nazare gezogen. Dieses Bildnis soll in Nazareth hergestellt worden sein und in Portugal Wunder vollbracht haben. Im Jahre 1700 verschwand sie in Brasilien. Ein Viehhirte fand sie an der Stelle der heutigen Basilica Santuario de Nazare wieder. Seit 1793 findet die Cirio Nazare als größtes religiöse Fest Brasiliens in Belem statt. 1 Million Menschen drängen sich am zweiten Oktobersonntag in den Straßen um eine Hand an das 400 m lange Seil zu bekommen, mit dem das auf einen Wagen gebettete Bildnis der Jungfrau gezogen wird. Nach 5 Stunden hat sie 3,5 km zurückgelegt und kommt für die Dauer des religiösen Festes an ihrem zeitweiligen Bestimmungsort an (Lonely Planet).

Da die Cumulus-Wolken immer größer wurden und mehr und mehr zusammen wuchsen, über der Baia de Guajara der erste tropische Tagesregen heran nahte, machte ich mich auf den Rückweg. Diesmal schaffte ich es noch rechtzeitig in die rettende Unterkunft.

Jeden Monat wieder kommt es zu einem Naturereignis an bestimmten Flüssen. Wenn die passende Konstellation zwischen Sonne, Erde und Mond für eine Springflut sorgt, bildet sich eine Gezeitenwelle. Diese in Brasilien Pororoca genannte Welle entsteht, wenn die Flut stärker ist als die Fließkraft der ins Meer mündenden Flüsse. Die Pororoca kann bis zu 4 m hoch werden und eine Geschwindigkeit von 30 km/h erreichen. Auf der Suche nach der "endlosen perfekten Welle" zieht es jedes Jahr die verrücktesten Wellenreiter mit ihren Surfbrettern oder Kajaks ins 120 km östlich von Belem gelegene Örtchen Sao Domingo do Capim. Dort werden bei Vollmond im März die nationalen Pororoca-Meisterschaften ausgetragen. Fast 13 km in 37 Minuten lautet die Rekordmarke für den längsten "Wellenritt" (Lonely Planet). Was gibt es nicht alles für verrückte Dinge auf dieser Welt?

Meine Devise ist es immer jeden Tag aufzustehen und etwas zu unternehmen. Heute, am Sonntag, sollte es das Museu Emilio Goeldi & Parque Zobotanico sein. Doch zuvor führte mich mein Weg am Praca da Republica vorüber wo ich in einen Straßenmarkt hineingeriet, wie ich ihn schon des öfteren in Südamerika begegnet bin. Auf der Höhe des Theatro da Paz spielte eine Violincello-Gruppe "volkstümliche Weisen" der Beatles und warb so um Unterstützung für eine geplante Konzertreise nach Frankreich. Der Himmel war Wolken verhangen und wie aus dem Nichts begann der tägliche Tropenregen diesmal schon am Vormittag herunter zu dreschen. Die Künstler verließen mit den ersten Tropfen blitzartig ihren Platz und brachten ihre Instrumente in Sicherheit. Ansonsten hatte ich in Belem noch nie jemanden in Regenklamotten gesehen. Man hat sich auf die täglichen Regengüsse eingerichtet und gleich gar keine Regenklamotten angeschafft, Geschweige denn, schleppte man sie täglich für den "Fall der Fälle" mit sich herum. Maximal ein Regenschirm war hier und da vereinzelt zu sehen. Beginnt es zu Regnen stellt man sich einfach unter und wartet bis der Guss vorüber ist. Die Marktstände werden rasch in Plastikplanen eingewickelt und bei Regenende genau so schnell wieder ausgewickelt. Bei 28°C Durchschnittstemperatur ist solch ein Regenguss eher eine willkommene Abkühlung auf der Haut. Die jungen Burschen störte es überhaupt nicht. Sie ließen sich vom Regen bei ihrem Straßenfußball oder Tigerball nicht stören. Waren 20 Zuspiele geschafft ohne das der "Tiger" an den Ball kam, "durfte" dieser 10 Liegestütze machen. Alle halfen mit, indem sie den "Tiger" anfeuerten und laut mitzählten oder ihm sogar kräftig unter die Arme griffen, falls er die Letzten nicht mehr aus eigener Kraft schaffte. "Straßenspaß" pur. 

Nach einer halben Stunde war der Spuk vorbei und ich setzte meinen Weg durch die Straßen von Belem fort. Es sah aus wie eine Sporthalle und die Schlange der Wartenden vergrößerte sich rasch. Ich vermutete eine Sportveranstaltung hinter dem Menschenandrang und stellte mich mal vorsorglich mit an. Auf Nachfrage erklärte man mir, dass es um das Endspiel eines Turnieres im "futschbol" (Fußball/im portugiesischen wird das t wie tsch gesprochen) ging. Die Schlange vergrößerte sich rasch weiter. Nach einer Ansage am Eingangstor, die ich nicht verstand, lichteten sich die Reihen der Einlasssuchenden, mit einem deutlichen Murren auf den Lippen, zusehends. Ich plante wieder um und folgte nun der Umsetzung meines ursprünglichen Plans. 

Vorbei an der Basilica Santuario de Nazare erreichte ich wenig später das Eingangstor zum Museu Paraense Emilio Goeldi & Parque Zoobotanico, Der Schweizer Naturforscher Emil August Goeldi, einst ein Schüler des deutschen Zoologen, Philosophen und Freidenkers Ernst Heackel, wirkte weitestgehend in Brasilien. Er brachte wieder neuen Schwung in des heute nach ihm benannte Museum für Natur- und Volkskunde des Bundesstaates Para in Belem. Besonders bekannt sind seine Arbeiten zu brasilianischen Vögeln und Säugetieren. Er sammelte während seiner Wirkungszeit in Brasilien 13.000 Tiere und fertigte Neubeschreibungen und Erstbeschreibungen von neu entdeckten Tierarten an (Wikipedia). In dem kleinen Urwald des Parque Zoobotanico gab es neben hunderten Urwaldpflanzenarten auch einige Gehege für Urwaldtiere, wie z. B. Ara`s, Tapire, Jaguar, Kaimane und Anaconda. Der Park wird an Sonntagen gern von den Familien besucht. In einem Gebäude gibt es auch eine Ausstellung von einem Projekt mit den Kaàpor Indigenen. In Zusammenarbeit mit dem Rijksmuseum Volkenkunde in Leiden (NL) wurde die Fiesta do Cauim untersucht als ein wichtiges Ereignis der Gemeinschaft. Es beinhaltet einen Serie von Zeremonien während des Vollmondes im Monat Oktober. So findet auf dieser Fiesta für die Neugeborenen die Namensgebung statt. Die erwachsenen Töchter werden in die Gemeinschaft aufgenommen und es finden Hochzeiten statt. Beide Geschlechter sind mit unterschiedlichen Tätigkeiten in die Vorbereitung der Fiesta involviert.

Ich hatte genug gesehen vom Parque Zoobotanico und schlenderte über den Straßenmarkt zurück zum Hostel. Eine Band mischte mit heißen Rhythmen am Straßenmarkt das Publikum auf. Einige ganz hart gesottene (wahrscheinlich betrunken) gaben ihren ganz eigenen Tanzstil zur Musik zum besten.

In der Woche nutzte ich auch die Gelegenheit die modernen Einkaufstempel der Stadt zu besuchen. Da klimatisiert ließ sich darin gut Schlendern. Im Obergeschoss befand sich dann der "Fresstempel". Viele kleine Imbisse offerierten die brasilianische oder auch internationale Art zu Speisen. Typisch für Brasiliens Imbisse sind lange Buffetzeilen mit allerlei leckeren Köstlichkeiten. Der Preis wird dann auf der Küchenwaage nach Gewicht ermittelt. Da fällt einem die Auswahl wirklich nicht leicht und ab und an tapp man über den Geschmack von unbekannten Speisen völlig im Dunkel. Da heißt es "Augen zu und durch". Meistens stellt sich die unbekannte Speise dann als Leckerbissen heraus. Genauso wie der Plastiktrinkbecher voll weise Soße den mir ein mobiler Händler aus einem XXL-Küchentopf servierte. Es sah so aus wie Michreis aber er nannte es Tapioka. Ich gab mir einen Ruck obwohl ich nicht wusste was Topioka war. Der Brei war warm und schmeckte süß und mit einer Spur Zimt obendrauf war diese Speise geschmacklich und von der Konsistenz her ziemlich nah am Michreis. Mittlerweile weiß ich natürlich das Tapioka eine geschmacksneutrale Pflanzenstärke ist die aus der tropischen Kassava-Wurzel hergestellt wird. Vielleicht ist diese Wurzel auch als Maniok oder Maniokka bekannt. Tapioka ist gut verträglich für den Menschen denn es besitzt keine Allergene und ist glutenfrei. Der Prozess der Herstellung ist allerdings etwas arbeitsintensiv, da die rohe Maniokwurzel toxische Stoffe enthält. Sie wird zunächst geschält und zerrieben. Die Masse mehrmals in Wasser gewässert und anschließend ausgequetscht. Zuletzt wird sie geröstet wobei das Maniokmehl und Tapioka entstehen. Tapioka kann wie normale Stärke zum Andicken von Soßen, Suppen und Desserts verwendet werden. In Asien findet man Tapioka in vielen Süßspeisen. Der beliebte Bubble-Tea mit Tapioka-Perlen kann jedoch bis zu doppelt so viel Zucker enthalten, wie eine Coka Cola und ist damit eine "Dickmacher-Bombe" (Wikipedia).

Als eines der ersten feststehenden Reisestrecken während meines "Nord-Südamerika-Sabbaticals" stand die Fahrt auf einem Flussschiff zwischen Belem und Manaus auf dem Amazonas fest. Das Ticket dafür befand sich mit freundlicher Hilfe meiner ehemaligen Schülerin Sandy bereits in meinem Besitz. ursprünglich buchte ich den klimatisierten Hängemattenbereich, denn ich wollte mir dieses Abenteuer in der traditionellen Hängemattenvariante geben. Leider hatte das vorgesehene Schiff einen technischen Defekt, so dass ein anderes Schiff eingesetzt wurde, welches keinen klimatisierten Hängemattenbereich hatte. Schade oder Gott sei Dank?

6. 5. 2015 - Die Reise auf dem Amazonas

Ich verabschiedete mich von den freundlichen Hostelbetreibern. Sie saßen friedlich versammelt am Flachbildschirm und schauten Barcelona gegen Bayern München. Ich musste los zum Terminal Hydroviario, denn der Checkin begann nach meiner Information 17 Uhr. Mit meinem Ticket zum Agenturschalter. Dort wurde das gleiche Ticketformular noch einmal geschrieben. Mit diesem "neuen" Ticket zu einem anderen Schalter in der langen Schalterreihe. Anstehen und Warten. Dort wurde unter Kontrolle meiner Passdaten Eintragungen auf einer Liste vorgenommen und auf dem gleichen Ticketvordruck noch einmal ein Ticket per Hand ausgestellt. Die Eintragungen waren die selben, wie auf meinem ersten Ticket. Ich habe keine Ahnung, was das sollte?

Nach dem ich nun das richtige Ticket hatte, wurde das Gepäck durchleuchtet und ich konnte im Warteraum Platz nehmen. Auf dem Flachbildschirm lief Barcelona gegen Bayern.
Die Glastür öffnete sich im modernen Terminal Hydroviario und die Fahrtgäste konnten durch den Nachmittagsregen an Bord des Motorschiffes Clivia gehen.

Im Zwischendeck wurden schon eifrig die Hängematten dicht an dicht aufgehangen. Ich hatte ja wegen des fehlenden klimatisierten Hängemattenbereiches von meinem Reiseveranstalter ein Upgrade für eine halbe Doppelkabine bekommen und durfte deshalb auf das Oberdeck gehen. Dort konnte ich mich mit Claudia einer jungen deutschen Backpackerin bekanntmachen, die ebenfalls eine Kabine gebucht hatte. Am Oberdeck-Imbiss lief der Bildschirm mit Barcelona gegen Bayern. 18 Uhr legte die Clivia an. Aber sollte sie nach meinen Informationen nicht erst 19 Uhr ablegen? Claudia hatte die Information, dass das Schiff 18 Uhr ablegte. Gut das ich so zeitig am Terminal war. Das Schiff tuckerte hinaus auf den Rio Guama hinaus Richtung Amazonas, während die Dunkelheit herein brach.

