Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat haben.
Theodor Fontane



1./2. 11. 2014 - Ein neues Kapitel beginnt

Bevor die neuen Abenteuer warten, möchte ich das Erlebte zusammen fassen. Der Monat Oktober war zu Ende gegangen und auch meine Zeit in Ecuador näherte sich ihrem Ende. Was nehme ich mit von 26. Tagen in diesem kleinen Land mit seinen 14,7 Millionen Einwohnern. Die Menschen dieses Landes waren mir durchgängig sehr freundlich begegnet. Auch wenn in den großen Städten die Touristen vor der Kriminalität gewarnt werden, hatte ich nie Befürchtungen bei Dunkelheit oder abseits von den Touristenpfaden überfallen zu werden. Allerdings sollte man manche Viertel auch meiden und auf den gut gemeinten Rat der Einheimischen hören. 

Ich habe längst nicht alle Regionen dieses Landes besucht, aber die landschaftliche Vielfalt lies sich sehr gut erahnen. Daraus resultiert auch die riesige Palette der auf den Märkten und in den Straßen angebotenen mir bereits bekannten und auch unbekannten Früchte des Landes. Die Küche profitiert jedenfalls von der klimatischen Vielfalt und es waren wieder einige Foodpremieren dabei sowohl an Früchten (z. B. Tomata de Arbol) aber auch an landestypischen Gerichten (z. B. Humidas, Ceviches, Emplanadas).

Auch wenn man keinen umfassenden Überblick über den Galapagos Archipel erhält ohne Inselkreuzfahrt, so war ich doch sehr überrascht von der Tatsache, dass man mit dem Besuch nur einer Insel durchaus einen Einblick in die besondere Tierwelt dieser Inselgruppe erhält und dass auch noch ohne Guide und ganz nah heran kommt an Seelöwen, Drusenköpfe, Blaufußtölpel oder die Galapagos Landschildkröten, da viele Tiere eine sehr kurze Fluchtdistanz haben. Den privaten  Geldbeutel schont es alle mal.

Besonders in den Städten wird jeder Vietnamesenmarkt an Sachsens Grenzen meilenweit übertroffen, denn eine einfache Beschäftigung als Klein- und Kleinsthändler, die jeden Tag ihren kleinen Laden auf- und abbauen, stundenlang vor ihren Waren hocken und kaum etwas verkaufen, oder "agua, agua, agua"-rufend durch die Straßen ziehen, haben Tausende Einwohner. Auch wenn die Verdienste dieser Händler, gemessen am Zeitaufwand, eher gering ausfallen, üben die Stadtmetropolen auch in Ecuador eine große Anziehungskraft aus, so dass weiterhin wachsende  Riesenagglomerationen entstanden sind, die mir Orientierungsprobleme bereitet haben, da ich nicht hinter die Nahverkehrssysteme "gestiegen" bin und nur selten einen "Stadtbus genutzt habe.

Spätestens an dieser Stelle machen sich Spanischkenntnisse sehr gut. Diese kann ich leider bisher nur sehr lückenhaft vorweisen. Daran änderte auch der einwöchige Besuch eines Spanischkurses nichts Wesentliches. Er war eher ein Tropfen auf den heißen Stein, hat mir aber die Erkenntnis eingebracht, mehr in die Sprache zu investieren.

Insgesamt schätze ich für mich ein, dass das Leben in Ecuador, besonders in den Städten, einen strukturierteren Eindruck machte als in Kolumbien. Im Straßenverkehr geht es in den Hauptgeschäftszeiten auch ziemlich rund aber nicht so hektisch wie in Kolumbien zu. Auch die äußeren Eindrücke die ich sammeln konnte, bestärkten mich in der Erkenntnis zu behaupten, dass die ecuadorianische Gesellschaft einen moderneren Entwicklungsstand aufweist als die im nördlichen Nachbarland.

Es war wieder einmal Reisezeit. Das erforderte wieder erhöhte Aufmerksamkeit, denn Fehler bedeuten Stress und Umwege. Auf Überraschungen muss man sowieso immer eingestellt sein. Nach dem ich meinen lieben und netten Besuch am Flughafen in Guayaquil leider wieder verabschieden musste, blieb ich gleich auf dem Flughafen, denn mein Flug nach Lima, der Hauptstadt von Peru, war der erste am folgenden Morgen. In Lima, auch wieder eine Mega-Millionen-Metropole, wollte ich mich nicht lange aufhalten, denn ich buchte online einen Bus von Lima nach Huaraz. Die Überraschung für mich war, dass sowohl die Online-Buchung als auch die Busfahrt nach Huaraz perfekt klappten. Einzig bei der Taxifahrt vom Flughafen zur Oltursa-Busstation hatte ich wieder mal den Eindruck, dass die Taxifahrer beim Fahrpreis ordentlich zulangen und nehmen, was sie bekommen können. Der Bus hatte Sitze wie in der First Class im Flugzeug, breit und man konnte sie weit nach hinten klappen. Gut für mich, denn nun konnte ich jede Menge Schlaf nachholen. Diese 9 stündige (der Bus hatte in Huaraz 1h Verspätung) Fahrt war ausgesprochen komfortabel.

3. 11. 2014 - Akklimatisierung und Vorbereitungen für den Santa Cruz Trek

Huaraz liegt in der Provinz Ankash mit 48.500 Einwohnern. Es liegt mit 3091 m über 100 m höher über dem Meeresspiegel als die Zugspitze. Von der Stadt blickt man auf die Bergketten der Cordilliera Blanca. Sie ist der höchste Gebirgszug den die Tropen weltweit zu bieten haben. Über 30 schneebedeckte Gipfel erheben sich in ihr über 6000 m. Huaraz besticht nicht etwa durch koloniales Flair oder besonders gelungene Architektur, denn 1970 hatte ein Erdbeben diesen Marktflecken fast ausgelöscht. In erster Linie ist es für Touristen ein "Trekking-Mekka". In der Hauptsaison tummeln sich hunderte von Touristen in den Straßen, Restaurants und flippigen Bars der Stadt. Aber auch in der Nebensaison lohnt sich ein Besuch der Cordilliera Blanca alle mal. Touranbieter tummeln sich zig-fach im Stadtzentrum und bei der Auswahl der Outdooraktivitäten fällt die Entscheidung schwer.

Ich hatte mich schon vorab für den Santa Cruz Trek entschieden. Dieser Weitwanderweg ist 50 km lang und gut in 3-4 Tagen zu bewältigen. Natürlich kann man bei einem der Touranbieter das "Rundumsorglospaket" buchen. Aber ich wollte es auf eigene Faust probieren. Deshalb stand der erst Tag auch im Zeichen sich einen Überblick zu verschaffen, die Transportwege aus zu kundschaften, Verpflegung und Gas für den Kocher zu beschaffen und die Gebühr für den Eintritt in den Parque Nacional Huascaran zu entrichten. Ganz nebenbei taucht man auch ein in das geschäftige Markttreiben dieser Stadt, denn in den Straßen tummeln sich auch die Händler und Händlerinnen die vor allem Früchte einer Vielzahl von Obst- und Gemüsearten aber auch Blumen und Viehfutter anbieten. Dazwischen werden noch Fruchtsäfte, Zuckerrohr oder Ananas- und Melonenscheiben als Appetizer zwischendurch angeboten. Aber auch kleine Garküchen sorgen dafür das man für wenige Soles nicht Hunger leiden muss. Natürlich sind die Straßen auch noch voll von Geschäften die Waren unterschiedlichster Art Anbieten. Lange Rede kurzer Sinn, das Treiben ist kunterbunt auch durch die bunte Kleidung der Marktfauen aus den umliegenden Dörfern. Mit ihren Hüten auf dem Kopf sehen sie sehr stolz aus und geben dem Ganzen einen erhabenen Eindruck.

Auf über 3000 m Höhe über dem Meeresspiegel kann man sich auch vortrefflich an die Höhe anpassen, man hat zwar den Eindruck, dass immer mal wieder ein halber Luftzug fehlt, aber das angenehme Klima von Huaraz macht das Leben hier angenehm. Ich hatte am Abend alle Dinge zusammengetragen, die ich für die Mehrtageswanderung durch einen spektakulären Teil der Cordilliera Blanca benötigte. Deshalb entschied ich mich einen Tag früher nach Cashapampa dem Trekstart aufzubrechen. Ich hatte den Eindruck, dass ich gut mit der Höhe klar kam. Vielleicht war ja noch etwas übrig geblieben von der Zeit in Quito und den Besteigungen des Rupu Pinchincha.

Also, ich bin dann mal ein paar Tage weg! 

4. - 8. 11. 2014 - Santra Cruz Trek

Es ist 19.25 Uhr, es ist dunkel und ich liege auf 3760 m über dem Meeresspiegel im Zelt in einer warmen Schlafsackdaune. In meiner kühnsten Treck-Planung hatte ich geglaubt mit etwas Glück den ersten Zeltplatz Llamacorral am Ende der ersten Tagesetappe schaffen zu können. Nun liege ich genau an diesem Punkt, aber es war ein hartes Stück Arbeit und es war verdammt knapp. Das Zelt habe ich noch bei Tageslicht aufbauen können, das Abendessen mußte ich schon bei Dunkelheit mit Stirnlampe einnehmen. 

Mit einem etwas abgespeckten Rucksack brach ich nach dem Frühstück auf, um ein Colectivo noch Caraz zu bekommen. Die Sonne strahlte von einem blauen Himmel herunter und ich konnte erstmals durch die Straßen blickend einige schneebedeckte Gipfel der Cordillera Blanca erspähen. Meine Mundwinkel schlugen an den Ohren an und der Rucksack fühlte sich gleich viel leichter an. Ich kam als erster Fahrgast am bereit stehenden Colectivo an. Nach mir kamen noch 5 andere Personen. Ich hatte kaum meinen Rucksack auf einem der Sitze verstaut, da ging es schon kurz nach 9 Uhr los. Ein Colectivo ist ein Kleinbus in dem auf der Fahrstrecke immer wieder Fahrgäste an jedem beliebigen Punkt zusteigen oder aussteigen können. Das finde ich sehr kundenorientiert. Reguliert wird das Sitzplatzmanagement von einer Art "Schaffner". Er ruft aus dem Fenster den Zielort und die Kundschaft macht sich durch Handzeichen bemerkbar, dass sie mitfahren will. Der Fahrer fährt rechts ran, die Tür wird vom "Schaffner" geöffnet und schwupps ist das Colectivo wieder im Verkehrsstrom. Das dauert manchmal keine 5 Sekunden. In Deutschland wäre das durch ein "Gesetzes-Dickicht", "Regularien-Gestrüppt" und "Schilderforst" unmöglich, hier in Peru funktioniert es. Bezahlt wird vor dem Aussteigen beim "Schaffner". Ich bezahlte 12.000 Soles, weil mein Rucksack einen Sitzplatz blockierte den doppelten Fahrpreis, noch nicht einmal 4,- €. Nach 90 Minuten hielt das Colectivo in Caraz. Nun mußte ich den Abfahrtspunkt der Colectivos nach Cashapampa finden.

Ich fragte mich bis zum Markt in Caraz durch und geriet dort an einen Fahrer, der mich fragte ob ich "rapido" (schnell) dahin wollte. Ich antwortet mit: "si". Das kostet: "cuarenta Soles", antwortete er mir und bedeutet so viel wie, 40.000 Soles, Ein Vielfaches von dem eben bezahlten Fahrpreis von Huaraz nach Caraz. Dafür mußte ich aber nicht warten bis das Colectico voll war. Außerhalb der Saison konnte das sehr lange dauern, oder unmöglich sein. Ich wollte den Rest des Tages nicht vertrödeln, denn die Sonne schien immer noch. Also zahlte ich ohne murren einen Preis von ca. 12,- €.

Der Fahrer steuerte seinen Kleinbus durch die engen Straßen von Caraz zunächst zur Tankstelle um Treibstoff zu tanken und Luft auf zu füllen. Danach ging es auf eine Schotterpiste durch die Randgebiete von Caraz. Ich sah kleine Kanäle zwischen den Feldern die Wasser führten und welche die kein Wasser führten. Das deutete auf ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem hin. Die mittlerweile zu einem Feldweg mutierte Straße gewann nun mehr und mehr an Höhe, so dass der Blick in das Tal des Rio Santa immer umfassender wurde. Der Fahrer erklärte mir das dieser Fluss die beiden Gebirszüge Cordillera Negro im Westen von der Cordillera Blanca im Osten trennt. Der Fahrer schonte das Fahrwerk seines Fahrzeuges über diese in einem schlechten Zustand befindliche Straße nicht sonderlich. Es ging immer höher die Hänge der westlichen Cordillera Blanca hinauf. Dem Straßenverlauf folgte nun ein künstlicher Wasserkanal, in dem das Wasser des Q. Santa Cruz (Gebirgsfluss) in die trockenen tieferen Tallagen fließt und dort für den Bewässerungsfeldbau genutzt wird. Windungsreich folgte die Straße dem Bergrelief angepasst bis Cashapampa. In diesem Ort befindet sich der Start des Santa Cruz Trek.

Es war kurz vor 12 Uhr und ich halte hier fest, dass die ersten beiden Etappen auch ohne Touranbieter sehr gut funktioniert haben. An der Rangerstation musste ich meine Daten auf einem Registrationsformulrar eintragen. Der Ranger kontrollierte die Entrichtung meiner Nationalparkgebühr und verglich meine Daten mit meiner Passkopie. Hat man den Eintritt in den Nationalpark noch nicht entrichtet, kann man das auch vor Ort noch nachholen.
Dann konnte es richtig losgehen. Vor mir öffnete sich das schmale Durchbruchstal des Q. Santa Cruz. Ich war wieder einmal auf einem Weitwanderweg mit Rucksack unterwegs. Es zeigte sich sehr schnell, dass dieser Trek von der Qualität war, wie ich sie lieben und hassen gelernt hatte. Zum einen gehe ich liebend gern mit Rucksack mehrere Tage über Stock und Stein dort hin, wo noch nie ein Gummireifen war. Zum anderen hasste ich den jeweils ersten Tag dieser Weitwanderungen, denn man stellt sehr schnell fest, dass der Rucksack wieder mal viel zu schwer ist und sie waren meist mit Kräfte zehrenden Aufstiegen verbunden. Man stellt sich dann immer die Frage: "Warum tue ich mir das nur an"?

Auch der Santa Cruz Trek führte mich sehr schnell an meine Grenzen, denn noch nie hatte ich einen Trek bei 2900 m über dem Meeresspeigelniveau begonnen. Das rasch einsetzende "Sodbrennen" in meinen Atemwegen und der Oberschenkel führten unweigerlich zur "Schaufensterkrankheit". Ich musste immer wieder anhalten und verschnaufen. Diese Krankheit in ihrer schwersten Form wurde ich den Rest des Tages nicht mehr los. Der Weg folgte leidensreich dem Verlauf des Q. Santa Cruz folgend recht zügig Berg an. Erst nach dem passieren dieses Durchbruchstales öffnete sich das Tal und der Weg flachte etwas ab. Mittlerweile hatte sich die Sonne hinter den Wolken versteckt und ein kurzes Gewitter lies auch ein paar Regentropfen aus den Wolken fallen.

An der Rangerstation hatte ich auf dem Registrationsformular gelesen, dass ein 25 jähriger Franzose vor mir auf dem Trek unterwegs war. Dieser kam mir nach 16 Uhr entgegen. Wir tauschten ein paar Worte mit ihm aus und wir wünschten uns anschließend "save travel". Er sagte mir, dass der Zeltplatz ca. 1 h entfernt war. Sehe ich da etwa Licht am Horizont? Kurz darauf traf ich eine Belgierin. Sie startete an der Laguna 69 und war schon den vierten Tag unterwegs. 

Als ich schon nicht mehr daran glaubte, kam der Zeltplatz doch noch vor dem Einbruch der Nacht in Sicht.
Die folgende Nacht brachte mir keinen erholsamen Nachtschlaf. Obwohl meine Tagesreserven aufgebraucht waren, ich physisch am Ende war, fand ich keinen Schlaf. 1.30 Uhr schaute ich das erste mal mit trockenem Mund auf die Uhr, in der Hoffnung dar neue Tag würde bald beginnen. "Pustekuchen" war es, ich mußte noch ein paar Stunden im Schlafsack ausharren und immer wieder einen Schluck trinken. Da es doch frisch draußen war, kondensierte die Feuchtigkeit auf der Innenseite der Zeltwand. Endlich brach die Dämmerung an und ein Blick nach draußen deutete einen wolkenlosen Himmel an. Es würde wohl ein sonniger Morgen werden. Als ich aus dem Zelt krabbelte mußte ich feststellen, dass dicke Wolken die Berge in meiner Wanderrichtung verhüllten. Talabwärts lösten sie sich allmählich auf, so dass immer mal ein paar Sonnenstrahlen den Platz erhellten, auf dem ich mein Frühstück vorbereitete. Sonnenstrahlen und eine leichte Briese trockneten das Zelt komplett ab. 

Kurz nach 10 Uhr war ich "on Tour", ohne dass ich bemerkte, dass mein Rucksack leichter geworden wäre. Der Santa Cruz Trek wird mit einem moderaten Schwierigkeitsgrad klassifiziert. Das mag vielleicht stimmen, wenn man den Trek entgegen dem Uhrzeigersinn geht, denn dann beginnt der Trek auf 3700 m Höhe. Ich startete auf 2900 m und mußte erst eimal absolut gesehen 860 Höhenmeter bis Llamacorral aus den Beinen drücken und das war nicht mit einem moderatem Schwierigkeitsgrad zu vergleichen. Den Schwierigkeitsgrad für das Durchwandern des Durchbruchstals würde ich für mich als schwierig bezeichnen.

