Nur wo du zu Fuss warst, bist du auch wirklich gewesen.

    J. W. von Goethe

Es ist geschafft - Ferien

Der letzte Schultag ist geschafft, die heisse Phase der Reisevorbereitungen kann beginnen. Bloss keine Fehler beim Packen des Rucksackes und dem Zusammenstellen der Reiseunterlagen machen, umso entspannter verlaeuft das Reisen. Klar, alle Eventualitaeten kann man nicht beachten, denn erstens kommt es anders und zweitens, sowieso anders als man denkt. Aber das ist ja gerade das Spannende an Langzeitreisen.


20. 7. 2012 - Tag 1

Was denn nun?- mit Schweißperlen so dick wie Sommerregentropfen auf meiner Stirn stand ich und schaute mit großen Augen konsterniert dem anfahrenden IC 1958 hinterher. Peggy war im Zug und ich stand draußen, wie 99,8% der Reisewilligen auf dem Bahnsteig 16. Was war passiert? Unser geplanter Zug wurde wenige Minuten vorher mit ca. 70 Minuten Verspätung ausgerufen. "Ach herrje", da rückt das Versäumen unseres Fluges von Frankfurt/Main nach Whitehorse in realistische Nähe, denn bei den angekündigten 70 Minuten bleibt es meistens ja nicht. 

Wenig später, eine Lautsprecherdurchsage. Reisende nach Frankfurt/Main können auch den ICE 7.38 Uhr von Gleis 16 nehmen. Es machte Sinn diesen Zug zu nehmen, da er planmäßig über 2h vor unserem Abflugtermin am Flughafen Frankfurt/Main ankommen sollten. Kaum am Bahnsteig 16 angekommen, wird ein Zug auf das dazugehörige Gleis geschoben, mit dem ausgewiesenen Ziel Frankfurt Flhf. Fernbahnhof. 

Im Bestreben eine günstige Sitz- und Abstellmöglichkeit für unser nicht geringes Gepäck zu ergattern, stieg Peggy in ein Abteil. Kurze Zeit später setzte sich der Zug ohne Ankündigung mit zwei offenen Türen wieder in Bewegung. Zwei Personen waren eingestiegen und fuhren von dannen. Was mach ich jetzt, was macht Peggy jetzt? Ein Schreckensszenario lief in meinem Kopf ab. Ab zur Information, vielleicht können die ja eine schnelle "Rettung" der "Verirrten" organisieren. Da kommt mir ein Bahnschaffner entgegen. Ich spreche ihn an und erläutere ihm die fatale Situation. Er antwortete mir ganz unaufgeregt und entspannt: "dann wird er wohl wieder hereingeschoben werden", und weiter ging er seiner Wege. 

Bei seinem Entfernen konnte ich noch beobachten, dass er sein Handy bediente. Vielleicht rief er ja doch an? Ich wartete auf dem Bahnsteig und die Ankunft des "richtigen" Zuges rückte immer näher, beängstigend näher. Wie weit war der Zug mit den "Blinden Passagieren" gefahren. Konnte Peggy über die Gleise zurück gelangen? Würde der "Geisterzug" noch einmal zurück kommen? Verpassen wir unseren Flug jetzt erst recht, durch dieses Missgeschick oder war es eine Verkettung unglücklicher Umstände? Wieso gab es keine Lautsprecherdurchsage, dass nicht in den Zug eingestiegen werden sollte? Warum fährt der Zug mit offenenTüren wieder an

Was macht Peggy in diesem Moment? Sie wird sich ihrem Schicksal doch sicher nicht kampflos ergeben?  Aber wie reagiere ich jetzt am optimalsten, so dass wir uns nicht schon zu Beginn unserer Reise aus den Augen verlieren.

Die Zeit wird knapp und knapper, von Peggy weit und breit keine Spur. Dann wird die Ankunft des ICE angekündigt und wenige Minuten später rollt er auf dem Bahnsteig ein. Ich spreche den "Tiefen entspannten" Schaffner von vorhin noch einmal an? Er bestätigte mir, dass er den Dispatcher angerufen hätte und der Zug weit draußen im Gleisvorfeld des Leipziger Hauptbahnhofes zum Waschen gebracht worden wäre, unmöglich über die Gleise zum Bahnsteig zurück zu gelangen oder auf einem anderen Weg noch pünktlich zum Bahnsteig 16 zurück zu kommen.

Kurz bevor der Schaffner in den Zug einstieg, deutete er noch in die Richtung eines einfahrenden Zuges und meinte, dass sie ihn wieder zurück schieben. Ich schaute in seine Richtung und bemerkte, dass es tatsächlich der selbe Zug von eben war. Aus einem Fenster winkte mir Peggy mit einem Tränen verhangenen Gesicht zu. Die "Miniodyssee" nahm kurz darauf ein glückliches Ende, denn sie hatte irgend wann die Notbremse gezogen, um auf sich und eine zweite "Verirrte" aufmerksam zu machen.

Da haben wir sie schon die erste Lehre dieser Reise: "Ergebe dich nicht kampflos deinem Schicksal, auch wenn der Weg zurück auf den Hauptpfad nur wage zu erkennen ist".

Wir erreichten noch unsere zweite Zugreiseoption und gelangten pünktlich zum Flughafen Frankfurt/Main. Dort begann die Suche nach dem richtigen Terminal und das Hin- und Hergeschiebe von Gepäckteilen zwischen unseren Rucksäcken, um Gepäckübergewichte zu vermeiden. Unsere Rucksäcke hatten dann 23,5 kg und 23,0kg - optimal gepackt. Auch unsere 32 kg Sportgepäck (Faltkanadier+Paddel) nahm man uns ohne Aufpreis ab. Am Sicherheitscheck mussten Peggy's Schuhe noch einmal durch die Sicherheitsschleuse und ich, d. h. meine Streulichtblenden,  AA-Batterien und Bärenglöckchen zum Sprengstofftest, ...???. Das haben wir alles dem internationalen Terrorismus zu verdanken.