Am Oberdeck saß ich mit Claudia und anderen Fahrtgästen und wir ließen uns den lauen Fahrtwind um die Ohren wehen. Wir waren beide schon einige Zeit in Südamerika unterwegs. Da gab es natürlich einige Reiseerlebnisse aus zu tauschen. Aber als Claudia den Raubüberfall auf ihr Hostel in Salvador schilderte, lief auch mir ein kalter Schauer über den Rücken. Mit vorgehaltener Waffe des Nachts aus dem Bett geholt zu werden und seine Kamera, Laptop, Ladekabel und Bargeld los zu bekommen, ist nicht gerade ein Reisevolltreffer. Ihr blieben an Wertsachen ihre Checkkarten und durch Zufall das Handy. Rückwirkend betrachtet meinte sie, dass einige Umstände diesen Raubüberfall begünstigt hätten. So grenzte das Hostel unmittelbar an ein armes Stadtviertel in Salvador. Das Hostel war voll besetzt und die Alarmanlage funktionierte nicht 100%ig. Die Angst in Brasilien noch einmal ähnliches zu erleben, bestimmte danach deutlich ihren weiteren Aufenthalt. Da es ihr großer Wunsch war auf dem Amazonas von Belem nach Manaus zu gelangen, brach sie ihren Brasilien-Aufenthalt nicht ab und wollte die Schiffsreise auf dem Amazonas auch als Trotzreaktion zu den negativen Erfahrungen in Salvador als letzte Reisestation in Brasilien unbedingt machen. Gut so Claudia. Es war eine gute Entscheidung dies zu tun, um das eigene Reiseselbstvertrauen wieder auf zu bauen. 

Ich hatte die Befürchtung die erste Nacht in der Kabine kaum schlafen zu können, denn die Motorengeräusche und -vibrationen übertrugen sich derart auf die Stahlwände der Kabine, dass ich glaubte auf einer Rüttelplatte zu liegen. Die Kabine war klimatisiert, so dass ich mich mit dem Schlafsack zudecken musste.

7. - 11. 5. 2015 - "Este Rio, minha rua ...."

Dieser Spruch sollte sich sehr schnell bewahrheiten, denn das Ufer präsentierte sich als grüner Burgwall den man zwar mit Händen und Füßen kraftvoll durchdringen könnte, aber ein Vorwärtskommen hinter dieser Wand mit oder ohne Machete früher oder später in einer Sackgasse enden würde, denn das dichte verwucherte Pflanzengewirr würde einfach kein Ende nehmen. Deshalb ist es für die Menschen die im Amazonasregenwald leben einfacher die Flüsse als Straßen zu verwenden. 

Da wir wahrscheinlich nicht über die Atlantikmündung des Amazonas in diesen Flusslauf gelangten, sondern über verschiedene Nebenflüsse in Nebenarme des Amazonas einliefen, war ich schon sehr überrascht wie viele Menschen an den Flussufern ihre Hütten gebaut hatten. Überall sah man kleine Boote mit oder ohne Verbrennungsmotor. Oft paddelten die Frauen mit ihren Kindern vom Ufer aus unserer "Clivia" entgegen und hofften, dass sie einen der vom Schiff herunter fliegenden Plastikbeutel ergattern konnten. In diesen hatten Passagiere Altkleider gepackt, die von den ärmeren Flussbewohnern weiter genutzt werden konnten.

Ab und an legte eines dieser kleinen motorisierten Boote Längsseits in voller Fahrt an und ließ sich ein Stück des Weges mitschleppen. Bezahlt wurde in Naturalien, wie einem Korb voller Schrimps. Manchmal bestand die Bootsbesatzung aus Kindern die schon das Anlegemanöver in voller Fahrt beherrschten und unser Passagierschiff behende enterten um ein paar Kleinigkeiten zu verkaufen. Immer wieder tauchten Hütten am Ufer auf und am Nachmittag erreichten wir den Hauptarm des Amazonas. Die Clivia durchpflügte nun eine meerähnliche fast bis zum Horizont reichende Wasserwüste. Da unser Schiff am rechten Flussufer stromaufwärts entlang tuckerte lag das gegenüber liegende Ufer weit von uns entfernt. Bei einem nachmittäglichen Tropengewitter verschwand es gänzlich von der Bildfläche und ich hatte den Eindruck das Gewitter wollte uns im Fluss ertränken. 

An einigen größeren Siedlungen legte die Clivia an. Fliegende Händler kamen auf das Schiff um das Eine oder Andere verkaufen zu können. Inzwischen verließen Passagiere das Schiff und andere stiegen neu zu. Auch Waren bis hin zu einem Motorrad, die im Ladedeck verstaut waren, wurden gelöscht. Zwischen diesen etwas Abwechslung bringenden Zwischenstopps suchte man sich ein schattiges Plätzchen, widmete sich dem "Leute kucken", kam mit einem der Passagiere kurz ins Gespräch (wenn in englisch möglich), saß mal beim Steuermann  vorn. Dabei stellte ich fest, dass wir laut GPS-Anzeige ab und an über Land unterwegs waren. Auf Nachfrage wurde mir erklärt, dass das Land unter uns liegt, das Schiff aber darüber hinweg fahren kann, weil der Fluss gerade Hochwasser führt.

Ansonsten herrschte eher lange Weile. die dann früher oder später zu Müdigkeit führte. Dann verzieht man sich in die Hängematte, oder in meinem Fall in die Kabine. Schafft man es dann kurz vor der Dämmerung nach draußen auf Deck zu kommen, dann hatte man vielleicht Glück, dass der Tropenregen nicht vom Himmel herunter prasselte, sondern die hoch aufgetürmten Gewitterzellen sich rechts und links des Amazonas austobten. Noch lange in den dunklen Abend hinein erhellten immer wieder Blitzsalven die Wolkenpakete, aber über dem Amazonas war es Sternen klar. Ich erkannte sogar das Sternbild des Orion und den großen Wagen. Zwar stand der Große Wagen auf dem Kopf, aber beide Sternbilder waren gut zu erkennen. 

Kurz vor dem Schlafengehen gab es noch einen Zwischenstopp. Dort wurden über einhundert Säcke abgeladen. Die Arbeitsteilung zwischen dem Entladepersonal war so, dass zwei Personen die Säcke auf den Kopf-Schulterbereich der Träger hoben. Der ca. 30/40 kg schwere Sack wurde dann zur Bordwand getragen und auf ein breites Brett "abgekippt" und rutschte danach das Brett hinunter. Unten angekommen wurde er gleich auf einen Karren verladen und abtransportiert. Das gesamte Unterdeck war voller Waren gestapelt. Auch auf dem Oberdeck wurden große Styroporbündel gelagert. Irgendwo am Fluss fanden alle Waren ihren Adressaten und auf dem Rückweg begann das gleiche Spiel wahrscheinlich von neuem, Einstapeln und auspacken, eine auf die Knochen gehende  Mordsarbeit, billig aber auch nicht so ganz gesund, bezahlt wird in Schweißtropfen und Gelenkabnutzung.

Der nächste Zwischenstopp am Morgen im Schein der aufgehenden Sonne in Santarem, einem mit 281.000 Einwohner sehr großen Marktflecken an der Mündung des Rio Tapajos in den Amazonas. Vorbei an der Skyline der Stadt und einer riesigen Verladestation für Soja fand die Clivia noch ein Fleckchen zwischen anderen Flussschiffen ihrer Art, um ihre Waren löschen zu können. Das bedeutete einen längeren Zwischenstopp als normal. Erst gute 4 h später legte die Clivia wieder ab. Eine gute Gelegenheit für die Passagiere den geschützten Hafenbereich zu verlassen und nach Einkaufsmöglichkeiten für die Ergänzung von Nahrungsmitteln und Getränken zu suchen. 

In Santarem geht man die zum Hafen führende Straße bis zur ersten  links abbiegenden Straße und folgt deren Verlauf. Schon kurze Zeit später steht man an der Hafenpromenade mitten im eifrigen Handelsgeschehen. Die Händler legen mit ihren Booten an der Hafenmole an und verkaufen ihre Frischwaren in kleinen davor liegenden Verkaufsständen oder gleich vom Boot herunter. Es gibt auch eine Markthalle direkt am Wasser. Dort wird der Arten reiche Frischfisch vor den Augen der zahlreichen Kundschaft ausgenommen und routiniert Pfannen oder Koch fertig vorbereitet. Am Vormittag herrschte Hochbetrieb, so dass auch ein weißer Reiher artiger Vogel einige Leckerbissen abbekam und immer wieder auf dem Geländer zur Flussseite hin herum tänzelte.

Auf der gegenüber liegenden Straßenseite fand sich ein weiterer sehr belebter Markt, der neben allerlei Gemüse- und Obstsorten, Kokos- und Paranüsse aber auch Wurzelgemüse wie Maniok und Süßkartoffeln anbot. Gewürze, Rinden, Tapioka und Parinha durften neben allerlei Waren des täglichen Bedarfs ebenso wenig fehlen. Das Treiben war so kunterbunt, wie ich es auf dieser Art örtlicher Märkte sehr gern habe, weil man an diesen Orten "mitten drin" ist.

Inzwischen waren wir zurück an der Anlegestelle der Clivia. Nach der Ticketkontrolle am Hafenposten und einer kleinen Wartepause durften wir das Hafentor passieren. Wenig später legte die Clivia wieder ab. Fuhren wir nicht in die falsche Richtung? Ach ja, Santarem liegt an der Mündung des Rio Tapajos. Dieser Fluss führt dunkleres Wasser heran und vor uns lag eine hell-dunkel Trennungslinie im Wasser. Es dauerte eine Weile, bis sich das hellere Wasser des Amazonas mit dem dunkleren Wasser vermischte.

Im Amazonasbecken unterscheidet man Weißwasserflüsse, Schwarzwasserflüsse und Klarwasserflüsse. Weißwasserflüsse (Farbe ist eher beige) wie der Solimoes oder der Madeira kommen aus den Anden und transportieren eine große Sedimentlast. Das Wasser ist nährstoffreich und unzählige Pflanzen- und Tierarten finden darin ihren Lebensraum. Schwarzwasserflüsse wie z. B. der Rio Negro oder der Rio Urubu führen das Wasser aus den nördlichen Einzugsgebieten zum Amazonas. Sie fließen durch geologisch wesentlich ältere Gesteinsschichten, wo die leicht verwitterbaren Sedimente schon längst herausgespült worden sind. Außerdem fließen sie langsamer und ihr Wasser ist wärmer. Pflanzen haben genügend Zeit zu verrotten. Bei diesem Prozess gelangen organische Säuren in das Flusswasser und färben es "teebraun"- Das besondere daran ist, dass dieses Wasser die Moskitolarven abtötet und deshalb weitaus weniger Quälgeister dieser Art unterwegs sind. Malariafälle und andere durch Mücken übertragbare Krankheiten kommen in Schwarzwassergebieten entsprechend seltener vor. Klarwasserflüsse transportieren weder große Mengen von geologisch jungen Sedimenten noch bilden sich große Mengen an organischen Säuren. Dazu gehört der eben beobachtete Rio Tapajos (Lonley Planet).

Nach einer anstrengenden Tour ist die Schifffahrt den Amazonas hinauf nach Manaus genau das richtige zu Chillen und ausspannen. Da ich aber keine richtig anstrengende Tour hinter mir hatte, wird es auch schnell etwas langweilig an Bord. Die bei Sonnenschein heiße Witterung ist dann nur im Schatten zu ertragen, in dem man so vor sich hin döst und vom Nichtsmachen müde wird. Nervt die ständig auf dem Oberdeck dudelnde brasilianische Musik all zu sehr, dann verzieht man sich in die Hängematte oder in meinem Fall in die klimatisierte Kabine und hat Mühe nicht ein zu schlafen. Am Nachmittag kommen sie dann alle wieder heraus gekrabbelt und die spanisch sprachige Fraktion der ausländischen Fahrgäste aus Argentinien, Venezuela, Kolumbien, Frankreich und Deutschland treffen sich dann auf der Schattenseite des Schiffes. Gibt es keinen Tropenregen dann kann man die großen Cumuluswolkensysteme rechts und links des Amazonas und Schiffs voraus einen prächtigen Sonnenuntergang bewundern. Auch nach dem Sonnenuntergang lädt das laue Lüftchen auf das Oberdeck ein, wenn der sternenklare Mond lose Himmel mit tausenden Lichtpunkten übersät ist. Hier und da huscht auch mal eine Sternschnuppe vorbei und man einen Wunsch frei.

Wieder ist ein Tag vollbracht und nichts gemacht. Ganz im Gegensatz zu Teilen der Crew, sehnen wir Fahrgäste uns nach etwas Abwechslung, wenn das Schiff in einen Hafen einer Stadt am Amazonas anläuft. Dann entsteht wie hier im Hafen von Parentins geschäftiges Treiben auf dem Unterdeck und der Hafenmole, denn die Ladeluken werden teilweise von ihrer Last befreit. Das bedeutet für das Pack- und Stapelpersonal Schwerstarbeit, wenn hunderte große und kleine, schwere oder leichte Kisten wie auf einem Förderband von Hand zu Hand wandern und auf den Lagerplatz oder gleich auf die LKW-Pritsche gelangen. Zieht dann bedrohlich eine gefährlich dunkle Regenwand heran, ist das zwar ärgerlich, aber es hebt niemanden so richtig an. Dann wird die große Plastikplane herausgeholt und über alles hinweg gezogen. Irgendwann ist auch der stärkste Tropenregen vorbei und es kann weiter gehen mit dem Entladen.