Jetzt konnte der Weg durchaus als moderat bezeichnet werden, denn die Steilheit des Talanstieges hatte deutlich nachgelassen. Trotzdem wartete auf mich wieder eine schwierige Tagesetappe auf mich. Relativ gesehen waren bis zum nächsten Zeltplatz unterhalb der Laguna Arhuaycocha dem Basecamp zum Alpamayo reichlich 500 Höhenmeter zu stemmen. Der Charakter des Weges war unterschiedlich. So wechselten Abschnitte auf glattem Geläuf, steinige Abschnitte und Bereiche mit "Boulderhopping" ständig. Später kamen auch noch sandige Passagen hinzu. Das stellte hohe Anforderungen an den Band und Bewegungsapparat der Beine. Erst recht wenn sie noch ein paar Kilogramm mehr tragen mussten als normal. 

Im ganzen Tal begegneten mir immer wieder weidende Maultiere, Pferde und Kühe. Deshalb war es nötig das Trinkwasser vor dem Trinken zu behandeln. Ich passierte alsbald sie Lanuna Ichiccocha. Das sie mal ein See war konnte man nur noch erahnen an den Schlick-, Sandablagerungen und Wasserlöchern. Vermutlich hatte ein Hochwasser in der Regenzeit den Damm geöffnet, so dass das Wasser der Lagune abfließen konnte. Wenig später folgte ich dem Uferweg an der Laguna Jutancocha. Sie war wesentlich größer und der Damm von losem Geröll der sie absperrte auch höher. Falls dieser Damm vielleicht durch ein Erdbeben brechen sollte, war das abfließende Wasser zusammen mit dem Geröll eine ernste Gefahr für die Flußanreiner im Tal, denn diese Muren haben  ein sehr hohes Zerstörungspotential. Deshalb gab es an diesem Damm weit unterhalb der Dammkrone einen künstlichen permanenten Wasserabfluß. Am nordöstlichen Ende der Laguna konnte man beobachten wie der Fluß feine Sedimente ablagerte und diesen See allmählich zu schütteten. Das diese Laguna einst viel größer war als heute, zeigte der anschließende Wegverlauf, der immer mal wieder für längere Zeit über sandiges Geläuf führte. Auf 4000 m wurde über diesen Flussablagerungen noch gröbere Sedimente aus den umliegenden Bergen abgelagert. An diesem ansteigenden Schuttfächer werden in der Regenzeit sehr viel Wasser und Sedimente verteilt. Um diese Jahreszeit ist nur ein schmaler Gebirgsbach übrig geblieben der die Niederschläge der Berghänge sammelt. Über diesen führte eine kleine Brücke, so dass ich trockenen Fußes darüber hinweg kam.
Kerben in den Berghängen und Wolkenlücken ließen nun auch ab und an mal einen schmalen Blick auf die Berghänge der schneebedeckten 5 und 6-Tausender zu. Aus der Ferne konnte ich schon den Trailverlauf am gegenüber liegenden Berghang, der zum Alpamayo führte, verfolgen. Serpentinen deuteten auf eine große Kraftanstrengung gegen Tagesende hin. So wie vermutet kam es dann auch, denn ich quälte mich geplagt von der "Schaufensterkrankheit" im Schneckentempo ca. 150 Höhenmeter Schritt für Schritt nach oben. In meinem "Wanderdilierium" hörte ich weit entfernt den Alpamayo rufen: "Komm Wanderer kämpfe dich nach oben. Für jeden Höhenmeter den du erklimmst, lasse ich Stück für Stück meine Wolken- und Dunstschleier fallen". Vielleicht war es aber auch nur eine "Stimmen-Fatamorgana"?

Dann hatte ich den Berghang besiegt und stand in einem riesigen "Amphietheater". Dieses wurde von den gigantischen Berhängen und Gipfeln des Quitaraju (6036 m), Alpamayo (5947 m) und Pucarasthta (5450 m) gebildet. Mir stand der Mund offen beim Anblick dieses Bergpanoramas. Dabei hatte ich noch großes Glück, denn die Wolken gaben den Blick erst Stück für Stück frei. Diese Gelegenheit nutze ich sofort um meine Fotoausrüstung in Stellung zu bringen. Was hatte ich ihr Zusatzgewicht auf dem Trek verflucht, jetzt sollte sich die Schinderei auszahlen.

Der Deutsche Alpenverein verkündete einst, dass der Alpamayo mit seinen scharfen Graten der schönste Berg der Welt sei. Für die us-amerikanische Kino- und Fernsehfilmproduktionsgesellschaft "Paramount Pictures" stand dieser Berg für ihr Firmenlogo Modell. Nun stand ich an seiner Südostflanke und drückte ein ums andere mal ab. Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Das Tagesziel hatte ich noch nicht erreicht, denn das Basecamp des Alpamayo lag noch weiter in diesem "Amphietheater" drin. Je weiter ich eindrang, desto mehr Gipfel erweiterten dieses Bergpanorama, wie Pacajirca Sur (6040 m), Pucrapucraju (5780 m) und noch so ein Zungenbrecher Ririjirca (5810 m). Ich musste mich sputen, denn bis zur Dämmerung war es nicht mehr weit. Weiter als ich glaubte zog sich der Weg bis zum Basecamp. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit schaffte ich noch den Zeltaufbau. Das Abendessen gab es schon unter dem Sternenzelt. 

Da mich der letzte Serpentinenanstieg und die länge der Tageswanderung insgesamt wieder sehr nah an meine physischen Grenzen brachten, lag ich schon 19.20 Uhr zufrieden in meiner Daunentüte. Mein Zelt stand an der Laguna Ahuaycocha auf 4330 m über dem Meeresspiegel. Ich schiebe es auf diese Höhenlage, dass ich auch diese Nacht keinen ergiebigen Nachtschlaf fand und immer wieder zur Uhr schaute, in der Hoffnung die Nacht würde bald zu Ende gehen. Am Tag merkte ich keine Symptome der Höhenkrankheit. Außer das mir unter der Rucksacklast schnell die Puste ausging und ich bei Berganabschnitten die "Schaufensterkrankheit" bekam, war alles im Grünen Bereich. Ich kam nicht schnell voran, aber ich kam voran.

Am nächsten Morgen musste ich leider feststellen, dass das Schönwetterfenster sehr, sehr kurz war und dicke Wolken mir den Sonnenaufgang verhagelten. Später kam auch noch leichter Regen hinzu, so dass ich mein Zelt nicht trocken in die Tüte bekam und meine Tagesetappe gleich unter Regen-Vollschutz begann. Auf dem Weg hinaus aus dem Alpamayo-Amphietheater Richtung Taulipampa Zeltplatz kam ich gut voran. Größere Anstiege gab es nicht zu bewältigen, denn ich konnte mit einer Hangquerung den fälligen Anstieg von Quishar aus umgehen. Dieser Weg ist nicht nur für Leute angelegt worden, die gern schwere Rucksäcke durch die Landschaft tragen, nein auch Nutztiere nutzen die Wanderwege um von einer Weide zu nächsten zu gelangen. Vor mir ging eine Kuh und ich hatte wirklich Probleme ihr Tempo zu halten, denn ich kam kaum näher an sie heran. Als ich heran war, blieb sie stehen, drehte sich um und schaute mich vorwurfsvoll an, was ich denn hinter ihr so eine Hektik verbreite. Drehte sich wieder um und trottete weiter vor mir her.

Am Zeltplatz war gerade eine Maultierkaravane angekommen. Sie ist die Vorhut für die Wanderfreunde, die das "Rundumsorglospaket" gebucht hatten. Wenn sie ihr Tagesziel erreichen sind die Zelte aufgebaut, ein kleiner Belohnungs-Snack steht bereit und der Kaffee dampft wohlreichend aus der Kanne. Als ich den Zeltplatz passiert hatte, kamen mir auch schon die "Leichtgewichtswanderer" entgegen. Ihr Weg führte Berg ab, mein Weg führte Berg an, sie mit einer Wasserflasche im Gepäck, ich mit allem Drum und Dran auf dem Rücken, sie am Ende ihrer Tagesetappe, ich noch mitten drin, sie mit einem überlegenen Lächeln auf den Lippen und ich mit einem freundlichen "Hola" als wir uns begegneten. Der Guide, in diesem Falle eine Frau, fragte mich wohin ich denn wolle? Ich antwortete höflich, dass ich zur Passhöhe Punta Union wolle. Sie wünschte mir darauf hin "Good Luck". Wieso wünschte sie mir Viel Glück? Wußte sie etwa was mir bevor stand? Natürlich wußte sie es und ich konnte mir beim Blick nach oben lebhaft vorstellen, was mir in den nächsten Stunden blühte.

Der Weg führte in den imposanten Talkessel des Taullijaru und weiterer Fünftausender Gipfel hinein, oder besser hinauf. Diese Gipfel bildeten einen geschlossenen Wall aus Felsen und Eis. Zugegeben das sah gigantisch und majestätisch aus. Von meiner Position aus konnte ich nirgendwo erkennen, an welcher Stelle ich diesen Wall überwinden sollte, aber ich rechnete nicht damit, dass es einen Fahrstuhl hinauf zur Passhöhe gab. Viel eher schwante mir ein Sack voll Arbeit der mir bevorstand um die Passhöhe zu erreichen. Bei ca. 4400 m wurde es dann richtig ernst, denn die letzten 350 Höhenmeter deuteten sich über einen Serpentinenweg an. Ich wußte bisher noch nicht, dass es zur "Schaufensterkrankheit" eine Steigerungsform gab: "Escaparate Enfermedad Doble". Das bedeutet bei dieser "Krankheit" macht man eine kleine Gehpause, weil man außer Puste ist, geht weiter, wenn man sich erholt hat und am Ende des gleichen Schaufensters, muss man die nächste Pause einschieben, weil man schon wieder außer Puste ist. Ich kam voran, aber fragt mich bitte niemals danach, wie ich im Dauerregen bei diesem Aufstieg gelitten habe.

Der Blick in den Talkessel war grandios. Ich hatte bei meinen "tausenden Gehstopps" genügend Zeit die Landschaft zu betrachten. Das lohnte sich mehr als mit einem Blick nach oben das Ende des Elends in einer zerklüfteten Felsenwand zu suchen. Nach jeder Serpentinenkurve hoffte ich, dass nach der nächsten Kurve die Passhöhe auftauchen würde. Nach Stunden des Leidens tauchte an der Felskante ein kleines Schild auf, welches in Richtung einer Felskerbe deutete. Das konnte nur die Passhöhe Punta Union auf 4750 m Höhe sein. Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass meine Mundwinkel beim Durchschreiten dieser Felskerbe an den Ohren anstießen. Ganz nebenbei hatte ich meinen persönlichen Höhenrekord um 54 m vergrößert. Dabei war es mir ziemlich egal, dass mir auf der anderen Passseite Schneeregen ins Gesicht trieb. Ab jetzt ging es tendenziell Berg ab bis zum Ende des Treks. Umgeschaut hatte ich mich nur selten. Erstens war die Sicht und das Wetter sehr schlecht. Zweitens wollte ich bis zum Einbruch der Dunkelheit noch ein Stück des Weges schaffen, mindestens auf 4300 m runter. Drittens erforderte der Weg große Aufmerksamkeit, da ein "Bergabstolperer" nicht passieren sollte und viertens wollte ich die Passhöhe, diesen unwirklichen Ort schnell verlassen, da sie mir unheimlich viel Kraft geraubt hatte.
Kurz vor Einbruch der Dunkelheit fand ich neben einer Wasserstelle ein paar Quadratmeter ebenes Gelände für den Zeltaufbau. Da dies im Regen passierte, musste es schnell gehen, das warme Abendessen ausfallen und der nasse Rucksack unter einem Steinvorsprung übernachten. Mit dem Handtuch versuchte ich die nassen Stellen im Zelt einigermaßen wieder trocken zu bekommen. Zelten bei Nässe und Kälte macht nicht wirklich Spass. Ich tauschte die feuchte Kleidung gegen die lange Wollunterwäsche und vergrub mich ganz tief in meinem Schlafsack, ich war fix und fertig. 2-3 Stunden muss ich geschlafen haben, dann weckte mich der immer noch anhaltende Regentrommel auf meinem Zeltdach wieder auf.

In diesem Moment schoss mir durch den Kopf, das der Höhenunterschied zwischen Wasserlache und meinem Zeltstandort nicht wirklich groß war. Wenn es weiter so regnete und die Wasserlache keinen Abfluss hatte, könnte ich kostenlos ein Wasserbett bekommen. Also das beste hoffen, damit mein Fehler bei der Auswahl des Zeltplatzes nicht zu feuchten Füßen führt.

In der Nacht bekam ich mit, dass der Regen nach lies und dann ganz aufhörte. Somit sollte es kein Wasserbett geben. Später drückte die Blase und ich musste raus aus dem Zelt. Dabei bemerkte ich, dass die Zeltwände meines Innenzeltes von innen nass waren. Warum eigentlich, wenn mein Überzelt 100%-ig wasserdicht sein soll? Nach dem Öffnen des Zeltes wusste ich warum. Der Regen war in Schnee übergegangen und bedeckte die Umgebung und mein Zelt mit 5 cm Neuschnee und ich glaubte der Regen hatte aufgehört. Ich befreite das Zelt von der Schneelast. Der Wasserstand der Wasserlache war zwar gestiegen, aber es bestand noch keine Gefahr im Schlaf zu ertrinken. Das Innenzelt versuchte ich von der größten  Feuchtigkeit zu befreien, damit mein Schlafsack möglichst trocken blieb und ich nicht noch ein neues Problem bekam.

Dabei hatte ich dieses schon. Der Trek war durch die Frequentierung immer gut zu erkennen, aber er war nicht beschildert. Sollte ich mich nun darüber freuen, dass es schneite und ich vielleicht keine nassen Füße wegen der Wasserlache bekam? Oder sollte ich mir lieber wünschen, dass der Schnee wieder in Regen überging, damit ich den Trekverlauf finde und mich nicht verirre? Ich musste leider feststellen, dass ich momentan ohnmächtig war, etwas gegen die Naturgewalten auszurichten. Später hörte ich wieder Regentropfentrommelwirbel auf dem Zeltdach. Gut so, ich werde den Weg finden. Schlecht so, es könnte feucht werden? Momentan war der trockene Platz im Zelt besser als draußen etwas regeln zu können. Kurz nach 6 Uhr wurde ich wach. Ein Kontrollblick aus dem Zelt zeigte mir, dass der Schnee im Tauen begriffen war. Gegen 7 Uhr bemerkte ich, dass meine Beine auf der Isomatte wie auf einem Wasserbett hin- und her schwankten. Es war soweit, ich hatte Wassereinbruch in meinem Zelt. Glücklicherweise lag nun draußen kein Schnee mehr und der Regen hatte auch aufgehört. Frühstück gab es heute nicht warm, denn ich war mit dem Packen meiner überwiegend feuchten Ausrüstung beschäftigt.
Irgendwie machte das alles keinen richtigen Spass mehr. Drei Wandertage am Rand der physischen Erschöpfung, keine Nacht ein ausgiebiger erholsamer Schlaf, stattdessen in den Nachtstunden ein leichter Kopfschmerz, als Symptom fehlender Höhenanpassung und nun wollte mich auch noch die Witterung "umbringen". 

Ich gab Fersengeld um dem Trekende wieder ein Stück näher zu kommen. Der Berg ab führende Trekverlauf und die Zunahme der Ebenheit machte das Wandern, gemessen an den Vortagen, wirklich leicht. Einzig der Regen der Nacht machte aus dem Wandertag eine feuchte und patschige Angelegenheit, denn es war viel Wasser Berg ab unterwegs.

Gegen 14 Uhr erreichte ich den Zeltplatz, konnte meine Ausrüstung teilweise trocknen und wieder mal etwas warmes essen und etwas relaxen. Später begab ich mich auf Wassersuche, denn das Flusswasser behagte mir in seiner "Milchigkeit" nicht so richtig. Als ich schön weit weg vom Zelt war, setzte ein plötzlicher kräftiger Regenschauer ein, in dessen Folge meine Kleider durch waren und die Kleider auf der Leine auch, ebenso der Rucksack. Ich glaube das reicht jetzt. Wenn alles gut geht, kann ich morgen den Trek beenden und im Alpes Huaraz Hostel eine trockene Nacht verbringen. 

Für die Schlussetappe nach Vaqueria an der Straße nach Colcabamba sollte man nicht allzu spät aufbrechen, damit die Chancen ein Colectivo nach Yungay oder gleich bis Huaraz zu bekommen dann größer sind. Da der Santa Cruz Trek in der Regel entgegen dem Uhrzeigersinn begangen wird, bringen die Agenturen die Trekker nach Vaqueria zum Trekstart. Außerdem werden die Orte auch versorgt denn die Einwohner leben nicht autark, so dass eine Verbindung nach Yungay und weiter nach Huaraz besteht. 

Ich hatte mir zum Ziel gestellt gegen 8 Uhr aufzubrechen, damit ich gegen 10 Uhr Vaqueria erreichte. Zwei Stunden für ca. 6 km, das sollte doch machbar sein. Leider habe ich nur auf die Kilometerentfernung und nicht nach dem Relief des Wegverlaufes geschaut. Und wieder lag der Teufel mal wieder im Detail. Ich ging davon aus, dass der Weg dem Talverlauf folgte.