Der Non Stopp-Flug nach Whitehorse selbst verlief bis Grönland unaufgeregt. Beim Anflug auf die Ostküste Grönlands riss die Wolkendecke auf und für uns ergaben sich fantastische Ausblicke auf eine eiszeitliche Landschaft mit Schneefeldern, lang gestreckten Gletschern, Fjorden, Seen und mäandrierenden Wasserläufen. Viele Passagiere waren in heller Aufregung und versuchten durch die Bordfenster einen Blick nach draußen zu erlangen. Grönland scheint mir auch noch eine Reise wert zu sein!

Whitehorse erwartete uns nach etwas mehr als 8h Flugdauer bei Temperaturen knapp unter 20°C und trockenen Straßen. Unsere Einreise nach Kanada verzögerte sich dann noch etwas, da wir Trekking Food dabei hatten und diese deklarierten. Die Frage der Zollbeamtin ob sie Rindfleisch frei sei konnte ich nicht mit Sicherheit beantworten. Sie bat uns ins Separee. Bevor nicht auch der letzte Fluggast abgefertigt war, kümmerte sie sich nicht um uns. Wir konnten indes laut Ingredentsien  feststellen, dass unsere Trekking Food Rindfleisch frei war. Aber wie sah es mit unseren abgepackten 5-Minten-Terrienen aus? Dort existierten die Originalverpackungen nicht mehr und es dürfte sehr schwer fallen nach zu weisen, dass keine Rindfleischbestandteile in diesen Instantlebensmitteln steckte. Da helfen wohl nur das Totschweigen weitere Lebensmittel in den Tiefen unserer Rucksäcke und ein paar Minuten Angst weiter. Wie sagte schon Walter Scheel: "Nichts geschieht ohne Risiko, aber ohne Risiko geschieht auch nichts". ... Auf die Frage, ob wir noch weitere Lebensmitte dabei hätten, antworteten wir im Brustton der Überzeugung mit: NO! Daraufhin wurden wir in die kanadische Freiheit entlassen.

Am Lead Dog Backpackers Hostel in Whitehorse erkannte mich Mary, die Hosteleignerin, beim Einchecken wieder. Mein Gesicht kam ihr bekannt vor. Für uns reichte es nur noch zu einem Ortsspaziergang und zum  Einkaufen der Lebensmitte für den kommenden Tag. Danach verschwanden wir noch vor 20 Uhr (Ortszeit entspricht 5 Uhr MEZ) in unsere Kojen. Ich schlief dann 7h tief und fest durch und stand 4 Uhr (Ortszeit) wieder auf. Werde mich sicher ohne Komplikationen dem neuen Wach-Schlafrhythmus anpassen und den Jetlag besiegen. 


21./22.7.2014 - Whitehorse

4 Uhr sitze ich am Computer checke meine Mails und räume auf meiner Homepage etwas auf um Platz für die die neuen Story's zu schaffen. Draußen vor dem Fenster zieht ein regengrauer Tag seine Bahn. Nach dem Frühstück und dem Regen brechen wir auf zu einem Stadtgang. Im Outdoor und Bücherladen sind wir vollauf beschäftigt und bemerken nicht wie schnell die Zeit vergeht. Um einige Euro erleichtert schlendern wir zum Yukon hinunter. Dort werden gerade die Zelte abgebaut, denn am Vormittag startete dort das wohl längste Kanurennen am Jukon. Von Whitehorse stehen vor denen, die sich das antuen wollen, 1000 Milen bis zur Pipeline und der einzigen Brücke über den Yukon in Alaska. Das sind 1600 km oder ca. 12 Tage bei 18h Paddeln pro Tag. Wo bleibt da eigentlich der Spass?

Der Uferbereich macht einen gepflegten Eindruck. Die Stadt Whitehorse hatte Geld in die Hand genommen und etwas daraus gemacht. Wenn sich dann auch noch "Kanupeople", ein Kanuverleih nebst Wassersportstore ansiedelt, dann hat über die Steuereinnahmen auch Whitehorse etwas davon. Obwohl wir eigentlich für unsere geplante Tour keine Lebensmittel einkaufen können, da wir befürchteten hoffnungslos über dem Freigepäcklimit von Air North zu liegen, fanden wir doch den Weg in die Supermärkte. Diese zeigten sich gut bestückt. Eigentlich sehr gut geeignet sein Lebensmitteldepot für eine längere Tour zu füllen. Aber wir mussten ja mit dem Flugzeug nach Dawson City fliegen. Als ich diesen Flug buchte, wußte ich noch nicht, dass mittlerweile eine Buslinie (Husky Bus) zwischen Whitehorse und Dawson City existiert. Das hätte die Sorgen über die Freigepäckmenge, die preiswertere Beschaffungsmöglichkeit von Verpflegung und der Gaskartuschen für unser europäisches Kochersystem minimiert. So lernt man dann halt immer etwas hinzu.

Nach dem Abendessen gingen wir noch einmal zum Yukon. Vorbei an der Klondike, einem Flussdampfer der "Guten Alten Zeit" über die Brücke ans andere Flussufer. Die Biberburg hatte schon ein ziemlich großes Ausmaß. Da war von Familie Biber doch einiges Material zusammengetragen und aufeinander geschichtet worden. Ihr Eingang lag unterhalb des Wasserspiegels. So war die Familie vor Fraßfeinden sicher. Leider ließ sich kein Biber sehen, der daran arbeitete seine Burg zu vergrößern. Wir hatten indes wieder einige Zeit am Abend länger durchgehalten im Kampf gegen den Jetlag.