Paretins ist in Amazonien keine Unbekannte Größe, denn hier findet jährlich das Boi-Bumba-Festival statt. Dann kommen am letzte Juniwochenende tausende Party hungrige und feiern als gäbe es kein Morgen mehr. Im Mittelpunkt der Party im Zentrum der Stadt stehen die Blauen "Caprichoso" und die in rot gekleideten "Carandito". Schon längst werben die Reder und bieten ihre Schiffe an, denn die Hotels der Stadt sind schon lange ausgebucht. Aber für ein "Schnäppchen" kann man in der Hängematte über den Amazonas nach Parentins reisen und dort die Nächte zum Tag machen (Lonely Planet). Auf der Rückreise heißt es dann "Rasch ausschlafen", damit die neue Woche nicht gleich "Scheiße" anfängt.

Die letzte Etappe auf dem Weg nach Manaus steht an. Eigentlich glaubte ich, dass man bei dieser Bootsreise auf dem Amazonas wegen der gigantischen Ausmaße dieses Flusse nicht so viel vom Drumherum am Flusslauf mitbekommt. Klar man manchmal kaum das andere Ufer sehen, weil der Fluss so breit ist. Aber je weiter wir Strom aufwärts voran kamen, desto schmaler wurde auch der Hauptstrom. Außerdem fuhr das Boot immer in Ufernähe und man fuhr direkt an den Anwesen der Flussanrainer vorüber. Jetzt führte der Amazonas Hochwasser und der Besuch unter Nachbarn erfolgte im motorisierten Kleinwagen, ach Quatsch, natürlich im motorisierten Kleinboot. Die Häuser sind auf Pfählen gebaut, denn die Pegelstände zwischen Regenzeit und Trockenzeit schwanken erheblich.

Gegen Ende der Reise gibt es einige Meilen südlich von Manaus eine geographische Besonderheit zu beobachten. Zwar kann man diese Erscheinung an vielen Stellen in Amazonien finden, aber so krass und wie mit dem Linieal gezogen nur am Zusammenfluss zwischen Rio Solimoes und Rio Negro. Dort trifft das dunkle wärmere Wasser des Rio Negro auf das kältere hellere Wasser des Rio Solimoes. Das geht gar nicht! Die ersten 6 km fließen beide Ströme fein getrennt von einander, nebeneinander her, so als würden sie sich nicht kennen und auch nichts voneinander wissen wollen und "fass" mich bloss nicht an! Aber irgendwann "schmilzt jedes Eis" und die beiden beschließen, sich zu vermischen.  

Schon lange vor dem Zielhafen kündigt sich dieser an, denn Manaus ist mit 1,9 Mio Einwohnern die größte Metropole mitten im Urwald Amazoniens. Da Reihen sich Hafenanlagen und kommerzielle Komplexe aneinander, denn diese Stadt, die wie ein Fremdkörper in der "grünen Lunge" dieser Welt wirkt, kann von ozeantauglichen Schiffen ohne weiteres  angelaufen werden. So gesehen ist Manaus auch weit über 1500 km abseits jeglicher Küstenlinien mitten drin in einer globalisierten Welt.

Noch schnell ein paar Abschiedsfotos geschossen. Zum Beispiel mit Pedro und seinen beiden Brüdern. Dieser kleine spitzbübische drei jährige Brasilianer war der "Star" an Bord. Die Familie reist wegen der Großeltern im halbjährigen Wechsel von Belem nach Manaus und lebt dort ca. ein halbes Jahr. Pedros Mutti wird in wenigen Monaten ihr viertes Kind zur Welt bringen, vielleicht bekommt er ja ein kleines Schwesterchen und sein Vater wird in wenigen Tagen auch in Manaus eintreffen. Natürlich wollte ich mich unbedingt auch mit einer brasilianischen "Schönheitskönigin" an Bord ablichten lassen. Die brasilianische Frau im Allgemeinen legt sehr viel Wert auf ihr Äußeres Erscheinungsbild auch wenn man nicht immer die figürlichen Proportionen im Blick hat, denn die Überkalorienproduktion einer "Wohlstandsgesellschaft" kommen immer häufiger auf den Hüten der Brasilianer/innen an. Bei einigen Damen an Bord uferte das jedoch etwas aus, da mussten die Fingernägel innerhalb eines Tages doch noch einmal umlackiert werden. Gelegentlich gilt das auch für die Herren. Das gehobene Schiffspersonal hatte zur Feier des Tages sogar den weißen Zwirn angelegt und stahl damit manch einer Dame die Schau. Auch die internationale Fahrgastfraktion fand sich noch zu einem Gruppenfoto zusammen. 

Dann hieß es Sachen fassen, denn die Clivia hatte am "Schwimmenden Hafen" von Manaus die Leinen geworfen und festgemacht. Dieser galt bei seiner Einweihung im Jahre 1902 als wahres "Wunderwerk der Technik", denn es konnten 15 Meter schwankende Pegelstände des Rio Negro ausgeglichen werden. Steigt der Pegel der Mulde in Grimma um 15 Meter, denn schauen nur noch die Spitzen der Frauenkirche heraus.

Mein Anspruch ist es immer das Hostel am neuen Ort aus eigener Kraft zu erreichen. So stürzte ich mich auch vom Porto Flutante hinein in das großstädtische Treiben. Ich mag das ja nicht unbedingt, aber so lange meine Stadtplantauglichkeit gegen Null tendierte war es eine Möglichkeit sicher und preiswert das Hostel zu erreichen. Nach 30 Minuten hatte ich die Marca 72 erreicht. Aber das Grundstück war verriegelt und Verrammelt. Auch die Nachfrage bei einer Passantin brachte keine Lösung. Und was nun, einmal rastlos im Kreise gedreht, entdeckte ich ein Logo an der Hauswand auf der gegenüber liegenden Seite der Straßenkreuzung. Gab es die Nummer 72 etwa zwei mal?

12.- 18. 5. 2015 - Im Herzen Amazoniens

Im Local Hostel Manaus war ich für die kommenden Tage erst einmal gut aufgehoben. Reichlich frühstück gab es im Hostel, das reichte für den Anfang und über den Tag ließ sich sicher die eine oder andere Leckerei als Snack zwischendurch finden. Da es im Hostel eine kleine Küche gab, machte ich mir keine Sorgen darüber eventuell Hunger zu leiden. 

Am Abend ging ich noch zum Theaterplatz 2-3 Steinwürfe von meinem Hostel entfernt. Dort kam ich dann so richtig ins staunen. Mitten im Urwald eine Millionenmetropole und diese Stadt hatte eine Oper aufzubieten, die jeder Europäischen Stadt mit reichem kulturellem Erbe sehr gut zu Gesicht stehen würde. Dem musste ich mal auf den Grund gehen. 

Die Oper würde mir nicht davon laufen, so dass ich erstmal meine Hausaufgaben machen konnte. Die bestanden darin, sich mal nach Touren in den Regenwald um zu schauen. Der Reise3führer warnt in Manaus vor Schleppern, die einen anfänglich in ein unverfängliches Gespräch vermitteln und am Ende ganz zufällig jemanden kennen, der das allerbeste beste Urwaldabenteuer zu einem unschlagbar günstigen Preis anbietet. Ohne Preis- und Angebotsvergleiche - Stopp. Ich wollte kein 0815-Angebot, deshalb ging ich selbst zu einigen alteingesessenen Touranbietern und ließ mich nicht dahin schleppen. Im Büro von Indian Tourismo konnte ich keinen erreichen. Die von Indios geführte Agentur war trotz mehrerer Versuche stets unbesetzt. der nächste Veranstalter wollte für 2Tage/1 Nacht incl. Transport ab/an Hostel, Verpflegung, Urwaldtrekking, Piranha-Fischen, Kaimansuche und Übernachtung 400,- Rias. Das Hostel konnte über einen anderen Touranbieter das gleiche Programm zu einem etwas günstigeren Preis anbieten. In dessen Broschüre fand ich eine Tagestourbeschreibung die mich so richtig interessierte. Klettern auf einen 40/50 m hohen Urwaldriesen und schwimmen mit den rosa Amazonasdelphinen. Der Preis ließ mich aufhorchen: 2 Personen je 595,- Rias .....6 Personen je 395,- Rias. Ich war alleine, wo sollte ich 5 weitere Interessenten her nehmen? Ich fragte trotzdem nach. Nach einem Anruf des Hostelpersonal beim Touranbieter bekam ich die Auskunft, dass diese Tour in den nächsten Tagen nicht angeboten würde und ich müsste noch eine zweite Person finden, damit es überhaupt los gehen konnte. Da war sie dahin meine Chance auf ein echtes Abenteuer im Primärwald Amazoniens. Auch wenn der Preis für eine Tagestour gigantisch hoch war, weniger für ein Standartangebot wollte ich nun auch nicht mehr ausgeben. Wo alle Touristen Tag täglich hingeschleppt werden, wo wahrscheinlich überhaupt keine Piranhas mehr an die Angel gehen, Kaimane vielleicht in Gehegen gehalten werden, um sie den Touris des Nachts effektvoll zu presentieren, es auf ausgetretenen Pfaden durch "unberührten Urwald" ging - ich war jetzt bockig und wollte keinen einzigen Rias mehr dafür ausgeben. Beschäftige ich mich eben mehr mit der Stadt und ihren Menschen.

Ich hatte aber noch eine zweite Hausaufgabe zu erledigen, denn ich musste mir ernsthaft Gedanken über die "Zeit danach" machen. Der Countdown für meinen Besuch in Südamerika lief unaufhörlich herunter. In wenigen Tagen würde ich von Manus nach Miami (USA) fliegen. Dort hatte ich fast zwei Monate Zeit um nach Vancouver (Kanada) zu gelangen. Die zur Verfügung stehende Zeit reichte wahrscheinlich um große Strecken des Weges zu Fuss zurück zu legen, wäre da nicht mein "Klapps" einige Nationalparks der USA im mittleren Westen und Westen zu besuchen. Aus einer früheren Reise wusste ich, dass in einem us-Gebiet wo Nationalpark "dran stand" auch Nationalpark "drin" war. Final musste ich mir dazu Gedanken machen, wie ich wo hinkomme. Zwischenstopps gewählt, Flüge und Mietwagen heraussuchen und Preise vergleichen. 

Bei einem meiner kurzen Stadtgänge hatte ich zwei der Argentinier wieder getroffen, die ebenfalls von Belem nach Manaus auf der Clivia dabei waren. Sie gaben mir den Tipp, dass es am Abend einen Kosten losen Eintritt in die Oper gab. Was bedeutete das? Gab es eine kostenlose Führung oder eine kostenlose Musikveranstaltung? Ich wusste, dass es Ende April/Anfang Mai jedes Jahr ein Opernfestival mit Aufführungen im Teatro Amazonas gab. Sollte diese Veranstaltung noch dazu gehören? Ich wollte es herausfinden und begab mich nach Einbruch der Dunkelheit zum Theaterplatz. Tatsächlich, die Schlange vor dem Eingang zur Oper wuchs unaufhörlich an. Als sich dann die Türen öffneten konnten alle Interessierten ohne Ticket das Haus betreten, im Parkett und auf den Rängen Platz nehmen. Ich konnte es nicht glauben und hielt es zuvor für unmöglich. Ich saß freiwillig in einem reich und schmuckvoll ausgestatteten Opernhaus mitten in Amazonien, wo auch schon die Schönen und Reichen dieser Welt die Klinken in die Hand nahmen. Das anschließende Jazz-Konzert geriet neben dieser Tatsache fast zur Nebensächlichkeit.

Ende des vorletzten und zu Beginn des letzten Jahrhunderts verdienten einige Leute in Manaus richtig viel Geld. Das Naturprodukt Kautschuk stand nur begrenzt zur Verfügung. Der Naturkautschuk wurde in den Urwäldern rund um Manaus von den Kautschukbäumen (Hevea brasiliensis)  abgezapft. Man besaß das Monopol zur Natur-Kautschukproduktion. Er wurde auf dem Weltmarkt war verrückt nach Kautschuk, so dass er mit "Gold" aufgewogen. Einige "Kautschuk-Barone" hatten sehr hohe kulturelle Ansprüche und nahmen etwas Kleingeld in die Hand. Architekten, Dekorateure und Baumaterialen wurden aus Europa angeheuert und nach Manaus gebracht. Heraus kam ein Theaterhaus wie aus dem Bilderbuch (Lonley Planet).

Am nächsten Tag wurde es dann ernst. Ich musste meine Überlegungen für den Aufenthalt in den USA zum Abschluss bringen die Flüge und die Mietfahrzeuge buchen, damit es später keine bösen  Überraschungen geben sollte, musste alles nahtlos zueinander passen. Da zahlt sich Pinglichkeit schon mal aus. Alle nötigen Buchungen erledigt, viele Euros gingen online über den Ladentisch, Manaus ich komme.