Meine Mitwanderer vom "Rundumsorglospaket" und ein Einzelwanderer starteten schon 7.30 Uhr. Das war sicher auch ein Zeichen für mich, einen Gang beim Packen zu zu legen. 7.50 Uhr hatte ich dann meine Lasten geschultert und folgte dem einfachen Weg. Gleich nach dem Zeltplatz kam ich an der Rangerstation und Nationalparkgrenze vorüber. Ich dachte ich müßte mich vom Trail zurück melden, aber alles war verschlossen. Also setzte ich meinen Weg fort. Unterwegs kam mir ein Ranger entgegen, der mein Ticket kontrollieren wollte. Da ich erst den 5. Tag unterwegs war, gab es keine Probleme. 

Außerhalb des Nationalparks gab es wieder menschliche Anwesen. Die Menschen in diesen Tälern leben von etwas Ackerbau und Viehzucht. Neben Kartoffeln sah ich auch noch Mais. Als Nutztiere neben Kühen, Pferden, Maultieren und Eseln auch noch Schafe und wie Hunde angeleinte Schweine. Ein Hinweisschild machte auch auf die Cuy-Zucht aufmerksam. Die Häuser und Ställe waren nach einfacher Bauart gestrickt, vermutlich mit ungebrannten Lehmziegeln bzw. gestampften Lehm und Natursteinen. Einige Kinder kamen mir bettelnd entgegen, da sie von den Trekkern sicher ab und an die Lebensmittelreste bekommen. 

Den Weg nach Vaqueria zu finden ist manchmal etwas diffizil, denn am Wegabzweigungen stehen nicht immer Hinweisschilder. So machten mich Bauarbeiter darauf aufmerksam, dass ich den richtigen Abzweig verpasst hatte und einmal fragte ich eine Frau mit Feuerholz auf dem Rücken nach dem richtigen Weg. Mit meiner Vermutung, der Weg würde dem Talverlauf folgen, lag ich gründlich daneben, denn es ging noch einmal ordentlich nach oben. Mit meiner geplanten Ankunftszeit an der Straße würde es wohl nichts werden. An den bBerganpassagen erfasste mich noch einmal die "Schaufensterkrankheit". Als ich nach diesem letzten Anstieg an der Straße ankam, führte der Weg direkt an einem Haus vorbei. Die Kinder und ein junger Mann die vor dem Haus saßen, belächelten mich nur Müde. Nach dem meine hektische Schnappatmung wieder in Normalbetrieb umschaltete fragte ich bei ihnen an, wo das Colectivo hält. Sie bedeuteten mir den Platz vor dem Haus. Die "Plackerrei" hatte ein Ende. Nun mußte ich nur noch warten, bis ein Colectivo kam. 

Ich kam mit dem jungen Mann ins Gespräch. Er hieß Wilder Garcia und war 33 Jahre alt. Er fragte mich, wieviel Tage ich auf dem Santa Cruz Trek unterwegs war. Ich antwortete: "cinco dias (5 Tage)". Er teilte mir danach mit, dass er diese Strecke von Cashapampa bis Colcabamba in 12 h zurückgelegt hatte. Ich schüttelte nur so mit meinem Kopf und konnte das eben gehörte nicht glauben. Genau genommen hatte ich für den Trek selbst ja nur knapp 4 Tage benötigt (12 Uhr gestartet und nach 10 Uhr angekommen), aber 12 h für diese "Mördertour" schien mir aus dem Reich der Fabel zu stammen. Er blieb jedoch bei seiner Aussage und nannte mir seine Zwischenzeiten für meine Tagesetappen. Der Typ musste unglaublich fit sein, auch wenn er keinen Rucksack getragen hatte, wie ich.

Nach einer knappen Stunde des Wartens brachte der Kleinbus eines Touranbieters neue Wagemutige zum Trekstart, die den Santa Cruz Trek entgegen dem Uhrzeigersinn begehen wollten. Während der Bus entladen wurde kam ein langer schlacksiger Typ auf mich zu und meinte er hätte mich beim Aufstieg zum Rupu Pinchincha in Quito schon einmal gesehen. Er ist Belgier und ich konnte mich auch an ihn erinnern. Tja, ich habe es schon immer gewusst, die Welt ist ein Dorf, auch in Südamerika. Wenig später fuhr der Tourbus wieder zurück, hielt auf mein Zeichen an und ich konnte bis Huaraz mitfahren. Das hatte doch schon mal gut geklappt. Im Bus saßen neben dem Fahrer noch drei andere Peruaner. Einer davon war der Treiber der Maultierkollonne für die Trekker des "Rundumsorglospacketes" der mich auf dem Weg nach Vaqueria mit seinen Lasttieren locker überholt hatte unddavon zog. Die beiden anderen waren möglicher Weise Tourguides, Außerdem saß noch ein deutscher Trekker ganz hinten auf der letzten Reihe. 

Flugs wurde mir der schwere Rucksack abgenommen und verstaut. Ich schnappe meinen Tagesrucksack und schon ging die Fahrt los. Einige Zeit später bemerkte ich, dass meine Trinkflasche fehlte. Ich hatte sie kurz vorher aufgefüllt und nicht wieder an den Tagesrucksack angehängt, sondern daneben abgestellt. In der Abfahrtshektik hatte ich sie vergessen. Noch ehe ich mich richtig darüber ärgern konnte, wendete der Kleinbus ohne das ich es verlangt hätte. Die Peruaner hatten etwas vergessen einzuladen. Das war meine Chance wieder an meine Trinkflasche heran zu kommen. Der junge "fitte" Peruaner am Haus hatte sie bereits entdeckt und sie mir freundlicher Weise wieder ausgehändigt. Nach kurzem Halt begann die Fahrt von Neuem. Alles wird gut.

Die unebene Gravelroad wand sich an den Berghängen immer weiter hinauf. Der unebene Belag tat dem Fahrwerk des Fahrzeuges auf Dauer sich nicht gut, denn die Fahrt war sehr rumplig. Ich wußte das die Straße über den 4767 m hohen Port de Llanganuco Pass führte. Man muss das Wollen oder Müssen und dem Fahrer, sowie seinem Fahrzeug vollstes Vertrauen schenken. Wer das nicht kann, der sollte den Trek lieber wieder zurück wandern. Ich wußte, wollte und musste es. Je höher desto gigantischer wurde die Aussicht auf das unter uns liegende Tal des Q. Moracocha und der umgebenden Fünftausender Berggipfel. Wie am Punta Union war für die Straße eine breite und tiefe Kerbe in den Felsengrat geschlagen wurde. Was einem aber auf der anderen Seite des Gebirgskammes erwartete, ist geeignet einen Schauer durch den ganzen Körper zu jagen. Die Straße wand sich in zig engen Serpentinen den steilen Berghang des 5141 m hohen SurOeste bis ins Tal auf ca. 4000 m an den Lago Orgoncocha hinunter. Man muss das Wollen oder Müssen, ....

Der Fahrstil des Fahrers schien mir so, dass ich glaubte, er wusste was er tat. Deshalb konnte ich mich auch der Aussicht auf die schneebedeckten Giganten und dem weiten Tal widmen. Ich empfand diese Aussicht, wie eine Belohnung für die Zeit des Leidens auf dem Santa Cruz Trek.

Als wir einen Großteil der Passstraße bewältigt hatten, hielt der Bus in einer breiten Serpentine, denn es sollten noch Tagestrekker die zur Laguna 69 unterwegs waren, mitgenommen werden. Diese Gruppe aus englischsprachigen Ausländern war sicher nicht ganz fit, denn sie verspäteten sich und trudelten lang auseinander gezogen am Treffpunkt ein. Nach Stunden des Wartens konnte es nun endlich weiter gehen.

Bevor ich jetzt weiter schreibe, muss ich noch einmal tief durchatmen, denn die Weiterfahrt hielt einige Überraschungen bereit, die nicht ganz ohne waren. Als endlich alle an Bord waren, konnte die Reise fortgesetzt werden. Kurz nachdem wir die Talsohle erreicht hatten, ging der Motor des Kleinbusses aus. Er konnte zwar wieder gestartet werden, aber beim dritten mal war endgültig Schluss. Auch Versuche zur Reparatur des wahrscheinlich elektronischen Problems schlugen fehl. Schließlich wurde unser Kleinbus von einem Reisebus abgeschleppt und die nahezu ebene Passage an der Laguna Orgoncocha bewältigt werden. Von da an führte die Straße wieder bergab. Der Fahrer ließ den Wagen rollen. Ich überlegte noch, ob denn die Fahrtüchtigkeit (Bremsen, Lenkung) ohne laufenden Motor noch gegeben sei, da sprang schon ein Mitreisender der Tagestrekker auf und wollte wissen, dass die Bremsen bei Betrieb ohne Motor brechen könnten und der Fahrer solle zeigen, dass er jederzeit genügend Bremswirkung entfalten kann. Da der Fahrer bremsen konnte, beruhigte er sich wieder. Aber es entstand unter den englischen sprachigen Mitreisenden eine Diskussion, ob man weiter im Kleinbus mitreisen solle. Ich habe nicht genug Ahnung von Kfz-Technik, aber Ich glaubte mich daran erinnern zu können, dass ich mal mit einem Renault Espace von Oberwiesenthal nach Colditz abgeschleppt wurde. Auf dieser Fahrt ging es auch die Berge hoch und runter. Das Einzige was allmählich den Dienst versagte waren die Blinker, da die Lichtmaschine nicht lief und die Ladekapazität der Batterie langsam ausgesaugt wurde. Die Lenkung ging wegen des Ausfalls der Lenkhydraulik schwerer und die Bremsen funktionierten perfekt. Ich war also einigermaßen beruhigt und guter Dinge, dass alles gut gehen würde.

An einer kleinen Steigung ging es nicht weiter mit dem Rollen. Zuerst stiegen die Peruaner aus und schoben den Bus. Kurz danach halfen alle Insassen mit. Mit vereinten Kräften schafften wir die kleine Anhöhe. Alle stiegen wieder ein und rollten bis zum nächsten Stillstand mit. Wir schafften gemeinsam den Kleinbus ein Stück weiter zu schieben. Aber dann war die Steigung zu steil für unsere Muskelkraft. Man verlangte vom Busfahrer, dass er einen Ersatz organisierte, dieser rief daraufhin bei seiner Company an. Die wollten einen Ersatz entgegen schicken.  

Indessen half uns ein zweiter Reisebus über die nächste Kuppe hinweg. Am Ende der Laguna Chinacocha stieg der überängstliche Trekker nicht mehr in den Bus ein. Seine letzten Worte die ich von ihm vernahm waren: "See you later, good luck". Mir kam das Lied mit den "10 kleinen Negerlein" in den Sinn und könnte auf unsere Situation angewandt ungefähr so gehen: "14 kleine Negerlein fuhren ohne Motor den Berg hinab, einer verlor die Nerven und blieb stehn, da waren es nur noch Dreizehn". 

Der Bus rollte nun die abschüssige Straße tadellos lange Zeit hinab. Der Busfahrer hatte alles im Griff. Im Bus herrschte eine "eisige Totenstille". Ich verfolgte das Geschehen gelassen. An einer unübersichtlichen Stelle hielt der Bus an und die Tagestrekker entfachten eine Diskussion darüber, dass nun endlich das angeforderte und versprochene Ersatzfahrzeug eintreffen solle. Die Situation eskalierte langsam, bis der Busfahrer ausstieg, die Seitentür öffnete und die Diskutierer bat auszusteigen. "13 kleine Negerlein hatten vom Fahrzeug die Nase voll, einige diskutierten und stiegen aus, da waren es nur noch sechs". (Sorry, ich habe nichts gefunden, was sich auf sechs reimt.)

Vier Peruaner und zwei Deutsche blieben übrig und rollten die Straße weiter hinab, bis der Schwung nicht mehr reichte eine kleine Anhöhe zu nehmen. Alle sprangen raus und schafften es mit den wenigen verbliebenen Kräften gerade mal so den Bus über die Steigung zu schieben.

Es konnte weiter die Straße Richtung Yungay hinab gerollt werden. Dieser Ort erlangte am 31. Mai 1970 traurige Berühmtheit. Durch ein Erdbeben lösten sich am Huascaran Norte 50 Millionen Kubikmeter Granit, Geröll, Eis und Schlamm. Diese Geröll- und Schlammlavine raste binnen Minuten zu Tal und verschüttete das Dorf Yungay. Fast alle der 20.000 Einwohner verloren damals ihr Leben und liegen heute unter 10-12 Meter Schuttmassen begraben. Der Ort wurde zwei Kilometer weiter nördlich vom ursprünglichen Dorf Yungay wieder aufgebaut.
Mit diesem Ort musste heute keine weitere Horrornachricht in Zusammenhang gebracht werden, denn unsere "Geisterfahrt" ging glimpflich zu Ende. Ich reichte dem Fahrer die Hand und bedankte mich bei ihm mit den Worten: "Muchas gracias, hoy esta una feliz dias". Ich habe keine Ahnung ob das exaktes Spanisch ist und das bedeutet, was ich ausdrücken wollte: "Vielen Dank, heute ist ein glücklicher Tag". Ich hatte den Eindruck er war sichtlich erleichtert, von wenigstens einem Ausländer Zuspruch für sein Handeln erfahren zu haben.

Die beiden anderen Peruaner brachten uns zum Busterminal, wo wir ein Colectivo bestiegen und nach Huaraz fuhren. Alles wird Gut.

9.-11.11.2014 - Relaxen und Reisen

Nach der Kraftanstrengung bei der Bewältigung des Santa Cruz Trek stand erst einmal relaxen an. Dabei konnte sich das nicht im Schaukelstuhl abspielen, denn meine Ausrüstung hatte durch die feuchte Witterung mächtig gelitten und mussten getrocknet werden und das Waschen der verschmutzten Kleidung, war auch mal wieder an der Reihe. Als ich gegen Mittag den größten Teil trocken hatte, stand erst einmal die Belohnungsveranstaltung für die erfolgreiche Bewältigung des Santa Cruz Trek an. 

Ich hatte mir vorgenommen eine Foodpremiere zu gönnen. Die "Cocina Peruana" ist so etwas wie die Haute Cuisine der Südamerikanischen Küche. Ich wollte mich diesmal an Cuy heranwagen. Die Deutsche Übersetzung liefere ich diesmal nicht frei Haus. Wer es wissen will, muss sich selbst bemühen. Auf dem zentralen Platz fand ich an diesem Sonntag verschiede Ständen die peruanische Gerichte anboten. Unter anderem gab es auch Cuy.  Es war zwar mit 10.000 Soles das teuerste Gericht, welches angeboten wurde, aber mit einem Getränk zusammen gerade mal 4,- €. Am Tisch erklärte man mir, dass Cuy sehr proteinreich ist. Dazu gab es noch leckere Kartoffel in einer fettigen Soße und als Gemüsebeilage Trigo, dass ist "zerschredderter" Zuckermais. Dem Cuy-Fleisch konnte ich mit meiner wenig ausgeprägten Feinschmeckerzunge keinen besonders neuen fleischigen Geschmack abgewinnen. Es schmeckte eben nach Fleisch und man kann es essen, wenn man damit klar kommt, dass dieses Tier in Deutschland als liebes kleines Haustier gehalten wird, bis es von selbst stirbt.

Am Abend unterhielt ich mich mit John aus Oregon (USA) meinem Mitbewohner im Dormitory-Room des Alpes Huaraz Hostels. Er hat mein unsauberes Englisch tapfer ertragen und mir angeboten, ihn nächstes Jahr auf meiner Nationalparkour durch den mittlern Westen und Westen der USA in Oregon zu besuchen. Der Bundesstaat Oregon hat selbst mit dem Crater Lake einen Nationalpark zu bieten. Dann liegt das ja fast auf dem Weg.

Am Vormittag meines Reisetages, zurück nach Lima, habe ich mich noch einmal in das Treiben der Stadt fallen lassen, denn ich liebe es durch die dicht mit Markttreiben gefüllten Straßen zu gehen und einige Verpflegung für die Unterwegsversorgung zu kaufen. Die Auswahl an kleinen Snacks, Obst oder Gemüse ist sehr groß. In der Regel kann man auch Fotos vom Markttreiben machen und die vielfältigen Produkte und Früchte aufnehmen. Will man Personen von Angesicht zu Angesicht auf die Fotos bannen, wird es schwierig, dann ist eine große Kamera meistens nicht so förderlich. Heute flog mir das erste mal eine Hand voll Maiskörner von einer Marktfrau entgegen. Ich habe das Foto vor ihren Augen wieder gelöscht. Sie konnte sich nur schwer beruhigen.

Als ich alles beisammen hatte, holte ich meine Sachen vom Hostel ab und ging zur Busstation von "Oltursa". Ich kann es nur noch einmal sagen, auf der Strecke zwischen Lima und Huaraz, das sind immerhin 8 h, bietet dieses Busunternehmen eine ordentlichen Service (auch WiFi) in breiten und bequemen Sitzen. Der Preis ist mit 25 US$ vergleichsweise günstig. Dann begann die lange Rückfahrt an deren Ende ich vermutlich abgeholt werden würde, denn ich hatte in Quito Mila, eine junge Peruanerin kennengelernt. Sie hatte einfach mal ein paar Tage Auszeit genommen, sich in den Bus gesetzt und ist von Lima aus zwei Tage bis Quito gefahren. Dort kam sie dann im Travellers Inn Hotel unter, wie ich. Sie wollte englisch mit mir reden und ich sollte spanisch reden. Das ging natürlich gar nicht, denn mein Spanisch reicht da vorn und hinten nicht aus. Also haben wir den Spanischunterricht abgebrochen und beide englisch gesprochen. Sie meinte sie könnte da viel von mir lernen. Ich widersprach, denn dieser Überzeugung war ich ganz und gar nicht.