Am nächsten Morgen kündigte sich ein Traumtag an, denn die Sonne strahlte von einem wolkenlosen Himmel herunter. Eine gute Gelegenheit die nähere Umgebung von Whitehorse während einer Tagestour zu erkunden. Da bietet sich die Wanderung um den Lake Schwadtka an.   Zunächst entlang am rechten Flussufer flussaufwärts bis zur Powerstation. Dort wird der Fluss zur Energiegewinnung angestaut. Um den Lachsen das vordringen zu ihren Laichgewässern weiterhin zu ermöglichen, hat man die längste Holzfischtreppe installiert. So funktioniert auch heute noch die längste Lachswanderung.

Die Ufer des Lake Schwadtka werden von Sand und Flussschottern gebildet. Es wird angenommen, dass diese Uferterassen während der Eiszeit aufgeschottert wurden und sich der Fluss seit dem Ende der letzten Eiszeit wieder in seine eigenen Ablagerungen eingräbt. Welche Kraft stetig fließendes Wasser auf Dauer entfaltet, kann man am Miles Canyon erahnen. Hier fließt der Fluss durch eine Klamm die er eigens durch vulkanisches Gestein gegraben hat. Obwohl das Wasser mit einer hohen Fließgeschwindigkeit durch diese Flussenge hindurch gepresst wird, sieht das heut zu Tage recht zahm aus, denn der Wasserspiegel steht nun einige Meter über dem natürlichen Niveau. Vor dem Bau der Stauanlage bei Whitehorse bildeten die Rapids (Stromschnellen) im Miles Canyon ein schweres Hindernis für die Flussschifffahrt. Die Goldsucher auf dem Weg zum Klondike mussten hier ihre Ausrüstung auf dem Landweg um die Stromschnellen transportieren. Da das schäumende Wasser der Stromschnellen das Aussehen von  weißen Pferdemähnen hatte, erhielt die sich in der Nähe entwickelnde Siedlung den Namen Whitehorse.

Es ist heute ein viel sicheres Passieren dieses Flussabschnittes möglich, so dass wir auch eine dieser Befahrungen mit Kindern in Doppelkanus fotografieren konnten.

Nach der Mittagsrast, bei der wir auch die Gelegenheit nutzten im kalten und klaren Flusswasser zu waten, setzten wir unsere Umwanderung fort. Bei einem folgenden Fotostopp vermisste ich meine kleine Kamera. Nach meinen Überlegungen hatte ich diese Kamera verloren, oder sie lag noch an der Stelle, wo wir die Doppelkanus fotografiert hatten. Wie hoch war die Chance die Kamera wieder zu finden? Unser Wanderweg war kaum frequentiert und auf die beim Hinflug gemachten Grönlandbilder wollte ich nicht verzichten. Deshalb entschieden wir  uns umzukehren und wenigstens den Versuch zu unternehmen die Kamera zu suchen. An der Brücke über den Miles Canyon trennten sich unsere Wege. Peggy suchte am Platz unserer Mittagsrast  und ich versuchte die Stelle wieder zu finden, wo ich die Kamera das letzte Mal benutzte. Ich war sehr unachtsam mit meinem Eigentum umgegangen und hatte dafür sofort die Quittung bekommen. Ich musste mit Zusatzzeit, Zusatzweg, Zusatzkraft und möglicherweise Zusatzfinanzmitteln für eine kleine Unachtsamkeit bezahlen. Das sollte mir eine Lehre sein. 

Wenige Augenblicke später fand ich meine Kamera wieder, an dem Ort, wo ich sie vermutet hatte. Glück gehabt. Durch den Zusatzweg zog sich unsere Wanderung zurück nach Whitehorse noch weit in die Länge und wir kamen ziemlich "Pflastermüde" am Lead Dog Backpackers Hostel an. Zur Belohnung hatten wir zum Abendessen Pancakes und Pudding vorgesehen - lecker.


23. 7. 2014 - Flug nach Dawson City

Die erste Herausforderung des Tages bestand darin kurz vor 5 Uhr eine Taxi per Telefon zu bestellen. Das klappte vorzüglich, denn der Fahrer stand ein paar Minuten später vor unserem Hostel, das zweite Tagesproblem war möglicherweise unser Gepäck. Während wir bei Condor 23kg + Handgepäck ohne Aufpreis mitführen konnten, waren bei Air North, mit dieser Airline flogen wir nach Dawson City, nur 20kg + Handgepäck (13 lb) erlaubt. Zusätzlich mussten wir noch unseren Faltkanadier einchecken. Mit diesen Zusatzkosten hatten wir gerechnet. Also wir versuchten unser Rucksackgewicht noch etwas herunter zu drücken und verlagerten einige Dinge in das Handgepäck. Was wir bis dahin nicht wussten, war die Tatsache, dass sämtliche Gepäckstücke beim Einchecken gewogen wurden und es kein entrinnen gab. Da unser Handgepäck die erlaubten 13 amerikanische Pfund um das mehrfache überstieg, kamen wir nicht umhin, dieses auf das erlaubte Maß zu reduzieren. Also alles wieder in den Rucksack. Hinter uns vergrößerte sich allmählich die Schlange der Wartenden. Aber alle blieben ruhig, bis wir unsere Gepäckkilos hin- und hergeschoben hatten. Dabei war die gute Frau am Schalter noch sehr gnädig, so dass ich wichtige elektronische und fotographische Geräte trotz Übergewichts im Handgepäck behalten durfte. Am Ende half uns eine kleine Plastikkarte mit dem Schriftzug "VISA" darauf um den Flug zusammen mit unserem Gepäck nach Dawson City antreten zu können.

Wir flogen mit einer Hawker Sidderley. Das ist eine kleinere Propellermaschine die einen Höllenlärm macht und nicht alle Turbulenzen wegstecken konnte. Das eine oder andere Mal schlingerte sie ganz schön durch die Luft. Nach einer reichlichen Stunde erreichten wir, wieder glücklich gelandet zu sein, die Goldgräberstadt Dawson City. D. h. wir waren bisher nur am Flughafen und mussten nun noch einen Weg in die Stadt finden. Dabei half uns ein junger Kanadier, der mit seinem Handy bei Husky Tours anrief und uns einen Transfer (32 ca. $) bestellte. Wir baten später den Fahrer uns gleich zur Fähre zu bringen. so dass wir über den Yukon übersetzten konnten, denn unser Hostel/Campingplatz befand sich in Dawson West.