Nun hatte ich Zeit und Luft, meine Aufmerksamkeit konnte ich nun Manaus widmen. Den Markt hatte ich durch Zufall schon einmal ausfindig gemacht. Nun konnte ich durch diesen Stromern und mich dem Marktreiben widmen. Es ist zu schön die Leute bei ihrer Arbeit und beim Einkaufen zu beobachten. Da wurden Tischtennisball große Minikokosnüsse von ihrer dünnen aber festen Schale befreit. Danach schälte man eine 1/2 mm dicke Schicht Fruchtfleisch (essbares Gewebe anders als bei richtigen großen Kokosnüssen, wo die Kokosnuss in einem dicken Fasergewebe steckt) herunter. Dann kam schon die Stein harte Schale der Minikokosnuss. Das Fruchtfleisch konnte man kaufen und verspeisen. Oder man kaufte die gesamte Minikokosnuss, hatte aber noch die Arbeit mit dem Schälen. Das Ganze war nicht gerade billig und schmeckte mir noch nicht einmal. Hier scheint es eine Delikatesse zu sein. Oder Wassermelonen wurden abgeladen und erreichten auf dem Menschenhandwurf- und Fangförderband ihren neuen Lagerplatz über etliche Stationen. Dabei hatte die vorhergehende Wassermelone kaum die Hände des Werfers verlassen, flog schon die nächste heran. Ein kleiner Fehler in dieser Wurfkette und es gab Wassermelonen-Salat. Interessant auch, wie sicher die Schnitte geführt wurden um die vielen verschiedenen Fischarten aus zu nehmen, zu filetieren, koch- oder grillfertig dem Kunden auf zu bereiten. 

Draußen in den Geschäftsstraßen ging es weiter mit dem Verkaufen und Kaufen, denn die Straßen   waren voller großer und kleiner Läden. Von diesem Stadtbummel kam ich erst am späten Nachmittag wieder über den Theaterplatz. Dort wurden gerade Stühle aufgestellt und eine Band baute ihre Tontechnik zusammen. Da schien noch etwas zu passieren an diesem Vorabend zum Himmelfahrtstag.

Frisch geduscht stand ich wieder auf dem Theaterplatz und am anderen Ende "stapelten" sich die Menschen um die Kirche. Offensichtlich wurde die Messe vor der Kirche abgehalten, denn wenig später wurde eine Heiligenfigur durch die Menge gefahren und die Menschen schlossen sich mit Kerzen in der Hand an. Alles begleitet von lauter Musik und Gesang vom mit Lautsprechern bestückten LKW und noch lauteren Böllern. Als dieser Prozessionszug den Platz verlassen hatte, begann auf der anderen Seite des Theaterplatzes das Openair Konzert einer Band. Am Vorfeiertagsabend ging ja richtig was los in Manaus. Es dauerte nicht sehr lange, da hatte die Band den Publikummix aus jung und "Mittelalter" auf ihre Seite gebracht, denn rings um mich herum "zappelten" die Hüften und Beine. Später wurde ich durch eine Brasilianerin zum Mittanzen animiert. 

Es ist nicht so ganz einfach zum Museo do Seringal Vila Paraiso zu gelangen. Zuerst mit dem Linienbus Richtung Ponta Negra bis zur Endhaltestelle. Dann ein kurzer Fußmarsch zur Marina Davi. Dort auf ein Boot warten und mit diesem den Rio Negro Strom aufwärts bis zum Kautschukmuseum fahren. Dieses ist an der Vila Paraiso, dem ehemaligen Wohnsitzes eines ehemaligen Kautschukbarons eingerichtet worden. Dort angekommen, wird man gleich zu einer Führung durch die Vila Paraiso eingeladen. Das Haus zeigte von außen betrachtet keinen besonderen Prunk. Aber im Inneren stapelten sich die Einrichtungsgegenstände aus aller Herren Länder. So schmückten prunkvolle Vasen aus China, Japan oder Portugal das Wohnzimmer, genauso wie die Wanduhr aus Bosten mit einem Schweizer Uhrwerk. Auch ein Klavier aus deutscher Produktion gehörte zur Einrichtung. Dieser Reichtum fußte auf der Tatsache, dass die Welt in der Zeit des Kautschukbooms nach diesem Naturgummi lechzte. Bis dahin war es ein langer Weg, denn die hervorragenden Eigenschaften von Naturkautschuk waren zwar schon sehr lange bekannt. Allerdings besaßen Naturkautschukprodukte einen unangenehmen Geruch und waren nicht resistent gegenüber Wärme (weichten auf) oder Kälte (wurden brüchig). 1839 beobachtete Charles Nelson Goodyear bei einem seiner vielen Versuche ein Trocknungsmittel (sollte das klebrig werden von Naturkautschukprodukten verhindern) zu finden, das die Erhitzung von Naturkautschuk mit Schwefel zu einem Produkt führte, welches dem Naturprodukt weit überlegen war. Mit dem Verfahren der Vulcanisation hatte er die Kautschukindustrie revolutioniert. Mit diesem Verfahren konnte Naturkautschuk vom plastischen in den elastischen Zustand gebracht werden.

Um schnell an große Mengen Naturkautschuk heran zu kommen, hatte man in Panama und Kolumbien die Kautschukbäume gefällt und damit quasi ausgerottet. Nur noch in Amazonien gab es den Kautschukbaum Hevea Brasiliensis, dem die Kautschukzapfer im Urwald den begehrten Saft (ähnlich der Harzgewinnung in den heimischen Wäldern) ab zapften. Keine leichte Arbeit in einer sehr schwierigen Umgebung. Schwül-heißes Urwaldklima, nicht gerade leistungsförderlich, Malaria, Gelbfieber, Jaguare und Giftschlangen bedrohten ständig das Leben der Kautschukzapfer. Mit dem Einsammeln des Naturlatex war die Arbeit jedoch noch nicht getan. Über einem qualmenden Holzfeuer wurde die Latexmilch wie bei der Baumkuchenherstellung darüber gegossen, bis ein ca. 15 kg schwerer Ballen entstand. Dazu benötigten die Kautschukzapfer eine ganze Woche.

Die Brasilianer hatten mit ihren riesigen Beständen der Hevea Brasiliensis in Amozonien das Kautschukmonopol. Der Kautschukpreis stieg in austronomische Höhen, da die Produktionsmenge immer weiter hinter dem Bedarf zurück fiel. Die Brasilianer taten alles, damit dies auch so bliebe und verhängten hohe Strafen gegen Verstöße Samen oder Schößlinge der Hevea Brasiliensis außer Landes zu schaffen. Am 14. 6. 1876 gelang es dem Engländer Henry Wickham durch glückliche Umstände die brasilianische Zollblockade zu umgehen und brachte 70.000 Samen nach England. 2.400 dieser Samen keimten auch. 1.910 dieser Schößlinge wurden später größtenteils in Ceylon und kleinere Mengen in Burma, Java und Singapur gepflanzt. Aber erst nach 1904, als die Teepreise in den Keller stürzten, die Erlöse für Kaffee, Reis und Zuckerrohr kaum die Erntekosten deckten, setzte sich der Plantagenkautschuk als Gewinn bringendes Naturprodukt durch, neue Plantagen entstanden, so dass sich das Missverhältnis zwischen Produktionsmenge und Bedarfsmenge erstmals 1911 umkehrte und 1914 der asiatische Plantagenkautschuk 59% des Welthandels ausmachte. Nach dem ersten Weltkrieg versank der brasilianische Naturkautschuk in der Bedeutungslosigkeit.

Wir durften auch mal mit dem Finger in die Latexmilch des Zapfbehälters eintunken. Diese wurde dann auf der Handfläche in einer Kreisbewegung breit gezogen. Nach einer kurzen Zeit der Trocknung konnte man mit einem Finger der anderen Hand darüber rubbeln und es entstand eine kleine elastsiche Kugel. Diese besitzt eine hohe Abreibefähigkeit. 1770 entdeckte man durch Zufall das diese Abreibefähigkeit Bleistiftstriche von Papier entfernte, ohne das Papier zu beschädigen. Schon zwei Jahre später tauchten in London und Paris Würfel aus Kautschuk auf und die englische Bezeichnung "Rubber" für Kautschuk/Gummi stammt somit aus der Zeit der ersten Radiergummis (www.ahauser.de).  

Wieder zurück von diesem Ausflug in die "Goldenen Jahre" fuhr ich am späten Nachmittag zum Bahia Ponta Negra. Dieser breite öffentliche Sandstrand sollte ein guter Platz für Sonnenuntergänge in Amazonien sein. Da ich den Berufsverkehr nicht beachtete, sah ich leider nur die Sonne, im überfüllten Bus sitzend, untergehen. Am Strand und der angrenzenden Flaniermeile war noch allerhand los. Viele Leute genossen noch den lauen Abend. Junge Leute verteilten kleine Prospekte mit einem kleinen Bonbongeschenk. An Hand der Illustrationen konnte ich erkennen, dass es um Moskitos der Aedes-Art ging. Diese Art ist für die Verbreitung des Dengue-Fiebers verantwortlich und schien in Manaus ein zunehmendes Problem zu sein. Unter Flutlicht gab es auch noch Beachsoccer am Strand und die Beachvolleyballer beschallten ihren Court gleich mit großen Lautsprecherboxen.

Wieder zurück im Stadtzentrum ging Ivaneia, die Brasilianerin die mich Tage zuvor zum Mittanzen beim Openair Konzert auf dem Theaterplatz zum Mittanzen animierte, mit mir zu einer Veranstaltung, wo Pagode-Musik gespielt werden sollte. Der Laden war aber geschlossen, deshalb stoppten wir auf dem Weg zum Hostel an der Straßenbar "Caldeira". Hier ging ganz schön die Post ab. Die Musiker saßen an der Hauswand und mischten die Gästeschar mit ihren Rhythmusinstrumenten gehörig auf. Die Hüften schwangen im Takt der Musik als gäbe es kein Morgen mehr. Da sah ich mit einer ordentlichen korrekten aber eher "steifen" deutschen Hüfte ausgestattet ziemlich "alt" aus und konnte dem Rhythmus der Nonstopp-Musik nur Ansatzweise folgen. Mir fehlten mal wieder die Basics. Die Brasilianer/innen haben definitiv ein anderes Gen in ihre Hüften eingebaut bekommen. Obwohl sehr niederschmetternd, war es sehr interessant das Ganze zu beobachten, denn allerlei "schräge Typen" tummelten sich in diesem Treiben. So gab ein älterer Mann seine eigenwillig kreierte Tanzperformance als Solist ab. Eine Dame stellte ihr Bierglas oder die Bierflasche auf den Kopf und tanzte im Takt der Musik, ohne dass das Glas oder die Flasche herunter fielen. Ich bin in den kommenden Tagen immer mal wieder an dieser Bar vorbei gegangen. Freitag, Samstag, Sonntag das gleiche Bild. Schon am Nachmittag schallte Livemusik aus dem Lokal und nach Einbruch der Dunkelheit wurde die Partyzone auf die angrenzende Straße ausgedehnt. Feiern können die Brasilianer/innen, dass muss man ihnen lassen.

Die Stadtgänge wurden langsam immer länger, je besser ich mich aus zu kennen begann. In dem modernen klimatisierten Kaufhaus "Ponta Negra" fror ich in meiner kurzen Bekleidung wie ein "Schneider", so dass ich mich dort nicht sehr lange aufhielt. Obwohl das schwül-heiße Tropenklima auch kein optimales Klima für mich ist, zog ich es in diesem Falle vor zu schwitzen, statt mit den Zähnen zu klappern. 

Manaus war 2014 Austragungsort der Fußball-WM. Kein leichtes Los für alle Teams die in diesem Tropenklima ihre Spiele austragen mussten. Das Stadiongelände war verriegelt und verrammelt. Es gab keine Möglichkeit näher heran oder gar hinein zu gelangen.

Am letzten Tag knöpfte ich mir den kleinen Zoo vor, bevor ich mich am Abend noch einmal mit Ivaneia auf dem Theaterplatz traf. Diesmal hatte ich sie eingeladen und wir verspeisten in einem kleinen Lokal am Theaterplatz eine Rio Solimoes-Rio Negro-Amazonas-Fisch-Delikatesse. Natürlich war die Kommunikation wieder schwierig. Sie sprach kein Wort englisch und ich kein Wort portugiesisch. Beide hatten wir ein miserables spanisch, wobei es zwischen spanisch und portugiesisch viele Ähnlichkeiten gibt, jedenfalls weitaus mehr als zwischen deutsch und spanisch. Aber wir machten aus der Not eine Tugend und brachten uns gegenseitig die Vokabeln für Teller, Tasse, Messer, Gabel, Löffel, ... in portugiesisch, deutsch, spanisch und englisch bei. Da geriet der leckere Fisch fast zur Nebensache. 

Meine Zeit in Südamerika war abgelaufen und der letzte Flug meines South-America-Tickets von ONEWORLD stand an, ein Transkontinentalflug mit der TAM-Airline von Manaus nach Maimi.

19. -23. 5. 2015 - Ich bin wieder auf der heimischen nördlichen Erdhalbkugel

Ich war also wieder auf die heimische Erdhalbkugel zurück gekehrt. Das Wasser drehte sich nun wieder entgegen dem Uhrzeigersinn in den Abfluss hinein, die Mondphasen sind nicht mehr spiegelverkehrt. Die Sonne nimmt ihren Tagesgang nicht mehr von Osten über Norden nach Westen. Ach, wie hatte ich diese alten Gewohnheiten doch in den letzten Monaten auf der Südhalbkugel vermisst.