Das Ende vom Lied war, ich erhielt für meinen Zwischenstopp in Lima ein Angebot, für eine Nacht zu ihr in die elterliche Wohnung eingeladen zu werden. Annehmen oder Herausreden, dass das nicht geht? Ich nahm den Vorschlag an, denn es gab keine Argumente, die dagegen sprachen. Wir  blieben in E-Mailkontakt und Mila holte mich tatsächlich an der Oltursa-Busstation in der Avenida Aramburu ab. 

Wir fuhren zunächst in das Haus ihrer Großeltern. Dort zeigte sie mir ihr Arbeitszimmer. Dieses beherbergte ziemlich viele Bücher und da ich mich für peruanische Küche interessierte durfte ich mir aus ihrer Rezeptsammlung etwas spannendes heraussuchen. Später zeigte sie mir noch die Stube. Dort spielte sie auf dem Klavier klassische Musik aus dem Kopf und erklärte mir mit Musikbeispielen den Unterschied zwischen Bach, Beethoven, Mozart und Chopin. Das hätte ich ihr in ihren jungen Jahren nicht zugetraut. 

Danach fuhren wir zu ihren Eltern ins Haus. Auf der Fahrt dahin erklärte sie mir, dass Lima in den letzten Jahren ziemlich stark gewachsen ist und mittler Weile bei 10 Millionen Einwohnern angelangt ist. Das Haus war relativ neu in einer Wohngegend von Lima die ich als obere Mittelklasse einschätzen würde. Das Wohngebiet war von einem Zaun gesichert und am Tor stand ein Security-Mann. Ich stellte mich höflich bei ihrer Mutter vor und wurden gleich zu Tisch gebeten. Es gab Reis mit Vegetarischem, lecker. Dazu eine Chicha Morada. Das ist ein Getränk welches aus einem schwarzen Maiskorn selbst hergestellt wird. Dieser schwarze Maiskolben war mir auf dem Markt in Huaraz schon aufgefallen. Wie es hergestellt wird, weiß ich nicht, aber Mila will mir per E-Mail die Anleitung schicken. Das Getränk schmeckte köstlich und soll auch noch gesund sein. Als Postre (Nachtisch) gab es eine Art Chicha Morada Grütze, ebenfalls sehr lecker. Mila hatte mir in Quito versprochen, wenn ich sie besuchen komme, dass es dann einen Pisco (Pisco Sour), das nationale Alkoholgetränk der Peruaner, geben würde. Pisco wird aus Wein gebrannt. Sie hat natürlich Wort gehalten und wir genehmigten uns ein halbes Schnapsglas. 

Am nächsten Morgen gab es zeitig Frühstück, denn Mila wollte mich zum Flughafen fahren. Da mein Flug nach Cusco schon 9.45 Uhr ging, saß uns die Zeit etwas im Nacken. Die Verkehrs-Rushhour brachte Mila`s Zeitkonzept ziemlich durcheinander und ich befürchtete, meinen Flug zu verpassen. 45 Minuten vor Abflug stand ich am Checkin-Schalter der LAN. Dort wurde mir dann mitgeteilt, dass der Checkin für meinen Flug schon geschlossen sei. ......eisige Stille, ich hatte meinen Flug verpasst ....., aber könnte am LAN-Counter nachfragen, ob ich noch einen Sitzplatz für die nächste Maschine um 11.05 bekomme. Ich schleppte mein Hab und Gut zum LAN-Counter und bekam tatsächlich noch ein Ticket ohne jegliche Nachzahlung. Das nenne ich Kundenfreundlichkeit. Der Tag war gerettet. Mila gab für meine Unannehmlichkeiten noch eine Chicha Morada aus, bevor wir uns verabschiedeten.

Cusco begrüßte mich mit Sonnenschein und Wärme, sowie einem Schild mit meinem Namen darauf. Ich hatte von Lima aus dem Hostel noch mitgeteilt, dass ich erst einen Flug später anreise. Sie haben dann das Taxi, welches mich zum Hostel bringen sollte, noch benachrichtigt. Der Taxifahrer sprach englisch und erklärte mir, dass die Witterung in Cusco am Beginn der Regenzeit stünde, denn vormittags wäre es sonnig und nachmittags würde es meist Gewitter geben. Dem war auch so, denn über den Bergen braute sich schon ein Gewitter zusammen.  

12./13. 11. 2014 - Mit der Kamera durch Cusco

Cusco liegt auf der stattlichen Höhe von 3326 m über dem Meeresspiegel und hat 350.000 Einwohner. Sie ist die älteste ständig bewohnte Stadt auf dem gesamten amerikanischen Kontinent. Sie ist außerdem die archäologische Hauptstadt Amerikas.

Im 12. Jahrhundert befahl der Sonnengott "Inti", so die Legende, dem ersten Inca-König Manco Capac einen Ort zu finden, wo er einen goldenen Stab komplett in den Boden schieben konnte. Dort wäre der "Nabel der Welt". Manco Capac fand diesen Ort im heutigen Cusco und gründete dort die  Hauptstadt des Inka-Reiches. Dieses breitete sich immer weiter aus und erreichte seine größte Ausdehnung in den letzten 100 Jahren bevor 1532 die europäischen Eroberer kamen. Kurz zuvor hatte der Inka-Herrscher Huayna Capac den nördlichen Teil des Inka-Reiches seinem in Quito geborenen Sohn Atahualpa vermacht. Den südlichen Teil vermachte er seinem Sohn Huascar. Bald darauf kam es zu einem Bürgerkrieg. Anfang 1532 gewannen Atahualpas Krieger eine entscheidende Schlacht und nahmen Huascar gefangen.

Während dieser Auseinandersetzungen landete der Konquistador Francisco Pizarro im Norden von Peru. Atahualpa nahm diese Fremden nicht sonderlich ernst. So konnte Pizarro mit seinen Männern, beseelt von dem Glauben das goldene El Dorado zu finden, immer weiter nach Süden vordringen. Ende 1532 überfiel Pizzaros Miniarmee bei Cajamarco Atahualpas Gefolge und nahmen den Inka-König gefangen. Kriegstechnisch waren Pizarros Leute auf Pferden mit Schwertern, Feuerwaffen und Rüstungen den Inka-Kriegern haushoch überlegen. So verloren tausende Inkas ihr Leben und 10.000-ende wurden verjagt.

Atahualpa bot für seine Freilassung eine Kammer voller Gold und doppelt so viel Silber. Die Spanier nahmen das Edelmetall und ermordeten Atahualpa. Das Inkareich war nun "Kopflos". Die Inkas hatten nichts mehr entgegen zu setzten und Pizarro zog wenig später hoch zu Ross in Cusco ein und unterwarf die Stadt. (Lonely Planet)
Obwohl Cusco bald wegen der aufstrebenden Kolonialhauptstadt Lima an Bedeutung verlor, hat sie gegenüber Lima das reichere kulturelle Erbe, einem Mix aus Kolonial- und Inkazeit zu bieten. So fällt es nicht schwer in Cusco auf Zeugnisse beider Epochen zu stoßen. Ich stattete sowohl einzelnen Kirchen der Stadt, dem Plaza de Armas und dem Inka-Museum einen Besuch ab. Aber am meisten hat mich der Trubel auf dem Mercado San Pedro fasziniert.

14. - 17. 11. 2014 - Inka Trail

Ungefähr eine Stunde nach der Dämmerung wurde ich von meinem Guide Elisban vom Hostel mit einem Taxi abgeholt. Da ich der einzige Trekker der Agentur war, fuhren wir sofort zum Abfahrtspunkt des Busses auf dem Plaza San Francisco in Cusco. Dort warteten wir auf eine zweite Wandergruppe. Rosalina und Jorge aus Mexico, Leona und Gabriel aus Argentinien und ihr Guide Mario trafen recht bald auch ein. Wir stellten uns gegenseitig vor und bestiegen den Bus der uns zum Starpunkt des Inka-Trails brachte. Dafür muss man eine längere Busfahrt auf sich nehmen, die zunächst bergan durch Cusco führte und  beileibe keine Vorzeigeviertel der Stadt zeigte. Nach einem kurzen Zwischenstopp an einem Restaurant mit Verkaufsständen erreichten wir Ollantaytambo. Von dort ging es auf einer recht schmalen Straße bis Piscacucho. Die Verkehrsinfrastruktur ist in diesem Bereich nicht gut ausgebaut, denn auf der schmalen Straße ging es bei Gegenverkehr oftmals "hauteng" zu. Auf der einen Seite die steile Böschung und auf der anderen Seite der steile Abhang, Da muss man schon etwas vertrauen mitbringen. 
Kurz vor dem Kilometer 82 ein größerer Platz der als Sammelplatz auch für größere Wandergruppen geeignet ist. Hier schnüren auch die Träger ihre Packsäcke zusammen. Für unsere beiden Gruppen standen 6 Träger bereit und jeder schulterte 25 kg. Nicht etwa in einem Rucksack mit Highend-Tragesystem, nein, oft waren es einfache Packsäcke mit Tragegurten oder einfache Plastiksäcke mit einem eigens konstruierten einfachstem Tragesystem. Das tat schon beim Hinsehen weh.

Ein paar Schritte noch und wir standen vor dem Checkpoint bei km 82 (geht auf eine Kilometerzählug der Bahnlinie zurück). Die Kontrollen sind ausgesprochen streng. Ich benötigte ein offizielles Schreiben einer Behörde als Eintrittskarte und meinen  Reisepass. Es wurden penibel Name und Reisepassnummer kontrolliert. Stimmen diese auf dem Formular und dem Reisepass nicht überein, ist an dieser Stelle schon Schluss mit dem Inka-Trail.

Wir durften alle den Checkpoint passieren und überquerten den Rio Urubamba. Der Weg folgte dem Fluß bis Miskay. Dort hatten unsere Träger schon das Küchenzelt aufgebaut und wir bekamen  einen Lunch. Nach diesem Zwischenstopp setzten wir unsere Wanderung fort. Von einer hohen  Terrasse aus schauten wir hinunter auf die Inka Ruine Llactapata, Dieses einstige Handelszentrum liegt genau an dem Punkt, wo der Weg zwischen Hochland (Cusco) und den Amazonasgebieten des Inkareiches nach Macchu Pichu abzweigte. Cusco war das Zentrum des Inkareiches. Dort lebte die High Society im Hochland und in Macchu Pichu war das Zentrum der Wissenschaften. 

Wir stiegen nun in das Tal des Rio Kusichaco hinab und folgten seinem Verlauf bis zum Dorf Wayllabamba. Die Dorfbewohner stellen dort für die Trekking-Unternehmen Plätze zur Verfügung, wo dann die Zelte für die Touristen-Trekker aufgebaut werden. Unsere Zelte wurden direkt auf dem Hof aufgebaut. Das missfiel dem Senioreigentümer so, dass seine Tochter Kleinbei geben musste und die Zelte auf einen anderen Platz gestellt wurden. Aber die Küche durften unsere Träger und wir für die Vorbereitung und Durchführung des Abendessen benutzen. Als wir beim Essen saßen gab es plötzlich Quickgeräusche und wir konnten unter unseren Stühlen kleine Meerschweinchen (Cuy) beobachten. Zum einem fressen sie die pflanzliche Küchenabfälle und zum anderen dienen sie schon seit Jahrhunderten als proteinreiche Nahrung. Nach Europa sind sie als niedliche Haustiere von spanischen Seefahrern mitgebracht worden und erhielten wahrscheinlich deshalb ihren Namen. Diese Tiere müssen damals sehr "angesagt" gewesen sein, denn selbst Königin Elizabeth die Erste hätte sie besessen (Lonely Planet).

Während eines abschließenden Coca-Tees erklärten uns unsere Guides den Ablauf des nächsten Tages, bevor wir gegen 20 Uhr in unseren Zelten und Schlafsäcken verschwanden. Vielleicht lag es am Coca-Tee, ich schlief jedenfalls in dieser Nacht sehr gut.

Schon 5 Uhr morgens ging es weiter mit Coco-Tee. Dieser wurde uns ans Zelt gereicht. Wenn das so weiter geht, werde ich noch zum Coca-Junkie. Aber es scheint zu wirken, denn ich habe weder mit Schlafproblemen zu kämpfen, wie noch vor einer Woche auf dem Santa Cruz Trek, noch spüre ich Symptome der Höhenkrankheit. Aber vielleicht war ich nun schon viel besser an diese Höhenlagen angepasst, da ich mich nun schon 2 Wochen in Höhen über 3000 m aufhielt. Viele von den Trägern nehmen die Coca-Blätter, rollen sie im Mund zu einer Kugel zusammen und schieben sie zwischen Zahnreihe und Mundhaut. Man denkt sie haben ein großes Bonbon im Mund, dabei haben sie nur die Backen voller Coca. Unser Guide erklärte uns, das die getrockneten Coca-Blätter 16% Proteine enthalten und die Träger dadurch sehr lange Arbeiten können und nicht so schnell schlapp machen. Gelesen habe ich das Letztere schon einmal, aber das das Proteine bewirken sollen?

Ich staune immer wieder, was die Männer an den Kochtöpfen in der sehr einfach eingerichteten "Küchenzeile" immer wieder auf den Tisch zaubern. Nachdem Frühstück hatten wir schon kurz nach 6 Uhr unsere Sachen geschultert und waren wieder auf der Strecke. Der Guide hatte uns schon vorgewarnt, dass eine sehr anstrengende Etappe bevor stand, denn es musste der höchste Punkt der gesamten Wanderung erklommen werden. Na dann frisch voran. 

Schon vom ersten Schritt an nahmen wir durch das Dorf Waylabamba Höhenmeter um Höhenmeter bis zum zweiten Checkpoint. Dort gab eis wieder einen Stempel in den Pass. Am ersten Stopp Ayapata auf 3550 m war unsere Gruppe an diesem Tag letztmalig vereint, denn das argentinische Pärchen hatte ein geringeres Wandertempo. Unser Guidesagte uns den Ort für den nächsten Stopp und gab uns noch mit auf den Weg, dass wir ca. 2 h bis dahin benötigen würden. Es ging tatsächlich steiler bergan als auf der ersten Tagesetappe. Oft erleichterten Stufen das erklimmen der Höhenmeter, obwohl es natürlich sehr anstrengend war, war es immer noch einfacher als sich den Weg über lose herum liegende Gesteinsbrocken zu suchen.

Mittlerweile kamen uns auch die Träger auf die Fersen. Obwohl sie mehr Gewicht auf dem Buckel trugen als ich, hatte ich keine Chance zu folgen. O.k. sie sind vielleicht etwas mehr angepasst, im Sinne von gewöhnt, an diese Art von Arbeit, Gepäck den Berg hinauf zu schleppen. Vielleicht kommt ihnen ihr kleinerer, gedrungenerer Körperbau auch beim Treppensteigen etwas entgegen. Sie sind sicher auch besser an diese Höhe angepasst. So jetzt ist es genug mit den Ausreden. Sie sind einfach "fitter" als ich oder wir.

Den zweiten Stopp in Llulluchapampa erreichte ich nach 53 schweißtreibenden Minuten auf 3850 m. Auch hier gab es noch einige Stände mit einer großen Auswahl an Getränken und kleinen Snacks. Da ich genug eigenes Trinkwasser den Berg hinaufschleppe, konnte ich mir die erhöhten Preise sparen, aber an den selbst gemachten Keksen kam ich nicht vorbei. 

Auf zur nächsten schweren Aufstiegsetappe. Noch war die Passhöhe nicht erreicht. 1,7 km oder 350 Höhenmeter oder 58 Minuten später erreichte ich den "Pass der Toten Frauen" bei 4200 m über dem Meeresspiegel. 500 Menschen gehen jeden Tag über diese Passhöhe. Wahrscheinlich spielt sich auch jeden Tag das gleiche Drama ab. Eine lange Menschenschlange schleppt sich wie ein zäher Brei langsam den Berg hinauf. Auf dem Trail herrscht Totenstille. Jeder ist in seinem Nirvana gefangen, jeder hat mit sich zu tun und schleppt sich Schweiß gebadet Meter für Meter weiter voran. Abertausende Schweißtropfen fallen auf diesen historischen Pfad bis es endlich geschafft ist, die Anspannung in den Gesichtern weicht und die Passhöhe bei Nebel, schlechter Sicht, Kälte und Sprühregen erreicht wird. Alles egal, man hat den Berg bezwungen und klatscht mit strahlenden Augen ab. Die Namensgebung der Passhöhe resultiert nicht daher, dass den Inkas an dieser Stelle die Frauen weggestorben sind, weil sie die Höhenluft nicht vertragen haben, sondern die Gesteinsformationen der Passhöhe sehen aus der Ferne betrachtet, wie liegende Frauen aus.

Nun ging es Treppenstufe für Treppenstufe hunderte Meter bergab. Obwohl bergab alles viel einfacher geht muss man doch den Fokus auf jeden Schritt lenken, da kein Stein und keine Treppenstufe wie die andere ist. Nach 58 Minuten hatte ich das Tagesziel Papaymayo auf 3500 m Höhe erreicht. Unsere 6 Träger waren natürlich schon da, hatten das Küchen- und Speisezelt schon aufgebaut, die ersten Speisezutaten köchelten schon vor sich hin und unsere Zelte wurden  gerade aufgebaut. Als Leona und Gabriel eintrafen wurde gerade die Vorsuppe serviert.
Nach dem Lunch verzogen wir Hobbywanderer uns in die Zelte und ich glaube es hatte am frühen Nachmittag jeden hingerafft, denn es war die Königsetappe. Ich hatte Schwierigkeiten den 16.30 Uhr-Termin für dei "Happy Hour" nicht zu verschlafen. Zur "Happy Hour" werden kleine Snacks gereicht und es gibt Tee. Obwohl ich unpünktlich war, saß ich allein am Tisch. Den anderen viel es offenbar schwerer wieder auf die Beine zu kommen.Die "Happy Hour" geht dann nahtlos in das Dinner über und eine Tasse Coca-Tee beschließt dann den Tag bevor alle Touristenwanderer in ihren Zelten verschwinden.