Einchecken, Zelt aufbauen dauerten nicht so lange, so dass wir noch am Vormittag zu einem Bummel in die City aufbrechen konnten. An der Tourist-Information lasen wir einige Hinweise zu kulturellen Veranstaltungen im Jahresverlauf in Dawson. Dabei lachten wir uns scheckig als wir vom "Outhouse Race" lasen. Tatsächlich, hier gibt es ein Rennen für fahrende Toiletten. Unseren Spass hörte ein Deutscher. Es war Wolfgang der uns gleich mal über diesen Wettbewerb aufklärte. Also bei diesem Wettbewerb treten fahrende Toilettenhäuschen gegeneinander an. In diesen Häuschen sitz einer, einer zieht und einer schiebt. Des weiteren gibt es auf der Strecke kein "Gentleman Agreement", sondern es geht sehr deftig zur Sache im Kampf um die Podestplätze. Wir kamen vom Hundersten ins Tausenste und Wolfgang sprach auch darüber, dass er 10 km Fluss abwärts einen Claim besitzt und jedes Jahr in Dawson ist. Auf seinem Claim wäscht er ca. 2-3 Kubikmeter Gravel pro Jahr. Das Gold was erfindet kann er behalten. 

Nachdem wir uns von Wolfgang verabschiedeten, checkten wir zunächst erst einmal unsere Möglichkeiten unser Überleben auf der Kanutour nach Fort Yukon (Alaska) zu sichern. Dabei mussten wir leider feststellen, dass wir die Gaskartuschen für unser "europäisches" Kochersystem nicht bekommen konnten. Also mussten andere Möglichkeiten ausgekundschaftet werden, um uns auch warme Speisen zubereiten zu können. Da wir noch einen weiteren Tag in Dawson waren, trieb uns diese Tatsache nicht in den Wahnsinn und wir gönnten uns erst einmal ein "Belohnungseis" auf der First Ave.

Das Wetter hatte sich richtig gemausert und war von Regen in kurze Hosen und T-Shirt-Sonnenschein übergegangen, so dass es noch ein gemütlicher Nachmittag und Abend wurde.


24. 7. 2014 - Dawson City

Ich glaube, das mit dem Jetlag hat sich erledigt, denn  wir haben bis nach 8 Uhr geschlafen. erst gegen Mittag ging es dann in die City um die Vorräte für die Kanutour einzukaufen. Aber zunächst führte unser Weg zur Bibliothek. Da gibt es nicht nur Bücher zum Lesen, sondern auch Strom zum Laden diverser elektronischer Geräte. Auf kostenlose Internetbenutzung hofften wir auch. Unsere Hoffnungen wurden nicht enttäuscht. Erst nach 15 Uhr verließen wir dieses große und schöne Gebäude wieder. Der kanadische Staat steckt den einen oder anderen Dollar hier in Dawson City hinein um zu verhindern, dass die Stadt eine Goldgräbergeisterstadt wird. Obwohl, wenn ich mir die touristischen Möglichkeiten und den Goldpreis anschaue, kann ich mir das überhaupt nicht vorstellen.

In den beiden Lebensmittelgeschäften ließen wir nicht wenige Dollars um für die nächsten gut 14 Tage genug Futter dabei zu haben. Mit einem kurzen Zwischenstopp am Eisladen an der First Street versüßte uns die Schlepperei. An unserem Zelt angekommen ging es nahtlos mit dem Aufbau unseres Faltkanadiers weiter, interessiert beobachtet von dem einen oder anderen Mitcampern. Zwei deutsche Yukonbezwinger, die ihre Tour schon beendet hatten, überließen uns das eine eine oder andere jetzt nicht mehr benötigte Ausrüstungsteil und die Teebeutel nebst Suppengrün für "lau". Das ist wohl nur am Yukon möglich? Vielen Dank.

Für die Abendgestaltung war es angebracht noch einmal die Dusche aufzusuchen. Eine Dusche mit Stil, denn in Dawson West gibt es keinen Strom, ergo auch keine Dusche für Comfort-Bewusste. Aber der Hostelbesitzer hat sich etwas einfallen lassen, was ich mit "Yukondusche" bezeichnen würde. In einer Holzhütte stehen zwei Wasserbehälter, einer für Kaltwasser und einer für Warmwasserr. Das Aufheizen des Warmwassers geschieht mit einem Holzfeuerofen direkt unter dem Warmwasserbehälter. Die Abwärme heizt ganz nebenbei auch noch den Raum auf. Hier wird also effizient mit nachhaltig produzierter Wärmeenergie umgegangen.

Frisch geduscht und gekämmt zogen wir noch einmal nach Dawson City. Da die Fähre 7 Tage die Woche, 24 h am Tag und noch dazu kostenlos ist, mussten wir uns auch keine Gedanken darüber machen, wann die letzte Fähre geht, denn wir wollten dem Nachtleben von Dawson City etwas auf die Spur kommen. Diamond Tooth Gerties - Das Kasino der Stadt galt unsere Aufmerksamkeit. Für 12 can. $ pro Person erkauften wir uns für den Rest der Saison (1.5.-30.9.) die freie Eintrittsmöglichkeit. Hier kann man den Wert seiner am Tag gefundenen Goldnuggets bei Black Jack, an den "Einarmigen Banditen" oder beim Roulette verdoppeln oder in den Sand setzen. Da wir keine Goldnuggets gefunden hatten, fanden wir uns mit dem Zuschauen ab. Auch wenn hier und da mal gewonnen wird, am Ende gewinnt nur einer - und zwar das Casino. Dieses  Casino hat jedoch keinen privaten Betreiber, so dass die erzielten Einnahmen der Infrastruktur Dawsons zu gute kommt. Das nenne ich doch mal einen klugen Einfall. Hier hat man doch noch eine Menge Spass, wenn einem die Taschen ausgeraubt werden. Bei uns werden gegebenenfalls die Steuern erhöht. Wie spaßlos ist das denn. In Gerties Diamantzahn-Casino wird aber noch mehr geboten, denn hier gibt es 8.30, 10.00 und 24.00 Uhr noch etwas Entertainment. Drei Schows mit Gesang und Tanz lassen das Flair der guten alten Goldgräberzeit aufkommen.