Die Tür stand offen für das nächste Abenteuer. Fast zwei Monate wollte ich nun durch einen Teil der USA tingeln und mir einige Nationalparks genauer unter die Lupe nehmen. Einen ungefähren Plan hatte ich schon, denn meine Zwischenstopps auf dem Weg nach Vancouver hatte ich mit Las Vegas und Portland schon durch Flugbuchungen terminiert. Den Anfang wollte ich jedoch in Florida machen. Den Airport in Miami kannte ich schon und es ist dort alles easy organisiert. Ob man nun nach Miami Beach wollte oder zu den Autovermietern. Alamo war der Autovermieter meiner Wahl, alles lief reibungslos bei den Formalitäten ab und ich konnte mir sogar aus einer Reihe von 9/10 Kleinwagen ein beliebiges aussuchen. Da viel mir zunächst nicht so ganz leicht und dauerte eine Weile. Schließlich entschied ich mich für einen Hundai, verstaute mein Reisegepäck im Fahrzeug und ging noch einmal zu den Schaltern der Mietwagenfirmen, denn ich hatte keinen blassen Schimmer wohin ich fahren musste, wenn ich das Gebäude verlassen hatte. Wohin ich wollte wusste ich, aber welche Straßen musste ich nehmen? Leider war keine Straßenkarte von Florida aufzutreiben und ich stürzte mich gen Mitternacht in die Stadt Miami. 

Mit meiner kleinen Stadtplanapp auf dem iPad fand ich mich dann einige Straßen später schon mal auf dem richtigen Weg wieder. K-Mart und Co. sei dank, dass sie noch nach Mitternacht ihre Pforten geöffnet hatten und ich meine Selbstverpflegung der nächsten Tage sicherstellen konnte. Irgendwo fand ich dann auch noch ein ruhiges Fleckchen um mich endlich zur Nacht betten zu können.
Am nächsten Morgen folgte ich der Straße weiter nach Süden und stoppte am Rande der Stadt an einer riesigen Mall. Dort sollte es doch möglich sein, eine kleine Straßenkarte von Florida zu bekommen. Nicht in den Riesenstores hatte ich Erfolg, sondern ein Tankwart kramte aus der untersten Schublade noch eine Streetmap hervor. Meine Orientierung für die Weiterreise stand nun auf sicheren Füssen. 

Eine lange Inselkette, die Florida Key`s standen zu erst auf meinem  Besuchsprogramm, denn ich wollte etwas Karibikfeeling genießen. Diese Inselkette schiebt sich weit in den Golf von Mexiko hinein und kann über den Florida Key`s Scenic Highway 1 erreicht werden. Die Inseln sind über Brücken und Dämme miteinander verbunden und präsentierten sich mir als absolute Urlaubsregion. Rechts und links des Highway reihten sich, Resorts, Marinas, Restaurants, Boot- und Kajakvermieter und Verkaufläden einer unendlichen Perlenschnur gleich, auf. Es gab zunächst praktisch kaum Möglichkeiten mal ins karibische Wasser zu fassen. Je näher ich dem Ende des Highway 1 kam desto häufiger gab es besonders an Brücken auch mal eine Haltebucht, wo man ans Wasser heran kam. Auch zwei State Parks lagen am Weg. Dort muss man aber Eintritt bezahlen, da man gepflegte Anlagen vorfindet. Es gab sogar kurz hinter der 7-Mile-Bridge einen Park für Veteranen. Ein kleiner Strand, WC und Sitzgelegenheiten im Schatten. Dieser Ort konnte noch einmal interessant werden für mich.

Die Sonne brannte gnadenlos vom Wolken losen Himmel herunter. Der beste Ort war im fahrenden PKW bei laufender Klimaanlage. Am frühen Nachmittag erreichte ich Key West, die südlichste Stadt der USA - Home of the Sunset. Naja, das stimmt nicht ganz. Betrachtet man das aus der Sicht der "Lower 48" (zusammenhängenden 48 US Bundesstaaten) dann stimmt es schon. Allerdings gibt es noch den Bundesstaat Hawaii im Pazifik. Key West ist eine Urlaubsdestination und deshalb ist an den interessanten Punkten kein preiswerter Parkplatz zu bekommen. 15,- US$ für 3 Stunden und 20,- US$ für die Tageskarte. Das ist schon ziemlich happig, war aber nicht zu umgehen, denn ich wollte ja den Sonnenuntergang in der "Heimat des Sonnenunterganges" erleben. Im Ort selbst gab es ziemlich viel touristischen Schnickschnack. Angefangen von den vielen Verkaufsshops über die vielen Bar´s mit Livemusik bis hin zu Imbissbuden, Restaurants, Hotels und Bootstouranbietern und einer Hafenmole. Aber es gab auch noch den "Southern most Point", den südlichste Punkt der USA (kontinental). Dem entsprechend war der Andrang groß und es ging beim Fotoshooting schön der Reihe nach. Interessant an diesem Punkt ist der Hinweis auf die Entfernung nach Kuba. Ich bin mir ziemlich sicher, dass in nicht all zu ferner Zukunft die Amis von diesem Punkt aus, mit Schlauchbooten und einer Monte Christo-Zigarre im Mund die 90 Meilen nach Kuba hinüber rudern werden. Barack Obama und Raul Castro haben sich schon mal auf dem letzten Südamerikagipfel (2015) die Hand gereicht. 

Auch beim Sonnenuntergang herrschte viel Andrang an der Hafenmole und ab und an präsentierten Kleinkünstler ihr Programm und sorgten mit Spaß und Adrenalinausschüttung für Abwechslung.

Für mich gab es in dieser Stadt keine Bleibe, denn überall war Overnight Parking und Camping verboten. Ich entschloss mich ca. 35 Meilen zum Veteranenstrand zurück zu fahren. Dort war das Overnigth Parking zwar auch verboten. Ich hoffte trotzdem den Rest der Nacht dort unbehelligt verbringen zu können. Dort angekommen parkte ich mein Fahrzeug hinter einem Baufahrzeug. Dort war es nicht gleich von Jedem, der einen "illegalen Penner" finden wollte, zu entdecken. Auch die Nächte bringen im Sommer keine Abkühlung, aber wenigstens klopfte man mich nicht des Nachts heraus.

Ich verbrachte den Tag und die anschließende Nacht im Schatten sitzend, im Wasser liegend oder schlafend im PKW. Alles andere wäre bei dieser Hitze viel zu anstrengend gewesen. Ach ja, ich war ja auf Nationalparktour und in Florida wollte ich den Anfang machen. Mit dem 1964 eingerichteten Everglades NP stand auch der größte Nationalpark östlich der Rocky Mountains zur Verfügung. Also, auf, auf und zurück zum Festland.

Von Florida City erreicht man nach einigen Meilen einen Eingang in diesen Nationalpark. Da ich noch weitere Nationalparks besuchen wollte, erwarb ich für 80,- US$ den "Anuel Pass" mit einjähriger Gültigkeitsdauer für alle Nationalparks der USA. Diese Investition sollte sich lohnen und in den nächsten Wochen mehr als amortisieren. Auf der Meilen langen Fahrt bis Flamingo gab es immer wieder kleine Trails die in die Besonderheiten der Fauna und Flora einführten. Da ich kein Boot dabei hatte, konnte ich die Trails zu Wasser nicht machen. Ansonsten gibt es tolle Möglichkeiten das Backcountry des Nationalparks mit dem Kanu oder Kajak auf eigene Faust zu erkunden und Tagelang in den Everglades zu verschwinden. Allerdings sind die Sommermonate keine gute Zeit dafür, wie sich später noch herausstellen sollte. Am Nine Mile Trail wo die Nationalparkbehörde sogar kostenlose Kanus zur Verfügung stellte, war der Wasserweg wegen der aktuell laufenden Brutzeit der Amerikanischen Krokodile und Kaimane aus Sicherheitsgründen noch gesperrt, da diese Tiere dann sehr aggressiv werden können, wenn man ihren Nestern zu nahe kommt. In Flamingo, dem Ende der Straße, konnte man Bootstouren in die Florida Bay oder den Mangrovenwald (mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit Krokodile oder Kaimane zu sichten) buchen. Auch Privatleute konnten an diesem kleinen Hafen ihr Boot an der Bootsrampe zu Wasser lassen und zu Angeltouren aufbrechen.

In den Wintemonaten Dezember bis März ist es wahrscheinlich besser den Campingplatz im voraus zu buchen, denn dann kommen die meisten Besuchen in den Park. Jetzt ist es "schweine-heiß" und die Mosquitos und andere Beiß- und Stechinsekten fressen einen auf oder bringen dich um den Verstand. Die Zeltplätze in Flamingo sind entweder teilweise geschlossen oder es herrscht gähnende Leere. Aber dafür sind sie jetzt kostenlos. Das Flamingo Mosquito Meter hat folgende aufsteigende Skala: enjoyable/bearable/unpleasant/horrible/hysterical. Die "Alteingesessenen" Flamingoaner würden sagen, when the "skeets" where bad (wenn die Mosquitos all zu böse zu dir sind): "you can swing a pint cup in the air and get a quart of mosquitos!" (Du kannst einen Pint Cup durch die Luft schwingen und bekommst ihn viertel voll mit Mosquitos). Universitätswissenschaftler und das US Militär habe Flamingo als Testort für Mosquitoschutzmittel festgelegt. Unter diesen Umständen flüchte ich nach einer kostenlosen Nacht auf dem Campingplatz in Flamingo freiwillig aus dieser Mosquitohölle. Dabei dachte ich immer, ich kann mit Mosquitos umgehen, denn in Lappland bin ich jeweils ganz gut mit den Plagegeistern klar gekommen. Aber Flamingo im Sommer - das geht gar nicht.

24. 5. 2015 - Hinein ins rotbunte "Herz" der United States of America

Der nächste Flug stand an, ich wollte in den mittleren Westen der USA, denn dort gibt es eine ganze Reihe sehr sehenswerter Nationalparks, die zwar meistens weit von einander entfernt liegen, aber mit etwas Zeit im Gepäck durchaus mit etwas "Meilen-Schruppen" im PKW erreichbar sind. Ein guter Ausgangspunkt ist Las Vegas. Ein großer Flughafen bietet eine sehr gute Anbindung und einen Leihwagen konnte ich dort leicht bekommen.

Am Vortag zum Memorial Day reiste ich am Mccarren Intl. Airport in Las Vegas an. Mit dem kostenlosen Busshuttle ging es nahtlos zum Car Rantal Center. Beim Autovermieter ging die Abwicklung zügig voran, so dass ich mir bald aus einer langen Reihe von Mittelklasse-Wagen wieder einen aussuchen konnte. Diesmal hatte ich eine größere Kategorie gewählt, da ich gute 5 Wochen unterwegs sein wollte. Meine Wahl fiel ziemlich rasch auf deinen VW Passat. Er war weiß (gut da diese Farbe die Sonnenstrahlen besser reflektiert), hatte nur etwas mehr als 2300 Meilen auf dem "Buckel" (damit war die Wahrscheinlichkeit von größeren Defekten nicht so hoch) und er war auch groß genug, um beim Pennen im Auto nicht gleich an eine Ölsardinenbüchse zu denken. 1. Problem: Mit dem ich klar kommen musste, der Vermieter bot keine Straßenkarte von Las Vegas und der Region an. 2. Problem: Konnte ich am Sonntag und Vortag zu einem Feiertag noch Vorräte für die nächsten Tage einkaufen? Beides zusammen führte zunächst zu einer Irrfahrt durch Las Vegas, auf der Suche nach einem Foodmarket. Hurra eine große Mall tauchte am Straßenrand auf und es herrschte Hochbetrieb. Das bedeutete die Geschäfte hatten am Sonntag geöffnet. Ich bin die Mall hoch und runter, kein einziger Laden, wo man hätte Lebensmittel einkaufen konnte. Dafür kaufte ich mir erst einmal einen stylischen Hut um die zu erwartenden Sonnenstrahlen bei den Wanderungen der nächsten Wochen von meinem Haupt etwas zu verbannen. Doch das Hauptproblem, was sich jetzt schon in meinem Magen bemerkbar machte, Lebensmittelvorräte kaufen, war nicht gelöst.  

Ich hatte mich schon dafür entschieden über Norden zum südöstlich von Las Vegas gelegenen South Rim des Grand Canyons zu fahren. Der Weg war zwar länger, bot aber den Vorteil, dass ich bei der Hin- und Rückfahrt zweimal dicht genug an "The Wave" vorüber kam und ich mir deshalb größere Chancen ausrechnete, diese geologische Besonderheit sehen zu können. Das Permit (Wegerlaubnis) kostet zwar einige Dollar, aber man kann es für kein Geld der Welt kaufen. Die Verwirrung in eurem Kopf löse ich später auf.

Also weiter in nördlicher Richtung auf der Suche nach einer Einkaufsmöglichkeit für Lebensmittel. Was liegt da nicht näher erst einmal den "Stripe", das Herzstück von Las Vegas, wo die Spielerherzen höher schlagen und sich riesige Casinoanlagen, wie z. B. das Belagio, New York, Paris, Thrasure Island oder Win wie Perlen an einer Schur an einander reihen. Da konnte man "Mein Haus", "Mein Auto", "Mein Pferd" gewinnen und noch viel schneller wieder los werden. Das hob ich mir auf für den letzten Abend. 