Am nächsten Tag ging es gleich ohne Vorwarnung in die Vollen, denn der Inka Trail begann sofort wieder aufzusteigen. Glücklicherweise erreichten wir bald die Inka-Ruine Runkurakay. Wir konnten wieder etwas verschnaufen, während uns etwas über diesen Inka-Posten erklärt wurde. Z. B. hatten die Inkas mit den Läufern eine besondere Gruppe von Menschen die für die  Nachrichtenübermittlung verantwortlich waren. Jeder Läufer trug eine Nachricht die aus verschiedenen Schnüren mit besonders angeordneten Knoten bestand über eine Strecke von 20 km. Dort wurde die Nachricht von einem weiteren Läufer weiter transportiert. Wahrscheinlich war es nur möglich das Inkareich über ihr ausgebautes Wegenetz und die Läufer zusammen zu halten.

Nach dem wir uns den Abra Runkurakay Pass  (3924 m) hinauf gequält hatten, ging es wieder hinunter bis Savaqmarka. Der Inka Trail wies teilweise eine erstaunliche Qualität auf. So wurden Steilwände auch mal in einem Tunnel überwunden oder eine Terrassierung ebnete den Wegverlauf. Für mich war dieser Abschnitt, obwohl er zum 3. Pass hinaufführte der "Inka-Highway Number One" oder auch die "Inka-Panamericana". 

Gleich nach der letzten Passhöhe (3580 m) erreichten wir eine weitere Inkastätte namens Puyupatamarca. Vorn dort führte ein steiler Abstieg über tausende Natursteintreppenstufen hinab. Ein kleiner Abzweig führte uns zu den Intipata Terrassen auf 2850 m. Diese dienten den Inkas für die Landwirtschaft. Von dort war es noch ein kurzer Spaziergang bis zum Centro de Visitantas. Damit hatte die mit ca. 12 km längste Tagesetappe des Inka Trails ihr Ende gefunden. Nach dem Lunch hielten heute nicht nur wir "Edeltrekker" eine Siesta ab, sondern auch unsere Träger breiteten sich im Küchenzelt aus.

Vor der Dämmerung unternahmen wir noch eine Mini-Exkursion nach Winawayna. Diese Terassenanlage nebst Ruinen von Wohnbebauung bot wahrscheinlich 10 Familien ein Auskommen.

Nach dem Dinner gab es diesmal eine Besonderheit, denn unser Seviceteam stellte sich vor. Diese sechs Männer sind für mich, stellvertretend für alle Träger der anderen Gruppen, die wahren Helden des Inka-Trails. Jeder von ihnen schleppt täglich das gesamte Camp-Equipment, vom Plastikhocker, Löffel, Tasse und Teller, Kochgeschirr und Campinggas, Zelte und Matten, teilweise sogar das Gepäck der "Edeltrekker". Das sind 25 kg auf ihrem Rücken über mehrere Stunden von Tagesetappe zu Tagesetappe. Am Tagesziel angekommen richten sie das Camp ein und bereiten das Essen zu. Sie selbst sind Bauern, haben nicht wenige Kinder, die zur Schule gehen und sorgen für ihre Familien. Die Beschäftigung als Träger sichert zu einem beträchtlichen Teil ihr Auskommen, aber sie bezahlen einen hohen Preis dafür, denn das Schleppen so großer Lasten über den Inka Trail geht nicht spurlos an ihrem Körper vorüber. 

Es ist kein "Must Do It", aber eine schöne Tradition, dass die Träger von den "Edeltrekkern" eine geldwerte Anerkennung für ihr nicht  unerhebliches Zutun an der erfolgreichen Bewältigung des Inka Trails in Form eines Trinkgeldes (50.000 Soles pro Träger) erhalten. Sie haben es definitiv verdient.

3.00 Uhr klopft der "Wecker" mit einer Tasse Cocatee an die Zeltwand. Die Jungs vom Serviceteam sind schon lange wach und bereiten das Frühstück für uns "Edeltrekker" vor. Ich stopfe meine Sachen wie jeden Morgen in den Tagesrucksack. Morgentoilette fällt heute aus, da die Zeit zu knapp ist. Schnellfrühstück damit wir recht bald zum Checkpoint gehen können. Die ersten 50 die dort ankommen können sitzen. Die nächsten 100 können überdachte Stehplätze einnehmen, günstig wenn es regnet. Die letzten 50 haben keins von beidem. Wir bekamen gerade noch einen überdachten Stehplatz. Die größeren Gruppen haben es clever gemacht. Ein paar haben sie vorgeschickt, der große Rest kam später und ging einfach an uns vorbei. Das war nicht gerade "Gentleman like". Warum unsere Guides darauf gedrungen haben, dass wir möglichst zeitig am Checkpoint anstehen, obwohl dieser erst 5.30 Uhr, nach der Dämmerung, öffnete, erschließt sich mir nicht, da das Checkpoint-Prozedere recht zügig von statten ging. Dann lieber etwas später aufstehen, Frühstück in Ruhe und 5.30 Uhr am Checkpoint.

Ein zweihundert Personen langer "Trekkerlindwurm" bewegte sich nun auf der letzten Etappe des Inka Trails durch die Nebelschwaden des Dschungeldickichts. Es herrschte eine mystische Stimmung, den an eine ausgelassene Vorfreude hatte der triste, nebelgraue Morgen schon im Keim erstickt. Bald fing es an zu regnen und jeder ging mit gesenktem Kopf seinen letzten Weg bis Machu Picchu, der besonderen Inka-Stadt. Kurz vor dem Ziel ging es steile Stufen nach oben. Teilweise mit dem Einsatz der Hände wurde auch dieses Hindernis genommen und wir erreichten am Sonnentor (Intipunku), den einstigen Haupteingang nach Machu Picchu. Der Regen begann nachzulassen, aber das Ziel unserer Begierde verhüllte sein Antlitz weiterhin in dichtem Nebel. Nur einzelne sich kurzzeitig aus den Nebelschwaden zeigende Bergkuppen, ließen das Bergpanorama erahnen.

Der Inka Trail wand sich weiter die Bergflanke des Machu Picchu Mountain hinab und plötzlich tauchten vor uns im Nebel die ersten Ruinengebäude der einst zweit wichtigsten Stadt des Inka-Imperiums auf. Wir waren am Ziel und trauten unseren Augen kaum, zu erhaben war dieser Augenblick den wir erhofften, aber angesichts der Witterung nicht mehr erwarteten. Diese nur durch einen Zufall entdeckte Stadt in den Morgenwolken der Andenketten machte einen überwältigten Eindruck auf uns. Sie schien ebenfalls ergriffen zu ein, von dem menschlichen Ansturm auf ihre seit Jahrhunderten stillen Gassen, Plätze und Gebäude. Je mehr Menschen von ihr Besitz ergriffen und ihr für ein paar Tagesstunden das Leben zurück gaben, desto mehr lichteten sich die Nebelschwaden.

Wir folgten unseren Guides zum Platz vor dem heutigen Touristenhaupteingang. Wir erhielten unsere Eintrittskarten und gaben Rucksäcke über 20 l in der Gepäckaufbewahrung ab. Mein Guide Elisban, genannt "Puma", nahm mich "an die Hand" und begab sich mit mir auf eine kleine Führung durch die Inkastadt der Wissenschaften. Vor ihrer Gründung suchte man nach einem geeigneten Platz für diese Stadt. Schließlich wurde man am Machu Picchu Mountain (Alter Berg) fündig. Folgende Gründe sprachen für die Stadtgründung an diesem Platz. Man fand zwei natürliche Quellen die auch in der Regenzeit für 1000 Menschen genügend Wasser spendeten. Der Ort lag hoch genug über den schattigen Tälern der umgebenden Andenketten, so dass die Sonnenstrahlen ganztägig Licht spendeten. Die umgebenden Bergketten der Anden boten einen natürlichen Schutz vor gefährlichen Witterungsereignissen. Die Stadt lag auf 2400 m Höhe zwischen dem Hochland (Cusco) und den tropischen Amazonasgebieten des Inkareiches. Somit konnte sie mit vielerlei Früchten und Nahrungsmitteln versorgt werden. Als Stadt der Wissenschaft zog sie kluge Köpfe aus dem gesamten Inkareich an, da sie dort ihrer Wissenschaft nachgehen konnten. 

Man nimmt an, dass bis zu 500 Menschen, Männer, Frauen und Kinder in Machu Picchu lebten und arbeiteten. Das ließ sich aus den ca. 180 Mumienfunden ableiten. Was sie allerdings mit ihren anderen Toten gemacht haben, blieb bis auf weiteres der Wissenschaft noch verborgen. Das Rätsel um die relative Erbebensicherheit der Gebäude konnte man entschlüsseln. Das Geheimnis liegt in der Gründung der Gebäude. Die Gebäudegründung auf dem festen Gesteinskörper würde die Erdbebenwellen direkt an die Gebäude weiter geben. Die Vorbereitung des Baugrundes mit unterschiedlich großen Gesteinsblöcken und -geröll nimmt die Erdbebenwellen auf und verteilt sie, so dass sie an Zerstörungskraft verlieren. Noch heute befinden sich ca 80% der Gebäude im Originalzustand (es fehlen lediglich die zersetzten organischen Bauteile vor allem der Dach- und Deckenkonstruktion).

Was ihre Wiederentdeckung anbelangt, geht diese auf einen Zufallsfund zurück. Der Bauer Augustin Iizarraga war zwei Stunden abseits seines Dorfes im Urubambatal auf der Suche nach geeignetem Land für seine Landwirschaft. Er betrieb Brandrodung auf von ihm erworbenen Pachtland bis das Feuer außer Kontrolle geriet. Dabei wurde ein alter unter Urwalddickicht verborgener Pfad freigelegt. Diesem folgte Augustin und fand die Ruinen von Machu Picchu. Er lies die Terrassen wieder nutzbar machen und meiselte 1902 seinen Anspruch in einen der Ruinensteine.

In den frühen 1900 Jahren reiste der nordamerikanische Professor Hiram Bingham nach Südamerika, da er sich für die indianische Kultur interessierte. Später gelangte er von Cusco aus auch an den "Alten Berg" wie Machu Picchu in der Indianersprache genannt wurde. Über Tipps aus der örtlichen Bevölkerung erreichte er am 24. Juli 1911 das Königsgrab und den Tempel der drei Fenster einer alten vom Urwald überwucherten Inkastadt. Bingham nannte diesen Ort abweichend von der örtlichen Bezeichnung "The lost City of the Inkas".

1912 kam Bingham gesponsert von der Yale University und National Geographic im Gefolge mit Wissenschaftlern anderer Disziplinen zurück und erschloss das Gebiet wissenschaftlich.

1983 erklärte die UNESCO Machu Picchu zum "Cultural and Natural Patrimony of Humankind" und machte es damit zu Perus wichtigstem archäologischen Denkmal. Zusammen mit "Saqsaywaman" ist Machu Picchu heute ein excellentes Beispiel für das Genie der Inka-Baumeister. 

Kurz nach 10 Uhr treffen wir uns wieder mit dem anderen Teil unserer Gruppe. Ich verabschiede mich von Rosalina und Jorge aus Mexico, Leona und Gabriel aus Argentinien. Mein Guide erklärte mir den Ablauf der Rückreise nach Cusco und händigte mir alle Tickets aus. Danach ging ich zum Eingang der zum Waynapicchu führt. Dieser Berg überragt die alte Inka-Stadt einer Felsnadel gleich. Aus der Ferne betrachtet, glaubt man nicht, dass auf diese Felsnadel ein Pfad hinauf führt. Täglich dürfen 400 Personen von den 2500 die täglich in Machu Picchu Einlass erhalten, diesen Pfad begehen. Entsprechend zeitig muss man die Buchung für diesen Teil von Machu Picchu vornehmen. Für 200 beginnt der Einlass von 7-8 Uhr und 200 werden von 10-11 Uhr eingelassen. Das war noch mal ein hartes Stück Arbeit, denn der Pfad wand sich teilweise sehr hangexponiert und steil dem Gipfel empor. Oben angelangt zeugen Ruinen von Wohnbebauung und Terrassen ebenfalls von einer Nutzung durch die Inkas. Auf den Gipfelfelsen tummelten sich besonders die jungen Touristen und genossen die Aussicht auf Machu Picchu, aus einer Nichtpostkartenansicht und die umgebende Bergwelt. Auch ich musste natürlich mit über die Gipfelfelsen klettern. Auch der Abstieg erfordert über sehr steile schmale Treppenstufen höchste Konzentration und Trittsicherheit sind gefordert. Bevor ich die alte Inkastadt wieder erreichte nahm ich noch den kleinen Abstecher auf den Huayanpicchu, den kleineren Bruder des Waynapicchu mit.

Nach diesem Kräfte zehrenden Auf- und Abstieg ließ ich mich noch einmal durch die Ruinen dieser besonderen Inkastadt auf der Suche nach Fotomotiven treiben. Diesmal konnte ich auch weidende Lamas mit in die Fotos einbauen. 

15.00 Uhr, es war nicht mehr zu erwarten, dass die Sonne den Kampf gegen die Wolken gewinnen konnte, ging es mit dem Bus auf Talfahrt nach Aquas Calientes. Dieses abgeschieden im Urubambatal gelegene Touristennest ist nur über die Bahnlinie zu erreichen und liegt entweder am Anfang oder wie in meinem Fall am Ende eines Besuchs in Machu Picchu. Da ich ja das "Rundumsorglospaket" gebucht hatte, bekam ich im Restaurant "Charki" noch einen Lunch. Ich wählte ein Menü bestehend aus einer Maissuppe, Forelle und Ananassaft. Anschließend ließ ich mich noch etwas durch die Stadt des "Heißen Wassers" treiben, ehe sich der bequeme Zug von PeruRail nach Ollantaytambo in Bewegung setzte. Ich nahm eigentlich an, dass mein Guide Elisban, genannt "Puma", mich wieder am Bahnhof in Empfang nahm. Da hatte ich mich aber geirrt. In Ollantaytambo meisterte ich noch den Umstieg in einen Bus. Nach der zweistündigen Busfahrt hielt der Bus glücklicherweise an einem Ort in der Stadt Cusco, von dem ich aus eigener Kraft den Weg zum Hostel fand. Es war nach 23 Uhr und an der Plaza de Armas und ihren Nebenstraßen war noch einiges los. Völlig unbehelligt, ganz anders als Lonely Planet Spaziergänge durch das nächtliche Cusco beschreibt, erreichte ich mein Hostel.

18.-19. 11. 2014 - Noch einmal Cusco

Nach den anstrengenden Tagen auf dem Inka Trail zog es mich noch einmal nach Cusco zurück. Ich konnte ja meine auf dem Trail nicht benötigten Sachen im Hostel deponieren und ich hatte eine Bleibe für die Nacht, nach meiner Spätankunft in Cusco.

Es war also erst einmal Ausspannen angesagt, d. h. Schlafsack, Isomatte und Wanderschuhe mussten wieder richtig durchtrocknen. Die angefallene schmutzige Wäsche ging  zum Wäscheservice und ich machte mir Gedanken darüber, was an Prospekten und Wanderkarten auf dem Postweg nach Hause geschickt werden konnte, damit das Rucksackgewicht nicht unnötig anschwoll.

Ganz auf der faulen Haut bin ich dann doch nicht liegen geblieben, denn es gab noch einige Sehenswürdigkeiten die auf meinem Plan standen und einige kleinere Besorgungen. Eine gute Gelegenheit meiner Lieblingsköchin auf dem Mercado San Pedro um die Mittagszeit einen Besuch ab zu statten und eine leckere Hühnchensuppe mit Nudeln zu essen. Ein paar Reihen weiter gönnte ich mir noch einen Gelee-Postre (Nachtisch). Bei dieser Gelegenheit konnte ich mir auch einen Mix der sehr unterschiedlichen Maiskörner zusammen stellen, die auf dem Markt angeboten werden. Mal sehen was da im heimischen Garten von diesen Samen heranwächst, falls ihnen die Einreise in Deutschland gestattet wird?

Als Verdauungsspaziergang verschlug es mich zur Iglesias San Blas. Dieses Viertel um die Kirche schmiegt sich gleich neben dem Stadtzentrum an einen Hang. Es zeichnet sich aus durch seine engen Straßen, autofreien und teilweise steilen Gassen, lokaltypische Häuschen mit blauen Türen und zahlreichen kleinen Geschäften, Restaurants und Kneipen. Am Nachmittag verdichten sich oft die Wolken um diese Jahreszeit, so dass man im Hostel besser aufgehoben ist, wenn es zu regnen beginnt. Gegen 18 Uhr setzt die Dämmerung ein und dann wird es schlagartig dunkel. Die Stadt schläft dann zwar noch nicht, aber all zu viel passiert auch nicht mehr.

Der nächste Tag kündigte sich mit einem fast lupenreinen blauen Himmel an. Dann hatte ich ja alles richtig gemacht, denn ein Inka-Highlight in Wanderentfernung von der Plaza de Armas stand am letzten Tag in Cusco auf meinem Plan. Ich wollte den "Sexy Women" einen Besuch abstatten. Bitte nicht falsch verstehen, diese Inka Ruinen haben nichts mit Sex oder Frauen zu tun. Man kann sich den Namen dieser Sehenswürdigkeit aber so am besten merken. 