Zwischen den letzten beiden Shows statteten wir dem Salon und Douwntown Hotel einen Zwischenbesuch ab, denn nur hier gibt es den legendären Sourtoe-Cocktail. Peggy hat ihn tatsächlich genommen und ist nun Mitglied Nummer 55.707 im Sourtoe-Cocktail-Club.


25.7.2014 - Start zur Kanutour

kurz nach 13.30 Uhr war es so weit. Unsere Kanutour nach Fort Yukon in Alaska konnte beginnen. Unsere Ausrüstung und die Verpflegung für 14 Tage wog schwer, aber der Wasserstand lag komfortabel unterhalb der Reling. 

Unseren ersten Halt hatten wir nach ca. 2,5 km in Mooseheid. In dieser "Indianersiedlung", dieser Begriff ist nicht korrekt, First Nation-Siedlung war ein 3-einhalb tägiges Fest im Gange. Wir kamen gerade dazu, als die Gruppe Northway aus Alaska, bestehend aus Männern und Frauen, Jungen und Mädchen, ihre Songs zum Besten gab. Alle Gruppenmitglieder waren mit Hingabe bei der Sache. Aber auch die Anwesenden anderer First Nations-Gruppen beteiligten sich am Gesang und Tanz.

Nach dieser Stipvisite ging es dann richtig los mit unserer Mehrtagestour. "Richtig los" ging es auch mit dem Wetter, denn starker Gegenwind erschwerte uns das Vorankommen. Um das Ganze noch zu toppen, setzte auch noch Regen ein. Wir hatten Schwierigkeiten das Kanu in Fahrtrichtung zu halten. Immer wieder drehte uns der Wind quer und wir trieben durch das aufgewühlte Wasser des Yukon. An einem seichten und steinigen Ufer hatten wir nach 24 km genug. Der Wind hatte zwar etwas abgeflaut und der Regen war "runter", aber die Zeit für das Abendessen war ran. Kurz nachdem wir angelandet waren, sahen wir hinter uns ein Kanu nahen. Sie fragten uns ob alles o.k. sei und paddelten dann weiter. Vielleicht war es ja auch eins der Boote, die vor 4 Tagen zum längsten Kanurennen über 1000 Meilen (1600km) in Whitehorse gestartet waren. Dieses Rennen beinhaltet 18h paddeln pro Tag und endet an der einzigen Brücke über den Yukon in Alaska am Dalton Highway. Dagegen ist unsere geplante Tour ja eine Wellnessveranstaltnng. 

Da wir noch keine Routine hatten, dauerte es noch geraume Zeit bis wir unser Camp für die Nacht eingerichtet hatten und abgefüttert waren. Erst gegen 22 Uhr gingen bei uns die "Lichter" aus.


26.7.2014 - 2. Tag

Erst 9 Uhr erwachen wir in unserem Comfort-Appartment von Hilleberg und es sollten noch weitere 3h bis zum Ablegen vergehen. Wir hatten uns heute ca. 60km vorgenommen. Die erste Stunde paddelten wir durch, um mit dem GPS zu ermitteln wie viele Kilometer wir pro Stunde zurücklegen können. Die Anzeige ergab 14 km. Pro Minute legten wir auf dem Yukon treibend 150 m zurück. Demnach hatte der Fluss zu dieser Zeit und an dieser Stelle eine Fließgeschwindigkeit von ca. 9 km pro Stunde. Wir trugen also durch unser Paddeln mit ca. 5 km /h zu unserem Vorankommen bei. 

Der Yukon windet sich in diesem Abschnitt durchs Gebirge. Immer wieder ragen steile Kliffs vor uns auf, an denen die Erosion nagt. Einem Förderband gleich übernimmt der Yukon den Abtransport der Kleinteile Richtung Beringmeer. Nicht alles kann mitgenommen werden, sondern wird bei fehlender Fließgeschwindigkeit zu Inseln oder Sandbänken abgelagert. Jetzt nach der Schneeschmelze sinkt der Wassermenge des Yukon und die mehr und mehr auftauchenden Sandbänke stellen potentielle Lagerplätze für uns dar. 

Am Kliff des Mt. Carmack ließen wir uns zur Mittagsrast vorbei treiben. Geologisch gesehen muss sich mit diesen Gesteinspaketen ja ein Inferno abgespielt haben, denn sie lagen in einer farblich breiten Palette, in alle Richtungen geneigt, völlig unsortiert nebeneinander. 

Langsam wurde es Zeit nach einem Lagerplatz für die Nacht zu suchen. Laut Karte bot der Fortymile Creek eine gute Gelegenheit. An dieser Stelle mündet der Fotymile River in den Yukon und man kann einige hundert Meter die Trennungslinie unterschiedlicher Wassermassen bis zu ihrer Durchmischung beobachten. Auf der einen Seite der "milchkaffeebraune" Yukon und auf der anderen Seite das dunkelbraune Wasser des Fortymile River.

An der Mündung befand sich eine Siedlung die vom Highway nach Alaska aus erreichbar sein musste, denn am Ortsrand standen viele Autos. Laut grölend begrüßte man uns vom Ufer aus. Wir zogen es jedoch vor noch etwas weiter flussabwärts zu paddeln um ungestörter den Abend und die Nacht zu verbringen. Weit entfernt hörten wir am Abend das Dröhnen der Musik, also alles richtig gemacht, denn als wir zur Ruhe kamen, traute sich auch ein Biber auf den Yukon hinaus.