Nach der "Stripe-Durchfahrung" ging meine Irrfahrt durch die Nebenstraßen von Las Vegas weiter. Ich hatte zwar einen Stadtplan auf meinem iPad, an dem ich mich etwas orientieren konnte, aber Einkaufsmöglichkeiten für Lebensmittel waren darin nicht eingetragen. Und wenn man schon glaubt auf dem "Holzweg" zu sein da kommt der Herr "Zufall" des Weges und weist die Richtung. Die "Zörnesröte" wich aus meinem Gesicht und die Gesichtszüge glätteten sich, denn mein Überleben war in den nächsten Tagen gesichert.

Ok, jetzt musste ich nur noch die richtige Ausfahrt, die Interstate 15 nach Salt Lake City treffen um den Hauptverkehr der City erst einmal hinter mir zu lassen. Auf der Interstate war ich dann schon mal, aber 2x wählte ich die falsche Spur, so dass an dem Straßengewirr, dem Oben und Unten, rechts und links an der Kreuzung der US 93 mit der US 95 erst einmal mit der richtigen Richtung Schluss war. Beim dritten Versuch klappte es dann mit der richtigen Spur.

Bis Kanab wollte ich noch kommen. 7 Meilen vorher entschloss ich mich an zu halten und mir meinen Nachtschlaf zu gönnen. Auf meiner Miami-Zeit Uhr zeigte es 1 Uhr an. Nach Las Vegas-Zeit war es 22 Uhr. Ich war aber mittlerweile von Nevada über Arizona nach Utah gefahren. Welche Zeit gilt eigentlich in diesem Bundesstaat. Utah Mountain Time, also 23 Uhr. Da ich am nächsten Tag einen Termin pünktlich wahrnehmen wollte, war diese Zahlenspielerei nicht ganz unwichtig und ich stellte mir den Wecker. Da es endlich wieder ertragbare Temperaturen gab, und in der Nacht die Temperaturen auf 50 Fahrenheit fielen, durfte der Schlafsack wieder einmal aus seinem Packsack heraus. Wer es ausrechnen will, wieviel 50 Fahrenheit in Grad Celcius sind, verwendet bitte folgende einfache Formel: Fahrenheit minus 32 durch 9 mal 5. Viel Spass beim Rechnen. Ich zähle derweil mal die Schafe.

25. - 27. 5. 2015 - "The Wave"- 6 Miles Hiking Loop für kein Geld der Welt zu bekommen

7 Uhr und 10 Minuten, habe ich etwa verschlafen. Im Internet hatte ich gelesen, das 10 Permits für den 6 Meilen Hikingloop "The Wave" täglich in der Rangerstation zwischen Kanab und Page in einer Lotterie verlost werden. Bis Kanab war es nicht mehr weit, dafür um so weiter nach Page (80 Meilen). War das noch zu schaffen bis 9 Uhr? Welche Zeit war eigentlich. Die PKW-Uhr zeigte 6.10 Uhr, Meine Uhr 7.10 Uhr und in Miami war es schon 8.10 Uhr. Ich fuhr einfach los.

An der Rangerstation zwischen Kanab und Page wurden gerade die Tore geöffnet und man erklärte mir, dass die "The Wave"-Lotterie seit 4 Jahren im Visitor Center von Kanab 8.30 Uhr stattfindet. Also vorwärts, es geht zurück. Noch war die Lotterie nicht eröffnet aber unzählige Lotterieteilnehmer/innen "stapelten" sich schon in der Visitor Information des Bureau of Land Managment (BLM) als ich dort auf den letzten Drücker eintraf. 

Wenige Minuten später setzte der Ranger zu einigen erläuternden Worten an. Die Lotterie vergibt 10 Permits für den Start am nächsten Tag. Der Rundkurs ist nicht leicht und erfordert eine gute Kondition. Er führt durch eine Wege lose Wildnis mit allen Insekten und Wildtieren. Der Weg zu den North Coyte Butters, kann durch Witterungseinflüsse unpassierbar sein. Das Permit wird jedoch nicht auf Folgetage übertragen, es ist in diesem Fall Ersatz los verfallen. Ebenso wenig kann es auf andere Personen übertragen werden. Die Begrenzung der Permits ergab sich aus dem Wilderness Act aus dem Jahre 1964. Das ist so etwas wie ein Nationalparkgesetz. Auf der Grundlage dieses Gesetzes hat man eben festgelegt, dass 20 Personen pro Tag für "The Wave" (2 acres) völlig genug sind, um diese geographische Besonderheit auf Dauert zu erhalten. Der Grand Canyon mit seiner riesigen Fläche verkraftet pro Jahr 5 Mio Besucher

Die Lotterieteilnehmer/innen wurden nun in einen Nebenraum geführt. Jede Einzelperson oder Gruppe (max. 6 Personen) füllte eine Application-Form mit Name und Adresse aus und erhielt eine Nummer. Hatte ich mit der 34 eine Glücksnummer? 9 Uhr war die Deadline erreicht, der Raum wurde geschlossen und die Lotterie begann. So wanderten 48 kleine Bingokugeln, so viel wie Applikationforms ausgefüllt wurden, in die Bingotrommel. Das waren insgesamt an diesem Tag 108 Personen die für sich die Daumen drückten. Anschließend wurden 5 Nummern gezogen und die Permits gingen jeweils an zwei Personen. Leider war meine "Glückszahl" nicht dabei. Freude in den Augen der Glücklichen, lange Gesichter bei dem großen Rest. Der Ranger machte Mut, denn man konnte ja am kommenden Tag wieder kommen und erneut an der Lotterie teilnehme. Bei 12 Tagen hintereinander liege der Rekord.

Was tun mit dem Rest des Tages. Kanab ist "Utah`s Little Hollywood" und das nicht umsonst, denn hier wurden viele Westernfilme für unterschiedliche Produktionsfirmen gedreht. Marty Robins, Rod Cemeron drehten hier einige Kinosteifen und der noch bekanntere Gregory Peck stand hier 1968 für Columbia Pictures zusammen mit Omar Sharif, Telly Savalas und Carmilla Sprav unter Leitung von Director J Lee Thompson in dem Western "Mackenna"s Gold" vor den Kameras. Also strotz diese Gegend ganz nach Westernart nur so von Canyons und Cliff`s.

In einer kleinen Karte der Region fand ich einen Halbtages- und Tagestourenvorschlag für Kanab. Allerdings waren dafür noch etliche Meilen abzufahren. Da es schon gegen Mittag ging, entschloss ich mich die Touren an den kommenden Tagen anzugehen und widmete mich der Elektroenergiebeschaffung und Tagebuchschreiben, dem Wäsche Waschen und etwas Kanab-Sightseeing. In einem kleinen laden bekam ich endlich auch eine Streetmap der USA. Nun sollte ich immer genau wissen, wie ich wo hinkomme.

Am Abend des Tages das altbekannte Spiel, finde ich einen sicheren PKW-Stellplatz, wo ich ungestört im Auto pennen kann, denn die Übernachtungskosten wollte ich mir ersparen. Da in Kanab viel Polizei mit ihren Fahrzeugen unterwegs war und die sicher schon spezialisiert waren, da wegen der "The Wave"-Lotterie immer mal wieder mehrere Tage am Stück Leute auftauchten, die die Übernachtungskosten sparen wollten, fuhr ich 7 Meilen zurück nach F... und stellte mich an den gleichen Platz wie die Nacht zuvor.

"The Wave"-Lotterie die Zweite. Heute war der Ablauf nicht mehr so ganz neu für mich. Für einzelne Teilnehmer/innen an der Lotterie ebenso wenig, denn die waren auch gestern schon mit dabei. Bei der gestrigen Feiertags-Lotterie waren weniger Leute als das heute der Fall war. 57 Gruppen, das entsprach 144 Personen, gingen an den Start. Hauptsächlich US Amerikaner und Internationale aus Deutschland, Niederlande, Österreich, Kanada, Korea, China, Japan, Schweden und Spanien. Ich hatte diesmal die Glückszahl 5. Schon bei der ersten gezogenen Kugel waren 4 Plätze weg. Nach der zweiten Kugel waren 6 Plätze weg. An dieser Stelle kommt immer der Hinweis für Gruppen mit 6 Personen, dass es sehr schwierig wird aus 6 Wanderwilligen 4 zu machen. Vielleicht wäre es besser zu Gehen um den sozialen Frieden zu wahren. Nach der dritten Kugel waren neun Permits vergeben. Jetzt kam der Hinweis, dass man ein zusätzliches Permit ausstellt, wenn das Los auf eine Zweiergruppe fällt. Das fand ich sehr großzügig und nobel von den Rangern. Lange Rede kurzer Sinn, auch diesmal war meine Glückszahl nicht dabei. Alles wieder auf Null und morgen das gleiche Spiel.

Diesmal hatte ich aber einen Plan, denn ich wollte mir den Hiking Trail am Lick Wash als Tageswanderung antun. Knapp 40 Meilen von Kanab entfernt, war eine 4 Meilen lange Canyon-Erfahrung machbar. Der erste Abzweig vom Highway 89 in den Johnson Canyon lies sich schon ganz gut an. Der Schichtstufencharakter der Landschaft kam schon sehr gut raus, denn es ging an teilweise sehr hohen Abbruchkanten des Vermilion Cliffs, White Cliffs vorüber bis zu den Gray Cliffs. Dort ging die asphaltierte Straße in eine Sandstraße über, deren Befahren für einen Zweiradantrieb bei feuchter Witterung nicht möglich ist. 

Am Trailhead des Lick Wash wurde noch einmal auf die Gefahren die bei der Wanderung durch den Canyon auftreten können gewarnt. Die Temperaturen können über 100 Fahrenheit erreichen und das Finden von Trinkwasser bei kompletter Austrocknung des Bachbettes unmöglich sein. Also genügend Trinkwasser mitnehmen und nicht erst Trinken, wenn man Durst verspürt, sondern besser immer nur kleine Schlucke. Das Gegenteil von zu wenig Wasser ist zuviel Wasser. Das kann bei einer Flash Flood zu einer großen Gefahr werden, wenn man das Bachbett nicht schnell verlassen kann, wenn der Canyon zu schmal ist und zu steile Ufer hat. So eine Flash Flood kann bei einem plötzlich auftretenden Unwetter entstehen. Auch können in sehr steilen und engen Bereichen des Canyons immer auch kleine und größere Brocken von den Felswänden herunter fallen. Also ich meine so Motorrad- bis Mini-LKW-Gesteinsbrocken. Das kann auch in den breiteren Bereichen passieren. Aber dort ist man weiter entfernt von der möglichen Falllinie dieser Brocken. Dazu kommen Gefahren die durch Wildtiere entstehen können und bei Überschätzung der eigenen Möglichkeiten.

Aus der Ebene kommend zwängt sich der Lick Wash durch ein Felsennadelör aus hellem Sandstein bevor sich der Canyon allmählich verbreitert. Der Lick Wash führte zur Zeit kein Wasser mehr, aber der Boden war noch feucht, so dass er sich wohl sehr schnell wieder füllen konnte, wenn es anfangen sollte zu regnen. Auf einer Erhöhung konnte ich den jetzt sehr großen Canyon in Gänze überblicken. Ein Donnergrollen, die Zeit reichte gerade um die Regenbekleidung heraus zu kamen und über zu streifen, da deckten mich auch schon Hagelkörner ein. Nach weniger als 30 Minuten war der Spuk vorbei und es ist nicht so sehr viel Niederschlag gefallen. Es würde, wenn überhaupt, wohl nur zu einer Mini-Flash-Flood reichen. Diese bedrohte mich im Moment nicht, denn ich stand ja auf einem Hügel im Canoyn. Aber ich musste durch das Nadelöhr wieder zurück. Da wo der Canyon genügend Nebenzweige aufwies hatte sich tatsächlich fließendes Wasser gebildet. Da der Canyon dort breit und die Uferbereiche flach waren, gab es genügend  Möglichkeiten zum Ausweichen. Am Nadelöhr selbst hatte die Wassermenge nicht ausgereicht um es unter Wasser zu setzten. Ich gelangte also trockenen Fusses zum Auto und konnte nach Kanab zurückfahren. Diesmal war die andere Seite des Johnson Canyons in bestes Sonnenlicht getaucht. Das war doch schon mal ein vielversprechender Anfang mit jeder Menge schönen Fotomotiven von Blank geschliffenen und erodierten spektakulären Canyonwänden.

Hiking-Lotterie die dritte. Diesmal wanderten 48 kleine Bingokugeln für 103 Personen die sich an der heutigen Lotterie beteiligen wollten, in die Lostrommel. Weniger als gestern und vorgestern, also statistisch gesehen, standen meine Chancen bei der bevorstehenden "Ziehung der Lottozahlen" nicht schlecht. Wenn allerdings gleich bei der ersten gezogenen Zahl sechs Permits weg gingen, dann sinkt die Gewinnwahrscheinlichkeit blitzschnell ab. Es gab tatsächlich nur drei Ziehungen an diesemTag, dann waren alle 10+1 Permits weg.