Sacsayhuaman - "Zufriedener Falke", dieser religöse und militärische Ort existiert heute nur noch zu ca. 20%. Hier fanden 1536 die schwersten Kämpfe zwischen dem von den Spaniern eingesetzten und später aufmüpfigen Inka-Marionettenherrscher, Manco Inca, statt. Seine Krieger konnte Sacsayhuaman wieder in Inkagewalt bringen, aber durch einen letzten verzweifelten Versuch der Spanier, konnten 50 Reiter Sacsayhuaman zurück gewinnen. Die Toten auf dem Schlachtfeld zogen viele Kondore an. So erinnern 8 dieser Vögel im Stadtwappen von Cusco an diese Ereignisse. Die Spanier beendeten die Rebellion und veränderten den Lauf der Geschichte Südamerikas nachhaltig. Sacsayhuaman wurde zu großen Teilen abgerissen. Die Spanier verwendeten das Baumaterial in Cusco für ihre Bauten. Übrig geblieben sind die imposantesten Teile dieser Anlage. Riesige tonnenschwere Gesteinsblöcke, der Größte von ihnen wiegt 300 kg, wurden von den Inka-Baumeistern "hauchzart" an- und übereinander gefügt, so dass an den Fugen keine Rasierklinge dazwischen passt. Höchst beeindruckend. Zwischen den Gesteinswällen und einem Hügel liegt ein breites ebenes Gelände. Dort findet all jährlich am 24. Juni das farbenfrohe Touristenhighlight "Inti Raymi" statt (Lonely Planet).

Entgegen meinen sonstigen Gepflogenheiten war ich nach Einbruch der Dunkelheit dem Alkohol, in Form des peruanischen Nationalgetränks, auf der Spur. Der Pisco ist das alkoholische Heiligtum in diesem Andenstaat. Als ich Mila in Lima besuchte konnte ich schon einmal eine kleine Kostprobe vom Pisco pur naschen. Diesmal war ich auf der Spur nach dem Pisco sour. Es liegt da wohl nichts näher, als das ich mein "Glück" im Pisco Museum Cusco finden könnte. Halb Museum halb Bar kann man zahllose Pisco-Variationen und andere Cocktails hoch und runter probieren.

Ich fand auch eine Darstellung zur Produktion des Pisco. Im März werden im Südwesten Perus die Trauben geerntet. Durch das zertreten der Beeren in großen Bottichen wird der Traubensaft gewonnen. 24 Stunden wird er dann in offenen Behältern stehen gelassen (Maceration). Danach wird der Traubensaft in sogenannte Cubas abgefüllt und lagert dort 7-14 Tage. In dieser Zeit findet die Fermentierung statt. Ist diese Abgeschlossen beginnt die 8-12 stündige Destilation. Das Destilat wird dann 3-9 Monate in Botigas (spezielle Behälter) gelagert, bevor er ausgeliefert werden kann.

Auch zur Geschichte des Pisco gab es einige Informationen auf den "Bierdeckeln". So benötigten die katholischen Priester Messwein. Dieser konnte nur über Trauben hergestellt werden. Deshalb gelangten 1553 die ersten Reben von den Kanarischen Inseln nach Peru. Später wurde aus dem Traubensaft nicht nur Wein hergestellt, sondern auch Traubenbrand. Der Pisco war geboren.

Ich bestellte mir am Bartresen einen Pisco sour folgte gespannt dem virtuosen Treiben der Barkeeper. Dazu wurden geröstete und gesalzene Maiskörner gereicht. Schmeckt ziemlich lecker der Pisco sour, hat allerdings nicht wenige Prozente. Nimmt man das Zeug den ganzen Abend, wird dieser ganz bestimmt sehr lustig. Jedoch dürfte am nächsten Morgen der Eine oder die Andere mit einem ausgewachsenen "Kater" aufwachen.

20./21. 11. 2014 - Es gibt keinen Stillstand, die Reise geht weiter.

Immer weiter nach Süden, dem Zenitstand der Sonne folgend, erreichte ich nach einem kurzen Flug die zweit größte Stadt Perus. Arequipa, auch genannt die "Weiße Stadt", hat 864.300 Millionen Einwohner, liegt 2350 m über dem Meeresspiegel und steht etwas im Schatten der Vorzeige-Touristengebiete um Cusco und Machu Picchu. Die Stadt erreicht ca. 10% der Größe der Hauptstadtmetropole Lima ist ihr hinsichtlich der geschichtlichen Bedeutung aber durchaus ebenbürtig. Auch ihre geographische Lage ist absolut spektakulär. Sie wird nicht nur von einem, sondern gleich von 3 mächtigen Vulkanen bewacht, die sich am Stadtrand in Schwindel erregende Höhen aufragen. Allerdings liegt die Stadt in einer seismisch aktiven Zone. Das letzte Erdbeben im Jahre 2001 fügte ihr erhebliche Schäden zu. Glücklicher Weise hielten koloniale bedeutende Bauwerke weitestgehend diesen Erschütterungen stand. So zum Beispiel die Kathedrale die eine Seite der Plaza de Armas flankierend, den gesamten Hauptplatz der Stadt überstrahlt. Zum einen dominiert Le Catedral durch ihre imposante Größe und zum anderen erstrahlt sie in einem weißen Farbton der von ihrem Baumaterial, dem weißen lokalen Sillar-Gestein (Vulkangestein) herrührt. Ein absolut spektakuläres Foto gelingt, wenn man den Gipfel von El Misti (5825 m) zwischen den beiden Türmen der Kathedrale positioniert. Im Jahre 2000 wurde dieser Stadtkern in die Liste der UNESCO-Weltkulturebestätten aufgenommen.

Nachdem ich im Hostel eingecheckt hatte, machte ich der Plaza de Armas meine Aufwartung, da ich an diesem Touristenzentrum wieder an peruanische Soles als Bargeldnachschub herankam. Diesen benötigte ich um meine nächste Trekking-Unternehmung zu buchen. Unweit von Arequipa erstreckt sich der zweit tiefste Canyon den unsere Erde kennt. Nein, nein der Grand Canyon (USA) ist nicht die Nummer Eins. Der Colca Canyon stand schon vorab als ein peruanisches Reiseziel auf meiner persönlichen "To Do It - Liste". 3 Tage/2 Nächte wurde ich mich diesem tiefen Spalt in der Erdkruste annehmen. Davon aber später mehr.

Wie immer bei Stadtbesichtigungen statte ich auch dem örtlichen Mercado einen Besuch ab, da ich finde, dass das Marktreiben sehr viel über den Ort und seine Einwohner verrät. Der Flug von Cusco nach Arequipa über die fast wolkenfreien Andenketten lies zunächst keine solche geschäftige Metropole vermuten. Je näher wir dem Flugziel kamen desto verbrannter und trockener sah die Landschaft aus der Vogelperspektive aus. Ich fragte mich die ganze Zeit, wie "zum Teufel" eine "Fast-Millionenstadt" in dieser Einöde existieren kann. Gäbe es nicht ein paar wenige Monate Regenzeit und einige Flüsse die diese Region ganzjährig durchfließen und die Grundlage des Bewässerungsfeldbaus darstellen, Arequipa hätte wenig Chancen in dieser Wüstenlandschaft zu überleben. Auf dem Marktgelände boten zahlreiche Cevicherias diese Nationalspeise an. Ich kam nicht vorbei ohne eine Ceviche-Mixto zu ordern. 

Auf dem Rückweg zur Plaza de Armas gelang es mir sogar einen Straßenschuster zu finden, der mit ein paar Handgriffen und einer neuen Naht meine Keen-Sandalen wieder auf Vordermann brachte. Auf dem Hauptplatz setzte ich mich auf eine Bank und beobachtete Kinder wie sie die Tauben fütterten und gab mich einfach dem "Leutekucken" hin. Dabei fiel mir auf, dass bei diesen sommerlichen Temperaturen maximal die Touristen in kurzen Shorts unterwegs waren. Die Einheimischen trugen durch die Bank weg lange Hosen, auch die Frauen. Maximal die Schulmädchen hatten einen Rock zu bieten, da es ihre Schuluniform war. Später nahmen vier Big Bands  unterschiedlicher Waffengattungen des peruanischen Militärs vor der Kathedrale Aufstellung und gaben ein Konzert. Eine unerwartete Abwechslung.

Da die Stadt von drei mächtigen Vulkanen bewacht wird, kann man mit etwas Glück auch ein spektakuläres Foto machen. Vorausgesetzt man findet einen Zugang zum Dach eines der die Plaza de Armas umgebenden Gebäude plaziert man den Vulkankegel des El Misti zwischen den Türmen der Katehetrale.

22.-24. 11. 2014 - Colca Canyon

Wo bin ich denn? 2.30 Uhr klingelt der Wecker. Mit mir zusammen "springen" genau so Schlaftrunken zwei italienische Pärchen aus ihren Kojen. Sie haben wie ich die 3Tage/2 Nächte-Colca Canyon Trekkingtour gebucht. Und heute ist der Start zu dieser Tour. Da der Colca Canyon weit über 100 km von Arequipa entfernt ist, mussten wir 3 Uhr "gewaschen und gekämmt" zur Abholung bereit stehen. Vor der eigentlichen Trekkingtour gab es in Chivay, dem Eingang in den Colca Canyon noch ein Frühstück und die "Anden-Könige der Lüfte" sollten wir auch noch sehen.

Nach dem alle Touristen von ihren Hostels eingesammelt waren, verlies der Kleinbus Arequipa in die dunkle Nacht. Vom Flugzeug aus hatte ich geglaubt Arequipa liegt in der Wüste. Jetzt konnte ich am Straßenrand und nach Einbruch der Dämmerung, soweit meine Augen sehen konnten, einen spärlichen Pflanzenwuchs entdecken. Das sah mir ganz nach Halbwüste aus. Es sah erst recht alles sehr trocken aus, da die Region sich am Ende der Trockenzeit befand und die Regenzeit im Dezember beginnt, Wir kletterten mit dem Bus die Straße immer weiter ins Hochland hinauf. Diese war in einem erstaunlich guten Ausbauzustand. Erst weit oben im Hochland wurde sie wegen der Frostschäden etwas schlechter. Ich sah Wasserstellen am Straßenrand die am frühen Morgen eine Eisschicht trugen. Diese Region war dann auch Vicunia-Land. Diese Wildform lebt im kargen Hochland und steht unter strengem Schutz. Ihre nahen Verwandten, die domestizierten Lamas und Alpakas, standen noch in ihren Gattern, als wir zu Sonnenaufgang diese Hochfläche passierten. Ich weiß nicht wie hoch diese Straße führte, aber ich schätze, dass es weit über 4000 m über dem Meersspiegel war, denn nach der Hochfläche rollten wir lange bergab in den noch einem Minicanyon gleichenden Colca Canyon hinein. 

Das Eingangstor zum Canyon ist der Ort Chivay mit ca. 1500 Einwohnern. Nach einem kurzen Frühstück in einem kleinen Restaurant setze unsere Gruppe, bestehend aus Tagestouristen und Mehrtagestrekkern, die Reise im Kleinbus fort. Der Guide erzählte auf der Strecke, die nun dem Verlauf des Canyons folgte, eine Menge. Ich konnte mir nicht alles merken und zählen im Folgenden nur auf. Der Canyon wurde von Menschen zweier unterschiedlicher Sprachgruppen besiedelt. Im unteren Canyon wurde Qechua gesprochen und im oberen Canyon Aymara. Das sind übrigens die beiden weiteren offiziellen Amtssprachen in Peru neben Spanish. Nach dem die Inka dieses Gebiet erreichten wurde nur noch Qechua gesprochen. Im Canyon gab es 8 Dörfer. Erst während der Kolonialzeit baute die Franziskaner 19 Kirchen entlang des Canyons, so dass es heute 19 Orte gibt. Einige Vulkane flankieren den Verlauf des Canyons, so das diese Region seismisch aktiv ist. Bei einem starken Erdbeben gab es in einem Dorf 20 Tote und zahlreiche Verletzte, die ins Krankenhaus nach Arequipa gebracht wurden. Fujimori, der peruanische Expräsident besuchte dieses Dorf und brachte auch eine finanzielle Unterstützung für den Wiederaufbau mit. Die Bewohner freuten sich darüber nun Geld in der Hand zu haben und veranstalteten erst mal eine Partysause. Wenn Fiestas anstehen, dann wird von morgens bis abends Chicha, eine Art Maisbier, getrunken und das auch mal eine Woche lang. Der Canyon wird landwirtschaftlich genutzt. Wegen seiner Klimagunst werden zahlreiche Früchte gewonnen, die von Kartoffeln, Mais, Quinoa, Avocado, Feige, Pfirsich, ich habe auch einen Walnußbaum gesehen, bis hin zu tropischen Früchten reicht. Diese Aufzählung ist sicher sehr unvollständig.

Mittler Weile waren wir am Cruz del Condor eingetroffen. Diese Hauptattraktion wird täglich von hunderten Touristen angesteuert. Hier gewährt der Canyon einen sehr tiefen Blick. Von oben bis unten sind es 1200 m, wobei das Cruz del Condor auch noch nicht die Oberkante des Canyons ist. Damit soll der Colca Canyon die weltweite Nummer 2 sein (Lonely Planet). Nein, nein der Grand Canyon ist nicht die Nummer 1. Es sollen auch Condore, die Könige der Lüfte in den Anden, beim Gleiten auf den am Tag im Canyon herrschenden Aufwinden zu sehen sein. Entlang des Canyons sollen 50-60 Condore leben. Leider zeigte sich in dem Moment, als wir am Cruz del Condor waren, kein Vogel dieser großen Geierart. 

Die Tagestouristen hatten länger Zeit nach den Condoren Ausschau zu halten. Wir wurden noch bis zu der Stelle gefahren, wo derzeit ein Museum für die "Prinzess Juanita" gebaut wird. Juanita ist eine Eismumie, die vor Jahren gefunden und geborgen wurde und derzeit in Arequipa ausgestellt wird. Wenn das Museum fertig ist, wird sie wieder nach "Hause" kommen, näher an den Ort heran, wo sie einst geopfert worden ist. Mit diesem Museum kommt ein weiteres Highlight touristischer Anziehungskraft hinzu, so dass der Tourismus weiterhin ein Wirtschaftsfaktor im Colca Canyon sein wird.

Inzwischen war unsere Trekkinggruppe nun komplett. Es gesellten sich noch zwei Engländerinnen, ein australisches Pärchen, ein Spanier zu den zwei italienischen Pärchen und mir hinzu. Geführt wurden wir von Juanito unserem peruanischen Guide. Sehr erstaunlich, denn er sprach neben Spanisch auch italienisch, deutsch und perfekt englisch. Englisch war dann auch in dieser Multikultitruppe die "Amtssprache".

Wir starteten 9.30 Uhr auf unseren Weg hinab zum Rio Colca. Über hunderte Serpentinen wand sich der Weg den Steilhang hinab, immer mit einem spektakulären Blick in die unergründliche Tiefe des Canyons und auf den Gegenhang mit dem Dorf San Juan und seinen landwirtschaftlich genutzten Terrassen. Es ging wirklich lange Zeit sehr spektakulär hinab. Aber nach 2,5 h bergab gehen ist man dann auch froh wenn man die Talsohle erreicht hat. Eine Hängebrücke führte über den Rio Colca. Auf der Gegenseite ging es steil bergan, so dass wir noch einmal mächtig gefordert wurden und die Transpiration sofort ansprang. Kurze Zeit später war es dann aber geschafft, wir erreichten auf einen kleinen Hof unser Tagesziel. 

Dort war denn erst einmal Lunchtime und wir bekamen eine Quinoa-Suppe mit Kartoffel- und Möhrenstückchen, anschließend den Hauptgang angerichtet mit Reis, Fleisch- und Gemüsebeilage. Die Gelegenheit uns anschließend in der Sonne auszustrecken, ließen wir nicht ungenutzt verstreichen.

Optional bot unser Guide eine Wanderung in die Umgebung des Dorfes San Juan an. 6 von 10 Trekkern konnten sich noch einmal aufraffen und gingen mit. Die Lebensverhältnisse sind wirklich sehr einfach, aber die Einwohner leben vermutlich noch relativ autark, wobei ich mir vorstellen kann, dass über den Tourismus auch Bedürfnisse geweckt werden, denen man sich nicht auf Dauer erwehren kann, so dass Verdienstmöglichkeiten geschaffen werden müssen, um das Auskommen der Bevölkerung zu sichern. So sind die einfachen Übernachtungsmöglichkeiten für die Trekking-Touristen und deren Beköstigung ein Schritt in diese Richtung. Dabei wird es vermutlich nicht bleiben, denn wir sahen auch ein im Bau befindliches hotelähnliches Anwesen für das Touristenklientel welches mehr Geld für mehr Komfort ausgeben möchte. Meiner Meinung nach werden damit aber die sozialen Unterschiede innerhalb der Dorfbevölkerung verschoben. Auf der einen Seite der alte Mann der das Feuerholz sammelte um sich ein Süppchen kochen zu können und auf der anderen Seite die "Hotelmanagerin" mit ihren Angestellten vom Zimmermädchen bis zum Gärtner und dazwischen die betagte Seniora die in ihrer traditionellen Bambusküche für die Trekking-Touristen kocht, wo es aus allen Löchern heraus qualmt, wenn sie am Morgen den Lehmofen anheizt. Dabei haben sie im Colca Canyon noch mit einem anderen Problem zu kämpfen, was allgemein unter dem Begriff Landflucht bezeichnet wird. Die Terrassenlagen des Canyons bieten nur ein kärgliches Auskommen für sehr viel Tagesarbeit. Nichts was die nachwachsende Generation locken könnte, den elterlichen Hof weiter zu führen. Flügge geworden gehen sie fort, vornehmlich in die Großen Städte. Zurück bleiben die Alten. Sterben sie verfallen die Gebäude und die Terrassen verwahrlosen, da sie nicht mehr bestellt werden. Vom schnell wachsenden Lima und seinen Problemen hatte ich an anderer Stelle schon geschrieben. Dieses Problem hat man lange erkannt, so dass heute mehr in die Infrastruktur investiert wird. Es werden aufwendig Straßen gebaut, so dass auch der letze Hof mit dem Gummireifen erreicht werden kann. Bewässerungsprojekte werden in die Tat umgesetzt. Begabte Kinder auf Staatskosten nach Europa, Amerika oder Australien zur Ausbildung geschickt, wenn sie wieder nach Hause zurück kehren. Tourismusprojekte werden finanziell unterstütz. Z. B. werden die Gebäude verlassener Höfe für Touristenunterkünfte wieder auf Vordermann gebracht. Auch die zentralen Plätze in den kleinen Orten erhalten ein sehenwertes Outfit. Es wird einiges getan die Lebensbedingungen für die Menschen im Colca Canyon angenehmer zu gestalten.