27.7.2014 - 3. Tag

Immer wieder Trommelwirbel auf unser Zeltdach kündigt einen regnerischen Tag an. Eine Schauerpause nutzen wir um unsere Morgenroutine abzuspulen. kaum sitzen wir im Kanu frischt der Wind auf und es beginnt wieder zu regnen. Es fallen keine großen Niederschlagsmengen, aber trocken wäre besser. So ziehen wir unsere Paddel die eine um die andere Stunde durch das Wasser dem Tagesziel entgegen.

Unsere Mittagsrast halten wir auf einer Sandbank am Ufer. Auf dieser waren viele menschliche Spuren zu sehen, aber auch ältere Elchspuren. Bisher verlief der Tag dem Wetter entsprechend trist und ereignisarm. Nach dem wir das Sharp Cape passierten, verließen wir in einem Rechtsbogen den Hauptstrom und wählten die Bogen innere Seite rechts an zwei Inseln vorbei, um den kürzeren Weg zu nutzen. Es floss weniger Wasser durch diesen Flussarm und die Strömung war auch geringer. Dann verringerte sich allmählich die Wassertiefe und Sandbänke tauchten vor uns auf. Im Zickzackkurs ging es an ihnen vorbei. Dann hatten wir Grundberührung rutschen aber gerade noch über die nächste Sandbank hinweg. Als wir den Hauptstrom schon wieder in Sichtweite hatten, war es dann vorbei mit lustig, denn ich musste aus dem Kanu aussteigen, damit wir die immer seichteren Stellen passieren konnten. Dann war es endlich geschafft, wir hatten wieder eine Handbreit Wasser unter dem Kiel und die Strömung des Hauptarmes erfasste uns wieder. Was ist die Lehre aus diesem Erlebnis. Da der Wasserstand des Yukon um diese Jahreszeit tendenziell sinkt, kann es in den Nebenarmen knapp werden mit der Handbreit Wasser unter dem Kiel.

Wir näherten uns der 40 km Marke unserer Tagesetappe, so dass wir nun Ausschau hielten nach einem Lagerplatz für die kommende Nacht. Dieses Mal wählten wir eine Insel. Der erste Platz den wir inspizierten bot nur einen etwas schlammigen und wenig ebenen Untergrund. Des weiteren waren viele, darunter auch frische, Elchspuren vorhanden. Also stieg ich wieder in das Kanu ein und wir paddelten weiter am Ufer entlang. 

Der nächste Inspektionshalt an einer höher gelegenen Ufersandbank bot schon wesentlich bessere Campmöglichkeiten, so dass wir diesen Platz auswählten. Zwar waren auch hier zahlreiche Elchspuren vorhanden, aber diese waren nicht so frisch. Nach dem das Camp aufgebaut war, setze wieder leichter Regen ein. Dieser störte uns aber kaum, da wir unsere Pasta im Trockenen unter dem Tarp einnehmen konnten. Z. Z. zeigt sich die Wettersituation stabil regnerisch, so dass die Umgebung im Nebelgrau verschwimmt. Wir verpassen also nichts, wenn wir uns in unsere Schlafsäcke zurück ziehen.


28.7.2014 - 4. Tag

Na es wird doch nichts passiert sein, kein Trommelwirbel auf unser Zeltdach holt uns in den neuen Tag? In freudiger Erwartung öffne ich das Zelt. Schade, in den umgebenden Bergen hängen immer noch die Wolken. Da bleiben wir doch aus Protest glatt in unseren Schlafsackdaunen liegen. Erst nach 10 Uhr gab es Frühstück und 12.50 Uhr hatten wir das Kanu im Wasser. Inzwischen waren die Wolken etwas die Bergflanken hinaufgeklettert und es war eine leichte Tendenz zur Auflockerung der Schichtwolkendecke zu erkennen.

Ca. zwei Stunden später, die Sonne erhellte nun den Tag, erreichten wir den 141 Meridian westlicher Länge. An sich nicht so spektakulär, würde dieser Meridian nicht über weite Strecken die Grenze zwischen Kanada und den USA, oder dem Yukon Teritory und Alaska bilden. Den Meridianverlauf markiert eine Schneise quer durch den borealen Nadelwald. Kein Ahornblatt winkte uns zum Abschied, auch keine Stars und Stripes wehten uns zur Begrüßung entgegen. Weder Micky Mouse, Donald Duck noch Goofy standen Spalier als wir die "Grüne Grenze" zum Land der unbegrenzten Möglichkeit überfuhren. Auch gab es keine Möglichkeit die Einreiseformalitäten zu erledigen. Da ist bei Flug- oder Schiffsreisen in die USA die ESTA-Online-Anmeldung erforderlich und hier auf dem Yukon interessiert sich kein Mensch für uns.

Weit gefehlt, denn 18 km nach der Grenze erreichten wir Eagle, den ersten Ort nach Dawson City. Hier sollte es doch möglich sein, einen Einreisestempel zu bekommen? Eagle betraten wir über eine Leiter an der Kaimauer. Diese mußte angebracht werden, da der Wasserspiegel des Yukon so niedrig war. Am 6. 5. 2009 hätten wir wahrscheinlich bis zum Postoffice vorfahren können. An diesem Tag erlebte Eagle ein extremes Hochwasser, welches durch einen Eisstau verursacht wurde.

Auf Nachfrage erklärte man uns, dass es ein Telefon mit einer Direktleitung zum Costumer Service gibt. Am Store fanden wir diese Telefon und ich nahm den Hörer ab. Es meldete sich tatsächlich der Costumer Service. Ich gab unsere Passdaten durch und beantwortete noch einige Fragen zu unserem weiteren Weg durch Alaska, wieviele US-Dollers wir dabei hätten. Am Ende des Gespräches teilte mir der Beamte mit, dass wir uns am Flughafen Fairbanks beim Costumer Service melden sollen. Danach verabschiedete er sich.