Ich bin dann auch mal weg! Noch länger wollte ich mir dieses Spielchen vorerst nicht anschauen, denn ich war doch im "Land der unbegrenzten Möglichkeiten". Auf zum Grand Canyon National Park des Colorado Rivers in Arizona. Bis dahin war es allerdings noch ein gutes Stück des Weges. Ich hatte den ganzen Tag vor mir und konnte es mir auch gleich nach ca. 45 Meilen leisten einen Zwischenstopp an den "The Toadstools" einzulegen. 

Der Wanderweg folgte 0,7 Meilen einem ausgetrockneten Bachbett, bis man an eine hohe Gesteinswand aus Sedimentgestein gelangte. Diese Sedimentgesteine waren nahezu horizontal geschichtet und hatten unterschiedliche Farben. Die geologisch jüngeren Gesteine lagen über den geologisch älteren Gesteinschichten. Nun sind in einer Sedimentschicht nie alle Bereiche gleich Verwitterungsresistent. Manche Partien verwittern etwas langwieriger, während rings um sie herum schon die darunter liegende Sedimentschicht verwittert und abgetragen wird. In diesem Fall schütz der ältere Brocken einem Regenschirm gleich, das unmittelbar unter im befindliche Sedimentgestein vor der Abtragung. Rundherum wird munter weiter abgetragen, so dass allmählich eine Säule mit einem andersartigen "Kopfstein" heraus "wächst". Herausmodelliert wäre da schon richtiger, denn das Gestein um den Kopfstein wird durch Verwitterung abgetragen. Allerdings passiert das Wachsen solcher "Kopfsteinsäulen" in geologischen Zeiträumen. Das gab schon mal interessante Bilder. Danach verließ der Highway 89 das Grand Staircase-Escalante National Monument.

Bis zum Lake Powell war es nicht mehr weit. Dieser See ist durch den Glen Canyon Dam entstanden. Der Colorado River wird durch eine 178 m hohe bogenförmige Staumauer aus Stahlbeton angestaut. Ca. 200 Meter nach dem Staudamm führt der Highway auf einer Stahlbrückenkonstruktion über den Colardo River. Das war schon mal der zweite "Hingucker". Auch "Meilenschruppen" kann in dieser Gegend sehr interessant sein. Abgesehen von dieser Ingenieur technischen Meisterleistung beeindruckt immer wieder die Landschaft mit ihren immer neu auftauchenden Felsencliffen unterschiedlicher Farbgebung. Aber der absolute Kracher des Tages sollte noch folgen.

5 Meilen nach dem Kraftwerk der nächste Zwischenstopp. Man liest "Horseshoe Bend Overlook" als Hinweis am Straßenrand und sieht einen proppen vollen Parkplatz, erkennt aber nicht um was es sich handelt. Also rechts raus fahren und nachschauen. Ein Spaziergang über eine Kuppe führt zu einem Felsenkliff, von dem aus man tief unter sich den Colorado River fließen sieht. Das besondere daran ist der 270°-bogen den der Colorado dort in des Gestein gegraben hat. An den vielen exponierten Stellen an der Geländer losen Abbruchkante herrschte natürlich touristischer Hochbetrieb und es wurden tausende "Heldenfotos" für die Ewigkeit geschossen. Einmal in der Gegend muss man sich das unbedingt antun, ein absoluter Hingucker.
Danach waren allerdings noch einige Meilen fällig und ich erreichte erst am späten Nachmittag den Grand Canyon NP an seinem östlichen Eingang. Da ich einen "Anual Pass" erworben hatte, konnte ich ohne Entrichtung der 25,- US$ Eintrittsgebühr passieren und erreichte kurze Zeit später den Dessert View Point. Dieser Aussichtspunkt ist der mit 2267 m über dem Meeresspiegel auf dem South Rim höchstgelegene. Der gegenüber liegende North Rim ist mit 2516 m einige Meter höher. Der Canyon weist eine durchschnittliche Breite von 10 Meilen und eine Tiefe von einer Meile (1,6 km) auf. Bei diesen Dimensionen ist klar, dass der Colorado River dazu Millionen Jahre benötigte um diese Spalte auf einer Länge von 277 Meilen (446 km) in die Erdkruste zu "graben". Dabei ist er nur durchschnittlich 300 ft (91 m) breit. Der gesamte Grand Canyon weist eine Fläche von 6.734 Quadratkilometern auf.

Ich war im "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" unterwegs. Aber was macht man, wenn der Campground voll belegt ist, das Geld für evtl. freie Betten in Lodges nicht ausgegeben werden will, wildes campen und "overnight parking" auf den Parkplätzen und am Straßenrand im Nationalpark verboten ist? Dann hilft nur eins, wieder raus aus dem Nationalpark und außerhalb des Schutzgebietes ein Übernachtungsplätzchen im PKW suchen. Ich musste für diese Nacht ca. 11 Meilen zurück fahren, um ein geeignetes Plätzchen zu finden.

28. - 31. 5. 2015 - Wie war das doch gleich mit den unbegrenzten Möglichkeiten?

Das hatte doch wieder mal sehr gut mit einer kostenlosen Übernachtung am "Straßenrand" geklappt. Kurz nach Sonnenaufgang war ich schon unterwegs zum Dessert Viewpoint. Was ich nicht wusste, war dass die Durchfahrt am Eingang zum Nationalpark ganztägig geöffnet ist, soweit der Park nicht durch entsprechende Umstände generell geschlossen ist. Zwar sind die Schalterhäußchen zu Nacht schlafender Zeit nicht besetzt, aber der Frühaufsteher kann seine Eintrittsgebühr auch am Automaten entrichten. In der Morgensonne bot der Blick in den Grand Canyon schon wieder ganz andere Ansichten. Während beim Sonnenuntergang die Konturen der Felsformationen in westlicher Richtung langsam verwischen, erstrahlt der westliche Teil des Canyons in der Morgensonne in einem brillanten Licht und man kann beobachten wie die Schatten schnell immer kleiner werden.

Auf dem Dessert View Drive fuhr ich später die 25 Meilen an der Abbruchkante zum Grand Canyon Visitor Center. Alle Aussichtspunkte die sich boten, Navajo Point, Lipan Point, Moran Point und Grand View, vom South Rim in den Canyon hinein nahm ich mit und es war immer das gleiche Spiel. Man parkt das Auto, geht zur Abbruchkante, reißt die Augen auf vor Überwältigung, der Mund geht langsam auf und lässt ein mehr oder weniger deutliches "Wouw" heraus, geht aber nicht von alleine wieder zu. Dazu nimmt man eine Hand und schiebt den Unterkiefer langsam wieder an den Oberkiefer heran.

Am Visitor Center in der Nähe vom Mather Point wollte es erst nicht gelingen einen Parkplatz zu finden, obwohl tausende zur Verfügung standen, denn das ist so etwas wie das Epizentrum des Massentourismus im Grand Canyon NP. Nach etwas Sucherei und der Wahl einer etwas abseits gelegenen Parkplatzfläche, gelang es dann doch noch einen Parkplatz zu finden. Im Visitor Center begann gerade eine Filmvorführung über den Grand Canyon des Colarado. Eine gute Gelegenheit sich einen Überblick zu verschaffen und rutsche gerade noch pünktlich in die beginnende Vorstellung hinein. Ich kam auch dort aus dem Staunen nicht mehr heraus, so hatten mich die Bilder die die Macher des Films eingefangen hatten fasziniert.

Da ich wenigstens eine Nacht im Canyon campen wollte, erkundigte ich mich noch nach einem Backcountry Permit. Für die einzelnen Sektoren des Canyons ist nur eine bestimmte Anzahl von Wanderern pro Tag zugelassen, um das Ökosystem nicht zu überfordern. Deshalb sind die Backcountry Permits limitiert und ich glaubte nicht daran, eins ergattern zu können, da besonders der Bright Angel Trail hinunter zum Colorado und weiter zur Phantom Ranch und vielleicht auch wieder bis zum North Rim hinauf, sehr gefragt sind. Deshalb zog ich es vor einen etwas abseits gelegenen, aber nicht minder spannenden und anspruchsvollen Trail zu nehmen. Die freundliche Rangerin erklärte mir aber erst einmal, dass ich das Permit für das Übernachten im Canyon im Backcountry Information Center bekommen könnte.  

Also hinter das Lenkrad gesetzt und zum etwas abgelegenen Backcountry Information Center gedüst. Welch eine Überraschung, die besagten Tage und die dazwischen liegende Nacht war es für mein gewähltes Datum möglich den Grand View Trail zur Horseshoe Mesa zu gehen und dort zu campen. Nach ein paar belehrenden Worten der Rangerin zu den Gefahren und dem Verhalten auf der Wanderung entrichtete ich meine 15,- US$ Gebühr und hatte ein paar Sekunden später mein Permit in der Hand.

Anschließend ging es zurück zum Mather Point um entlang des Rim-Trails die Aussichten in den Grand Canyon genießen zu können. Dieser Bereich ist der absolute Massentourismusbereich, dort kann man US-Amerikaner wahrscheinlich aus allen Bundesstaaten treffen. Aber nicht nur das, ein buntes Sprachengewirr aus allen Ecken der Welt schallt dir fröhlich entgegen. Ich verzog mich zum Yavapai Point, der einen hervorragenden Ausblick in westliche Richtung bietet. Dorst stellte ich meine Überlegungen zur Tagesgestaltung des kommenden Tages an.

Zur Einstimmung hatte ich ein Stück des Rim Trails absolviert. Dieser stellt nicht wirklich eine Schwierigkeit dar, außer man übt für den Schlängellauf wegen des massenhaften Touristenauflaufs. Morgen sollte es in den Canyon hinunter gehen und am gleiche Tag wieder heraus. Dazu bot sich der Bright Angel Trail hervorragend an. Der Trail ist gut ausgebaut, er hat zahlreiche Trinkwasserstellen, wird von den Rangern kontrolliert und es sind viele Menschen auf ihm unterwegs. Nachteil wer in den Canyon hineinwandert, muss auch auch am selben Tag wieder hoch kraxeln, es sei denn er hat ein Backcountry Permit und kann einen der Zeltplätze nutzen. Die Verpflegung für den morgigen Tag kochte ich schon vor, denn es war eh ein "Aufwasch" bei meiner Abendessenzubereitung und dann nahm ich noch den Sonnenuntergang am Yavapai Point.

Ein ungestörtes Übernachtungsplätzchen fand ich in der Ortschaft Tusayan außerhalb der Nationalparkgrenzen. Dieses Örtchen lebt fast ausschließlich vom Tourismusgeschäft. 

Schon 6 Uhr stand ich am Trailhead des Bright Angel Trails. Dazu konnte ich das hervorragend organisierte Busshuttlesystem im Grand Canyon Village nutzen. Schon ab 4 Uhr fahren die Busse der verschiedenen Linien im 30-Minuten Takt und ab 6 Uhr im 15-Minuten Takt. Ein früher Trailstart bedeutet wenig Menschen auf dem Trail, genügend schattige Partien und man hat den ganzen Tag noch vor sich. An verschiedenen Orten wird immer wieder sehr dringend davor gewarnt, den Bright Angel Trail bis zum Colorado River hinunter zu gehen und am gleichen Tag wieder zurück. Jedes Jahr müssen Menschen wegen Erschöpfung geborgen werden und es hat auch schon Todesfälle gegeben. Die Hinweisschilder zu diesem Thema konnte ich nicht recht nachvollziehen, denn ich fühlte mich gut und es ging sehr zügig voran. Der Colorado rückte in großen Schritten immer näher und ich dachte so bei mir, dass es doch zu schaffen sein müsste die Hände im Colorado River abzuwaschen.

Nach 4,5 Meilen (7,2 km) erreichte ich nach 2 h. Nach einer kleinen Rast im Schatten großer Pappeln verwarf ich die zwischenzeitliche Option, meine Hände einmal am Grunde des Grand Canyons ins Wasser des Colorados zu tauchen. Stattdessen ging ich, wie anfänglich geplant, den Seitentrail zum Plateau Point. Diesen Aussichtspunkt erreichte ich eine Stunde später. Er bietet einen tollen Blick aus der Vogelperspektive auf den Colorado und nebenbei noch ein einzigartiges Canyonpanorama. An diesem Ort hielt ich mich sehr lange auf und nutzte die Zeit um mit einigen Klettereinlagen an bessere Fotospots heran zu kommen.

11 Uhr brach ich von dort Richtung South Rim auf. Zurück bis zum Indian Garden war der Anstieg kaum zu spüren. Aber ab dort wurde es ernst. Es geht ständig Berg an und ich war erst 15.30 Uhr wieder am Trailanfang. Ok ich hatte noch einen Sidewalk im Rückwegprogramm, weil ich dachte, ich könnte von diesem Weg aus bessere Fotos vom oberen Bright Angel Trail aufnehmen, wie er sich an den steilen Canyonflanken hinunter schlängelt. Ich war froh wieder am Canyonrand angekommen zu sein, denn dieser Rückweg zehrte gewaltig an den Kraftreserven und vor allem an den Nerven, denn der Weg wollte und wollte kein Ende nehmen. Ich kann nur noch einmal eindringlich davor waren, an einem Tag bis zu Talksohle zu gehen und wieder hinauf. Außer man ist etwas lebensmüde und will sich selbst an seine Leistungsgrenze bringen.