Ich habe dann noch versucht weiter nach oben vor zu dringen, um weiter abgelegene Höfe zu erreichen. Wege des Straßenbaus war der Hauptweg gesperrt. Einen alternativen Weg zu finden gestaltete sich etwas schwierig. Schließlich schlug ich mich zur neuen Straße durch und folgte ihr etwas. Ich überholte einen alten Mann der ein Bündel Feuerholz auf dem Rücken geschultert hatte. Da ich bis zur einbrechenden Dämmerung zurück sein musste, beendete ich meinen Aufstieg und trat den Rückweg an. Nach einem leckeren Dinner verabschiedete ich mich aus der Runde, denn der Tag hatte mir genug Kraft gekostet und mir fielen am Tisch die Augen zu.
9 h ergiebigen Schlafes habe ich die folgende Nacht hinbekommen, ein deutliches Zeichen dafür, dass der Tag ziemlich geschlaucht hatte.

8.30 Uhr setzten wir unsere Wanderung zur Oasis Sangalle fort. Zunächst schlängelte sich der Weg durch die Ortslage von San Juan de Chuccho. Nach dem wir die Ortschaft hinter uns gelassen hatten, bog der Weg in ein Seitental des Rio Colca ab. An einer Opuntie (Kaktusart) machte uns unser Guide auf den Befall mit Monsterblattläusen aufmerksam. Diese werden als Cichinilla bezeichnet und von den Einheimischen gesammelt. Für ein Kilogramm Läuse bekommen sie 25 US$ da diese Pflanzenschädlinge in der kosmetischen Industrie Verwendung finden. Juanito zeigte uns sehr anschaulich welchen intensiven Rotton diese Schädlinge erzeugen, in dem er sie zwischen den Fingern zerdrückte und die Farbe im Gesicht als "Kriegsbemalung" verteilte.       Später überquerten wir an einem Nebenfluss des Rio Colca eine Hängebrücke. Juanito, unser Guide, verabschiedete sich schon mal von uns, da vermutlich keiner in der Lage war seinem Tempo zu folgen, denn der Weg führte steil bergan, Richtung Himmel und unsere Wandergruppe zog es wie eine Zieharmonika auseinander. War natürlich nur eines seiner Späßchen. Er schlug ein sehr moderates Tempo an. Später blieb er stehen und wollte auf die Letzten warten. Wir anderen setzten unseren Aufstieg fort. Am Ende des Anstiegs konnte ich Beth und Darren aus Australien, Suzanne und Kelly aus England, Jose aus Spanien und die Italiener Viola, Valentina, Fabio und Valentino abklatschen und ein Foto in seiner /ihrer Victory-Position schießen. Zur Belohnung gab es eine kleine überdachte Terrasse die zum Verweilen und Verschnaufen einlud und einige Leckereien, unter anderem auch wieder mal Cuy gebraten, als Belohnung bereit hielt. Natürlich waren die Preise entsprechend gepfeffert, da alles aufwendig dahin transportiert werden muß.
Von da an ging es, mit prächtigen Aussichten in den Colca Canyon hinein, tendenziell bergab. Wir passierten das Dorf Cosnirwa, wo man uns auch einen Einblick in die kleine Dorfkirche gestattete. Die Sonne brannte gnadenlos vom Himmel herunter. Glücklicher Weise ging doch ein kleines Lüftchen, welches den Schweiß abtrocknete bevor er Tropfen bilden konnte. Durch den Straßenbau konnte wir auf frische unverwitterte Anschnitte in den Berghängen schauen. Diese boten häufig einen spektakulären Farbenmix. Allerdings war auch deutlich zu erkennen, dass diese Straßen eher nicht den deutschen TÜV-Vorschriften entsprechen, denn da konnte einem schon mal etwas aufs "Dach" fallen und der Untergrund bestand aus scharfkantigem Material. Nicht gerade Reifen schonend. Ich hielt mich von der Steilwand fern. Ansonsten erleichterte uns die Straße den Weg erheblich.
Damit war aber bald Schluss, denn wir bogen Richtung Oasis Sangalle ab. Damit nahm die Steilheit des abwärts führenden Weges wieder zu, aber die Aussicht auf diese Flussoase lies die Pein schnell vergessen. Tief unten im Tal konnten wir ein kleines Paradies erkennen mit grünen Wiesen, blau schimmerndem Wasser in den Pools, dazwischen niedliche kleine Häuschen für die Übernachtung und Bäume im vollsten Blattgrün. Also nichts wie hin ins Paradies. Der Abstieg zog  sich aber noch hin. Beim Erreichen der Talsohle überquerten wir auf einer Hängebrücke wieder den Rio Colca. Was gar nicht im Plan stand war, dass der Weg wieder bergan führte. Jeder mobilisierte noch einmal seine letzten Kräfte und schleppte sich den Weg hinauf. Dann standen wir endlich vor dem Eingangsschild des "Jungle Paradies", unserem Übernachtungsort. Vor unseren Augen aalten sich schon die Trekker/innen am und im Pool, die bereits vor uns eingetroffen waren. Kurze Zeit später taten wir es ihnen gleich. Einfach nur herrlich in dieser Umgebung nach ca. 10 Wanderkilometern zu chillen.

Nach dem Lunch ging ich noch einmal 2/3 km unseren Weg zurück, um einige spezielle Fotos nach zu holen, weil das Licht besser war und ich auf der Hintour keine Zeit dazu hatte.

17-19 Uhr war an der Bar Happy Hour und es gab zwei Getränke zum Preis von einem. Klar dass sich die kleine Terrasse schnell füllte und der eine oder andere Pisco Libre oder Pisco sour in den durstigen Kehlen verschwand. Danach gab es das Dinner, diesmal nach einer leckeren Vorsuppe, Reis mit einer Alpaca-Fleischbeilage. Nach dem Dinner starb der Abend für alle recht schnell ab, denn Juanito gab das Abschlussprogramm für den letzten Tag bekannt. 4 Uhr selbstständig munter werden, 4.30 Uhr Abmarsch nach Cabanaconde (3287 m). Wir schliefen ja in der Oasis Sangalle (2180 m). Wer rechnen kann weiß, dass man diese 1107 Höhenmeter nicht mal so nebenbei macht. 

Ohne Frühstück, dieses gab es erst als Belohnung im Dorf Cabanaconde, starteten wir tatsächlich wie angekündigt mit der einbrechenden Dämmerung. Juanito kündigte einen durchgängig bergan führenden dreistündigen Weg an und schlug selbst in den ersten 15 Minuten ein moderates Tempo an, so dass jeder seinen Rhythmus finden konnte. Danach lies er uns passieren und blieb am Ende der Gruppe. Das bedeutete jede/r musste sein/ihr eigenes Tempo finden und die Gruppe zog es wie eine Ziehharmonika auseinander. Es war wie bereits erlebt "mucks-mäuschen-still", jeder hatte mich sich zu kämpfen. War ein Steilstück überwunden und glaubte nun das Ziel sehen zu können, tauchte nur die nächste Steilstufe auf und man wunderte sich, wie man da bloß hinauf kommen sollte. Aber irgendwie schlängelte sich der Weg immer weiter nach oben, Natursteinstufe für Natursteinstufe, immer schön die Knie durchdrücken, auch wenn es "weh" tat. Ich bin schon einiges gewöhnt, aber es ist schon ein hartes Stück Arbeit gewesen. Nach 2 Stunden und 16 Minuten hatte ich es geschafft.

Nachdem die Gruppe vollständig oben angelangt war, gab es an der Canyonkante das verdiente "Siegesfoto" und nach einem kurzen Spaziergang in das Dorf auch das versprochene Frühstück.
Danach ging es mit einigen Zwischenstopps zurück nach Chivay und dann weiter nach Arequipa. Juanito berichte noch auf der Fahrt durch den Canyon mit dem Blick auf den Nevado Mismi (5597 m), dass an diesem Berg von einem internationalen Forscherteam die Quelle des 6300 km langen Amazonas gefunden wurde.           
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                          
Eine eher unerwartete Begegnung hatte ich in Chivay. Ich saß am Straßenrand im Schatten und schrieb meine Erlebnisse im Colca Canyon auf meinem iPad nieder. Plötzlich kam ein kleiner peruanischer Junge (ca. 5 Jahre alt) mit seinem Alpaca und setzte sich auf meinen Schoß. Er hatte sichtlich Freude daran mit dem iPad zu spielen. Wir waren plötzlich ein begehrtes Fotomotiv. 

Am Mirador de Vulcanos auf 4910 m, dem höchsten Punkt der Strecke, pfiff uns ein kalter Wind um die Ohren, aber die Aussicht war gigantisch auf eine ganze Reihe Vulkane. Einer trug sogar eine Rauchfahne als sichtbares Zeichen seiner Aktivität.

Später, immer noch auf der Hochfläche , gab es den letzten Zwischenhalt an einer Vieherde. Lamas und Alpakas weideten gehütet von einem Hirten und seinen zwei Hunden. Woran kann man eigentlich Lamas von Alpacas unterscheiden? Alpacas haben einen kürzeren Hals, eine kürzere Kopfpartie und Beine, und was ist ein Vicuna? Während Lamas und Alpakas ein weißes oder schwarzes Fell, bzw. geflecktes Fell haben, tragen Vicunias ein mehrheitlich braunes Fell und sind nicht domestiziert. 

In der Rushhour trieben wir im Verkehrsstrom der Millionenmetropole dann doch noch in der Nähe des Plaza de Armas an Land. Damit ging für mich eine sehr empfehlenswerte Erkundung des Colca Canyons zu Ende.   

25./26. 11. 2014 - Was für eine Einöde?

Meine Zeit in Peru ging zu Ende und ich fasse mal kurz zusammen. Peru ist definitiv ein "Muss" für Südamerika Reisende. Es punktet vor allem als "Nabel der Welt", um es mit der Sprache der Inkas auszudrücken, denn diese Hochkultur hat sehr viele bedeutende Spuren in diesem Land hinterlassen. Aber auch das koloniale Erbe hat durchaus Potential zu beeindrucken. Für Freunde die die Landschaft auf eigene Faust oder einer geführten Tour erkunden wollen, bietet Peru eine breite Palette an Möglichkeiten. Ich selbst habe die Tür nach Peru aber nur einen kleinen Spalt breit geöffnet..

Nun versuche ich den Sprung über die Grenze nach Nordchile, denn ab jetzt würde es ernst werden. Ich hatte zwar einen Plan, eine Richtung und einen Termin aber nur wage Vorstellungen davon wie ich von Südperu über Nordchile, Nordargentinien nach La Paz in Bolivien kommen sollte. Auch wenn das was ich vor hatte, einen etwas nebulösen Charakter verbreitete, hatte ich kein flaues Gefühl in der Magengegend. Im Gegenteil ich freue mich auf diese Herausforderung, denn das Gefühl von Unsicherheit sich in Südamerika von A nach C über B zu bewegen und dabei zu "überleben" hatte ich überwunden. Ein wichtiger Grund dafür stellte die Tatsache dar, dass mir bisher überall sehr freundliche Südamerikaner begegnet sind, die mir weiter helfen wollten, wenn ich mal ein Problem hatte, auch wenn sie mich mit ihrem spanischen Redeschwall meist überforderten. Am Ende stand immer eine Lösung die mir weiter half. 
 
Auf mein Bitten hin, hatten die Hostelangestellten während meiner Abwesenheit ein Busticket für mich von Arequipa nach Tacna organisiert, da diese Bustickets erst zwei Tage im voraus verkauft werden. Das hatte wie geschmiert geklappt, so dass ich am nächsten Morgen ein Taxi Richtung Terminal Terrestre (Busbahnhof) bestieg und den 7.15 Uhr Bus nach Tacna im Süden Perus, kurz vor der Grenze nach Chile, erreichte. Schon kurz nach dem wir das Stadtgebiet von Arequipa verließen, fragte ich mich wieder, wie kann man nur in dieser Einöde überleben. O.k. durch Arequipa fließt ein Fluß der ganzjährig Wasser aus den Anden heranführt. Damit gibt es auch Grundwasserspeicher, die die Wasserversorgung sicher stellen. Außerdem gibt es Bewässerungsfeldbau, so dass die Nahrungsmittelproduktion der Millionenstadt abgesichert werden kann und nicht alles aus anderen Landesteilen Perus hingekarrt werden muss. 

Nach ca. 4 h erreichten wir einen Kontrollposten vor einem Bewässerungsgebiet, wo alle Passagiere gebeten wurden mit ihrem Handgepäck den Bus zu verlassen. An diesem Ort wurde kontrolliert, dass kein unerlaubtes Obst (Orangen und Äpfel) mitgeführt wurden, denn das Einschleppen von Pflanzenschädlingen würde den Ruin dieser "Oase" und den Wegfall der Exporterlöse bedeuten. Einem ganzen Gebiet würde die Erwerbsgrundlage entzogen. An internationalen Grenzen hatte ich das schon erlebt, aber innerhalb eines Staates war diese Prozedur ein Novum. Meine Bananen wurden nicht beanstandet.


In Tacna angekommen fragte ich an der Information des Busbahnhofes nach dem Ort, wo der Bus nach Arica (Chile) abfährt. Ein Serviceangestellter brachte mich danach auf den internationalen Busbahnhof eine Straße weiter. An unsere Spuren hefteten sich gleich noch 4 weitere westliche Touristen. Dort angekommen, mussten wir leider feststellen, dass der 15 Uhr-Bus gestrichen war. Das war die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht, wir fanden sofort einen PKW-Ersatz, denn es standen genügend Mietwagen bereit. Wir passten sogar alle, nebst 5 Rucksäcken in diesen sehr geräumigen PKW. Für 15.000 Soles erreichten wir nach knapp 30 Minuten die Grenzstationen. Der  Fahrer erledigte gleich für uns die Besorgung einiger Ausreiseunterlagen und händigte uns auch die Zollerklärung für die Einreise nach Chile aus. Des weiteren ging er mit uns von Schalter zu Schalter, so dass wir keine Probleme hatten, bis wir uns in einer sehr langen Menschenschlange an der chilenischen Grenzstation wieder fanden. Dort ging es einfach nicht weiter, denn hinter uns wuchs die Schlange der Wartenden weiterhin bedenklich an. Nach ca. 45 Minuten kam ein Mitarbeiter des Landwirtschaftsministeriums und meinte, dass in 5 Minuten der normale Betrieb wieder aufgenommen werde. Ich vermute, dass die Mitarbeiter dieses Ministeriums einen Ministreik abgehalten haben.

Das Hostel lag ca. 5 Minuten vom Pazifikstrand entfernt, so dass ich bei einem abendlichen Strandspaziergang einen großen "Feuerball" im Ozean verschwinden sah.

Am nächsten Tag kaufte ich das Busticket zur Weiterfahrt nach Iquique selbst am Schalter von "Tur-Bus" und auf einem Aussichtsberg der Stadt wechselte ich ein paar Worte mit einem Chilenen auf englisch. Er war das erste mal im Norden seines Heimatlandes im Urlaub. Ich fasse mal meine Eindrücke mit seinen Worten zusammen: Er zeigte nach Norden und meinte: "Nothing" (nichts), nach Osten: "Nothing" und dann nach Süden: "Nothing". Außer dem Stadtgebiet und dem Pazifik lag in Sichtweite rundherum, "Nothing". Ich stellte mir wieder die Frage: "Wie kann man in diesem weiten "Nothing" überleben?

27./28. 11. 2014 - "Lehrgeld"

Ich hatte noch etwas Zeit um mir einige Tipps zu Bolivien geben zu lassen, als mich Jenny, die Hosteleignerin daran erinnerte, dass ich doch ein Busticket nach Iquique hätte. Ich schaute auf die Uhr und wiegelte ab, da ich noch Zeit hätte, denn mein Bus fuhr erst 9.50 Uhr. Sie meinte daraufhin, dass es bereits 10.30 Uhr war. Ich hatte nicht mitbekommen, dass es zwischen Peru und Chile eine Stunde Zeitunterschied gab und da in Chile Sommerzeit gilt waren es seit ein paar Tagen 2 h. Mein Bus war also bereits auf Tour. Das ist nicht weiter tragisch, denn von Arica fahren sehr viele Busse in Richtung Süden. Dumm war nur, dass mein Busticket für 9.800 Pesos komplett ungültig war und das Busunternehmen mir keinen Rabatt wegen meines Irrtums einräumte. Der nächste Bus ging 12 Uhr nach Valparaiso mit Halt in Iquique und ich durfte noch einmal 10.900 Pesos hinblättern. Damit wurde die Fahrt dann doch etwas preisintensiver (insgesamt etwas über 25,-€) - dumm gelaufen. 