Nach dieser Aufregung gab es erst einmal ein Eis zur Belohnung, diese Herausforderung bestanden zu haben. Wir verabschiedeten uns von Eagle Richtung Circle. Kurze Zeit nachdem wir den Eagle Bluff passierten, fanden wir auf einer Ufersandbank unseren Rastplatz für die kommende Nacht.


29.7.2014 - 5. Tag

In Sichtweite nach Eagle verbrachten wir eine ruhige Nacht. Das Wetter hatte sich nicht durchgreifend geändert, aber es war trocken geblieben. So gingen die Morgentätigkeiten flott von der Hand und wir saßen gut eine Stunde früher (12 Uhr) im Boot. Kurz vor unserem Ablegen paddelte noch ein Einzelkanute mit Hund an uns vorüber.

Heute stand als vordringliche Tagesaufgabe auf unserer Todo-Liste die Gewinnung von Trinkwasser, denn wir hatten in Eagle vergessen nach zu tanken. Da immer wieder Creeks in den Yukon mündeten, sollte das kein größeres Problem darstellen. Am Ende des ersten Flussbogens nutzen wir am Shade Creek Creek die Gelegenheit dazu. Ich hatte einen Keramikfilter dabei. Durch diesen pumpte ich 13 Liter Wasser, so dass unsere Trinkwasserbehälter wieder prall gefüllt waren. Das war schon mal eine Reinigungsstufe. In die Trinkwasserbehälter gab ich dann noch Micropur-Tabletten um möglichen "Darmschädlingen" die chemische Keule zu verpassen. Als letzte Stufe bliebe dann noch das Abkochen, so dass wir hoffentlich vom "Beaver Feaver" verschont bleiben würden.

Am Salmon Bluff, einer Steilwand am rechten Yukonufer konnten wir uns schon mal ein Auge holen und einen Blick in die Geologie Alaskas werfen. Ursprünglich horizontale Gesteinsschichten waren gewölbt und gebogen wurden. Gleich hinter dieser "avantgardistischen Gesteinsmalerei" verließen wir auf der bogeninneren Seite den Hauptarm des Yukon und nahmen  auf einem Nebenarm die Abkürzung. Diesmal hatten wir mit unserer Abkürzung mehr Glück, denn wir hatten nur eine kurze Bodenberührung und rutschten gerade noch so darüber hinweg. Der Seitenkanal führte direkt auf das Calico Bluff zu. Diese Steilwand ist der große Bruder des Salmon Bluff. Welche gigantischen Kräfte haben da gewirkt um diese Gesteinsschichten zu verformen? Ein großartiger Anblick.

Nach diesem Augenschmaus konnten wir nach zwei weiteren großen Flussmäandern bei Kilometer 211 auf die Suche unseres Nachtlagerplatzes gehen, denn wir hatten unser Tagessoll von 42 km geschafft. In der Ferne entdeckten wir eine große Rauchsäule. Diese stammt möglicher Weise von einem Waldbrand?


30.7.2014 - 6. Tag

In der letzten Nacht hatte ich fast 12h Schlaf geschafft. Das musste die liebe Sonne so beeindruckt haben, dass sie beschlossen hatte am heutigen Tag unsere Begleiterin zu sein. Und die Tage kurz vor dem Polarkreis sind Ende Juli noch seeeeeehr lang.

Da die Sonne schien versuchten wir es in T-Shirt und kurzen Hosen. Das ging eine ganze Weile gut, bis der Wind auffrischte, und uns natürlich immer von vorn entgegen blies. Das muss mir mal einer erklären, wie das möglich ist, wenn sich der Fluss wie ein Aal windet?

Heute schafften wir in der ersten Paddelstunde 11 km. Die Fließgeschwindigkeit ist nicht mehr so groß, denn der Fluss ist breiter geworden und die Inseln und Sandbänke seiner Uferflanken haben zugenommen. Beim ersten Tagesstopp konnte man sehr gut erkennen, wie der Fluss arbeitet. Wenn die Fließgeschwindigkeit nicht hoch genug ist, lagert er seine Last, die er mit sich schleppt ab. Wenn die Fließgeschwindigkeit größer wird und ihm beliebt, trägt er seine eigenen Uferterassen selbst wieder ab. Dazu unterhöhlt er nur das Ufer, den Rest erledigt die Schwerkraft. Die Bäume am Ufer haben dann mitunter erhebliche Schlagseite und fallen irgendwann um oder wandern allmählich den Uferhang hinab.

Das funktioniert nicht nur bei lockeren Ufersedimenten sondern auch bei Felsgestein jeglicher Art. An seiner Basis knabbert der Fluss beständig den Felsen ab, und alles was darüber ist macht die Frostverwitterung mürbe, bis es schließlich je nach Hangneigung der Schwerkraft folgend hinunter rutscht oder gleich im Fluss landet. Dort angekommen wird es früher oder später vom fließenden Wasser angepackt und abtransportiert und vielleicht an der nächsten Sandbank wieder abgelagert. So entstehen über sehr lange Zeiträume die großen Bluffs an den Ufern des Yukon.

An einem Klarwasser Creek haben wir noch einmal Trinkwasser gebunkert. Danach haben wir noch einmal 16 km Gas gegeben, bevor wir wieder eine schöne breite Sandbank für unser Nachtquartier fanden. In der warmen unter gehenden Sonne bereiteten wir unser Abendmahl, eine Deutsch-thailändische Coproduktion: Kartoffeln mit Sweet Thai Chili Sauce und dehydriertem Gemüse. O.k. das steht so in keinem Kochbuch drin, aber wir sind hier am Yukon nicht so wählerisch. Der Abend bot noch einen schönen Sonnenuntergang. Dafür dürfte die bevorstehende Nacht kühler werden, als ihre Vorgänger.