Im nur ca. 8 Meilen entfernten Tusayan bezog ich wieder meinen geheimen PKW-Schlafplatz.
Die Taktik für den folgenden Tag sah wie folgt aus. Hauptproblem: am Grand View Trail zur Horseshoe Mesa gab es keine Trainkwasserstelle, deshalb musste alles Wasser mit hinunter getragen werden und noch etwas übrig bleiben für den Rückweg. Es war vielleicht besser, erst am Nachmittag zu starten. In der Nacht würde ich durch die Nachtabkühlung nicht so viel Trinkwasser benötigen. Der Rückweg dann am nächsten Morgen. Da wäre ich keine 24 h unterwegs und kalkulierte mit 5 Litern Wasser, denn am Brigth Angel Trail hatte ich 5 l getrunken, außerdem wollte ich Gewicht sparen und kochte Abendessen und Frühstück vor, so ließ sich das Kochgeschirr und der Kocher im Rucksack einsparen. Der Plan schien machbar. Aber ob er funktionieren würde?

Erster Tagesordnungspunkt am frühen Vormittag: Poridge und Pancake Zubereitung als Verpflegung für die Übernachtungstour im Grand Canyon. Dann zum Visitor Center und mit dem Busshuttle zum Yaki Point, denn diesen Aussichtspunkt erreicht man nicht mit dem privaten PKW. Für weniger Verrückte ist das Busshuttle-System eine sehr gute Alternative. Man kann am South Rim Trail je nach Zeitvolumen und Kraft entlang wandern und mit dem Busshuttle wieder zurück zum Parkplatz fahren, oder umgekehrt. Zusammen mit der sehr gut ausgebauten Infrastruktur lassen sich im Jahr im Grand Canyon NP 5 Millionen Besucher bewegen, der geringere Teil geht auch wirklich in den Canyon hinunter. Für die die rein wollen hat man das Backcountry Permit System eingeführt, so kann man kontrollieren, dass in den entsprechenden Sektoren nicht mehr als die erlaubte Anzahl von Wanderern unterwegs ist. Der Großteil der Bersucher/innen bleibt eh am Canyon Rand, dort hat man sie besser unter Kontrolle, die Tierwelt schein damit klar zu kommen, denn an den großen Parkplätzen habe ich Wapitis und in der Dunkelheit auch einen Grey Fox gesehen. 

Am frühen Nachmittag fuhr ich vom Visitor Center zum Grand View Point. Dieser Aussichtspunkt trägt seinen Namen zu recht, denn die Aussicht fällt recht üppig aus. Geradeaus fällt der Blick auf Angels Gate, Wotans Throne und Vishnu Temple. Dahinter breitet sich das North Rim die nördliche Begrenzung des Grand Canyons aus. Im Nodwesten sind es Zoroaster, Brahma und Deva Temple. Schaut man direkt in den Abgrund sieht man den Seitencanyon des Grapevine Creek und das Tagesziel die Horseshoe Mesa (Outdoor, Hans Schinabeck, USA: Grand Canyon Trails).

14.30 Uhr starte ich mein zweites Trailabenteuer am Grand View Trail zur Horseshoe Mesa. Es ging auch gleich richtig zur Sache, denn der Trail führte an der Cliffkante steil in den Canyon hinab. Dieser Weg ist einst von Erzschürfern benutzt worden. Die Wegbefestigungen sind zu großen Teilen noch erhalten. Besonders das alte verlegte Pflaster zeugt von dem Verstand der Erbauer solche Trails zu befestigen. Manche Streckenabschnitte sind nach Unwettern durch die Parkverwaltung erneuert worden. Immer wieder ging es über Serpentinen steil den Abhang hinunter, der Grand View Trail startet auf einer Höhe von 2256 m über dem Meeresspiegel und führt zur Horseshoe Mesa auf 1512 m.  Das sind über 700 Höhenmeter auf 4,8 km Länge verteilt. Mit etwas Rucksackgewicht spürt man die Anstrengung beim Bergabgehen sehr schnell in den Beinen. Nach zwei Stunden ohne nennenswerte Pause, von Trinkpausen einmal abgesehen, erreichte ich die Cabin-Ruine die der Erzschürfer Pete Berry erbaut hatte.

Nachdem ich ein günstiges Fleckchen für mein Zelt auf der Westseite der Horseshoe Mesa gefunden hatte, interessierte mich der vor mir liegende Felswall. Auf seiner Westseite war er weiter abgeflacht, so dass ich erwartete ihn leichter erklimmen zu können. Ob ein Aufstieg und wie hoch überhaupt möglich war konnte ich zu diesem Zeitpunkt nur erahnen. Auf alle Fälle waren zwischen den Gesteinsstufen große Terrassen vorhanden, die schon mal Seltenheitswert hatten. Falls beim Klettern irgend etwa schief gehen sollte, würde ich nicht ins Boden lose fallen. Wobei, dann würde ich ohne Sicherung überhaupt nicht los klettern. Aber so schien es mir machbar die eine oder andere Felskante zu erklimmen. Und wieso muss man überhaupt auf einen Berg klettern, wenn kein Lift da ist? Ich antworte jetzt mal mit den Worten eines berühmten Bergsteigers (ich denke es war Sir Ernest Hillary - zusammen mit Ten Sing Norgay zuerst auf dem Mt. Everest): "Weil er da ist." 

Nach dem Zeltaufbau ging es auch gleich los Richtung Gipfelplateau. Als ich die geneigte Halde des Verwitterungsschuttes überwunden hatte, kam die erste Felskante die ich noch sehr leicht schaffen konnte. Am Ende der erklommenen Terrasse dann eine wesentlich höhere Felskante. Es sollte die erste Schlüsselstelle dieser Klettertour werden. Klettern mit Tagesrucksack und Fotoausrüstung ist nicht so ganz ohne. Ich hätte doch lieber meine Wäscheleine mitnehmen sollen, dann wäre das Klettern ohne Rucksack leichter gegangen und ich hätte diesen dann hochziehen können. Naja, ich konnte die ca. 6 m hohe Barriere überwinden, da sie genügend Quer- und Längsspalten aufwies um gute Tritte und Griffe zu finden. 

Im Schein der unter gehenden Sonne waren die Aussichten in den Canyon mit diesem besonderen Licht natürlich sehr schön an zu sehen. Allerdings schien auf dieser Terrasse kein weiterer Aufstieg möglich zu sein. Jedoch erblickte ich eine kleine "Räuberleiter" an der nächsten Steinstufe. Dann muss es doch wohl möglich sein, da hoch zu kommen, denn diese Aufstiegshilfe hatten schon andere genutzt, die ist definitiv nicht allein "gewachsen". Da ich es nicht so mit der Armkraft habe, konnte ich mich nicht an der Kante hochziehen und dann den Körper Nachdrücken. Schon bei der Zugstemme an den Ringen scheiterte ich während meines Studiums kläglich. Das Testat an den Ringen erhielt ich trotzdem, da ich die Kippe, als ein koordinativ schwierigeres Element erlernen konnte. Zurück zur "Räuberleiter", diese musste um zwei oder auch drei junge Felsen ergänzen. Das ging leider nur auf Kosten der Stabilität, reichte aber aus um mich von da aus mit Schwung hinauf zu wuchten. Mittlerweile hatte ich nur noch die GoPro dabei, aller anderer Ballast blieb zurück. Als zweite Schlüsselstelle würde ich das nicht bezeichnen, denn mit der "Räuberleiter ging es leicht.

Allerdings "stolperte" ich am Ende der erklommenen Terrasse direkt in die nächste "Schlüsselstelle", die höchste der bisher vor mir auftauchenden Felsschichten. Diese Gesteinsstufe schien mir aber zu hoch zu sein, um wegen eines falschen Ehrgeizes ein unnötiges Risiko ein zu gehen. Aber reizen würde es mich schon, die nächste Terrasse noch zu erreichen. Bei genauere Betrachtung der Angelegenheit verflogen die Zweifel, bestehend aus unüberwindbaren vertikalen Schwierigkeiten und Sicherheitseinwänden, aus meinem Kopf. Ich musste ja "nur" im senkrechten Felsgestein bis zu einem über die Kante etwas nach unten reichenden Baumgerippe klettern. Der Rest war dann nichts anderes als Klettern im Baum. Das Baumgerippe schien nicht auf natürlichem Wege dorthin gelangt zu sein? Vielleicht hatten es andere Kletterer als "Aufstiegshilfe" dort platziert. Es sah jedenfalls nicht morsch und instabil aus. Dort angelangt hatte ich genügend gute Griffe um mich hochziehen zu können. Auch diese zweite Schlüsselstelle war geschafft. 

Den letzten Schritt traute ich mir alleine dann wirklich nicht mehr zu. Es war die höchste Gesteinskante und ohne Sicherungspartner für mich eine paar Nummern zu groß, definitiv nicht machbar. Das war mir dann doch zu viel Nervenkitzel. So blieben dem Gipfelplateau meine Fußspuren erspart und der Abstieg brachte ja auch noch den ein oder anderen Adrenalinschub.
Zurück am Zelt gab es zur Belohnung Pancakes und nach dem Sonnenuntergang ein überwarmes Zelt. Fehlanzeige für meine Vermutung durch die nächtliche Abkühlung weniger Wasser zu benötigen. Meine Mundschleimhäute trockneten beim Atmen laufend aus und ich musste immer wieder Nachspülen. Obwohl ich ziemlich kaputt war, konnte ich nicht einschlafen. Am nächsten Morgen hielt ich mich nicht lange bei der Vorrede auf, denn mir waren nur 1,5 l Trinkwasser geblieben und ein langer Kräfte zehrender Aufstieg stand mir noch bevor. Das roch sehr nach Trinkwasserrationierung. 
Hinter der Cabin-Ruine kletterte der Trail wieder bergan und Abraumhalden der Erzschürfer erregten meine Aufmerksamkeit. Niederschläge hatte diese ausgewaschen und so leuchteten Kupfererz haltige Steine in feinstem Grünspan aus dem "Totgestein" hervor. Ein kleiner Stollen führte sogar ein paar Meter in die mit Erzadern durchzogene Gesteinsschicht hinein. Die frühe Tageszeit mit einem noch flachen Einfallswinkel der Sonnenstrahlen tauchten das erste Traildrittel in den Schatten. Noch gut bei Kräften, kam ich in dieser angenehmen Kühle gut voran. Je höher die Sonne aber über den Horizont stieg, desto mehr wich der Schatten. Die Beine wurden langsam schwerer. Vor den steileren Trailabschnitten legte ich eine Ruhepause ein, denn jetzt wurde es erst richtig ernst. Ich erreichte auf dem nun wieder in Serpentinen ansteigendem Trailverlauf schnell meine Leistungsgrenze. Obwohl der Rucksack 4/5 kg leichter war als tags zuvor, wünschte ich mir jetzt eher Tagesrucksackgewicht. Trinkwasser gab es nur Kleinschluckweise zum benetzen der Mundschleimhäute. Nahe am Limit schleppte ich mich Serpentine um Serpentine, Höhenmeter um Höhenmeter nach oben zum South Rim. 

Als ich Stimmen über mir hörte, wusste ich, dass es nicht mehr weit war und ich verschlang die letzten Wassertropfen aus meiner Trinkflasche, als gäbe es kein Morgen mehr. Im geparkten Auto hatte ich noch 7/8 Liter Trinkwasser deponiert, so dass ich darin auch fast "baden" konnte. Wer das liest und sich mit dem Gedanken trägt, sich Ähnliches zu geben, bedenkt bitte der Aufstieg wird um einiges Härter und Länger (zeitlich gesehen) als der Abstieg. Das hat mit "Leiden" zu tun, Leiden mit langem "ei" und weichem "t" - "Leiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiden". Mein Leiden hatte nach 3,5 h ein Ende. 

Ich fuhr weiter zum Dessert View Point. Dort konnte ich meine leeren Wassertanks mit frischem Trinkwasser auffüllen, nahm meinen Campingstuhl, setzte mich an den Canyonrand, gab mir Musik auf die Ohren und schaute über zwei Stunden in den Grand Canyon. Ich war geplättet von dieser Tour und fand den restlichen Nachmittag nicht mehr "statt". Vermutlich hatte mir eine Mischung aus lange anhaltender Kraftanstrengung, ungenügender Flüssigkeitszufuhr beim Aufstieg, Sonneneinstrahlung und hohe Temperaturen den "Antriebsnerv" zeitweise gezogen. 

Erst zum Sonnenuntergang kam ich wieder etwas in Bewegungslaune.

Zusammengefast möchte ich sagen, dass der Grand Canyon NP nahezu "unbegrenzte Möglichkeiten" bietet, dieses herrliche und besondere Stück Erde näher kennen zu lernen. Ich habe ja nur die Möglichkeiten genutzt die mit geringem oder ohne finanziellen Aufwand machbar waren. Wenn man etwas Geld in die Hand nimmt, gehen da noch ganz andere Sachen. So z. B. eine Canyonquerung von Rim zu Rim (das steht noch auf meinem Programmzettel für später), eine Längsquerung auf dem Tonto Trail oder eine Überfliegung mit dem Helicopter um nur einige zu nennen.


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