Wenn ich mir den ganzen Aufenthalt in Arica durchdenke, hätte ich stutzig werden müssen, denn ich wunderte mich schon bei meiner Ankunft dass der Markt so ausgestorben war, als ich mir noch etwas zum Abendessen versorgen wollte. Oder gestern in der Stadt, wunderte ich mich, dass die Marktküchen schon kurz nach 10 Uhr gut besucht waren und ich 13.30 Uhr am  "Mittagstisch" in einer dieser Marktküchen fast alleine saß. Ebenso wunderte ich mich, dass die Hosteleigner schon mächtig am Schaffen waren, als ich heute kurz nach 6 Uhr aufstand um an den Strand Laufen und Schwimmen zu gehen. Also ihr dürft jetzt alle mal hämisch lachen und Schadenfroh sein und ich verbuche diese Extrakosten unter der Rubrik "Lehrgeld".

Der zweite Versuch einen Bus nach Iquique zu erwischen klappte dann schon wesentlich besser. Die Fahrt selbst bot über 4 h lang das bereits bekannte "Nothing". Kurz vor Iquique wurde es dann etwas spannender, denn die Straße wand sich die Küstenkordilliere hinunter und bot einen eine gute Aussicht auf die recht groß scheinende Stadt an der Pazifikküste. Über die Zwischenstation eines Taxis erreichte ich dann das Backpackers Hostel. unweit vom Beach. Eine gute Absteige für Surfe und Bodyboarder denn Iquique ist ein kleines Paradies für Surfer. 

Da die Stadt nur eine kleine Zwischenstation für mich sein sollte, sputete ich mich noch eine Tour nach Humberstone für den nächsten Tag zu buchen und meine Weiterfahrt nach San Pedro de Atacama klar zu machen.
Nach einer kurzen Nacht in einem Hostel wo mehrheitlich junge Leute absteigen und in einem 10-Bett Doorm dauert es lange bis endlich Nachtruhe eintritt.
So hatte ich am kommenden Morgen auch Mühe pünktlich 7.45 Uhr bereit zu stehen für den Ausflug nach Humberstone. Dieses liegt 45 Kilometer von Iquique entfernt zwischen der Küstenkordilliere und der Hauptkordilliere auf einer nahezu ebenen von Ost nach West geneigten Fläche. In einem ca. 30 x 300 km langen Streifen hatte sich der berühmte und einst sehr begehrte Chilesalpeter (Natriumnitrit) gebildet. Theorien zur Entstehung gibt es einige. Verwendet wurde er zur Düngemittelherstellung, Es war allerdings auch möglich Sprengstoff herzustellen. Deutschland verwendete vor dem ersten Weltkrieg jährlich 150 Millionen Goldmark für den Import von Chilesalpeter, denn die Bevölkerung Deutschlands war innerhalb eines Jahrhundert von 25 auf 55 Millionen Einwohner gestiegen. Die Bodenfruchtbarkeit ließ sich durch organische Düngung nicht weiter nennenswert steigern. Die Nahrungsmittelproduktion konnte nur über mineralischen Dünger gesteigert werden. Schätzungen wieviel Prozent des Chilesalpeters für die Sprengstoffherstellung verwendet wurden gibt es nicht. (wwwdeutschlandfunk.de) Es ist aber Fakt, dass eine erste erfolgreiche Aktion der Siegermächte des 1. Weltkrieges darin bestand, die Chilesalpeterimporte Deutschlands zu stoppen. Deutschland war dieser Abhängigkeit aber bereits entkommen, denn 1908 hatte Professor Fritz Haber ein Patent zur synthetischen Herstellung von Ammoniak angemeldet und bis 1913, dem Vorabend zum 1. Weltkrieg, gelang Carl Bosch die Entwicklung eines großtechnisches Verfahrens, auf der Grundlage Fritz Habers Ammoniaksynthese, Düngemittel in Massenproduktion herstellen zu können. Allerdings diente die Entwicklung dieses Verfahrens auch der Sprengstoffherstellung im Deutschen Reich. Die Leunawerke bei Merseburg sind daraufhin 1917 in sehr kurzer Zeit aufgebaut worden und lagen außerhalb der Reichweite der alliierten Flugzeuge. Wer mehr darüber Wissen möchte, dem empfehle ich den Artikel: "Die chemische Industrie und der Versailler Vertrag - Sprengstoff oder Brot?" von Günther Luxbacher (www.damals.de)
Fakt ist aber auch, dass der Chilesalpeter vor der Entwicklung der Ammoniksynthese das weltweit einzige bekannte natürliche Vorkommen von Natriumnitrat war, mit dem sich Düngemittel zur Steigerung der Bodenfruchtbarkeit und damit der Ernteerträge erzielen ließen. Chilesalpeter war knapp, sehr begehrt und damit sehr teuer.

Der englische Chemiker und Ingenieur Santiago Humberstone entwickelte 1870 ein Verfahren zur Extraktion des Salpeters aus dem in der Wüste bei Iquique gefundenen Salpeter haltigen Sedimentmaterials. Beginnend 1872 wurde noch unter Regentschaft der Peruvian Nitrate Company die auch La Palma genannte Bergbausiedlung aufgebaut um das "Weiße Gold" zu fördern. Der Chilesalpeter war weltweit heiß begehrt und es ließen sich damit märchenhafte Gewinne erzielen. Die Arbeit unter Wüstenbedingungen war hart, aber die Siedlung direkt neben den Produktionsanlagen hatte einigen Komfort zu bieten. In der Blütezeit der Nitratproduktion zwischen 1933 und 1940 lebten und arbeiteten 3700 Einwohner dort. Neben einer Schule, der Kirche, dem  Markt und der Plaza gab es auch ein Schwimmbad aus dem Rumpf eines geborgenen Schiffswracks und ein Theater, wo sich Künstler aus Santiago die "Klinke" in die Hand gaben.
Nachdem die synthetische Düngemittelherstellung möglich war, verfielen die Preise für den Chilesalpeter, so dass die Produktion 1960 eingestellt wurde. Produktionsanlagen und Arbeitersiedlung sind seit Jahrzehnten 100% Geisterorte. Heute existieren Oficina Salitrera Santa Laura und Humberstone nur noch als leblose Hüllen. Im Jahre 2005 erklärte die UNESCO diese Orte zum Weltkulturerbe.
Das war aber noch nicht alles was dieser Tagesausflug zu bieten hatte, denn am Rande des Salar Pintar hatten bereits Jahrhunderte vor uns, Menschen Zeugnis von ihrem Dasein an diesem Ort abgelegt. 420 "Erdzeichnungen" sind auf die dem Salar gegenüber liegenden Berghänge "gezeichnet" worden.

Die Oase Pica hebt sich einer grünen Perle gleich vom grauen Wüstenboden ab. Natürliche Quellen die das Wasser auf einer Sperrschicht unterirdisch aus den Anden bringen, ermöglichen dieses Grün und dieses Leben in einer ohne Wasser lebensfeindlichen Umgebung. Im Süßwasserbecken einer Quelle kann man ein erfrischendes Bad nehmen und anschließend einen Drink einnehmen. Die berühmten Pica-Limetten machen jeden "Pisco Sour" zu etwas Besonderem.

29./30. 11. 2014 - Weiter hinein in den "Brennofen" der Atacama Wüste

Von Iquique ging es nun wieder hoch hinaus in die chilenischen Kordillieren. Zunächst bis Calama (6 h) und dann noch einmal gut 2 h bis San Pedro de Atacama. Der Tag war also gut ausgefüllt mit Reisen. Ich startete schon 7.55 Uhr, obwohl mein Anschlussbus erst 17.15 weiter ging, aber man weiß ja nie, was unterwegs alles für Überraschungen lauern.
Zunächst folgte der Straßenverlauf der Pazifikküste bevor sie ab Tocopilla ins Inland abbog und dabei in die Anden hinauf kletterte, denn der Zielort der ersten Etappe Calama, lag schon auf 2250 m über dem Meeresspiegel. Doch zuvor gab es noch vor Tocopilla einen Checkpoint, der es erforderlich machte, dass alle Passagiere nebst ihrem Gepäck den Bus verlassen mussten und alle Gepäckstücke durchleuchtet wurden. Zunächst dachte ich leise zischend, Mist jetzt sind deine zwei Äpfel und Apfelsinen weg, denn das ist bestimmt so ein "Obstcheckpoint", wie unlängst in Peru. "Pustekuchen" mein Obst ging beanstandungslos durch. Ich kann nur vermuten, wonach sie gefahndet haben. Da wir uns lange Zeit durch die "Salpeterzone" bewegt haben, galt das Interesse vielleicht diesem Naturprodukt, woraus sich ja bekanntlich auch Sprengmittel herstellen lassen. In diesem Sinne bin ich sehr für Kontrollen, denn Terroristen können damit sehr viel Schaden anrichten.

In Calama gönnte ich mir ein Eis zum Löffeln, denn ein großer moderner Einkaufstempel bot dafür eine reiche Auswahl an. Für das Löffeleis hätte ich mir noch mehr Zeit lassen können, denn die Weiterfahrt verzögerte sich fast um eine Stunde. Da es erst nach 20 Uhr dunkel wird, konnte ich das Aje Verde Hostel noch auf eigene Faust ausfindig machen.

Den Vormittag des nächsten Tages verwendete ich dafür meinen Aufenthalt in San Pedro de Atacama abwechslungsreich und interessant zu gestalten. Möglichkeiten bietet dieser Wüstenort hundertfach. Wegen seiner günstigen Lage bietet er als Ausgangsort zu zahlreichen Spots hundertfache Möglichkeiten. Kommt noch hinzu, dass sich dieses Wüstennest zu einer Touristenhochburg entwickelt hatte. Das große Angebot an Übernachtungsmöglichkeiten wird flankiert von zig Restaurants, Bar`s, Shop`s und vor allem von Reiseagenturen. Diese offerieren dann Angebote für jeden Geldbeutel zu den Touristenmagneten der näheren Umgebung von San Pedro de Atacama und sogar bis Bolivien hinein. 
Aus der Fülle der Angebote bemühte ich mich um eine Tagestour zu den El Tatio Geysers und in das Valle de Arcoiris. Ich hielt mich zunächst an die im Lonely Planet genannten Reiseagenturen, denn bei der unüberschaubaren Vielzahl dieser Anbieter in den Gassen des Orten, war vermutlich auch das eine oder andere "schwarze Schaf" darunter. Desert Adventure bot die Tour ins Valle de Arcoiris leider nicht an, so dass ich weiter auf die Suche ging. Bei der nächsten Agentur hatte ich mehr Glück. Ich war der erste der sich für diese am 2. 12. 14 stattfindende Tour interessierte. Ob das mal gut geht? Nicht das diese Tour mangels an Beteiligung kurzfristig abgesagt wird? Die Tour zu den El Tatio Geysieren buchte ich aber dann doch bei Desert Adventure.

Nun zum Busbahnhof und ein Ticket für meine Weiterreise nach Nordargentinien organisieren. Es gibt verschiedene Busunternehmen die bis Salta fahren. Aber keines bietet täglich diese Strecke an. Bei "Pullmann" wurde ich dann fündig für meinen gewünschten Reisetag. Für den Tagesrest hatte ich mir eine Radtour in das "Valle de la Luna" (Mondtal) vorgenommen. Dieses Tal scheint vom Mond zu sein. Das hatten schon die Produzenten von "Star Wars" erkannt und viele Szenen dieses Streifens dort gedreht.

Ein Fahrradverleih war rasch gefunden, Tagesrucksack gepackt, vor allem Trinkwasser (2 l Minimum), und los ging es in der Mittagshitze raus aus der sicheren Oase, hinein in die staubtrockene Atacama Wüste. 6-7 km später der Checkpoint und Eingang (3000 Pesos) in das "Valle de la Luna". Das ist ja cool, man kann das Mondtal auf eigene Faust und ohne Guide erkunden. Am Eingang bekam ich auch eine kleine Übersichtskarte mit Erläuterungen (Zeitangaben und Entfernungen) zu den möglichen Sidewalks. Dort musste zwar das Fahrrad zurück gelassen werden, da das Gelände nicht zum Radfahren geeignet war. Da ich ein Fahrradschloss vom Verleiher bekommen hatte, war das kein Problem
Cari`s Broken war der erste Abzweig und stellte einen Verwitterungseinschnitt in der ansonsten geschlossenen Bergkette. Jetzt am Ende der Trockenzeit fühlte sich das Material des Einschnittes steinhart an, aber in der Regenzeit, bei ordentlicher Durchfeuchtung, muss es anfangen zu fließen, denn die Oberflächenstrukturen deuten darauf hin.

Am zweiten Zwischenstopp dem "Canon" versuchte ich den Weg über eine kleine Sanddüne bergan zu wählen. Mir wurde sehr schnell klar, dass ich dafür nicht das richtige Schuhwerk hatte, denn ich hatte Sandalen gewählt und nicht die Trekkingschuhe. In meine Sandalen rieselte der feine Sand hinein, dieser war heiß und ich flüchtete auf Ministeinbrocken, als Inseln im kochenden Sandmeer. Der direkte Weg nach oben ging definitiv nicht, ohne sich die Füsse zu verbrennen. Ein Umweg über Felsgestein half weiter. Oben angekommen ging es wieder hinunter in ein sich immer weiter verengendes Tal. Diesem Trockental folgte ich ein Stück und fand mich schon bald in einer Klamm wieder und kurz darauf tauchte der Weg in eine Höhle ein. Da ich keine Lust hatte zum Kriechen, drehte ich um und schlug die entgegengesetzte Richtung ein. Aber auch da war bald Schluß mit dem aufrechten Gang. Ich klettere aus dem Trockental heraus und umging diese Engstelle überirdisch. Ich fand wieder eine Stelle um in das Trockental hinein zu kommen und folgte ihm weiter. Wenn mich jetzt ein Gewitterregen überraschte, dürfte das eine tödliche Falle sein. Das Wasser zwängt sich überall all durch. Für mich begann die Kriecherei um zig Windungen. Es gab aber immer mal wieder "Licht am Ende des Tunnels", so dass ich immer weiter voran kam. Später begann sich die Klamm zu weiten und mündete unvermittelt in einem Canyon. Kaum zu glauben, in dieser Wüste sind "Caverne und Canon" das Ergebnis von fließendem Wasser. Das war ein spannendes Stück. Ich ging zu meinem Fahrrad und setzte meinen Weg ins "Valle de la Luna" fort.

Gut das ich genügend Trinkwasser (2,6 l) dabei hatte, denn die trockene Luft dürrte den Mund- und Rachenraum bei jedem Atemzug binnen Minuten aus. Jetzt führte die Schotterstraße bergan und ich musste nach der guten Hälfte vom Rad runter. Das schien mir ökonomischer zu sein, als sich im stehenden Wiegetritt hinauf zu quälen, denn unter Zeitdruck stand ich noch nicht. Als Belohnung winkte wieder ein Sidewalk hinauf zur Düne.
Von da oben hatte man einige spektakuläre Ausblicke Richtung San Pedro de Atacama und der dahinter befindlichen Vulkankette mit dem beherrschenden Vulkan Licancabur. Oder über die große Sanddüne hinein in die "Amphitheater" genannte riesige Auswölbung des Mondtales. In der anderen Richtung konnte man auf dem Grad der Bergkette weiter dem Verlauf des "Valle de la Luna" folgen und weitere Blicke in die rechts und links befindlichen Täler werfen. Ich plünderte weiterhin meine Trinkwasserreserven. Wenn das so weiter ging, erlebte ich den Sonnenuntergang nicht mehr. Dabei hatte ich geplant mich nur ein paar Stunden am Nachmittag bis zum Sonnenuntergang dort auf zu halten. Es ist total spannend in diesem Tal, aber wie soll man das einen ganzen Tag dort aushalten? Ohne einen "Wassertankanhänger" am Fahrrad überlebt man das nicht.

Bis zum Abzweig zur Salzmine schaffte ich es noch, dann drehte ich um und legte am Sidewalk zum "Panorama View" wieder eine Fahrradpause ein. Die Sonne stand schon sehr weit im Westen und ich musste mich sputen einen guten Platz für den Sonnenuntergang zu finden. Am Ende wiesen mir die zahlreichen Schaulustigen an der Düne den Weg für die beste Aussicht auf den Sonnenuntergang. Diesen Ort hatte ich schon am Nachmittag besucht. Jetzt wurde dieser Platz von Hunderten bevölkert. Als ich oben ankam lag das Mondtal im Schatten. Nur der Vulkan Licancabur erwischte noch die letzten Sonnenstrahlen.

Als Letzter startete ich den Rückweg zum Parkplatz, wo ich mein Fahrrad angeschlossen hatte. Jetzt begann es spannend zu werden. 20.20 Uhr saß ich auf dem Fahrrad und musste es bis 21 Uhr beim Verleiher wieder abgeben. Ich wußte, dass es zeitlich sehr, sehr eng werden würde. Ich wußte aber auch, dass es erst einmal ziemlich rasant bergab gehen würde und ich hatte Glück, denn es gab Rückenwind. Ein paar letzte Tropfen Wasser hatte ich für das Ärgste aufgespart. Da es mit der hereinbrechenden Nacht abkühlte, kam ich trotz angestrengter "Kurbelarbeit" auch ohne ständigen Trinkwassernachschub klar. 20.58 Uhr schob ich das Fahrrad über die Türschwelle des Verleihers. Es war vollbracht.


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