31.7.2014 - 7. Tag

bei wolkenlosem Himmel war es eine recht kühle Nacht. Leider verabschiedete sich der blaue Himmel über uns schon in den Morgenstunden und wich einer geschlossenen dünnen Schichtwolkendecke. Die Sonne kämpfte, konnte sich aber nicht durchsetzen. 

Der Akku an Peggy`s Fotoapparat hatte sich verabschiedet. Nun musste unser neues Sonnenpanel zeigen was es kann. Ich ließ es die gesamte Tagestour aufgeklappt auf dem Kanu liegen und siehe da schon Tageslicht bei bewölktem Himmel reichte aus um vier AA-Akkus auf zu laden. Am Abend konnte ich mit diesen aufgeladenen Akkus Peggy`s Fotoapparat wieder aufladen. Für solche langen Touren ist das Sonnenpanel wunderbar geeignet Energie nach zu tanken.

Nach dem das sonnige Wetter des vergangenen Tages leider keinen Bestand hatte, komme ich gleich mal zu den Tageshöhepunkten. Wir nahmen mal wieder eine Abkürzung durch einen bogeninneren Seitenkanal. Weit vor uns erhob sich vom rechten Ufer ein großer Vogel und setzte sich auf einen der Baumwipfel. Durch das Telezoomobjektiv meiner Kamera konnte ich erkennen, dass es ein Weißkopffischadler war. Das war unser erstes nennenswertes Tiererlebnis auf unserer Tour. Bisher zeigten sich nur Uferschwalben die in den Lockersedimenten der steilen Uferböschungen, sicher vor Fraßfeinden, ihre Bruthöhlen hatten. Sahen wir diese Vögel, war das für uns immer ein gutes Zeichen, denn so lange Schwalben da waren, war auch von der Jahreszeit her Sommer, auch wenn sich die Sonne bisher sehr rar machte. Neben diesen Schwalben gab es hier und da mal ein paar Möven, Saatkrähen oder kleiner mir unbekannte Vogelarten.

Säugetiere konnten wir bisher keine zu Gesicht bekommen. Elchspuren hatten wir an unseren Lagerplätzen schon oft gehabt. Auf Bärenspuren legten wir jedoch keinen Wert, mussten aber immer damit rechnen, auf diese zu stoßen. Deshalb verbannten wir alle Nahrungsmittel und Kosmetika des nachts aus unserem Zelt. Diese Packsäcke lagerte ich immer weitab vom Zelt, um ungebetenen Besuch des nachts an unserem Zelt zu vermeiden. Für den Ernstfall hatten wir Bärenspray dabei. Dieses Reizgas ist aber keine 100%-ige Sicherheit Bärenangriffe ab zu währen.

Am besten ist es, man reist oder wandert in Gruppen ab drei Personen durch Bärengebiet, oder man macht seine Anwesenheit durch Lärmen, laute Gespräche oder Singen bekannt. Die im Outdoorhandel angebotenen Bärenglöckchen sind dabei die schlechtere Alternative. Dieses Verhalten sollte schon ausreichen, um in der Nähe befindliche Bären zum Umkehren zu bewegen. Wilde Braun- oder Schwarzbären scheuen in der Regel den Kontakt zum Menschen, sie sind ja auch zu 90% Pflanzenfresser.

Kommt es doch einmal zu einem von beiden Seiten ungewollten Kontakt, dann sollte man in keinem Fall davon laufen. Bären sind auf kurze Distanz extrem schnell. Das gilt bergan und bergab. Auch das Klettern auf evtl. vorhandene Bäume ist keine gute Alternative, denn Schwarzbären sind sehr gute Kletterer und pflücken dich möglicherweise vom Baum wie einen reifen Apfel. Stattdessen sollte man die "Nerven behalten" und mit den Armen langsam Auf- und Abschwingen und dabei ruhig auf den Bär einreden, um sich als Mensch, der nicht auf seinem Speiseplan steht, zur erkennen zu geben. Das alles sollte im ruhigen Rückwärtsgang geschehen um dem Bär seinen gewählten Weg frei zu machen. Setzt der Bär seinen Weg fort, wird alles gut. Wenn nicht, könnte der Bär zu seiner Verteidigung über gehen, dann ist es ein defensiver Bär. Diese Scheinangriffe stoppen kurz vor dem Kontakt. In dieser Situation immer noch ruhig bleiben und das Bärenspray nicht benutzen, es wird immer noch alles gut. Soweit die Theorie. In der Praxis möchte ich das nicht unbedingt testen. Wie sich ein offensiver Bär verhält, beschreibe ich euch am nächsten Tag.

Auf der Suche nach unserem Übernachtungsplatz erreichten wir auf einer Insel eine Sandbank. Bei der Inspektion konnte ich Bärenspuren feststellen. Sie waren nicht frisch, aber deutlich zu erkennen. Das reichte jedoch aus um uns nach einer anderen Location um zu sehen. Dies gestaltete sich aber etwas zäher als gewohnt, denn wir wählten den Seitenarm um eine Inselgruppe herum. Dort befanden sich zwar einige Kiesel- und Sandbänke, diese waren aber flach und feucht. An die ausreichend hohen Sandbänke, die oft an den Inselenden vorhanden waren, kamen wir von unserer Position aus nicht heran. schließlich fanden wir gegenüber der Mündung des Charley Rivers doch noch einen geeigneten Lagerplatz auf einer pflanzenlosen großen Kiesel- und Sandbank.

Mit 53 Tageskilometern erreichten wir ein sehr gutes Ergebnis. Allerdings hatten wir auf weiten Streckenabschnitten Rückenwind. Wir hatten aber auch richtig Kohldampf. Diesen stillten wir mit Reis + Thaisoße und Pudding zum Dessert.




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